Cody Chesnutt

Cody-Chesnutt_Max-Winter

Mit »The Seed (2.0)« schenkte Cody ChesnuTT vor zehn Jahren gemeinsam mit The Roots der ­Musikwelt einen der besten Songs der Dekade. Dabei ist der Songwriter aus Atlanta alles ­andere als nur ein Hook-Lieferant für den einen Hit. Er ist der Gil Scott-Heron unserer Zeit – kreativ, ­herausfordernd, eigenbrötlerisch und einnehmend. Mit seinem Debüt »The Headphone ­Masterpiece« schuf er 2002 ein Soul-Album, das vor Ideen und Eigensinn nur so sprudelte. Zehn Jahre später ­veröffentlicht der 44-Jährige seine zweite Platte »Landing On A Hundred«.

Cody ChesnuTT war nie ein HipHop-Head, aber hat sich in seinem fast 25-jährigen Künstlerdasein immer von der Energie von HipHop inspirieren lassen. Eigentlich hat er immer nur klassischen R&B mit simpler Rockmusik gemischt – so wie TV On The Radio nach ihm. In seiner langen Karriere, die eigentlich nie eine war, hat er vieles gesehen – von Down South bis Death Row, von Black Eyed Peas bis Patrice. In Berlin erzählte er seine Geschichte.

Du hast schon sehr früh auf der Bühne ­gestanden. Dein Vater war ein Musik­manager in Atlanta.
Ja, er hat früh gemerkt, dass das meine Sache ist. Jeder wusste, dass ich von allen Kids aus der Nachbarschaft am besten wie Michael Jackson tanzen konnte. Mein Vater hat an mein Talent geglaubt und so durfte ich dann vor den Bands, die mein Vater managte, auftreten. Ich bin bereits mit acht Jahren bei uns in der Gemeinde aufgetreten. Mit 13 oder 14 habe ich dann als Michael Jackson performt. Damals gab es eine ­pulsierende Funk- und Soul-Szene in Atlanta. Cameo oder Brick zum Beispiel – das waren beides großartige Bands. Deren Musik hat meine Kindheit begleitet. Wobei bei uns alles gehört wurde: Pop von Dionne Warwick oder auch Blues von Bobby »Blue« Bland.

Und 1992 hast du als Antonius die ­großartig käsige Single »Young Doctor Feelgood« ­veröffentlicht?
(lacht) Ja. Das war einer meiner ersten Schritte im Musikgeschäft. Damals tauchte gerade R. Kelly auf und hatte noch seine Band Public Announcement dabei. Zu der Zeit wollte jeder so zuckersüßen R&B wie er machen. Bei mir hat es nicht funktioniert. Auch, weil ich einen miesen Deal unterschrieb. R&B hat mich dann auch schnell gelangweilt, weil es nur stagnierte. Ich hatte auch das Glück, dass ich es irgendwie aus dem Vertrag rausgeschafft habe.

Mitte der Neunziger bist du nach L.A. gezogen. War das eine Karriere-Entscheidung?
Absolut. Atlanta war damals noch nicht das Musik-Mekka, das es heute ist. Obwohl zur gleichen Zeit Bobby Brown gerade nach Atlanta zog und einen Riesenerfolg hatte. Wir haben uns dann in die Hauptstadt der Musikindustrie, nach L.A., aufgemacht. Also mein Cousin und ich, der mich früher ­managte. Wir wollten uns mit allen ­möglichen Leuten in L.A. treffen und einfach näher an der Szene sein.

Und irgendwie wurdest du ein Songwriter bei Death Row Records.
Ja, Death Row wollte eine Art Boyz II Men groß rausbringen und mein anderer Cousin war in der Band. Die Jungs waren auch aus Atlanta. Suge Knight hat sie entdeckt und nach Los Angeles gebracht. Suge wollte Death Row damals breiter aufstellen. Er mochte meine Songs und hat mich zu sich geholt. Ich habe fast fünf Monate für sie geschrieben.

