Anderson .Paak & BJ The Chicago Kid: A New L.A. Breed // Feature

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Am 26. September 2015 bespielt er als heimlicher Headliner die Bühne des Oakland Music Festivals. Ebenfalls im Line-Up vertreten: Paaks Bruder im Geiste, Bryan James Sledge. Seit über 15 Jahren ist Sledge als BJ The Chicago Kid einer der am häufigsten gebuchten Gastautoren. Darüber hinaus findet er bis dato allerdings kaum Beachtung. Bescheiden räumt Paak ein: »Derzeit ist BJ einer der besten Sänger überhaupt. Punkt. Er und ich gehören momentan zu den wenigen Sängern, die progressiven Soul vorantreiben und dabei den Funk nicht vergessen. Wir folgen der Idee D’Angelos, aber unsere Timbres sind ganz anders. Als wir nach der Show in Oakland zusammensaßen und ein paar Drinks hoben, waren wir uns einig, wie sehr wir Bock auf das kommende Album des jeweils anderen hatten. Kurz darauf arbeiteten wir bereits gemeinsam im Studio an ‚The Waters‘. Als ich den Beat von Madlib bekam, drehte ich fast durch. Ich wusste sofort, dass ich BJ auf diesem Beat hören will.«

Sledge wiederum war beeindruckt von Paaks ungefiltertem Talent. »Andersons Aura ist unfassbar stark und authentisch. Wir wuchsen zwar nicht gemeinsam, aber ähnlich auf. Neben dem Musizieren in der Kirche, lernte ich Schlagzeug. Wir reiften auf natürliche Art zu Musikern. Hoffentlich können wir in Zukunft noch enger zusammenarbeiten. So viel Ästhetisches, das uns in der Musik wichtig ist, geht täglich verloren. Also müssen wir strategisch denken und unsere Musik intelligent genug gestalten, damit sie gehört wird.«

Dass sich die Herangehensweise an das Musikmachen zwischen Anderson .Paak und BJ The Chicago Kid mehr als ähnelt, liegt offenbar auch in der gleichen Sozialisation mit dem Schaffenszyklus von D’Angelo begründet. Zu Ehren des 16. Geburtstags von »Voodoo« veröffentlichte BJ an Neujahr 2016 eine kleine Tribut-EP. Neben dem kurzen Take des Prince-Cover »She’s Always In My Hair« und der Reinterpretation von »Send It On«, wagte sich Sledge in aller Demut als einer der Wenigen an das Meisterwerk »Untitled (How Does It Feel)«. »Ich glaube nicht, dass es derzeit neben mir jemanden gibt, der einen D’Angelo-Song im originären D’Angelo-Stil covern kann«, stellt er selbstsicher fest. »Ich habe das Gefühl, dass ich Leute daran erinnern muss, dass es diesen Rohdiamanten einmal gegeben hat. Es wirkt, als hätten das alle vergessen, obwohl die Welt diesen Song liebt. Was Vermächtnisse betrifft, bin ich ein ewiger Reminder.«

In Chicago aufzuwachsen, war für Sledge stets mit Problemen verbunden. »Meine Eltern lebten getrennt. Ich und meine drei jüngeren Brüder wuchsen wechselweise bei meiner Mutter und meinem Vater auf. Es ging hin und her. Aber es gab viele Regeln.« Die besonders religiösen Verhältnisse sollten für Struktur im Alltag sorgen. »Musikalisch war ich fast allem ausgesetzt. Von The Winans bis hin zu DMX ging da echt alles. (lacht) Die Hauptsache war, dass die Musik den Glauben an Gott reflektiert. Heute drückt meine Musik meinen Glauben aus.«

Sledge ist kaum zwanzig, da zieht es auch ihn nach L.A. »Dort geht einfach alles: Musik, Fernsehen, Hollywood. Ich hatte die Chance nach New York zu gehen, aber ich ­entschied mich dagegen. Musikalisch kam ich in ­Chicago aber auch nicht weiter. Strukturen ­einer Musikindustrie suchst du da vergebens. Es gibt dort keine Möglichkeiten, ein Label zu finden. Ich wollte mich von dem Rest abheben und etwas Neues machen. Dafür musste ich lernen, mich ­andernorts ­zurecht und ein neues musikalisches ­Zuhause zu finden. Jetzt bin ich The Chicago Kid und lebe in L.A. (lacht) Das wird sich wohl auch so schnell nicht ändern.«

 
2002 taucht die Stimme von BJ das erste Mal auf einem Stück der Chicagoer Jazz-Legende Ramsey Lewis auf. Seitdem schrieb Sledge für einen Großteil der US-HipHop-Szene Songs oder sang Refrains und Strophen ein. Für den Promo-Song »Impossible« des dritten Teils der »Mission: Impossible«-Reihe bat Kanye West die damals noch unbekannte ­Stimme ans Mikrofon. Mit Erfolg: Weitere Aufträge folgten. Insbesondere für das Erstarken des Rosters um TDE bewies sich Sledge als wiederkehren­der Hook-Honcho und zementierte seine stimmlichen Vorzüge. Als Solokünstler bewegt er sich allerdings noch immer unter dem Radar der Generation Hypebeast.

