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Titelstory #153: Casper

Casper 2013

 

Bösingfeld liegt etwa 50 Kilometer östlich von Bielefeld, 14 Kilometer südlich von Rinteln und 17 ­Kilometer westlich von Hameln, im äußersten Nordosten von Nordrhein-Westfalen, direkt an der ­Grenze zu Niedersachsen. Benjamin Griffey ist in diesem Hinterland aufgewachsen und für die Produktion des Nachfolgers zu »XOXO« zurückgekehrt in die Provinz, diesmal nach Mannheim. Wegen ­Markus Ganter, einem progressiven Musiknerd von der jungen Indie-Band Sizarr, und Konstantin Gropper, einem klassischen Multi-Instrumentalisten, der mit seinem DIY-Projekt Get Well Soon zu internationalem Auskenner-Fame gekommen ist. Gemeinsam hatten Ganter und Gropper bereits die musikalische Vision hinter Musos »Stracciatella Now« entwickelt, nun haben sie mit Griffey »Hinterland« produziert, oder besser gesagt: reihenweise Spuren übereinandergestapelt – teilweise über 200 Stück pro Song.

 

Zwei Tage nach dem Splash! sitzen wir im Kreuzberger Wohnbüro von Caspers Manager und hören die ersten, noch ungemischten Versionen von neun neuen Songs. Insgesamt sollen es elf Stücke werden. »Hinterland« funktioniert erneut als Musikcollage unterschiedlichster Einflüsse: »Die Bar in der Rue Morgue« transportiert die Essenz von Nick Cave, Tom Waits und Daniel Johnston, »Alles endet (aber nie die Musik)« erinnert an Tom Petty, »… nach der Demo ging’s bergab« arbeitet mit Zitaten von Die Sterne und Ton Steine Scherben, im weiteren Verlauf mischt Casper auch Drake-Singsang mit einer Hook von Tom Smith von den Editors, die von Kanye West inspirierten Arrangements mit dem Eklektizismus von Vampire Weekend und den Drums von Clams Casino. Casper krächzt in seinem charakteristischen Idiom dazu: »Alle meine Helden sind auf Drogen oder tot.«

 

Allerhand Gründe für die notorischen ­Nörgler, »Hinterland« gleich wieder den ­Status als HipHop-Platte abzusprechen, weil die Einflüsse zu vielfältig, das Songwriting zu klassisch und die Sprache zu poetisch ist. Casper rappt besser und emotionaler als je zuvor, allerdings auf einer musikalischen Unterlage, die den Bummtschack-Betonköpfen und Synthie-Sinfonikern des Deutschrap-Kanons die Schamesröte ins Gesicht treiben wird. Ganz nebenbei führt er schlaue, empfindsame Mädchen und deren Freunde, die wir sonst spätestens zu Beginn ihres Germanistikstudiums in Tübingen oder Münster an die Indie- und Elektronik-Welt verloren hätten, an der zarten Hand in unsere Subkultur hinein. Ein Gespräch mit einem 30-jährigen Rapper und Songwriter, für den es nicht der einzige Anspruch sein kann, den nächsten Szene-Meilenstein zu liefern. Die Welt ist schließlich nicht genug.

 

 

Wie geht es dir? Als ich dich am Samstag nachmittags auf dem Splash! traf, hast du am ganzen Körper gezittert …
Natürlich sind wir auch meganervös vor Rock am Ring oder Hurricane, aber beim Splash! ist man so emotionalisiert, weil man früher selbst da war und sich Gruppen angeschaut hat, die heute kein Schwein mehr kennt: Luke & Swift, Sieben/Treyer oder Mr. Schnabel. Ab 2006 durfte man selbst spielen, aber unter ferner liefen. Dieses Jahr gab es schließlich den Moment, als Marten und ich telefoniert haben: »Alter, wir sind Headliner auf dem Splash!« Wir sind so Nuts drauf gegangen. Das ist schon ein bisschen wie nach Hause kommen. Und die große Nervosität kam bei mir natürlich auch deshalb, weil nach der Ankündigung im letzten Jahr klar wurde, dass es auch Leute gibt, die mich da nicht haben wollen. Das hat mich extrem verletzt. Wir wussten einfach nicht, was passieren würde. Daher konnte ich die Show auch kaum genießen, ich war durchgehend angespannt. Erst als Toni [Kollegah, Anm. d. Verf.] auf die Bühne kam, haben alle richtig losgelassen. Nach der Show hat es sich angefühlt, als hätten wir das Album releaset.

