Credibil: »Ich sterbe lieber, als nicht meine Meinung zu sagen« // Interview

Credibil war mit seiner »Renæssance« etwas zu früh dran. Nur zwei Jahre nach seinem 2015 erschienenen Debütalbum hat sich der innovative Charakter von Deutschrap erschöpft. Vieles klingt gleich, wenige Songs stechen aus der wöchentlich mit Releases neu bestückten imaginären Shishabar-Playlist heraus. Shishabars gibt es natürlich auch im Frankfurter Bahnhofsviertel, aber als Rapper von dort leistet man sich kein Fake-­Karibik-Feeling. Es geht um Inhalte, das war schon bei Moses Pelham so. Credibil führt diese Tradition der Frankfurter Schule auf seinem neuen Album »Semikolon« fort und versucht sich erneut an einer musikalischen Re-Kultivierung von Deutschrap. Gleichzeitig will er seine Musik vereinfachen. Darum gibt es erst mal eine in Social Media und im Video zu »Wenn du willst« inszenierte Trashhochzeit in Las Vegas.

Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit in Vegas!
(lacht) Ich habe gar nicht geheiratet. Aber vielleicht ja Credibil.

Also trennst du Credibil von dir als Privatperson?
Klar. Ich würde nicht in der Öffentlichkeit heiraten. Ich habe Credibil heiraten lassen, weil es gut für unsere Story zum Album ist.

Wie hast du Las Vegas wahrgenommen?
Alles war verschoben. Ich hatte Jetlag, war immer gegen fünf wach. Aber sonst war es gut. Das ist dort echt eine Seifenblase mitten in der Wüste, eine konstruierte Stadt. Selbst unsere Uber-Fahrer haben gesagt, dass hier das Nirvana ist. In den Casinos gibt es keine Uhren, alle Fenster sind geschlossen und die Leute sind da, um Geld auszugeben. Aber ich bin nicht so viel in Vegas unterwegs gewesen. Wir sind angekommen, haben uns angezogen, geheiratet, die Leute auf der Straße haben uns dabei angefeuert, und dann sind wir recht schnell wieder nach Frankfurt abgehauen.

Was ist die »Frankfurter Schule« für dich, der du jetzt einen Song gewidmet hast?
Ehemals ist das eine philosophische Strömung, die von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer geprägt wurde. Auf Geheiß von Moses Pelham habe ich mir auch mal ein paar Beiträge von den beiden angehört. Aber für mich bedeutet die Frankfurter Schule was anderes.

Was denn?
Vega, Moses und ich haben diesen Song gemacht und sogar mal geplant, zusammen eine gemeinsame Rapcrew zu gründen. Frankfurter Schule war mein Wunschname für die Band. Hinter Frankfurter Schule verbirgt sich in Frankfurt, so gerade wie möglich seinen Weg zu gehen. Frankfurter Schule ist die Frankfurter Art.

Aber was ist denn die Art von Frankfurt?
Frankfurt ist Zuhause, Frankfurt ist direkt, Frankfurt ist durcheinander. Zwischen all diesen Sachen bin ich erwachsen geworden.

Und die Band mit Vega und Moses ­Pelham, was ist mit der?
Das ist ins Wasser gefallen. Vielleicht wird es da irgendwann noch mal was geben, aber im Moment kümmere ich mich um meine Musik. Diese Band ist eher ein Zurücklehnprojekt.

Trotzdem hattest du in letzter Zeit viel mit Moses Pelham zu tun, so scheint es. Warum erscheint dein neues Album eigentlich nicht auf seinem Label 3P?
Ich wollte mein Team so aufstellen, dass ich alle Freiheiten habe. Moses ist mein Berater und Manager. In der Regel kämpft ein Manager beim Label für die Interessen der Künstler. Moses hätte beide Rollen einnehmen und sich selbst bekämpfen müssen. (lacht)

Er ist einer der Urväter der Frankfurter Rap-Schule. Hast du dich früher mit seiner Musik beschäftigt?
Ich bin zu jung, um alles von ihm sofort mitbekommen zu haben. Ich bin 1994 geboren. 1998, als »Geteiltes Leid« rauskam, war ich also erst vier Jahre alt. Seine Musik habe ich mir erst im Nachhinein angehört, als ich die Deutschrap-History aufgearbeitet habe. Er hat mich abseits der Musik aber vor allem als Charakter krass inspiriert. Von Moses lerne ich viel über Moral und übers Menschsein.

»Ich hätte gerne jemanden kennengelernt, der meine Musik nie gehört hat.«

Mit 15 bist du nach Frankfurt gezogen, hast den Hauptbahnhof mitbekommen, dem du jetzt auch einen Track gewidmet hast. Was war der erste Clash an diesem Ort?
An eine Situation kann ich mich noch gut erinnern: Ein alter Freund ist zu Besuch gekommen und hatte am Bahnhof einen krassen Kulturschock. Er war das Gefühl auf der Taunusstraße nicht gewohnt. Es wurde gegenüber von uns dann plötzlich jemand umgeboxt. Das hat richtig gescheppert, man hat es überall gehört, und mein Besuch war entsetzt.

