Falk Schachts »Verschiedene Dinge« – Pt. I: Keep Rising To The Top // Kolumne

Falk-Schacht-Delia_Baum_MG_2950

KEEP RISING TO THE TOP

 
Ihr habt lange genug gewartet, dass wieder eine Kolumne erscheint. 2011 habe ich aufgehört, »Das letzte Wort« in der JUICE zu schreiben. Ich hatte das Gefühl, mich im Kreis zu drehen. Es gab keine großen neuen Entwicklungen im deutschen Rap. Jetzt, fünf Jahre später, ist alles anders. Damals machte ich den Joke über eine neue Reimgeneration, der über Monate hinweg Cro, Ahzumjot, Rockstah, Olson und anderen Rapper an der Ferse hing wie ein Haufen Hundeschiss. Nun ist tatsächlich eine neue Reimgeneration da, aber eine andere, als ich dachte. Jede Generation definiert rückblickend ihre Katalysatoren: Torch für die alte Schule. Die Stiebers, die Beginner und die Massiven für die neue Schule. Savas für den Battlerap. Aggro, Sido und Bushido für Gangstarap. Und based Money Boy für diesen Swagger-Trap-Cloud-Rap – oder wie immer du es nennen willst.

Deshalb lege ich hier nun in neuer Frische los, mit erweitertem Konzept: Ich werde versuchen, eure Fragen zu HipHop zu beantworten. Fragen wie: Was hat das mit HipHop zu tun? Warum pushen die Medien immer dieselben Rapper? Warum sind Rapper anfällig für Aluhüte? Alles, was ihr schon immer über HipHop wissen wolltet, aber nie gewagt habt zu fragen – schickt es einfach an falk[at]juice.de.

Dieses Mal beschäftige ich mich mit dem Umstand, dass Rapper mir häufig ihren Kram schicken. Und in neunzig Prozent der Fälle stelle ich dabei fest, dass heutzutage zwar alle im Takt flowen können, die Reime Sinn ergeben, die Beats rund laufen und meist sogar noch gut abgemischt sind. Aber genau darin liegt wiederum ein Problem, für dessen Verständnis wir einen Blick auf die Neunzigerjahre werfen müssen. Damals gab es kein Taktgefühl oder Flow, alles spielte sich auf Haus-Maus-Level-Reimen ohne Flow und miesen Beats ab. Aus heutiger Sicht mittelmäßige Rapper sind damals bereits herausgestochen. Rapper wie Samy Deluxe, der neue Flows und ein ungekanntes Punchline-Niveau reinbrachte, oder Dendemann, der sinnvolle Texte mit Doppelreimen kicken konnte, waren die absolute Ausnahme. Die Szene glich einer Pyramide: unten im breiten Erdgeschoss die Leute, die versucht haben, gut zu rappen, aber immer versagten. Zur Spitze kamen lediglich diejenigen, die Rap wirklich meisterten. Heute hingegen leben wir im Zeitalter der Raute, also einem Quadrat, das auf einer Spitze steht. In der unteren Spitze sind immer noch die Flow-Opfer, die nicht im Takt rappen können. Zur Mitte hin kommt dann die ganze riesige Masse an Rappern, die alle gut rappen können. Es gibt 11-Jährige, die so flowen können wie Samy Deluxe oder Savas 1998, was auch daran liegt, dass diese jungen Rapper auf das aufbauen können, was die Generationen vor ihnen entwickelt haben. Aber das führt eben auch zu dieser Menge an Rappern, die zwar alle okay rappen können, von denen aber niemand herausragt. Die Definition des Durchschnitts hat sich seit den Neunziger verschoben: Früher war der Durchschnitt wack, heute ist der Durchschnitt gut. Umso schwerer ist es heute aber, dem Mittelmaß zu entkommen. Man könnte es über die Rap-Technik versuchen, doch die technischen Grenzen von Rap sind bereits extrem weit ausgereizt worden. Die letzten freshen Neuerungen im Techniksektor waren die Vermischung von Rap und Gesang, wie es Cro macht, und dieser Stop-And-Go-Flow, der durch Trap Einzug erhielt. Man könnte natürlich versuchen, eine komplett neue Art zu rappen zu finden, aber wie oft ist das in den letzten Jahren passiert? Eben.

Was bleibt dann, um der Mittelmäßigkeit zu entkommen? Man könnte mit seinem Image spielen. In den Neunzigern haben die Stieber Twins die damalige Einstellung perfekt auf den Punkt gebracht: »Ach, gegen den Verkauf von HipHop hab ich gar nichts/Was ich hass’, ist der Verkauf von falschen Images!« Häufig gab es den Vorwurf, Rapper-Images würden am Reißbrett kreiert, um damit in den Charts abcashen zu können. Aber Rap war damals Antihaltung, das stand dem damaligen Realness-Gedanken zuwider. Ein Anspruch, der bis heute gerne als Vorwurf genutzt wird. »Das ist kein Rap!«, heißt letztlich nichts anderes als: »Das ist nicht real!«

Dabei liegt die zweite Möglichkeit, sich aus dem eben erwähnten Bauch der Raute zur Spitze derselben zu begeben, genau dort: in der Musik. Die Ausarbeitung von Songs ist wichtiger geworden. Dabei geht es weniger um die Technik an sich, als vielmehr darum, alles für den Song zu tun; alles, damit dieser seine Stärken entfalten kann. Die Künstler in Deutschland mit großer Reichweite und Relevanz verfügen alle über gute Technik. Aber diese Techniken sind nicht der Grund für ihre Existenz an der Spitze, sondern ihr Songwriting und das Herausarbeiten einer eigenen Persönlichkeit in ihren Tracks. Man kann es allerdings auch mit dem Gegenteil davon aus dem Bauch herausschaffen, also einer absichtlichen »Verschlechterung« – das was ein Realkeeper niemals tun würde. Dieses Prinzip kann man auf alle Elemente von HipHop anwenden: Sei anders. Hauptsache raus aus dem Mittelmaß. Ja, es gibt wahnsinnig durchschnittliche Rapper mit enormem Erfolg. Das ist so eine Sache mit den deutschen Konsumenten: Hier wird auch immer noch der Fleiß des hart Arbeitenden belohnt. Und wenn man regelmäßig releast, dann besteht in Deutschland die Möglichkeit, dass man dafür entlohnt wird. Aber das sollte für niemanden der Anspruch sein. Wer will schon mittelmäßig und durchschnittlich sein?

Was für ein Gefühl, meine Kolumne in der JUICE zu sehen.

Falk

Foto: Delia Baum

Falk Schacht schreibt seit Ausgabe #173 wieder als JUICE-Kolumnist. Das aktuelle Heft gibt’s jetzt im Handel oder versandkostenfrei über unseren Shop.

JUICE 173

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here