 

Marteria und dich als Headliner zu buchen, ist ja auch ein klares Signal der Veranstalter für die hiesige Szene.
Ja, das zeigt einfach: Wenn man lokalen Scheiß bucht, dann ist das den Leuten wichtig. Ich weiß, dass es Marten auch extrem wichtig war. Nach seinem Auftritt haben wir uns umarmt und ich habe gebrüllt: »Du warst so geil!« Und er: »Du wirst morgen auch geil!« Und ich: »Ich werde niemals so geil wie du!« So eine Playback-Show von A$AP Rocky finde ich dagegen richtig traurig. Wenn dann Besucher im Netz behaupten, dass seine Show besser als meine gewesen wäre – sorry, das stimmt einfach nicht. Es war auch nicht besser als Martens Show. Ich hoffe, dass das auch insgesamt so gesehen wird.

 

Ich denke schon, dass die deutsche HipHop-Szene einen großen Stolz auf die eigenen Helden entwickelt hat. Marten und du, ihr seid momentan nun mal die zwei Lichtgestalten.
Ich fühle mich aber gar nicht so superstarmäßig angekommen, wie man mich da draußen zu sehen scheint. Ich erinnere mich an einen Moment vor ein paar Jahren, als ich total frustriert war. Ich hatte die Uni geschmissen und das vor meinen Eltern verheimlicht. Ich tingelte mit »Hin zur Sonne« und Marten mit »Base Ventura« von Dorf zu Dorf, die Orsons hatten gerade die Schaukel gebaut. Bei einem Konzert in Freiburg kamen genau fünf Zuschauer, davon drei eher zufällig und auf Pilzen, weil danach noch ein Rave stattfand. Beim JUICE Jam gab ich schließlich Falk ein Interview, wo ich zu ihm sagte: »Ich glaube, es werden auf ewig die Heiligen Drei bleiben: Savas, Samy, Sido. Oder meinst du, wir kommen da jemals hin?« Ich dachte echt, das bringt doch alles nichts. Dass man jetzt doch in Ferropolis die Wiese vollstellt und binnen zwei Stunden eine Tour ausverkauft, ist schon krass. Bei der neuen Platte denke ich trotzdem schon wieder: Hoffentlich kommt sie an. Meinen Barjob habe ich mir jedenfalls in der Hinterhand gesichert. (grinst)

 

Der Gastauftritt von Kollegah war eine Überraschung, zumal es heißt, mit Selfmade sei es damals nicht so glimpflich auseinandergegangen.
Als ich mich von Selfmade getrennt habe – in einer Reihe von unangenehmen ­Trennungen von Labels – da gab es am Anfang eine verhärtete Front und dann Funkstille. Es gab aber nie Streit unter den Künstlern. Ich wollte auch nie eine Anti-Front zu Selfmade oder den Azzlackz bieten. Ich finde die Azzlackz super, und ich finde einige Selfmade-Acts super. Mit Toni war ich immer cool, er hat mich auch nach »XOXO« sofort beglückwünscht. Als wir die Splash!-Show planten, wusste ich, dass wir etwas Geiles machen müssen: eine andere Setlist, Konfetti, Feuerwerk, Thees Uhlmann. Aber ein Gast wäre noch geil, mit dem keiner rechnet. Marten oder Carlo wären keine Überraschung gewesen, und mit Haftbefehl habe ich leider keinen Song. Also: Was ist mit »Mittelfinger hoch«? Zu Favorite habe ich keinen Kontakt mehr, also habe ich Toni angeschrieben. Das muss man ihm hoch anrechnen. Der kam aus Marseille hochgefahren, für eine Strophe, und dann direkt weiter zum Frauenfeld. Man darf gespannt sein, was da noch folgen mag. (grinst)