Du rappst auf deinem Album auch: »Ich komme von ganz unten.« Was bedeutet das in deinem Fall?
Meine Eltern sind geschieden, und ich bin bei meiner Mutter großgeworden. Damals ging bei ihr das typische Gastarbeiterding ab: Sprache lernen, Führerschein machen, gerade ein Kind bekommen und das andere, also ich, war schon auf dem Weg. Wenn es eine Klassenfahrt gab, haben sich alle gefreut. Nur ich musste darum kämpfen, das Geld zusammenzubekommen, um überhaupt mitfahren zu können. Manchmal wurde bei uns die Heizung abgedreht, weil wir die Nachzahlung nicht stemmen konnten. Das bedeutet für mich »ganz unten«. Es geht vor allem um finanzielle Engpässe, aber zum Glück habe ich eine stabile Mutter.

Das hört man. Darum geht es ziemlich oft in deinen Songs.
Ahzumjot hat mir gesagt, dass er nie gecheckt hat, woher ich meinen eigentümlichen Charakter habe. Dann hat er ein, zwei Sätze mit meiner Mutter gesprochen und sofort verstanden, wie ich so werden konnte, wie ich heute bin. Charakterlich bin ich meiner Mutter sehr ähnlich.

Dein Vater und dein Stiefvater sind ­dagegen kaum ein Thema.
Ich habe zu beiden keinen Kontakt. Mein Stiefvater hat Anfang des Jahres das Haus verlassen. Und mein Vater hat sich Instagram gemacht, dann habe ich ihn blockiert. Das war’s. Das ist kein Thema, über das ich sprechen muss.

Es gibt eine Line auf dem Album über deinen Stiefvater …
… »Dein Schwiegervater macht auf krass und schlau, mein Stiefvater nahm Knast in Kauf.«

Du beschäftigst dich, seit du 18 Jahre alt bist, nur mit Musik, während deine Altersgenossen nach Neuseeland fahren, um sich selbst zu finden, studieren, »geregelt arbeiten«. Hast du in den letzten Jahren was verpasst?
Leute fliegen nach Neuseeland, um sich selbst zu finden, ich schaue aufs leere Blatt – und es löst in mir dasselbe aus. Ich glaube nicht, dass ich was verpasst habe. Ich hätte nur gerne die Möglichkeit gehabt, mal eine Frau kennenzulernen, ohne dass mich ihr gleich jemand als Credibil vorstellt. Ich hätte gerne jemanden kennengelernt, der meine Musik nie gehört hat. Ich denke nämlich, dass die Leute danach glauben, mich zu kennen. Darin verarbeite ich aber nur meine eigene Wahrnehmung von mir selbst, und ich kann beeinflussen, was mein Gegenüber über mich weiß. Dieses Heiraten-Ding ist genau das. Die Leute denken, dass ich geheiratet hätte, aber eigentlich ist gar nichts passiert. Außer vielleicht etwas positive PR.

Dein zweites Album, für das es positive PR ist, hast du schon 2016 angekündigt. In der Zwischenzeit kam ein Hörspiel, das du mit dem WDR produziert hast. Dein Album kommt nun aber erst zwei Jahre später. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Wir waren nicht drei Jahre ruhig seit 2015. Das Album war 2016 wirklich schon fertig – zumindest eine erste Version. Wir haben dann eine Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung gemacht. Dann habe ich mit Universal gedealt. Dann gab es einen Bruch und ich bin zu Sony gegangen.

Also ist »Semikolon« das Album, das damals schon fertig war?
Nein, nur ein Teil davon. Ich habe noch mal an vielen Songs gearbeitet und gerade noch mal zehn Songs rumliegen. Ich wollte das Album weniger schwer wirken lassen. Es sollte weniger Musik enthalten, die ich skippen würde.

Was ist denn Musik, die du skippen würdest?
»Augenblick« zum Beispiel, oder andere Songs von mir, die krass deep sind. »Vallah« hat jetzt auch eine gewisse Tiefe, aber es klingt viel leichter. Ich glaube fest daran, dass das die Königsdisziplin ist: Schwere Kost zu vermitteln, ohne dass der Hörer merkt, dass er gerade was Schweres aufnimmt. Mit jedem Mal versuche ich einen leichteren Text mit schwererem Inhalt zu schreiben.

In den letzten drei Jahren hat sich viel gewandelt in der Szene. Der Zeitgeistsound klingt durch »Afrotrap« und »Cloudrap« anders. Veröffentlichungen sind mehr auf Streamingdienste ausgelegt. Singles sind plötzlich wichtig. Es gibt neue Stars. Hat dich das unter Druck gesetzt?
Nein. Ich will mich nicht unter Druck setzen lassen. Ich hatte den Gedanken natürlich auch, wollte auch mithalten, habe mich gefragt, was die anderen ausmacht. Irgendwann habe ich diese Gedanken über Bord geworfen und mich auf die Musik konzentriert, die ich mag. Ich habe zwei Studios gebaut, wovon ich eins wieder abreißen muss.

