AJ Tracey: »Musik ist für mich ein Spektrum« // Interview

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Mit »Flu Game« hat AJ Tracey vor Kurzem sein zweites Album veröffentlicht und dort bewiesen, dass er sich die Beschreibung als einer der spannendsten Rapper des UKs weiterhin verdient hat. Als Grime Rapper will sich der Londoner nicht bezeichnen, denn der Style auf den 16 Songs der Albums wechselt immer wieder und stellt krachende Bretter mit Drill-Wurzeln neben partytaugliche Tunes, die von UK Garage beeinflusst sind. Genauso wandelbar sind die Texte von AJ Tracey, der mit dem Titel »Flu Game« auf das legendäre Basketball-Match der Chicago Bulls um Michael Jordan gegen Utah Jazz von 1997 anspielt. Jordan spielte damals mit einer Lebensmittelvergiftung, aber konnte die Bulls zu einem knappen Sieg und später zur Meisterschaft führen. AJ knüpft an diese Geschichte an und erzählt genauso von harten Zeiten und einer schwierigen Jugend, wie von den Vorzügen des Lebens als Rapstar.

Im Interview erzählt er, wen er als Michael Jordan des UK Rap sieht, was er zur Rolle der Polizei im Rapgame denkt, mit welcher deutschen Rapperin er demnächst einen Song releasen wird und warum er den Fußballer Karim Bellarabi auf seinem Album erwähnt.

Wie sind die letzten Wochen nach Albumrelease für dich gewesen?
Mir geht’s richtig gut, ich genieße einfach das Feedback auf das Album. Leute schreiben mir, was ihre Lieblingssongs sind und solche Sachen.

Du hast deine Fans vorhin in der Insta-Story gefragt, was ihrer Meinung nach die beste Hook vom Album ist. Ich gebe die Frage mal an dich zurück.
Ich denke, dass es die Hook zu »Little More Love« ist. Was ich dort sage, ist wirklich wichtig, eine wichtige Botschaft. Es gibt echt viele Hooks auf dem Album, die ich fühle, aber die hat einfach Inhalt.

»Stormzy ist der Michael Jordan des UK Rap. […] Aber ich bin definitiv im Chicago Bulls Team und auf jeden Fall ein wichtiger Spieler.«

AJ Tracey über den Vergleich mit Michael Jordan

Du hast das Konzept des Albums und die Promo um das Stichwort »Flu Game« herum aufgebaut. Das bezieht sich auf ein berühmtes Spiel von Micheal Jordan gegen Utah Jazz. Wann ist dir die Idee dazu gekommen?
Das von Basketball beeinflusste Konzept des Album ist mir schon vor einer Weile eingefallen. Aber erst während des letzten Lockdowns bin ich auf den Namen »Flu Game« gekommen. Das ist einerseits sehr von der Michael Jordan-Dokumentation beeinflusst, die war echt gut anzusehen. Außerdem war das so ein monumentaler Moment für Michael Jordan, deswegen haben mich viele der Werte und Botschaften, die man dort sehen konnte, angesprochen. Und offensichtlich müssen wir gerade alle durch eine Pandemie kommen, die mit der Art einer Grippe (engl. Flu) vergleichbar ist. Das hat zusammengepasst, weil ich natürlich auch versuche, während der Krankheit weiterzumachen, während der Pandemie Musik zu releasen. Das hat insgesamt alles Sinn gemacht.

Hast du außerhalb der Dokumentation sonst auch viel Basketball geguckt?
Nicht wirklich, da will ich dich nicht anlügen, so viel Basketball gucke ich gar nicht. Ich bin eher ein Fußball-Fan. Aber ich mag das Drama und das, was Jordan selbst erreicht hat. Es gibt ein paar Menschen im Basketball, von denen ich Fan bin. Zum Beispiel James Harden, Steph Curry, Allen Iverson – ich bin eher ein Fan davon, was sie persönlich erreicht haben, als ein kompletter Basketball-Fan.

Da du auf dem Album vor allem die Parallele zu Michael Jordan aufmachst – positionierst du dich damit selbst als der Michael Jordan des UK Rap?
Das ist wirklich eine gewagte Aussage, wenn ich das so kommunizieren würde. Aber weißt du was, da sollte ich auch ehrlich sein: Stormzy ist der Michael Jordan des UK Rap. Ich denke, dass er eher so wie Jordan ist, als ich. Aber ich bin definitiv im Chicago Bulls Team und auf jeden Fall ein wichtiger Spieler. Ich habe mich noch nicht entschieden, wer genau ich sein sollte, aber ich bin auf jeden Fall auf dem Feld.