 

Vor »XOXO« hast du sehr gezweifelt, bei »Hinterland« geht es dir wieder so. Kannst du das mittlerweile in ein ­positives Gefühl umdeuten?
Ich habe mittlerweile eine gewisse Größe erreicht, so dass man zumindest weiß, dass es kein totaler Flop wird. Das soll jetzt nicht arrogant klingen, aber irgendwer wird das schon kaufen. Dennoch finde ich es wichtig, dass man für eine neue Platte seine Komfortzone verlässt. Wir hätten ganz leicht »XOXO 2« machen können. Das wollte ich nicht, deshalb bin ich aus Berlin weggezogen und habe mir in Mannheim eine Wohnung gesucht. Das beinhaltet natürlich auch, dass man den Fans nicht das gibt, was sie glauben, bekommen zu müssen, oder was sie meinen, verdient zu haben. Damit muss man rechnen. Ich finde die Platte richtig gut, und wenn die floppt, werde ich mich mit Markus und Konstantin bei einem guten Whiskey zusammensetzen und sagen: »Das war eben das, was wir zu dem Zeitpunkt machen wollten, und wir haben es stringent durchgezogen.« Aber ich habe ja nichts anderes. Ich habe keinen Abschluss, keine Ausbildung, nur ein fürchterliches Abiturzeugnis. Und ich habe schon noch den Drang, einen Klassiker abzuliefern – denn ich habe persönlich nicht das Gefühl, das mit »XOXO« schon geschafft zu haben. Ich will eine Platte machen wie »The Dark Side Of The Moon«, wie »Unknown Pleasures«, wie »Murder Ballads«, wie »Rain Dogs«.

 

Das kann man ohnehin erst in ein paar Jahren beurteilen.
Ja, aber viele Musikjournalisten haben das schon über »XOXO« gesagt. Ich lese jeden Monat alle Musikzeitschriften, die es gibt. Wenn Kritiker, von denen man gerne Rezensionen oder Artikel liest, einen dann niederschreiben, dann weckt das einen Ehrgeiz: »Ey, dich hole ich bei der nächsten Platte auch noch ab!«

 

Ich habe das Album in der JUICE mal als ­»Meilenstein« bezeichnet, woraufhin du mir direkt auf Facebook geschrieben hast, wie krass du das findest.
Als ich das gelesen habe, habe ich diesen Satz ganz lange angestarrt. Dieses Wort hat man sonst eben immer im Zusammenhang mit »Deluxe Soundsystem«, »Der beste Tag meines Lebens«, »Maske« oder »Vom Bordstein bis zur Skyline« ­gelesen. Wenn man das über seine eigene ­Platte liest, findet man das krass rührend, ­andererseits auch: Entsetzen, Schock, ­Erschrecken. Ich kann das gar nicht ­erklären. Das hat mich tatsächlich sehr ­gefreut und es bedeutet mir unfassbar viel, so etwas zu lesen über etwas, was man selbst gemacht hat. Ich war richtig baff.

 

Ich finde auch, dass »Zum Glück in die Zukunft« rückwirkend die sechs Kronen zugesprochen werden sollten.
Und »Raop«!

 

Echt? Finde ich nicht.
Ich schon. Ich höre »Raop« öfter, als ich es in der Öffentlichkeit zugeben sollte. (kichert) Für das, was dieses Album darstellen soll und was es für diesen Moment in der ­Popkultur bedeutet hat, ist es eine glatte 10/10. »Zum Glück in die Zukunft« wird rückwirkend auch zu wenig Bedeutung beigemessen. Man liest ja heute oft: (verstellt die Stimme) »Casper hat ein totgesagtes Genre wiederbelebt …« Aber schon ­Martens Platte hat die Tür einen Spalt aufgetreten. Marten war schon mit dem halben Körper durch, dann bin ich von hinten über ihn drübergesprungen und Carlo hat sie schließlich komplett eingetreten.

