Yung Hurn: 1 großer Dichter // Feature

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Yung Hurn

Was tun, wenn man erkennt, dass die besten Reime der HipHop-Geschichte schon geschrieben sind? Wenn man weiß, dass man niemals so dolle Sprüche kloppen können wird wie Kollegah? Die beste Lösung: Man reißt schnell mal alle Genre-Grundmauern ein und tippt seine Texte von nun an nur noch schwer berauscht im Schutze der Nacht und in weniger als dreißig Minuten in sein Telefon hinein. Im besten Fall entsteht unter diesen Voraussetzungen faszinierende Gegenwartsmusik in einer Linie mit Lil B und Young Thug, sowie Spooky Black und Black Kray. So wie bei Yung Hurn.

Eine vielfach in Sachen Yung Hurn getroffene Aussage ist ja die: Der junge Mann macht Dada. Aber was meint dieser Begriff aus der jüngeren Kunstgeschichte eigentlich? Eine künstlerische Bewegung, die sinnlose Albernheiten produziert und behauptet, diese seien Kunst? So sahen und sehen zumindest seine Kritiker den Dadaismus, über den Künstler und Schriftsteller wie Hans Arp und Hugo Ball ab 1916 versuchten, das langsam in den großen Museen verrottende Kunstverständnis von damals mitsamt der allgemein als verkrustet wahrgenommenen Gesellschaft abzuschaffen. Durch Spontanität und Willkür versuchte man auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkrieges, sich inmitten einer durch Hass und Wahnsinn geistig umnachteten Gesellschaft künstlerisch auszudrücken und zudem das Realismusgebot des damaligen Kunst-Establishments zu unterwandern.

Die Ähnlichkeiten zum Wiener Yung Hurn sind dann doch frappierend. Kurzer Faktencheck: Deutschland, Anfang 2016. Parteipolitiker von CDU bis Linke fordern schärfere Einwanderungsgesetze, SPD-Chef Gabriel sagt Stoiber-Sätze und ausgerechnet Angela Merkel scheint die Einzige zu sein, deren moralischer Kompass nicht völlig spinnt. Die AfD ist mittlerweile eine politische Kraft, die man ernst nehmen muss, der Pegida-Lutz ist immer noch nicht ausgewiesen und spätestens nach der Sexmob-Diskussion und dem jüngsten Anschlag in Istanbul ist augenscheinlich: So nah am rassistischen Abgrund war die neoliberale Bundesrepublik vielleicht nicht mal 1992, als »besorgte Bürger« in Rostock-Lichtenhagen mit Molotowcocktails um sich schmissen.

Selbstverständlich kann man auch als Rapper gar nicht anders, als sich zu dieser Realität zu positionieren. Selbst die, die gar nichts sagen, sagen was, nämlich: Ich bin rat- und hilflos, oder: Ich will niemanden auf die Füße treten, also sage ich lieber gar nichts. Dann sind da die, die sich explizit zur Beschissenheit der Lage äußern: K.I.Z., Zugezogen Maskulin, die Antilopen Gang, aber auch weniger offensichtlich politische Rapper wie MC Bomber und viele mehr. Und dann gibt es eben Yung Hurn, dem von Kritikern vorgehalten wird, seine Musik sei dumm und inhaltslos. Tatsächlich erleichtert der Master of Ceremony aus der Donaustadt auf seinen Mixtapes »22« und »Krocha Tape« Rapmusik um sein Allerheiligstes: das im Pop-Vergleich ungewöhnlich hohe Textaufkommen. Sein bisher größter Song »Nein« besteht nur aus einer Handvoll Zeilen. Die Botschaft: Nein! Auch die Krisen der Welt sind in seiner Musik reichlich egal. Auf der Textebene geht es nur um Hedonismus. Oder genauer: um Drogen und Frauen. Die Songtitel lesen sich so: »Crack«, »Pillen«, »Molly Pt.3«. In einem Song heißt es: »Ganz Wien träumt vom Kokain«. Der Song ist natürlich eine eindeutige Falco-Referenz, fast schon ein Cover. Nur eben in Chopped-&-Screwed-Ästhetik.

In »Opernsänger« wiederum behauptet ein auf Autotune singender Yung Hurn: »Baby, wenn du willst, dann werd ich Opernsänger. Nur für dich und deine Eltern.« Ein Witz? Ganz so leicht ist es nicht. Natürlich könnte jemandem wie Yung Hurn kaum etwas ferner liegen als der heilige Ernst, mit dem die meisten Musiker ihre Kunst betreiben. Darüber hinaus sind die beiden Mixtapes dieses jungen Mannes, der auch in seinen bisher seltenen Interviews nicht erzählt, wie alt er ist und wie er mit bürgerlichem Namen heißt, aber auch ziemlich treffende Spiegelungen einer Realität. Noch mal: Einer Realität, denn selbstverständlich gibt es nicht nur die eine. Klar, der dreißig Jahre alte Kool-Savas- oder Curse-Fan erlebt eine andere Realität als viele Fans von Yung Hurn. Denn im Gegensatz zu Money Boy und der GUDG, die viele Hörer schon immer als gerappte Comedy wahrnahmen, wird Yung Hurn auch als Prophet eines tatsächlich gelebten Lifestyles rezipiert. Auf Facebook schrieb einer: »Das Intro [vom »Krochatape«; Anm. d. Verf.] verkörpert einfach komplett, wie wir’s hier in Wien machen.«