Hast du das gemacht, weil du Geld brauchtest oder warst du da mit vollem Herzen dabei?
Nein, gar nicht. Ich war da voll dabei. Mir ging es schon immer in erster Linie um den Song – egal was für ein Song es ist. Ich habe zu der Zeit auch begonnen, Gitarre zu spielen und habe viel über Songstruktur und Aufbau gelernt. Ich wollte für Death Row einfach nur gute Songs schreiben. Ich träumte davon, einen richtig großen Popsong zu schreiben, den nicht nur eine R&B-Band singen kann, sondern auch eine Country-Band. Ich wollte immer so sein wie Lionel Richie, den ich für seine Fähigkeiten als Songwriter bewundere.

Warst du dort auch in der HipHop-Szene verbandelt?
Nicht wirklich. Ich war so tief in meiner Songwriter-Welt drin, dass ich gar nicht so viel außerhalb mitbekommen habe. HipHop war zu der Zeit auch ziemlich eindimensional und ich wollte mich einfach breiter ­aufstellen. Auch wenn ich HipHop sehr geschätzt habe. Ich war einfach mehr interessiert an klassischen R&B-Bands und aktuellen Rockgruppen wie Stone Temple Pilots oder Nirvana. Aber die Energie von HipHop war immer ein Teil von mir und meiner Arbeit. Ich habe immer HipHop gehört, ohne zwangsläufig ein HipHop-Head zu sein.

Mit deiner damaligen Band The Crosswalk wolltest du dementsprechend auch klassischen R&B und aktuellen Rock mischen.
Ganz genau. The Crosswalk ist auch aus ­einer Begegnung mit einem Death-Row-Engineer entstanden. Der hat mich mit dem Bassisten und Drummer ­zusammengebracht.

Leider hat es ja nicht funktioniert mit der Band.
Für uns schon. Nur das Label hat nicht an uns geglaubt. Der Rest der Band hat sich dann von der Musikindustrie abgewandt. Was ich auch nachvollziehen konnte. Mir hat es das Herz gebrochen. Wir hatten eine Menge Geld investiert, hatten unsere Platte fast fertig und dann sprang das Label ab, weil sie unsere Musik nicht verkaufen konnten.

Auch du warst ziemlich enttäuscht von der Episode und hast dich in deinen Keller zurückgezogen, um dort Musik zu machen, richtig?
Ich habe damals in einem Haus in North Hollywood gewohnt. Ich habe mich mit meinem ganzen Equipment in meinem Zimmer eingeschlossen und habe Musik gemacht, ohne zu wissen, was damit passieren soll. Ich wollte einfach nur kreativ sein. Ich hatte eine Drum Machine, ein 4-Track-Tape, ein Mikrofon, einen Wurlitzer, Gitarren und einen Bass.

Es war sicher nicht so einfach, nur kreativ zu sein. Die Miete musste ja auch bezahlt werden.
Erfreulicherweise hatte ich das Glück, in einer Position zu sein, in der ich mich komplett auf meine Musik konzentrieren konnte. Mein Cousin hatte einen Investor organisiert, der an mein Projekt glaubte. Deswegen konnte ich meinen ganzen Fokus auf meine Musik legen.

Und daraus ist dein Debütalbum entstanden, dem eine fast mysteriöse Aura anhängt. Gab es dafür Referenzalben oder hast du bestimmte Alben gehört?
Alles. Wirklich alles zwischen Ray Charles und ODB. Ich saß da in meinem Zimmer zwischen meinem Plattenspieler, meinem ­Vinyl, meiner Drum Machine und dem 4-Track. Ich war von Musik umgeben. Ich musste mich nur umdrehen und saß am Piano, das Mikro war immer vor meinem Gesicht. Ich konnte jede Inspiration direkt aufnehmen. Ich hatte keinen Plan. Es ging einzig und allein um die Kreativität, die aus mir herausschoss. Es gab auch keinen Plan für die Tracklist. Ich habe mich nur von einem Gefühl leiten lassen. Es ging mir nur darum, Songs zu hören und meine gefühlte Reaktion aufzunehmen. Es war wie ein Puzz­le, das sich von alleine zusammensetzte.

In der Rückschau klingt »The Headphone Masterpiece« fast wie ein Madlib-Album, der auf seinen Beat-Alben seine Instrumentals zusammenschustert.
Ja, ich habe von Madlib gehört. Und genau das wollte ich damals machen. Die Songs waren Momentaufnahmen, fast wie Polaroids, die im Laufe des Tages spontan entstanden sind.