 

Nein, Carlo ist ganz entspannt durch die offene Tür spaziert.
Ja, da spazieren jetzt auch noch ganz andere Leute durch. Ich finde ja, in der ersten Woche Gold gehen ist das neue auf Nummer eins gehen. (lacht)

 

Ich finde es gut, dass du Marten diese Props gibst, denn eine Zeit lang wirkte es schon so, als würden seine Verdienste im Vergleich zu dir kleingeredet.
Es gab sogar eine Zeit, wo wir ein kleines Säuernis hatten – Streit oder Clinch wäre übertrieben. Es kann sein, dass das daher rührte. Aber ich finde, dass wir das extrem erwachsen gelöst haben. ­Deutscher ­HipHop ist heute oft Wrestling auf Klamauk-Basis. Wenn sich gestandene Männer Ende 20 gegenseitig Screenshots von Facebook-Messages schicken und daraus Blog-News gemacht werden – echt jetzt, das ist HipHop 2013? Marten und ich haben das sehr vorbildlich gemacht. Wir haben uns getroffen, jeder hat seine Sichtweise dargelegt, dann haben wir uns vertragen, es gab die Zeile auf »Bruce ­Wayne« und seitdem ist alles wieder schön.

 

»XOXO« wurde in Berlin mit Stickle und Steddy aufgenommen, ­»Hinterland« nun in Mannheim mit Ganter und Gropper. Wie kam es zu diesem ­Produzentenwechsel?
Stickle und Steddy haben direkt nach »XOXO« weitergemacht: Thunderbird Gerard, Chakuza, Timid Tiger, H-Blockx … Ich war daher früher bereit als die beiden, da gab es auch ein Kommunikationsproblem. In diesem Moment hörte ich über meinen A&R-Manager den Beat, aus dem später »Blinder Passagier« von Muso wurde. Ich dachte, den würde ich killen. Also traf ich Markus, wir haben ein paar Skizzen gemacht und sind mit ein paar Bandmitgliedern nach Spanien gefahren. Dort hingen wir ab, haben »Murder Ballads« gehört, geblazet, Whiskey getrunken und gejammt. Ich hatte mir wirklich lange den Kopf darüber zerbrochen, was ich auf dieser Platte eigentlich erzählen will. Nach zwei Platten Battle-Rap hatte ich gemerkt, dass das nicht zu hundert Produzent meins ist, habe dann die große Seelenstrip-Platte gemacht und dann dachte ich: Was kommt jetzt? Ich hatte Angst vor dieser Curse-Falle. Nichts gegen ihn, die ersten beiden Platten waren super, aber bei der dritten Platte dachte man schon: »Jetzt hör doch endlich auf, von deiner Exfreundin zu reden!« Das wollte ich nicht. Also habe ich ein neues Themenfeld abgesteckt: Es geht um meine Jugend und ich beziehe mich noch stärker auf die Americana. Dann ging es recht schnell: Von Ende Januar bis Anfang Juni haben wir die Platte aufgenommen.