Tatsächlich lässt sich beobachten, dass momentan insbesondere Milieus, denen eigentlich nicht alles egal ist, viel feiern und harte Drogen konsumieren. Menschen, die sich durchaus als politisch bezeichnen würden, tagsüber in Flüchtlingszentren kochen und ihre Wohnungen mit Familien aus Syrien teilen, hängen nachts auf der Clubtoilette und ballern Koks. Ein Widerspruch in sich, aber kein historisch einzigartiger. So erlebten europäische Großstädte wie Zürich, Wien und Berlin zwischen 1916 und den späten Zwanzigern durch unter anderem Dada und Jazz eine kulturelle Hochphase sondergleichen. Auch damals feierten progressive Bürger oft und exzessiv, wohl auch um temporär zu verdrängen, wie fragil die Welt um sie herum geworden war. Und dann kam der Nationalsozialismus.

 

Aber auch auf einer zweiten Ebene, die nicht uns als Teil der Gesellschaft, aber uns als HipHop-Szene etwas angeht, funktioniert die dreiste Verknüpfung von Yung Hurn und Dadaismus ganz hervorragend, denn: Radikaler als alle anderen widersetzt Hurn sich dem herrschenden Konservativismus in der Szene. Um das Ganze mal von der Theorie in die Praxis zu bringen: Ihr glaubt, Rapper müssten ihre ureigenen Geschichten erzählen? Ihr glaubt, Rapper dürften nichts erfinden? Ihr glaubt, Rapper müssten korrekte Reime setzen? Ihr glaubt, es gäbe objektive Kriterien dafür, was ein schlechter und was ein guter Rapper ist? Dann seid ihr konservativ. Ihr versucht etwas zu bewahren, indem ihr von Rappern fordert, sie sollen auf ewig den großen Ikonen der Kultur nacheifern, sich unseren Göttern KRS-One, Big L, Eazy-E und Eminem ergeben und anerkennen, dass sie deren Können nie erreichen werden.

Derselbe rückwärtsgewandte Geist, der heute neben Yung Hurn auch Crack Ignaz, LGoony, Hustensaft Jüngling und der wahrscheinlich auf ewig zum Vergessen werden verdammten Based-Legende Young Krillin entgegenschwappt, wandte sich in der Vergangenheit natürlich auch gegen Kool Savas und Taktlo$$, Sido und Bushido, Casper und Marteria, als diese sich anschickten, das Genre zu verändern. In dieser Tradition steht heute die mit Aggro Berlin sozialisierte Generation mit verschränkten Armen vor den Toren des Kleinstadt gewordenen, ehemaligen Dorfes namens HipHop und spricht mit tiefer Stimme: Ihr nicht!

Weil solche Gatekeeper dem Fortschritt gegenüber schon immer machtlos waren, redeten die Deutschrap-Dorfältesten vor einigen Wochen trotzdem in jedem Jahresrückblick über das Phänomen mit Taufnamen Cloud-Rap. Doch obwohl nicht nur LGoony, sondern auch Yung Hurn in dieser kleinen Riege erste Fans haben, wurde immer wieder deutlich, dass keiner der HipHop-Weisen diesen so richtig zu verstehen, oder sagen wir lieber: zu fühlen weiß. Dabei ist es eigentlich leicht: Ein junger Kerl wird im Internet-Pop sozialisiert, hört also schon früh nicht mehr nur das gegenwärtige Zeug, sondern auch zum Beispiel Three 6 Mafia und natürlich irgendwann Lil B, ohne den sowieso kein Gespräch über jenen Rap möglich ist, aus dem in jedem Ton und (fast) jeder Zeile das Leben junger Menschen mit dem Netz spricht. Yung Hurn vertont dieses Leben am radikalsten. Während in LGoony und Crack Ignaz auch noch ein zweites Herz schlägt, eines, das es liebt, auch Rap-Traditionen zu zitieren und zu zelebrieren, lebt der Wiener ganz im Jetzt, ohne Rücksicht auf und im bewussten Widerspruch zur beschissenen Realität. Für ihn mag und sollte das egal sein, aber mit seiner im nächtlichen Rausch hingerotzten, von spontanen Geistesblitzen und Albernheiten durchzogenen Musik ist er genau die exzentrische Lichtgestalt, die deutschsprachigem HipHop gefehlt hat, seitdem Taktlo$$ keine Platten mehr macht.

 
Foto: Maša Stanic

Dieses Feature ist erschienen in JUICE #173 – hier versandkostenfrei nachbestellen.JUICE 173