Sara Hebe: »Künstlerischer Ausdruck ist immer auch politisch« // HipHop Round The World

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Sara Hebe ist Rapperin aus Buenos Aires, Argentiniens Hauptstadt zwischen Tango und HipHop. Sie ist seit 2007 aktiv und hat kürzlich ihr drittes Album herausgebracht, zusammen mit Ramiro Jota. Mit Artists wie ALI aka MIND, Alika&Nueva Alianza oder Anita Tijoux steht sie für eine junge Generation unabhängiger Rapper in Südamerika, die einen ganz eigenen Stil prägen: Die musikalischen Einflüsse des Kontinents werden voller Stolz verbaut, die oftmals turbulente Vergangenheit der Diktaturen und Militärjuntas prägt die Inhalte genauso wie die aktuellen politischen Kämpfe. Sara Hebe sprach mit uns über die Schwierigkeiten als Rapperin in Argentinien, Einflüsse von Protestkultur und über die Szene eines Kontinents, der in Bezug auf HipHop im Aufbruch ist.

Welche Bedeutung hat die HipHop-Kultur in Südamerika?
Sie ist für den ganzen Kontinent sehr wichtig – in Kolumbien, Venezuela und Chile auch enorm einflussreich. In Chile ist das interessant, weil Rap dort sehr politisch ist und sich auf die Seite der sozialen Kämpfe stellt. In Kolumbien natürlich ebenso – da gibt es eben riesige Probleme mit Gewalt, Machtmissbrauch und Korruption. In Argentinien ist das etwas anders, denn wir haben hier einen starken europäischen Einfluss, und daher hat sich Rap erst später entwickelt. Zurzeit wächst die Szene aber stark und gestaltet sich aus. Da gibt es die HipHop-Puristen, die vor allem auf Freestyles konzentriert sind, und andere, die auch politische Inhalte transportieren und soziale Bewegungen unterstützen wollen.

»Mein politischer Ausdruck ist poetisch, ich schreibe schließlich Poesie.«

Wie stark ist der Einfluss der USA auf die Szene in Südamerika?
Die USA sind das Ursprungsland von HipHop, daher entstehen dort wahnsinnig gute und fortschrittliche Produktionen. Die Yankees reden viel von Geld und materiellen Dingen – manchmal verdammt gut gerappt, der Inhalt ist aber eher oberflächlich. Im Untergrund gibt es natürlich Bands, die andere Themen behandeln und andere Texte schreiben – poetischer, verrückter und politischer. Offensichtlich ist das alles ein Einfluss für uns in Argentinien: Die Rapper hier kopieren die Metrik, den Vibe und drehen Videos mit Autos und Frauen. Das ist eine Reproduktion dessen, was uns aus den USA erreicht.

 

Auffällig ist die große Zahl erfolgreicher Rapperinnen in Südamerika wie Alika, Anita Tijoux oder du selbst. Die argentinische Szene scheint dafür recht offen zu sein. Wie erklärst du dir das?
Ja, es gibt viele Rapperinnen, die aktiv und sehr erfolgreich sind. Wir haben aber auch ein wichtiges Vorbild in der Frauen-Band Actitud Maria Marta, das haben wir als Frauen aus Argentinien stark deutlich vor Augen. Die hat uns ermutigt, zu rappen, wir hatten einen Orientierungspunkt. Die Frauen hier folgen einem italienischen Erbe, das hat eine Kraft, die imponieren kann. Wir sind weit entfernt von einem Matriarchat, aber es gibt einen starken feministischen Kampf in Argentinien. Das gleiche gilt für Chile. Ich habe gerade erst mit Anita Tijoux über den Machismo in der Mainstream-Rapszene gesprochen. Auch in Chile fehlen im Rap Männer, die ihre Stimme für Homosexualität erheben; es gibt kaum offen schwule Rapper. Wenn man in der Mainstream-Rapszene über dieses Thema spricht, drehen sich die meisten um und gehen.