 

Gab es noch andere Gründe, warum du weg aus Berlin und nach Mannheim wolltest?
Nach »XOXO« fühlte ich mich sehr ausgelaugt und hatte auch eine gewisse Beobachtungsparanoia. Man darf nicht vergessen: Ich wurde vom Level eines relativ kredibilen Untergrundkünstlers auf diese krude Pop-Plattform gehievt. Dort hieß es immer, man sei der Rapper, der alles rettet, aber aus meiner eigenen Szene hieß es: Du bist gar kein Rapper! Da gab es viel zu verarbeiten. Ich habe kein Problem damit, vor 16-jährigen Teenies zu spielen. Das Alter ist vollkommen irrelevant, ich war mit 16 auch auf Kool-Savas-Konzerten. Nur: Irgendwann haben die vor meiner Tür gecampt. Ich konnte das alles nicht verarbeiten, musste hier raus und dafür war Mannheim super. Sehr entschleunigend. Ich habe in einer WG mit vier spitzenmäßigen Mitbewohnern gewohnt. Da habe ich in meinem Zimmer Kette geraucht, abends wieder Whiskey getrunken und Songs geschrieben. Markus wohnte direkt nebenan, und in seinem Keller haben wir diese Platte produziert.

 

Was wäre denn passiert, wenn du in ­Berlin geblieben wärst?
Ich wäre Gefahr gelaufen, eine Drake-Platte zu schreiben. Aber niemand will hören, wie sich einer über seinen Erfolg beschwert. Es gibt ja Newcomer, die noch nichts gerissen haben, sich aber darüber auslassen, wie krass es ist, dass sie sich vor Klickzahlen nicht mehr retten können. Das will echt niemand hören. Hier in Berlin besteht mein Freundeskreis primär aus Leuten, mit denen ich auch arbeite. Daher reden wir zwangsläufig viel übers Geschäft, gehen zusammen feiern und so. In Mannheim habe ich überhaupt erst mal wieder Themen gefunden. Wer bin ich, was mache ich, wie finde ich das gerade alles? Es hat mir gut gefallen, in einer Studenten-WG zu leben und ganz normale Dinge zu tun.

 

Ich habe dich ja einmal in deiner WG besucht. Ehrlich gesagt, hatte ich den Eindruck, dass du dort ein bisschen versuchst, deine Jugend zurückzugewinnen.
Ich glaube, das ist ein wenig überinterpretiert. (Pause) Ich denke schon, dass man gewisse Dinge einfach erlebt haben muss und dass man immer wieder daraus schöpfen kann. Wenn ein 60-jähriger Singer/Songwriter heute von seiner großen Liebe singt, dann ist das nicht immer die Frau, mit der er seit 40 Jahren verheiratet ist, sondern vielleicht auch die, in die er mal mit 14 für einen Sommer verliebt war und die dann in eine andere Stadt weggezogen ist.

 

Was für Musik habt ihr in der Produktion gehört?
Sehr viel Rap, hauptsächlich Trap-Zeug. Daher haben wir zwischendurch auch so was wie das JUICE Exclusive »Sie wissen es« gemacht. Aber das war, ehrlich gesagt, nicht mein Anspruch für die Platte. Wenn das der Anspruch wäre, würde ich zwei Platten im Jahr machen. Dann rufe ich Gee Futuristic, Shuko, Brenk und Dexter an und suche mir aus deren Ordnern die besten zwölf Beats raus. Das wäre ja auch nicht schlimm, aber ich bin da einfach sehr verkopft.

 

Es gibt aber auch Fans, die sich gerade den Casper von »Halbe Mille« und »Sie wissen es« wünschen.
Ich habe da auch richtig Bock drauf. Ich schreibe gerade wieder richtige Rap-Songs. Das habe ich schon nach der letzten Platte gesagt, aber da war ich eigentlich nur müde. Es gibt für alles den richtigen Ort und die richtige Zeit. Im Moment habe ich die Chance, eine gewisse Größe zu erlangen. Die will ich nicht verpassen, nur weil ich gerade Bock habe, richtig abzuflexen. Bei der letzten Platte war ich extrem verkopft, was die Texte anging. Ich wollte in einem Atemzug genannt werden mit Jochen Distelmeyer, Thees Uhlmann oder Marcus Wiebusch. Ein halbes Jahr ist genau das passiert, aber ich habe rückwirkend gemerkt, dass ich beim Rappen gar nicht wirklich auf die Musik eingegangen bin.

