Young M.A: »P***y, I’m a bully and a boss« // Feature

Der Begriff »Herstory« in Anlehnung an das englische »History« ist ein Teil der Geschichtsforschung, der sich Frauen widmet, deren Anteil am Weltgeschehen in den Geschichts­büchern seit jeher gerne von den Herren der Schöpfung marginalisiert wird. Auch im Rap ist das nicht anders: Rapperinnen wie Missy Elliott oder Nicki Minaj erreichen zwar Welt­erfolg, doch konkurrieren in Complex-Top-Ten-Listen lediglich gegeneinander, als wäre Rap von Frauen de facto ein eigenes Subgenre. Hier und da erscheint mal die ­obligatorische Foxy Brown an fünfundfünfzigster Stelle, um sich politisch korrekter geben zu ­können. Klar, rein statistisch gesehen gibt es einfach weniger weibliche Rapper. Allerdings ist allein die Bezeichnung Femcee eine Grenze, die beide Geschlechter im HipHop feinsäuberlich voneinander trennt.

Eine Karriere, die momentan diese Grenze und somit auch die ihres Publikum verwischt, ist die der New Yorkerin Young M.A, die letztes Jahr mit ihrem Hit »OOOUUU« viral ging und die Billboard-Hot-100-Charts auf Platz 19 enterte. Das Video und vielmehr ihr darin gezeigtes Tomboy-Auftreten irritierte das neugewonnene Publikum, das aufgrund ihrer tiefen Stimme und ihrer Texte über Frauen davon ausging, es handele sich bei Young M.A um einen Mann. Wie hätte man es angesichts der Hyperweiblichkeit, die man von Ikone Lil’ Kim und der Allgegenwärtigkeit hochgepitchter Soundcloud-Rapper gewohnt war, besser wissen sollen? Schließlich waren sie ja alle da, die durchexerzierten Insignien eines schon muffig durchgeschwitzten Männer-Rapvideos: die bedrohlichen Jungs im Hintergrund, Knarren und obszön anmutende Geldbündel. Young M.A rappt leger auf einem aufs Wesentliche runtergeschraubten Beat, als ob sie nicht zögern würde, ihre Waffe zu ziehen, falls ihr jemand querkommt. Sie rappt schnörkellos über ihre Heimat Brooklyn, Sex und Drogen, ihr Rapstil ist unberührt von komplexen Reimketten oder Triolengeblubber: »These haters on my body shake em’ off/Pussy I’m a bully and a boss/I’m killing them, sorry for your loss/I just caught a body, Randy Moss«. Geht man von den Youtube-Kommentaren aus, schienen die meisten Nutzer ertappt, wenn nicht sogar entwaffnet, von der banalen Erkenntnis, dass eine lesbische Frau aus Brooklyn natürlich genauso eindrücklich und schroff von der Härte ihres Lifestyles erzählen kann wie ein Mann. »Herstory« heißt zufälligerweise auch Young M.As neueste EP, die eine Brücke zum bald erscheinenden Debütalbum darstellen soll. Dabei ist »Herstory« kein feministisches Pamphlet, sondern eine intime Erzählung aus Young M.As bisherigem Leben.

Who’s that girl?

Young M.A, geborene Katorah Marrero, wurde 1992 in Brooklyn geboren. Weil die alleinerzie­h­ende Mutter ihre Kinder vor den berüchtigten Schulen dort beschützen wollte, zogen M.A und ihr älterer Bruder ein paar Jahre später ins beschaulichere Virginia. Die siebenjährige M.A begann, ihren Bruder zu idolisieren, und begeisterte sich für seine Hobbys Rap und Sport. Mit neun Jahren wurde 50 Cents Klassiker »Get Rich Or Die Tryin’« zu einem Schlüsselerlebnis, das dafür sorgte, dass sie selbst anfing, Texte zu schreiben. Als ihr jedoch von ihrem Umfeld aus Virginia aufgedrückt wurde, wie weiblich sie sich als Rapperin zu geben habe, entwickelte sie Unmut. Sie hielt nichts von der zur Schau gestellten Erotik einer Foxy Brown, viel eher wollte sie die Rauheit einer Eve adaptieren. Angesichts dieses Drucks verlor sie anschließend die Lust an HipHop und zog mit 16 wieder nach Brooklyn. Als ihr Bruder ein Jahr später aufgrund von Gangkriminalität sein Leben ließ, fiel sie in ein tiefes Loch. M.As Mutter bemerkte zu dieser Zeit, dass ihrer Tochter in ihrer blinden Wut drohte, ebenfalls in jenes Gangmilieu abzurutschen, das ihren Bruder auf dem Gewissen hatte. Erst in dem Moment, als M.A erkannte, dass die verloren geglaubte Musik ein Ventil zur Trauerbewältigung sein könnte, begann sie 2009 wieder zu rappen. Diesmal ohne auf die Ratschläge männlicher Kollegen zu hören, die ihr zuvor zu einer Karriere als Prinzesschen geraten hatten. Inspiriert von der Gangmitgliedschaft der Reds ihres Bruders inszenierte sie sich als Teil des RedLyfe Movements als offensive Gangster-Rapperin.  

Ich, immer

In den Folgejahren baute sie sich eine Identität als eigenständige Künstlerin auf. Ihre Beats wechselten zwischen modernen, aber etwas blechernen Drillrap-Klängen und Gospel-Samples, ihre Texte positionierten sich zwischen zwinkernden Punchlines, lässigem Sextalk und Introspektion. Das reichte für lokalen Mixtape-Fame in Brooklyn, aber große Aufmerksamkeit erlangte sie erst 2014 durch eine Kontroverse: Den rabiaten »Brooklyn (Chiraq) Freestyle« bewertete der Autor und Ökonom Dr. Boyce Watkins als höchst problematische Propaganda für einen schwarzen Genozid. Young M.A blieb unbeeindruckt, sie will kein pädagogischer Conscious Rapper sein und muss es auch gar nicht. Sie ist kein Nerd, keine Silbenzählerin und auch kein Lyricist im engeren Sinne. Vielmehr besticht sie durch ihre No-Bullshit-Attitüde, die sie mit ihrem Vorbild 50 Cent verbindet. Ihre Nonchalance ist es, die einen vor den Laptopbildschirm bannt. Sie ist keineswegs daran interessiert, ihre Gegend zu beschönigen, noch will sie sie clever analysieren. Und wie so oft, wenn man damit eine ältere, spießigere Generation provozieren kann, dreht man die Lautstärkeregler eben eine Stufe höher. Binnen kürzester Zeit erreichte das Video also Millionen Klicks und bot den idealen Nährboden für den Erfolg der Hitsingle ­»OOOUUU« ein Jahr später. Es ist sehr erfreulich und wichtig, dass eine lesbische Rapperin so viel Erfolg im amerikanischen Mainstream hat, aber es wäre kurzsichtig und schlichtweg falsch, wie so viele diesen Erfolg auf ihr Geschlecht und ihre Sexualität als Kuriosität zu reduzieren. Gerade jetzt, in Zeiten, in denen wahnsinnige Inszenierungspektakel à la Young Thug und politische Kunstmusik Marke Kendrick Lamar sowohl im Mainstream als auch im Underground ihr volles Potenzial erreichen, stillen Rapperinnen wie Young M.A den wachsenden Durst nach dickschädeligem Gangster-Rap. Der erfordert auch 2017 noch Authentizität und ein gesundes Selbstbewusstsein. Wofür M.A steht? »Me, always«! ◘

Text: Lukas Klemp
Foto: Cait Oppermann

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #181. Hier versandkostenfrei nachbestellen.

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