Lass uns über Argentinien reden: Wie entwickelt sich die Szene dort?
Rap ist am Wachsen. Viele Rapper und Rapperinnen haben inzwischen Erfolg, Producer und unabhängige Studios entwickeln sich ständig weiter und tragen zu diesem Wachstum bei. Durch das Internet ist alles einfacher geworden, Musik kennt keine Landesgrenzen mehr. Es ist aber immer noch ein Problem, hier Rapkonzerte zu veranstalten, da uns die Stadtverwaltung in Buenos Aires viele Steine in den Weg legt. Man muss natürlich auch proben und Räume anmieten, das alles kostet Geld – und das macht die Sache schwierig.

Ist es möglich, Rap in Argentinien auf einem Independent-Level zu machen und davon zu leben?
Es geht, aber es ist sehr viel Arbeit und besteht aus vielen kleinen Schritten. Man muss eine Menge Zeit am Rechner verbringen, Geld für Promo ausgeben, um sich sichtbar zu machen. Es gibt auch ein paar unabhängige Labels, die Angebote an Rapper aus dem Untergrund machen – die können aber bisher nicht viel anbieten. Man muss daher klar sagen, dass der Weg als Independent-Artist nach wie vor lang und beschwerlich ist.

»Die Yankees reden viel von Geld und materiellen Dingen – manchmal verdammt gut gerappt, der Inhalt ist aber eher oberflächlich.«

Die Inhalte von argentinischem Rap sind oft politisch, wenn man mal vom Cumbia-beeinflussten Partyrap absieht. Wie kommt das eigentlich?
Es gibt in Argentinien einen sehr lebendigen politischen Alltag: Ständig gibt es Demonstrationen, die Menschen interessieren sich einfach für Politik. Das liegt in unseren Genen. Es hängt mit dem Erbe unserer Geschichte zusammen: Hier gab es politische Kämpfe, militante Bewegungen – und diese Dinge leben in uns fort. Das nehmen wir mit der Muttermilch auf. Und aktuelle Entwicklungen bekomme ich selbstverständlich auch mit: die Finanzkrise von 2001, die 30.000 ­Menschen, die während der Militärdiktatur der Siebziger-­ und Achtzigerjahre verschwunden sind – all diese Dinge bleiben an uns hängen, im ­Bewusstsein, auf unserer Haut – und ­beeinflussen uns und mich in unserer Musik auf diese Weise. Aber es müsste mal wieder ein großer Ruck durchs Land gehen. So etwas fehlt leider noch.

Wie wirken sich diese Geschichte und dieser Einfluss konkret auf deine Musik aus?
In meinen Songs zeigt sich oft ein politischer Unterton, weil ich daran glaube, dass künstlerischer Ausdruck immer auch politisch ist. Selbst wenn man das gar nicht merkt oder will, positioniert man sich zumindest unfreiwillig. Letztens habe ich irgendwo gelesen: Alles, was frei ist, ist politisch. Ich glaube, dass alle Formen des Ausdrucks in einen historischen Kontext eingebettet sind. Mein politischer Ausdruck ist poetisch, ich schreibe schließlich Poesie. Aber natürlich wird das beeinflusst von allem, was ich fühle, und von dem, was passiert. Es gibt andere Songs von mir, die von Liebe handeln, vom Feiern und Spaß haben, vom Reisen und so weiter – ich schreibe über alles. Aber in allem findet man die politische Situation der Ungerechtigkeit in Recht und Gesellschaft. Ich interessiere mich und fühle das, daher kann man das in meinen Songs raushören.

Mit Ausnahme von Brasilien spricht der gesamte südamerikanische Kontinent Spanisch. Wie wirkt sich das auf die Reichweite von Rap aus den einzelnen Ländern aus?
Der Umstand, dass die Menschen in ganz Lateinamerika die gleiche Sprache sprechen, ist meiner Meinung nach wunderbar und eint uns auf eine Weise. Wir sollten anfangen, das zu nutzen und neue Kommunikationsnetze aufzubauen, um revolutionäre Aktionen vorzubereiten. Die universale Sprache des Kontinents – das ist schon ein enormer Vorteil und sorgt dafür, dass Künstler Ländergrenzen leichter überwinden können.

 
Text: Vincent Lindig

Dieses Interview erschien in JUICE #170 (hier versandkostenfrei nachbestellen) im Rahmen unserer Reihe #HHRTW. JUICE-Cover-170-groß