A Tribe Called Quest – We Got It From Here … Thank You 4 Your Service // Review

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(Epic / Sony Music)

»I was raised by A Tribe Called Quest«, stellte Kanye West kürzlich bei seinem Ausraster auf der vielbeachteten »Saint Pablo«-Tour schier beiläufig klar. Und wenn einer der einfluss­reichsten Musiker der letzten 15 Jahre derartiges kundtut, dürften auch Spätgeborene erahnen: A Tribe Called Quest sind Legenden. Seit 18 Jahren hatten alle Freunde des Nineties-Rap darauf gewartet, dass Q-Tip, Phife Dawg, Ali Shaheed Muhammad und Jarobi White ihre musikalische Genialität noch einmal bündeln könnten – schuldeten sie ihrem Label doch noch ein letztes Album. Die zahlreichen, oft an Streit gescheiterten Comebackversuche und der Tod von Phife Dawg im März 2016 katapultierten diese Hoffnung allerdings schnell zurück ins Reich der Träume. Und plötzlich erscheint aus dem Nichts im November ein finales ATCQ-Album. Tatsächlich könnte das musikalische wie gesellschaftliche Klima in den USA 2016 kaum passender für eine Tribe-LP sein. Der wachsende Unmut der schwarzen Community über Alltagsrassismus sowie die aufkeimende Politisierung von HipHop um Conscious-Alben wie »To Pimp A Butterfly« und der Wahlsieg von Donald Trump wenige Tage vor Release (dessen Ausmaße hier in beängstigender Präzision auf dem 2015 recordeten Song »We The People …« prophezeit werden) haben ATCQ relevanter denn je gemacht. Auf »We Got It From Here … Thank You 4 Your Service« befinden sich die großen Themen, die der Tribe in seiner nahbaren Art schon immer angesprochen hat. Gentrifizierungsprobleme werden metaphorisiert (»There ain’t a space program for niggas«), der Überlebenskampf im Kapita­lismus wird durch den Namen eines Schlafmittels bebildert (»Melatonin good enough to eat«), wenn Tip, Jarobi und Phife nicht gerade die politische Großlage mit Kendrick Lamar sezieren (»Conrad Tokyo, Sapporo, pistachio«). »We Got It From Here …« ist aber vor allem ein eklektisches Bekenntnis zur Natürlichkeit. Klar, vier Mittvierziger haben andere Ansprüche an ihr Leben und ihre Musik als Lil Yachty und das Sailing Team, doch agiert Nostalgie hier nicht als glorifizierter Happy Place für Ewiggestrige, sondern als Bezugsrahmen für ein Statement im Hier und Jetzt. Es ist genau diese Mischung aus Geschichts- und Kulturbewusstsein, die ATCQ immer Respekt im Hörsaal wie in der Hood einbrachte. Mit der beinahe politischen Sample-Wahl (u.a. Can, Black Sabbath, Malcom McLaren), der Integration von Rockmusikern, Jazzern oder Rappern – Consequence, Busta Rhymes, Kanye West, Anderson .Paak, Jack White und Elton John (!) – und dem erfrischenden, eher auf Musikalität ausgelegten Mic-Passing der Rap-Protagonisten hat Mastermind Q-Tip hier keine Zeitgeist-Anbiederung, sondern schlichtweg die Quintessenz von ATCQ destilliert. Der unbeschwerte Lo-Fi-Jazz von »Low End Theory«, die straßentaugliche HipHop-Dynamik von »Midnight ­Marauders« und die idealistischen Pop-Skelette von »Beats, Rhymes & Life« fusionieren hier in finaler Perfektion zu einem musikalischen Zustand, den der Tribe schon auf seinem sperrigen Spielkind-Debüt »People’s Instinctive Travels …« anvisiert hatte: Zeitlosigkeit. Weder funktionieren hier Subgenre-Bezeichnungen wie Boombap oder Trap, künstliche Kategorien wie Studenten- oder Straßenrap, noch die Frage nach einem Ablaufdatum. »We Got It From Here …« ist kein Teil des Universums, es ist sein eigener Kosmos – ein Ort, an dem Gangstarapper neben Hochschulprofessoren in der einenden Kraft des perfekten Beats für eine bessere Welt einstehen. Nicht ihr, sondern wir haben zu danken, Tribe.

Text: Fionn Birr