Abreißen?
Wegen Lärmschutz. Mein Vermieter hatte Probleme damit. Einfach auf meinen Geschmack zu achten war das, was sich in dieser Zeit gut angefühlt hat. Ich habe mich wieder gefühlt wie mit zwölf, hatte einfach Lust auf Rap. Competition ist dabei natürlich nicht schlecht. Wenn man sich selbst auf die Schulter klopfen kann, weil man sieht, dass man genauso gut ist wie die anderen, dann ist das geil. Nur weil ich zwei, drei Jahre weg war, heißt das nicht, dass ich keine Musik gemacht habe. Und um die geht es. Auch dann, wenn die Aufmerksamkeit abnimmt.

Du positionierst dich schon immer zu politischen Themen. Zur Situation der Kurden oder zu Rassismus zum Beispiel. Warum machst du das?
Wenn mir was auf dem Herzen liegt, dann sterbe ich lieber, als das nicht zu sagen. So ist es auch in meiner Musik. »Semikolon« beruht nicht nur darauf, wofür ich gefeiert werde. Es ist etwas, was ich selbst feiere. Ich hoffe, diese Liebe kann ich mit den Leuten teilen. Aber du könntest mir jede politische Frage stellen. Ich würde mich eher in eine missliche Lage bringen, als nicht meine Meinung zu diesem Thema zu äußern und dann mit Stirnfalten einschlafen zu müssen. Das ist ein kleiner Tick von mir. Ich rede anderen nicht nach dem Mund.

Gerade wird öffentlich wieder viel von Betroffenen über Rassismus diskutiert, und in deiner Musik deutetest du auch Rassismuserfahrungen an.
Ab einem gewissen Alter haben sich die Leute zum Glück nicht mehr getraut, mich direkt zu beleidigen. Sie lassen ihrem Rassismus in meiner Gegenwart nicht mehr freien Lauf. Ich habe aber eine gute Line dazu: »Fünfte Klasse Rosenschow, Funkhausen fragt, was ich hier such’/ Brüder lachen, AfD-Kampagnenwähler stimmen zu.«

Worauf beziehst du dich da?
Es geht um meine Mathelehrerin. Sie hat vor der ganzen Klasse gefragt, was ich auf der Realschule zu suchen habe, nur weil ich meine Hausaufgaben mal vergessen hatte. Diese Meinung kann sie natürlich haben. Sie kann entweder zur Lösung des Problems beitragen, indem sie mich in Ruhe darauf aufmerksam macht, dass Hausaufgaben wichtig sind. Dann hätte ich verstanden, dass diese Frau mein Bestes will, und es hätte Klick gemacht. Oder aber sie ruft mich vor der Klasse auf und stellt mich als Dummkopf dar. So was habe ich immer gehasst: Wenn Leute mich aufgrund ihrer Vorurteile unterschätzt haben. Wenn Menschen denken, dass ich in eine Schublade gehöre.

Wie kämpfst du gegen dieses Schubladendenken und die Klischees an?
Ich würde nie Menschen wegen ihrer Herkunft über einen Kamm scheren. Ich bin früher zusammen mit meinem Vater und auch später alleine in Frankfurt auf Demos gegen Nazis gegangen. Ich würde aber nicht auf die Idee kommen, einfach irgendeinen Deutschen Nazi zu nennen, weil er deutsch ist. Die Leute, die bei den Demos zusammen mit mir Seite an Seite vor der Polizei standen und sich gegen die Nazis eingesetzt haben, waren oft Deutsche oder Juden. Ich würde niemals denjenigen, der mit mir zusammen gegen diese Leute demonstriert, mit denen auf der anderen Seite gleichsetzen.

Es gibt den Song »Solange es sich dreht«. Inwiefern willst du denn selbst gesellschaftlich was drehen?
Eigentlich geht es auf dem Song darum, dass ich in meiner Welt Probleme habe. Solange ich Alkohol trinke und es sich ein bisschen dreht, ist das aber schon okay. Aber du hast auch recht, dass man es mit »etwas drehen«, also etwas machen, gleichsetzen kann.

Was willst du also drehen?
Ich werde vieles bei mir drehen. Wichtig ist, dass ich mir meiner Pflicht bewusst werde, Musik zu machen. Eine Zeit lang habe ich das hinten angestellt, weil ich an der Business-Seite und an meiner Außenwahrnehmung interessiert war. Aber das einzige, was mich wirklich voranbringt, ist Musik.

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #189. Die aktuelle Ausgabe ist versandkostenfrei im Shop zu beziehen.

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