Klar, ich denke es ist fair, Stormzy diesen Titel zu geben.
Ja, er ist der Mann.

Aber ich wollte eh fragen, ob du die zahlreichen Features auf deinem Album eigentlich auch in diesem Sinne als Mitspieler*innen in deinem Team verstehst?
Ja, zu hundert Prozent. Da ist einmal Kehlani, die ein Megastar ist, da muss ich nicht mal erklären, wie wichtig sie für die Kultur ist. Bei T-Pain ist es eigentlich dasselbe, der braucht keine Erklärung, er ist eine Legende. Nav ist eine weitere Legende, er ist wirklich dope, ich bin schon lange Fan von ihm. Digga D ist der junge und aufstrebende im Team. SahBabii ist meiner Meinung nach ein bisschen unterschätzt, aber sehr talentiert. Er braucht noch mehr Aufmerksamkeit. Millie Go Lightly ist auch drauf, natürlich noch MoStack – es ist wirklich eine All-Star-Auswahl, da gibt es nichts zu diskutieren.

Ich wollte speziell zu Digga D nachfragen, der in letzter Zeit öfter in den Schlagzeilen war, weil die Polizei seine Arbeit streng kontrolliert und er selbst in Interviews nicht zu diesen Sachen sagen darf. Was ist deine Perspektive auf die Rolle der Polizei in diesem Konflikt?
Digga kommt aus der selben Hood wie ich, aus dem selben Block. Seine Situation mit der Polizei ist ziemlich kompliziert. Meiner Meinung nach macht die Polizei es ihm so schwer wie nur möglich, mit der Musik erfolgreich zu sein und voranzukommen. Sie haben ihm schlichtweg verboten, Worte in seinen Texten zu benutzen, die die allermeisten Rapper nutzen. Er kann nichts davon sagen. Sie folgen ihm, sie belästigen ihn, es ist ehrlich gesagt ziemlich traurig. Es ist wirklich beeindruckend, dass er sich so gut schlägt, obwohl er mit den ganzen Einschränkungen klarkommen muss.

Indem du ihn auf dein Album geholt hast, trägst du immerhin dazu bei, dass er Musik veröffentlichen kann und von mehr Leuten gehört wird.
Für mich ist das wie ein Austausch. Er steht mehr in Kontakt mit der Straße, ich bin mehr in Kontakt mit der Musikindustrie. Da haben wir sozusagen getauscht – er bringt mich näher an die Straße, ich bringe ihn in höhere Industrie-Kreise. Wir reichen uns gegenseitig die Hand.

»I fuck with german rap.«

Das ist ein schönes Bild, danke für die Einschätzung. Aber lass uns wieder zurück zum Album gehen, das mit 16 Songs ziemlich lang und sehr abwechslungsreich geworden ist. Ich weiß, dass du kein großer Fan vom Begriff Genre bist, aber wie würdest du die unterschiedlichen Stimmungen dort beschreiben?
Musik ist für mich ein Spektrum, weißt du was ich meine? Niemand will die ganze Zeit nur einer Art von Musik zuhören, aber manchmal suchen sich Artists einen ganz bestimmten Sound oder ein ganz bestimmtes Genre. Das ist natürlich völlig in Ordnung, jede*r hat das Recht dazu. Aber meiner Meinung nach hält es dich davon ab, in einer Vielzahl von Räumen angehört zu werden. Wenn ich Musik für jeden Anlass mache, dann bedeutet das, dass mich Leute zu vielen verschiedenen Anlässen hören werden. Anstatt also AJ  nur in die Playlist zu packen, wenn sie Turn Up wollen, können sie AJ auch in die Playlist fürs Gym, für die Autofahrt und für den Club haben. Mir ist es wichtig, in jedem Raum gehört zu werden.

Hast du ein Auge auf die Playlists der großen Streaming-Anbieter und überlegst, welcher Song vom Album zu welcher Playlist passen könnte?
Ja, auf jeden Fall. Ich mache Musik natürlich nicht deshalb, um in bestimmte Playlists zu kommen, aber ich bin mir darüber bewusst, welcher Song wo stattfinden könnte. Das habe ich immer im Kopf. Selbst wenn ich Shows in Europa spiele, ist mir klar, dass ich zum Beispiel nie der krasseste in Deutschland sein werde, weil ich nicht deutsch bin. Aber wenn ich mit deutschen Artists zusammenarbeite, mehr über die Kultur lerne und dort ankomme, dann kann ich mich weiter ausbreiten.