»Ich bedauere es nicht, dass ich bislang nur als Go-To-Guy für Features wahrgenommen werde. Das bestätigt mich nur. All diese vergangenen Feature-Arbeiten führen dorthin, wo ich mich jetzt gerade befinde. Alle Äste führen zurück zur Wurzel. Wenn ich Songs mit Kendrick mache, dann steht das stellvertretend für den Sound, mit dem ich groß geworden bin. Was viele nicht wissen: Viele Songs, denen ich meine Stimme leihe, entstammen meinen Ideen. Oft bekomme ich nur Instrumental-Skizzen gemailt. Da sind nicht mal Strophen drin. Also muss ich häufig das Gesamtkonzept eines Songs erfinden. Wenn der Track fertig ist, bin ich häufig nicht mal darauf zu hören. Das, was du am Ende hörst, stammt aus meinem Kopf. Meistens stecke ich mehr Arbeit in die Tracks als der eigentliche Künstler.« Grund genug für Mastermind Sledge, sich nun als eigenständiger Künstler zu emanzipieren. Am 21. Februar 2012 schickte er mit »Pineapple Now-Laters« sein Debütprojekt ins Rennen. Wenig später zwitschert es über seinen Twitter-Konto: »Vielen Dank für die Unter­­stützung in den letzten Jahren. Es hat sich gelohnt. Motown, Baby.«

Von Chicago musste also erst der Umweg über die Westküste eingeschlagen werden, um bei dem altehrwürdigen Label aus Detroit zu landen. Mit der Vertragsunterschrift reihte sich BJ in die Reihen der absoluten Soul-Legenden ein. Motown, das steht nicht nur stellvertretend für eine unnachahmliche Klangfarbe im Gospel-Swirl. Motown umfasst den kreativen Schaffensprozess einer ganzen Ära. Aus einem kleinen Reihenhaus heraus, wuchs ab 1959 eines der zentralen Musiklabels der USA in schwarzer Hand. Seine Verdienste sind unbestritten. Platten wie Marvin Gayes »What’s Going On« verpassten nicht nur dem Soul ein ordentliches Facelift, sondern trugen entscheidend zu einem neuen Selbstbewusstsein der afro-amerikani­schen Bevölkerung bei. Bevor sich Michael Jackson zum König der Popmusik krönte, hinterließ er Motown zahlreiche Alben, sowohl solo, als auch mit seinen Brüdern. Zu Beginn der Neunziger und dem allmählichen Aufkommen des digitalen Zeitalters sollte der einst so kühne Big-Player Motown den Zukunftszug allerdings verpassen. Die Spur Motowns verlor sich mit dem wirtschaftlichen Tief der Vinyl-Industrie. Irgendwo im Umstrukturierungswahn der Nullerjahre verschluckte Universal das Label und gebar mit Universal Motown hybridalen Misserfolg. Der Relaunch im Jahr 2011 rehabilitierte die Marke jedoch. »In einer Reihe mit den Großen genannt zu werden, fühlt sich wahnsinnig surreal an«, bestätigt Sledge. »Aber das ehrt mich. Motown ist das Zuhause von Menschen, die meine Vision gesehen und verstanden haben. Ich trage nun die Fackel von Legenden weiter. Es gäbe D’Angelo nicht, wenn Motown nicht gewesen wäre.«

Und der Musikzirkus dreht sich unaufhörlich weiter. Mehr als je zuvor und schneller, als es manch einer vertragen kann. Vielleicht war es gerade deshalb hilfreich, dass der progressive R’n’B nach dem Millennium beinahe drohte, still zu stehen. Erst Frank Oceans »Channel ORANGE« brach mit dem Tabu, Homosexuali­tät im Pop zu thematisieren. Damit traf er 2012 den Nerv der Zeit. Plötzlich besaß R’n’B wieder soziale Sprengkraft und wurde so als integrer Teil auch von HipHop akzeptiert. R’n’B bahnte sich plötzlich an, wieder als Sprachrohr einer jungen Generation zu fungieren. Die Vertreter ebendieser? Eine Hand voll junger, von Ressentiments unbeeindruckter Stimmen. Made in Los Angeles. Sie tragen die Fackeln von Legenden.

Dieses Feature ist erschienen in JUICE #173 – hier versandkostenfrei nachbestellen.JUICE 173

Foto: Steel Wool Entertainment / Presse