Harris – Der Mann im Haus // Battle Of the Ear

(No Limits/Murderbass/Groove Attack) 

PRO

Wertung: Viereinhalb Kronen
Entweder man liebt ihn oder er geht einem komplett am Allerwertesten vorbei – so war es schon immer bei Harris, der Berliner HipHop-Spaßkanone. Doch vor allem in Duo-Konstellation lief der Kreuzberger gerne mal zu Höchstform auf, denn im Verbund mit Dean Dawson oder Sido wurden seine technischen und inhaltlichen Limits nicht so schnell sichtbar. Nun lässt der ewig jugendliche Partystarter den Hörer erstmalig dicht an sich heran, denn sein Album “Der Mann im Haus” handelt vorwiegend vom echten Leben des 33-Jährigen, das sich zwischen den Pflichten als Vater und Ehemann und dem Alltag eines Berufsmusikers bewegt. Familie, Freundschaft, Feierei, Verantwortung – ein Wertesystem, das vielen von uns gar nicht so unbekannt vorkommen dürfte. Und genau deshalb ist “Der Mann im Haus” auch so unerwartet stark geraten: Der Themenhorizont ist nachvollziehbar, Harris dabei stets grundehrlich und trotzdem niemals weinerlich. Sein charakteristisches Bariton-Genuschel ist ein Markenzeichen geworden, das durchaus geeignet ist, ein Album zu tragen. Gerade aufgrund seiner Teamstärke ist es jedoch legitim, dass mehr als die Hälfte der Tracks von Vocal-Features (J-Luv, Muhabbet, She-Raw, Bintia, Sido, H&Z etc.) veredelt wurden. Die Kollaborationen machen aus diesem Album nicht den befürchteten Flickenteppich, sondern eine Abfolge schlüssiger Songs, auch wegen der übergreifenden musikalischen Vision von KD-Supier, der insgesamt zwölf der 13 Tracks produziert hat. Und so ist der einzige Song, der wirklich überhaupt nicht klargeht, das deutschtümelnde “Nur ein Augenblick”: Harris möchte ein positives Wir-Gefühl erzeugen und sein geliebtes Heimatland gegen die üblichen Negativassoziationen verteidigen – dass er mit seiner naiven Argumentation nationalistischen Zündlern wie Sarrazin und Co. in die Hände spielt, scheint ihm dabei nicht bewusst zu sein. Zum Glück bleibt dies der einzige Griff ins rhetorische Fäkalbecken, so dass unterm Strich ein überraschend kohärentes und zeitgemäßes Rap-Album steht.

CONTRA

Wertung: Zweieinhalb Kronen

Harris hat Deutschrap zurück ins Radio gebracht, er ist ein gefragter DJ, Teilzeitschauspieler, ohne Frage ein lässiger Hund und seit Tag eins ein Sympathieträger vor dem Herrn. Hätten wir geklärt und soll an dieser Stelle alles auch gar nicht bestritten werden. Aber trotz aller Verdienste um den deutschen Sprechgesang war Harry eins nie: ein technisch begnadeter Rapper. Nun hat das bei den Kollaboalben mit Sido oder Dean Dawson eben auch niemanden gestört. Wenn der ewige Simpel-Reimer aber als “Mann im Haus” alleine in den Ring steigt, treffen einfach zu oft plumpe Reime auf plumpe Inhalte. Im Intro klingt das so: “Wenn du ’n geiler Typ bist, hol dir ’ne geile Frau/was ihr dann zu tun habt, wisst ihr ganz genau.” Mit Verlaub, das sind Rhymes auf schlechtestem Freestyle-Niveau. Wenigstens pumpt die Hook. Wenn Dirty Harry allerdings in “Nur ein Augenblick” unzufriedenen oder weniger gebildeten Ausländern direkt den Willen zur Integration komplett abspricht, ihnen im nächsten Schritt die freiwillige Ausreise nahelegt und in der Hook dann sogar Rassismus als Momentaufnahme verharmlost, ist das erschreckend kurz gedacht: “Du bist jung, schwarze Harre, braune Augen, dunkle Haut/glaub mir ich kenn’ diese Scheissblicke auch/dieser bestimmte ‘Du Scheiß-Kanake’-Blick/aber das ist nicht Deutschland, das ist nur ein Augenblick.” Mir hingegen ist das definitiv zu Stammtisch. In “Duschen” wirkt der als charmantes Schlitzohr bekannte Entertainer dann wieder beinahe notgeil: “Ich will ­duschen mit ihr, sie will duschen mit mir/du willst, dass ich für immer dusche mit dir” eröffnet ein Gruselkabinett an Chauvinistenfantasien, an deren Ende der gefeaturete Voll-K das Dilemma mit folgender Punchline auf den Punkt bringt: “Meine Dusche ist der Grund, warum ich shine.” Natürlich ist nicht alles an dieser Platte so schlimm. Bei der Auswahl der Produktionen zeigt sich Harris geschmackssicher und die eine oder andere Hook zündet auch. Trotzdem ist dieses Track-Sammelsurium für ein Album zu wenig ausgegoren, zu wenig durchdacht und am Ende des Tages einfach ein bisschen zu belanglos.

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