Absolut, das solltest du in Zukunft echt machen.
Ich habe schon einen Song mit einem deutschen Artist, der bald rauskommen wird.

Das hört sich gut an. Willst du mir auch den Namen verraten?
Ich weiß gar nicht, ob ich das schon darf, aber wahrscheinlich ist es ok. Ihr Name ist Badmómzjay, falls du weißt, wer das ist.

Klar.
Sie ist eine Freundin meiner Freundin, so kam die Verbindung zustande. Sie ist auf jeden Fall dope. Mit ein paar weiteren Artists aus Deutschland habe ich auch schon geredet, vielleicht ergibt sich da auch eine Kollaboration. I fuck with german rap.

Das klingt doch dope.
Wenn du Leute kennst, die du mir empfehlen kannst, lass es mich wissen.

Das kommt echt total drauf an, welche Leute du erreichen möchtest. Badmómzjay ist als Newcomerin auf jeden Fall sehr schnell nach oben gestiegen und jetzt eine große Rapperin. Aber wenn du ein bisschen mehr Untergrund-Vibe dazuhaben willst, würde ich dich sehr gerne auf einem Song zusammen mit Haiyti hören. Sie ist aktuell eine der besten der Szene.
Klar, wie buchstabiert man das? Ich werde sie auf jeden Fall nachgucken.

Nice, ich freu mich drauf, was zwischen dir und deutschen Rapper*innen in Zukunft noch passiert. Bisher habe ich dich einmal in Deutschland gesehen, als Support bei einem Skepta Konzert. Zu diesem Zeitpunkt hattest du sogar mehr monatliche Hörer*innen auf Spotify als der Hauptact Skepta.
Aber du weißt, was es damit auf sich hat. Skepta ist eine Legende, die mehr als nur Zahlen ist, sondern eben eine Legende. Skepta ist mein Lieblingsrapper und ich habe großen Respekt für ihn. Wenn er mir sagt, dass ich als Support mit nach Deutschland kommen soll, dann komme ich selbstverständlich nach Deutschland.

»Es ist wichtig zu wissen, dass Glück nicht alleine von mehr Geld kommt. Es hilft definitiv und jeder, der etwas anderes behauptet, lügt. Aber es ist nicht der Ursprung von Zufriedenheit.«

Absolut, da kann ich nichts hinzufügen. Aber wie wichtig war es dir von Anfang an, viele Leute zu erreichen, starke Zahlen zu haben und eben nicht nur von der Musik leben zu können, sondern sehr gut davon leben zu können?
Das war mir auf jeden Fall wichtig. Mein größtes Ziel ist es, in jedem Land angehört zu werden. Wenn ich Leute in Japan und Indien dazu bringen kann, mir meine Musik anzuhören, ist das eine große Leistung. Selbst wenn ich nach Deutschland kommen, sind meine Shows dort natürlich kleiner als in England. Aber es bedeutet mir trotzdem viel, dass Leute Geld für ein Ticket ausgeben, um mich zu sehen und zu unterstützen. Ich habe schon oft in Deutschland, in Spanien oder in Italien performt und selbst wenn die Crowds dort insgesamt kleiner sind, bedeutet mir der Support dort echt viel.

Du rappst auf dem Album auch darüber, dass du früher die Socken deiner Mutter getragen hast und erklärst ein wenig deinen Hintergrund, der nicht gerade aus reichen Verhältnissen besteht. Hat dein Erfolg als Rapper deine Perspektive verändert?
Ich glaube nicht, dass es meine Perspektive verändert hat. Ich finde es wichtig, sich daran zu erinnern, wo man herkommt. Das hilft dir dabei, eine nette Person zu sein und auf dem Boden zu bleiben. Du erinnerst dich an die Dinge, durch die du gehen musstest. Aber selbst damals waren wir glücklich, obwohl wir nicht viel Geld hatten. Weißt du, was ich meine? Wir haben das beste aus dem gemacht, was wir hatten. Es ist wichtig zu wissen, dass Glück nicht alleine von mehr Geld kommt. Es hilft definitiv und jeder, der etwas anderes behauptet, lügt. Aber es ist nicht der Ursprung von Zufriedenheit, es ist nur ein Mittel, die dabei zu helfen, glücklich zu werden.

