Ahzumjot: »Ich glaube, dass es heutzutage einfach gut ankommt, über seine Ängste zu sprechen.« // Interview

 

Wie bannst du deine Emotionen dann auf Papier – Kann man sich das so vorstellen wie bei »8 Mile« mit vielen kleinen Kritzeleien?
Ich kenne viele Rapper, denen einzelne Zeile einfallen, die dann aufgeschrieben und erst im Nachhinein in einen Kontext gebracht oder für verschiedene Texte verwendet werden. Ich mache das fast nie, weil ich keine geilen Punchlines habe. (lacht) Meistens ist es eher so, dass ich eine Zeile aufschreibe und daraus dann den Song baue. Aber bei mir beginnt, seitdem ich produziere, ohnehin alles mit dem Beat. Wenn ich den fertig habe, sitze ich in meiner Mancave, rauche zehn Zigaretten auf einmal und flowe einfach erstmal drauf los – meistens sogar in Fantasiesprache. Irgendwann kommen dabei Themen zustande. Das muss im Fluss entstehen. Ich finde, das merkt man bei mir auch extrem, da ich mittlerweile sehr viel Wert auf Flows und Betonung lege. Schon bei meinem ersten Album »Monty« habe ich alle Texte echt schnell geschrieben, jetzt bei »16QT02« saß ich auch an keinem wirklich lange. »Wach / Tag Drei«, einer meiner Lieblingssongs, habe ich vier Tage vor Release innerhalb von zwei Stunden geschrieben, aufgenommen und produziert. Das musste in dem Moment einfach raus. Wenn bei mir der Punkt kommt, an dem ich gerade nichts zu erzählen habe, dann quäle ich mich auch nicht ab, sondern gehe lieber drei oder vier Schichten mehr arbeiten. (lacht)

Wenn der Text für dich innerhalb kurzer Zeit steht, arbeitest du wahrscheinlich länger am Beat.
Meistens schon. Aber so einen Beat wie den von »Minus« zu machen, ging ziemlich schnell. Da musste nur der Groove stimmen und das Sirenensample richtig eingebaut werden. Auch heute sitze ich natürlich mal länger an Beats und suche die passenden Bausteine. Das beste Beispiel ist »Mein Bruh«: Da gab es drei oder vier Beats, die nacheinander entstanden sind und währenddessen habe ich immer wieder Parts ausgetauscht und neugeschrieben. Erst dann war ich zufrieden. Die Songs auf »16QT02«, die zur »Minus«-EP dazugekommen sind, sind aber alle innerhalb von zwei Monaten entstanden. Zu »Nix mehr egal«-Zeiten saßen wir dagegen manchmal zwei Wochen an einem Instrumental, bis wir das komplett tot gehört hatten.

Bist du Perfektionist?
Ich dachte zumindest immer, ich sei einer. Ich glaube deshalb mache ich auch so viel selbst. Weil ich alles perfekt kann. (lacht) Um Gottes Willen. Vielleicht bin ich kein Perfektionist, aber ein extremer Kontrollfreak. Fehler mache ich am liebsten selbst. Ich zeige meine Sachen auch immer erst dann, wenn sie fertig sind, und stelle Leute vor vollendete Tatsachen. Lev hat »16QT02« einen Tag vor Release von mir geschickt bekommen. Selbst den Song, den wir gemeinsam gemacht haben, habe ich ihm vorher nicht gezeigt. Ich war so: »Hier, das ist das komplette Ding. Tracklist steht. Alles ist gemischt und gemastert.« Da konnte er nichts mehr sagen. (lacht) Ein bisschen perfektionistisch bin ich, aber auf jeden Fall kein Tua. Trotz gewisser Ähnlichkeiten. Der schraubt glaube ich an einer Snare so lange rum wie ich an einen ganzen Song. Vielleicht ist er deswegen auch ein bisschen krasser. Dafür aber langsamer, womit er sich wiederum krass im Weg steht. Ich mag das Unperfekte, Rohe und wenn Musik ein bisschen infantil klingt total gerne. So als hätte das irgendein Verrückter in seinem Zimmer geschraubt. Ich finde meine Musik klingt oft danach. Auch James Blake und der frühe Hudson Mohawke klingen wie Irre, die einfach gemacht haben, wodurch es mit der Zeit viel entspannter und freier wurde. Sogar das aktuelle Chance-Album ist zwar sehr ausgeklügelt und riesig, klingt aber so, als hätten die zusammen gesessen und einfach nur gemacht.

 

Mit dem aktuellen Projekt hast du »Minus« nochmal weitergeführt und sagst im letzten Track: »Ich fange nochmal neu an. Heute ist Montag.« Schon wieder ein Neuanfang?.
Es wird in diesem Jahr noch zwei Releases von mir geben. Was das jeweils sein wird, will ich noch nicht sagen. Ich möchte mich da auch nicht festlegen, sondern finde es wichtig, dass die Releases sich voneinander unterscheiden. Ich langweile mich einfach superschnell. Deswegen trifft der Neuanfang auf jedes meiner Projekte zu. »Keine Zeitmaschine« war der letzte Song von »Monty« und handelte auch von einem Neuanfang, genau so wie »Tag eins« auf »Nix mehr egal«. Das zieht sich durch mein Schaffen, weil ich schnell satt bin und neu anfangen will. Das ist auch gar keine Phrase. Denn wenn man sich meine Sachen anhört, merkt man, dass sich nichts gleicht. Vielleicht wird meine nächste Platte richtig ekliger Pop mit Akustikgitarren oder House. Gesetzt dem Fall ich fange an, House zu mögen. Ich weiß selbst nicht, was mich als Künstler erwartet und werde noch viel experimentieren. Außerdem werde ich als Produzent mehr in Erscheinung treten. Ich habe das Gefühl, dass Leute jetzt erst mitbekommen, dass ich produzieren kann. Allerdings bin ich kein Auftragsproduzent und will das auch nicht sein. Das schließt nicht aus, dass man gemeinsam Dinge austüftelt und womöglich etwas ganz anderes macht als bisher. Es wird dennoch meinen Stempel tragen. Wenn jemand Bock auf meinen Sound hat, bin ich offen, mich mit jedem zu treffen.

Foto: Amin Oussar

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