Kannst du dir erklären, wieso dein Album auch in HipHop-Kreisen so ein gutes Feedback bekommen hat?
Viele Songs hatten die Energie von HipHop. Außerdem bin ich ein Kind von HipHop. Ich bin damit aufgewachsen. In meiner Kindheit lief »The Message«, »Planet Rock« und LL Cool J im Radio. Das war immer ein Teil von mir. Aber ich war eben immer ein Sänger. Vor HipHop gab es für mich Michael Jackson, Stevie Wonder und The Temptations. HipHop war ein großer Einfluss, weil es integraler Bestandteil meiner »Urban Experience« war. Aber ich bin eben ein Sänger und Songwriter.

Wobei zum Beispiel »Bitch, I’m Broke« ein waschechter Rap-Track ist.
Absolut. Das ist ein Down-South-Track direkt aus Atlanta, bevor es die Beschreibung Down South überhaupt gab. So habe ich eben meine Einflüsse immer kanalisiert.

Du hast jedoch kein Label gefunden, das das Album, so wie es war, herausbringen wollte.
Ja, die Labels wollten, dass ich die Songs neu aufnehme und dann lediglich die besten zwölf Tracks veröffentliche. Das kam für mich aber nicht in Frage. »The Headphone Masterpiece« lebte von seinem dezidierten Sound und bestimmten Gefühl. Das wollte ich nicht sterben lassen, weil ich die Songs in einem großen Studio aufnehmen kann. Hinter jedem Song gab es eine bestimmte Geschichte, ein ganz spezielles Erlebnis. Das wollte ich nicht glattbügeln und das Album steril machen. Vor den Labels haben einige Leute das Album ja schon gehört und die haben es genau so, wie es war, gemocht. Sie konnten sich damit identifizieren. Wir haben Mitarbeiter der großen Plattenfirmen in mein Schlafzimmer eingeladen, damit sie sich dort das komplette Album anhören können. Das war Teil der Experience. Sie mussten es dort erleben, wo es entstanden ist. Sie verstanden es aber nicht. Wir haben mit etlichen Labels über einen langen Zeitraum gesprochen und sind uns nicht einig geworden. Zu der Zeit bot das Internet gerade die Möglichkeit, Musik zu veröffentlichen. Wir haben uns also dafür entschieden.

Ich habe mir gerade das Album noch mal bei iTunes gekauft. Das ging also in deine Tasche?
Ja. Wir besitzen immer noch die Rechte an dem Album. Danke für den Support. (lacht)

Wie hast du den riesengroßen Erfolg deiner Single mit The Roots erlebt?
Ich habe es natürlich genossen. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern hatte ich die Möglichkeit, diesen Song in einer sehr sympathischen Umgebung zu spielen. Der Hype um den Song hat sich ganz natürlich entwickelt. Das habe ich mitgenommen. Unter Druck gefühlt habe ich mich nie. Persönlich hat mir das sehr viel Spaß gemacht. Nur künstlerisch habe ich mich sehr schnell in eine ganz andere Richtung entwickelt. Ich wollte mich nicht wiederholen. Mit der Zeit konnte ich mich dann nicht mehr damit anfreunden. Ich hatte »Headphone Masterpiece« dann bereits mehrere Jahre live performt und wollte dann einfach etwas Neues machen.

Aber du hast nicht aufgehört, Musik zu machen, als du nach Florida gezogen bist, oder?
Nicht unbedingt. Ich habe immer noch jeden Tag über Musik nachgedacht, aber zur gleichen Zeit habe ich Nachwuchs ­bekommen und das hat alles für mich verändert. Ich musste meine gesamte Energie in etwas anderes stecken. Davor stand Musik bei mir an allererster Stelle und jetzt musste die Musik eben etwas viel Wichtigerem weichen. Das musste ich auch erst mal lernen. Ich musste mich darauf konzentrieren, ein guter Vater und Ehemann zu sein.

Hat das deinen Blick auf deine Kunst ­verändert?
Absolut. Grundsätzlich meine Sicht auf das Leben im Gesamten. Wenn du dir als Künstler hundertprozentig treu bist, dann bestimmt dein Leben deine Musik. Ich wollte immer, dass meine Musik ein Spiegel meines Lebens ist. Genau wie das bei »Headphone Masterpiece« der Fall war. Mein Leben hat mir immer die Inhalte für meine Musik gegeben. Ich musste nur auf den Augenblick warten, an dem sich meine Erfahrungen in meiner Musik entladen. Ich wusste, dass auch mein nächstes Album so entstehen würde.