Du erwähnst auch, dass du deine Mutter umarmt hast, als du die erste Million gemacht hast. Ist das echt passiert?
Klar, natürlich. Ich glaube nicht, dass meine Mom echt daran geglaubt hat, dass ich diese Million einmal machen werde. (lacht) Aber das ist natürlich eine große Errungenschaft. Dadurch konnte ich meiner Mutter ein Haus kaufen, es war ein großer Moment für uns. Wir sind zusammen durch harte Zeiten gegangen, deshalb war das so wichtig.

Du erzählst auf »Draft Pick« auch ein wenig mehr über den Weg, den du in jüngeren Jahren eingeschlagen hast und wie das dein Leben beeinflusst hat. Kannst du das ein wenig genauer erklären und erzählen, wie du davon wieder losgekommen bist?
Als ich jünger war, wollten viele Jungs Fußballer werden. Wir lieben Fußball hier so, wie ihr in Deutschland. Ich hatte die Wahl, entweder Fußball zu spielen und zu versuchen, es als Sportler zu schaffen, oder Geld zu machen. Damals habe ich mich dafür entschieden, Geld zu machen. Ich musste dieses Geld aber auch machen, ich musste Sachen wie Schuluniformen und Schuhe für mich und meinen jüngeren Bruder besorgen. Also habe ich mich für den Grind statt für den Sport entschieden. Das ist, was ich im Song sage. Ich habe früher Sport gemacht und ich habe es geliebt – aber Sport hat die Rechnungen nicht bezahlt. Also musste ich dafür andere Sachen machen. Im Endeffekt sage ich, dass wir alle vor die Wahl gestellt werden und meine Entscheidungen haben für mich funktioniert. Das heißt aber nicht, dass es auch für dich funktioniert, wenn du dieselben Entscheidungen wie ich triffst. Du solltest das machen, was für dich am besten ist.

Siehst du dich trotzdem als Vorbild, weil dein Weg aufgegangen ist und du es geschafft hast?
Nein, ehrlich gesagt sehe ich mich nicht als Vorbild. Und der Grund, warum ich diese Frage hier mit »Nein« beantworte, ist folgendes: Wenn ich mich betrinke, Feiern gehe oder irgendetwas anderes mache, was Leute als schlecht empfinden, will ich den Kids hier nicht sagen, dass ich ein Vorbild bin. Denn ich bin wirklich keins. Aber ich denke, dass Eltern die Vorbilder für ihre Kinder sein sollten. Die Eltern sollten das Beste tun, was sie können, um ein Beispiel für ihre Kinder zu sein. Natürlich werden deine Kids andere Idole wie Sportler, Astronauten oder Rapper haben, das ist schon in Ordnung. Aber sie sollten ihr Leben und ihre Handlungen nicht an diesen Leuten ausrichten, denn was ich den Leuten online zeige, zum Beispiel auf Instagram, ist nicht das echte Leben. Was man da sieht, ist nicht, was ich den ganzen Tag mache, es ist nicht die Wahrheit. Deswegen sollten Leute wissen, dass ich kein Vorbild bin, sondern ein Entertainer, der Musik macht.

In der letzten Frage will ich nochmal auf das Thema Fußball hinaus. Auf »Flu Game« gibt es dazu viele Referenzen und am meisten gefallen hat mir die Line, wo du auf »North London Derby« die Worte »Jeans Inzaghi, Car Bellarabi« reimst. Erstens habe ich ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, dass du dort auf italienische Jeans, und deutsche Autos anspielst. Zweitens hätte ich nicht gedacht, dass jemand aus England weißt, wer Karim Bellarabi ist.
Ja, das ist auf jeden Fall witzig. Erstens spiele ich viel Fifa und offensichtlich habe ich dort auch seine Karte. Er hat echt gute Werte und ist auf jeden Fall sehr schnell. Außerdem ist Bellarabi natürlich Deutscher, aber hat Wurzeln im Ausland und ich kenne Verwandte von ihm. Und ehrlich gesagt ist sein Name mit den vielen Silben ist in diesem Fall einfach perfekt für das Reimschema. Inzaghi, Bellarabi – das passt einfach perfekt. Außerdem ist er ein Baller, ich mag ihn, er ist ein guter Spieler. Ich supporte Tottenham und wir bekommen teilweise echt gute Spieler aus Deutschland, ich mag zum Beispiel Heung-min Son, der ist fantastisch.

Safe. Und der hat ja vorher auch zusammen mit Bellarabi bei Leverkusen gespielt.
Exakt, die beiden sind auch befreundet.

Ich sehe schon, du weißt ziemlich gut über deutschen Fußball Bescheid.
Ich liebe Fußball einfach sehr.

Interview: David Regner
Foto: Supernature

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