 

Hast du Lust zu erzählen, wie du Markus Ganter Juvenile nähergebracht hast?
Markus hat ja extrem krasse Musik-Knowledge, von so »Visions«-’95-Grunge-Rock wie Filter und Therapy? bis hin zu richtigem Wonky-Beatnerd-Stuff wie Flying Lotus. Einen Abend haben wir dann zusammen Maker’s Mark getrunken und ich habe New Orleans Bounce, Horrorcore und Memphis Rap gespielt: No Limit, Cash Money, Manson Family, Triple 6 Mafia, Koopsta Knicca, Tommy Wright III, Archie Eversole, Trick Daddy … Und Markus so: »Das hast du in deiner Jugend gehört?« Und ich so: »Ja, ihr Deutschen seid bei HipHop-Beats halt auf eurem Duck-Down-Film hängengeblieben.« Ich hab die nächsten Wochen dann bei Spotify immer gesehen, dass Markus »400 Degreez« rauf- und runtergehört hat. Er hat es gecheckt, und daraus ist der »Jambalaya«-Song entstanden.

 

Es folgt ein halbstündiger Random-Rap-Exkurs über Master-P-Doppelalben und Cash-Money-DVDs, die Dipset-Reunion, Waka Flocka Flame (»‘Flockaveli’ ist mein ‘Illmatic’«), die Gravediggaz (»‘6 Feet Deep’ ist das beste Rap-Album aller Zeiten«), Foxy Brown (»Ich dachte damals, das wäre ein zwölfjähriger Junge«), Shyheim (»vor allem die Platte, nachdem er angeschossen wurde«), Jay-Z & Kanye West (»eines der besten Konzerte meines Lebens«), ­Sylabil Spill und Edgar Wasser (»feiere ich ­komplett«) und Yung Lean (»Ich habe ­überlegt, ob ich ihn als Toursupport ­anfrage«).

 

Zurück zu »Hinterland«. Würdest du meinem Ersteindruck zustimmen, dass die Musik weniger HipHop, aber die Vocals mehr Rap sind als bei »XOXO«?
Ja. Da sind aber auch hiphoppigere Songs drauf, z.B. »Jambalaya« oder das Outro. Bei dieser Platte ging es für mich darum, gute Hooks zu schreiben und wieder diese T-Shirt-Zeilen zu haben. Ich wollte mit Ansage diese Stadionplatte machen. Das ist für mich der logische nächste Schritt. Das hängt sicher auch mit der Splash!-Ankündigung zusammen. Viele wissen gar nicht, was ich für einen HipHop-Background habe. Daher habe ich die letzten zwei Jahre damit verbracht, allen zu erklären, wie HipHop ich bin und wie wichtig mir das ist. Ich lese bei MZEE mit, ich bin im RBA-Forum angemeldet, bin jeden Tag auf Worldstar, nerde mit Kumpels auf Facebook über alles ab, über jede neue Platte von jedem hinterletzten VBT-Rapper. Wir nehmen alles auseinander. Also gab es zwei Möglichkeiten: Entweder man beweist es denen, oder man geht einen Schritt zurück und macht die Platte mit Dexter. Angewonkte, schiefe Beats und Reimketten – das wäre auch möglich gewesen. Nur sehe ich mich persönlich halt einfach mehr als Songschreiber/Texter, der leider nicht singen kann.

 

