$uicideboy$: »Der Fame macht alles nur noch schlimmer.« // Interview

Zwei Cousins, die sich gegenseitig aus einem Loch aus Drogenproblemen, Selbstmordgedanken und gesellschaftlicher Zurückweisung ziehen – die $uicideboy$, Erfinder des Shadow Rap, sind das Ergebnis einer ziemlich unwahrscheinlichen Geschichte. Ruby und $crim wuchsen gemeinsam in New Orleans auf, lebten als Loser und Drogen­dealer am Rande der Gesellschaft, bis sie Rap als Therapie und Ventil für sich entdeckten. Heute ist die Gruppe eins der interessantesten Phänomene der Indie-Rapszene – und enorm erfolgreich: Millionen von Streams sowie Klicks auf Soundcloud und Youtube innerhalb weniger Tage, ausverkaufte Konzerte auf der ganzen Welt und eine Gefolgschaft, die mehr Ultras als Fans sind. Wir trafen die beiden zurückhaltenden Jungs vor ihrem (natürlich ausverkauften) Konzert in Berlin.

Ihr kommt aus den Südstaaten und wurdet offensichtlich durch die dortigen Sounds beeinflusst. Trotzdem fühlen sich eure Produktionen anders an. $crim, du bist für die Produktionen zuständig: Versuchst du, Genres zu verbinden?
$crim: Ich versuche es, ja. Aber du könntest unsere Beats auch nehmen und eine ganz normale Rapstrophe darauf legen, vielleicht sogar mit Autotune auf der Stimme. Ich glaube, der besondere Sound oder das Gefühl dazu entsteht eher durch Rubys Punk-Background.
Ruby: Er verbindet auf jeden Fall Genres. Wir sind beide Fans von diesem Dirty-South-Sound, und $crim ist wirklich eingetaucht in Atlanta Trap, Chicago Drill und Memphis Phonk. Auf Produktionsebene ist er ein verdammtes Monster, weil er verschiedene Styles in der Hinterhand hat. Ich versuche nur, ein bisschen Emo und Punkattitüde dazu zu bringen.

Also musikalische Welten, die ­aufeinanderprallen, als roter Faden?
Ruby: Genau. Unsere Welten treffen aufeinander und zersplittern. Aus den Trümmern entsteht dann wiederum eine neue Welt.

Eure Texte und der Sound sind sehr düster, ihr nennt das »Shadow Rap«. Ich sehe da eine Verbindung zu einer Band wie Nirvana: Die haben damals ebenfalls über ihre Erfahrungen mit Zurückweisung, Ausgrenzung und Depression gesungen – und sind in eine tiefe Krise gestürzt, als der Erfolg und das Geld alles verändert haben. Fürchtet ihr einen solchen Moment?
$crim: Erst mal: Mir ist alles scheißegal. Aber wir beide verstehen, dass $uicideboy$ jetzt nicht mehr nur unsere Therapie ist. Es ist größer geworden als das. Es ist für die Kids, die sich alleine fühlen und in der Musik wiederfinden.
Ruby: Ich fühle diesen Moment kommen. Aber das Geld und der Erfolg machen unsere Erlebnisse nicht ungeschehen. Wir haben durchgemacht, was wir durchgemacht haben. Nur weil ich jetzt zum ersten Mal Geld habe, ist noch lange nicht alles in Ordnung. Ich habe immer noch Selbsthassattacken, Depressionen und fühle mich zurückgewiesen. Das Geld ändert daran nichts. Im Gegenteil: Der Fame macht alles nur noch schlimmer. Denn jetzt wollen alle mit mir abhängen und meine Freunde sein. Das ist einfach scheiße und falsch.

Also seid ihr misstrauischer geworden?
Ruby: Ja. Ich betrachte alle um mich herum als falsche Schlangen – außer den Menschen, die ich als Teil von unserem Label G59 sehe, das ist meine verdammte Familie. Diese zehn oder zwölf Leute sind mir wichtig, auf alle anderen scheiße ich. Versteh mich nicht falsch: Ich erkenne gute Leute wie zum Beispiel dich, aber die meisten können mir gestohlen bleiben.
$crim: Genau. In Bezug auf das Rapgame frage ich mich: Warum müssen Leute 1.000 Dollar zahlen, um ein Konzert zu sehen? Sind die Artists wirklich so verdammt wichtig? Ich glaube nicht. Schau dir Kendrick Lamar an, der mit »HUMBLE.« eine der wichtigsten Ansagen der letzten Zeit gemacht hat. Er sagt einfach, dass alle mal ein bisschen runterkommen müssen, denn es geht um Musik und darum, eine gute Zeit zu haben. Wir reden bei Meet’n’Greets teilweise stundenlang mit unseren Fans, weil wir durch unsere Themen eine tiefe Verbindung mit dem Publikum eingehen. Trotzdem haben wir weiterhin unsere Probleme, wir sind schließlich normale Leute.

Es scheint euch wichtig zu sein, nicht vorschnell über andere zu urteilen.
Ruby: Absolut! Nur Gott kann uns richten – und an den glaube ich nicht! (lacht) Aber du hast recht: Wir sind gegen jede Form von Vorurteilen und die Bewertung anderer Lifestyles.
$crim: Wir haben auch viele schwule Freunde, wir kommen schließlich aus New Orleans, wo es eine große Schwulen- und Transgender­szene gibt. Abgesehen davon habe ich die Perspektive eines Drogensüchtigen. Viele Leute verstehen das nicht. Das kann man denen auch nicht erklären, denn das kapierst du nur, wenn du selbst mal abhängig warst oder bist. Wenn du dich darüber lustig machst oder darüber urteilst, bist du einfach ein Arschloch.

Euer Debütalbum ist nach einer hohen Release-Dichte von Mixtapes seit 2014 nun für Dezember 2017 angekündigt. Geht ihr da genauso ran wie an eure Tapes?
Ruby: Ja – und wir haben noch nicht mal angefangen, das Album zu schreiben. Wir sitzen normalerweise einfach bei $crim im Studio, er zeigt mir Beats, wir suchen was aus und nehmen auf. Wenn wir dann einige Songs zusammenhaben, teilen wir die verschiedenen Projekte zu. Das hat sich so ergeben, als wir gemerkt haben, dass viele Songs gut zueinanderpassen, wenn sie abbilden, was wir phasenweise erlebt haben. Wir zeigen damit also, was uns in dieser Zeit so durch den Kopf gegangen und passiert ist.

Text: Vincent Lindig
Foto: Marcus Mainz

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