Kalim – Thronfolger // Review

Kalim, Thronfolger, Review

(Alles oder Nix Records / Groove Attack)

Hamburg-Ost, kalter Norden. Kalim sitzt im Trap-Haus auf Kilopaketen und dem High seines Lebens, in seiner Hand ein volles Magazin und eine leere Flasche Bombay Gin. Der Beat setzt ein, und eine epische Stadtrundfahrt durch die Hanse­stadt beginnt: eine Nacht-und-Nebel-Aktion, bei der es keine Zeugen gibt, die jeden zum Täter macht. Die Odyssee des ältesten Sohnes einer afghanischen Einwandererfamilie durch die Mad City Hamburg. Das Szenario und Temperament von »Thronfolger« erinnert entfernt an Kendrick Lamars Majordebüt. Kalims Bildsprache ist ähnlich unmittelbar: »Starke Kontraste auf’m Steindamm/Crack-Nutten-Träume verfließen im weißen Treibsand« (»6LITA«). Wie bei der Comptoner Coming-of-Age-­Geschichte kann sich hinter jedem Block eine zweite Ebene auftun, die Ghetto-Glorifizierung einem das Rückgrat brechen und in der Sackgasse enden. Wenn er nicht Räuber und Gendarm mit Xatar und der Soko spielt, Tresis und 31er mit Luciano, Gzuz und Gringo44 jagt, sitzt der AON-­Capo im abgeranzten Ticker-Appartement, wo die Albträume aufpoppen, das Gewissen einsetzt und alles in Frage gestellt wird: »Vielleicht ist das meine Strafe, für das Handeln mit Tüten?« (»vvv«) – die Hood als Hölle. Diese reflexiven Momente und Widersprüche entblößt Kalim inbrünstig und desillusio­niert. Im Gegenteil zum Vorgängeralbum, dem dystopischen Kiezklassiker »Odyssee 579«, bricht die Wolkendecke sogar einige Male auf. Für G-Funk-Spritztouren mit Ace Tee (»Bis um 4«), der Feierabendfiesta mit dem Lieblingssänger deines Lieblingsrappers Trettmann (»Glitz & Glamour«), After Hours mit Bausa (»Heimgehen«) und »Lila Regen«. Doch es wird kein Happy End auf der Reeperbahn geben, keine Liebe und keinen Schlaf. Der Zeiger bleibt auf vier Uhr stehen, bis der letzte Junkie an die Tür hämmert und Kalims inneren Biggie auf stolperndem Boombap-Blues weckt. Auch eine unnötige N-Bombe auf »1994« und die nur vier Solotracks ändern nichts an Kalims momentanem Alleinstellungsmerkmal: Er rappt Milieu-Schauermärchen authen­tischer und atmosphärischer als der Skimasken-Type-Rapper deines Vertrauens. Mit »Thronfolger« krönt er sich zum Albumkünstler und komplexesten Straßenrapper seit Haftbefehl.

Thronfolger (Limited Deluxe Edition)
  • KALIM, Thronfolger (Limited Deluxe Edition)
  • Alles Oder Nix Records (Groove Attack)
  • Audio CD

TEILEN

JUICE-Redakteur.