Auf »Jambalaya« kommt dein MC-Killer­instinkt durch. Da teilst du ordentlich aus.
(rappt) »Erst kam die Kopie/dann die Kopie der Kopie/indie-basierte Beats, gespielte Melancholie/Tagebuchpoesie, billig klingende Melodien/alle wollen sein wie mein Team, aber wissen leider nicht wie.« Es gab eben Künstler, die nach »XOXO« was Ähnliches gemacht haben, aber wenn sie darauf angesprochen wurden, dann sagten die: »Na ja, find ich okay« oder »Hab ich nie gehört«. Und das verletzt mich in meiner Rap-Ehre. Ich finde es nicht verkehrt, collagenartig zu rappen und Zitate zu benutzen. Auf »XOXO« folgt eine übersetzte Coldplay-Zeile auf eine Tocotronic-Zeile, was gut zusammenpasst – das ist für mich Kunst. Aber meine Zeile ist nicht als Diss, sondern augenzwinkernd gemeint, eher so wie: »Lass doch mal bei einem Bierchen drüber reden.« Ich habe ja schon einige unausgesprochene Rap-Beefs geführt und auf diesem Splash! eine peacige HipHop-Ansage gemacht, die ich todernst meine. Ich habe keinen Bock mehr drauf, wenn ich auf demselben Festival wie Savas spiele, dass beim Catering die Stimmung kurz unangenehm wird. Ich will einfach nur mit meinen Jungs im Bus durchs Land fahren, Konzerte spielen, paar Bier trinken und ab und zu mal nachts ins Freibad einbrechen. (grinst)

 

Deshalb auch der erste Satz auf dem Album: »Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen …«
Ich habe es halt nie in diese Riege von Künstlern geschafft, die jeder cool findet. Marten findet jeder cool. Der kommt überall hin und alle sagen: Geiler Rapper, geiler Star. Bei mir geht es seit »Hin zur Sonne« so: »Wer trägt denn solche Hosen? Wie läuft der denn rum?« Das hatte nie ein Ende. Ich wollte jetzt mit dieser Ansage rauskommen, alles niederbrennen und dann neu anfangen, alles nochmal auf Null setzen. Deswegen wollte ich auch erst mal eine kleine Clubtour machen, bevor ich in die Stadien gehe. Und am Ende ist es halt auch eine geile Zeile.

 

Ist »Hinterland« eigentlich als Bekenntnis zur Provinz zu lesen?
Eigentlich war das Album als chronologische Konzeptplatte geplant. Am Ende habe ich das Konzept selbst wieder zerschossen. Aber »Hinterland« ist eben »Dis wo ich herkomm«. (grinst) Das ist Bösingfeld, ein Dorf im Extertal, aber eben auch Augusta, eine totale Redneck-Stadt mit extrem kriminellem Aufkommen. Ich bin ja nicht im Ghetto groß geworden, aber da sind schon weirde Dinge passiert. »Hinterland« kann mein Bielefeld sein, Springsteens Nebraska, die Südstaaten als Ganzes, das Manchester von Oasis und den Stone Roses. Ich hatte eigentlich ein deutsches Wort für »Wastelands« gesucht. Ursprünglich wollte ich das Album »Uckermark« nennen … Das wäre ein Albumtitel gewesen. Aber ich finde, dass »Hinterland« die Stimmung der Platte zusammenfasst. Das Cover, die Videos und der Titel sind ein in sich stimmiges Gesamtprojekt.

 

Für wen hast du den Song »Ariel« ­geschrieben?
Das ist mein Lieblingssong von der Platte. Er ist entstanden, nachdem eine Halbschwester von mir bei einem Autounfall gestorben ist. Jedes Mal, wenn ich eine Platte mache, stirbt jemand aus meinem engen Umfeld: Bei »Hin zur Sonne« war es ein Onkel, bei »XOXO« der Freund, der mich zu »Michael X« inspiriert hat, und jetzt eben diese Halbschwester. Ich habe schon überlegt, ob ich einfach keine Platte mehr mache und dann stirbt auch niemand mehr. Ich will keine Lieder mehr über den Tod schreiben, generell keine deprimierenden Songs mehr. Allerdings geht es auf »Hinterland« auch nur ums Saufen und ums Drogennehmen, wenn man mal ganz ehrlich ist. Ich bin ein alter, trauriger Mann. Und ich glaube übrigens, dieses Interview klingt am Ende total weinerlich. Dabei sage ich das alles mit einem Lächeln.

 

Text: Stephan Szillus

 


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