Dein neues Album ist also seit 2003 in der Mache?
Ja, es besteht aus meinen Erlebnissen seitdem. Die Musik ist erst in den letzten vier Jahren entstanden, aber meine Erlebnisse der letzten zehn Jahre spielen eine große Rolle. Ich bin ein Beobachter. Mir ging es immer darum, mitzubekommen, welche Fragen in der aktuellen Musik behandelt werden. Ganz egal, wie das musikalisch kommuniziert wird. Mir war immer wichtig, über was die Künstler sprechen. Wie es produziert ist, war mir erst mal egal. Dann habe ich mir überlegt, was ich dazu beitragen kann. Mein Ziel war es dabei nicht, hineinzupassen, sondern nur meine Sicht der Dinge darzulegen.

Wie hast du dann dein neues Album ­zusammengestellt?
Auch hier ging es mir in erster Linie um ein Gefühl, das ich zur aktuellen Szene beisteuern wollte. Ich habe mir überlegt, wieso sich bestimmte Songs über mehrere Generation halten können. Es gibt immer bestimmte Alben, die jede neue Generation für sich entdeckt und sie auf die gleiche Weise versteht wie die Generation davor. Das habe ich studiert. Genau so ein Album wollte ich auf meine ganz eigene Art und Weise für das 21. Jahrhundert schaffen. Dabei geht es nicht um einen bestimmten Drum-Sound, sondern um ein Gefühl, das dir ein Song gibt. Ich wollte Musik schaffen, die spirituell und kulturell relevant ist.

Du hast die eine Hälfte des Albums in Al Greens altem Studio aufgenommen und die andere Hälfte in Köln bei Patrice. Wie bist du an Patrice geraten?
Ich hatte irgendwann so viel neue Musik, dass ich sie spielen wollte. Ich war daran interessiert, wie die Leute darauf reagieren. Im Dezember 2010 haben wir eine kleine Tour in Köln begonnen. Kurz davor ist uns eine Kickdrum kaputtgegangen und der Promoter sagte, er kenne jemand in Köln, der sicher aushelfen könnte. Das war ­Patrice. Er kam sofort vorbei und brachte eine neue Kickdrum. Er sagte sofort, dass er ein großer Fan von »Headphone Masterpiece« sei und unbedingt mit mir arbeiten wolle. Das hat perfekt gepasst, weil ich gerade auf der Suche nach einem Produzenten für mein neues Album war. Ich habe gleich gemerkt, dass er ein übertriebener Musikliebhaber ist, der sich richtig gut auskennt. Im April 2011 haben wir dann angefangen, das Album aufzunehmen. Zehn Songs hatte ich bereits fertig und drei Songs haben wir dann gemeinsam gemacht.

Über die Webseite kickstarter.com hast du das Album teilweise durch Crowdfunding finanziert.
Erst habe ich alles aus eigener Tasche bezahlt. Aber wie man weiß, ist es ziemlich teuer, ein Album zu finanzieren. Kickstarter hat uns in erster Linie beim Marketing für das Album geholfen. Crowdfunding ist eine großartige Sache. Man merkt dabei, mit welcher Hingabe sich Leute für gute Musik einsetzen. Ich finde es faszinierend, wie viele Leute niemals zehn Euro für eine CD bezahlen würden, aber dann ganz einfach 50 Euro für so ein Projekt spenden. Das gibt dem Künstler eine großartige Möglichkeit für einen Austausch mit seinem Publikum.

Wie unterscheidet sich denn dein neues Album von deinem Debüt?
»The Headphone Masterpiece« war ein sehr komplexes Album. Es ist eine Platte über den Versuch eines Menschen, sich selbst zu finden und erwachsen zu werden. Es ist sehr chaotisch. Der Künstler von »Landing On A Hundred« denkt sehr viel klarer und ist viel erwachsener. Er versteht das, was um ihn herum passiert, viel besser.

Text: Alex Engelen
Fotos: Max Winter

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