Young Krillin: »Wir hatten schon immer sehr unterschiedliche musikalische Vorstellungen« // Feature

Rap verkaufen? Hat Young Krillin nicht nötig. Er hat auch so 1 Berg Money auf der hohen Kante. Wobei dieser eventuell aus Geldscheinen besteht, eventuell auch nicht – in seiner Welt ist vieles möglich. Zum Beispiel, dass ein Salzburger das Based-sein dem deutsch-sprachigen Rap injiziert und binnen fünf Jahren von der Randnotiz zu einem Künstler avanciert, ohne den die gegenwärtige, junge Rap-Avantgarde nicht denkbar wäre. Young Krillin, Rapper aus Salzburg, ist ein ausgezeichneter Kenner des Untergrunds von Ostküste bis Südstaaten – und eine der tragenden Säulen der Rap-Crew vom Hanuschplatz, ohne die das »Zukunft«-Cover der letzten JUICE nicht denkbar gewesen wäre.

Young Krillin legt Wert darauf, dass bei ihm Künstlersein und Bürgersein strikt voneinander getrennt sind. »Nein, ich brauche das nicht, dass die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, wissen, dass ich Rapper bin«, erzählt er in seine iPhone-Kamera hinein. Bei seinem langjährigen Freund und Crew-Kollegen Crack Ignaz hat sich das mit der Anonymität freilich derweil erledigt, aber man hat das Gefühl, Young Krillin geht es ganz gut damit, dass er bis heute der Typ im Hintergrund ist. Er ist Künstler/Rapper immer dann, wenn er sich vor seinen Rechner setzt, nach neuer Musik sucht und parallel dazu seinen Twitter-Feed mit Sprachperlen füllt. Den Rest seines Lebens ist er keine öffentliche Person, aber immerhin eine, die im Unterbewusstsein die Tatsache mit sich tragen darf, dass deutsch-sprachiger Rap heute vermutlich anders klingen würde, hätte er nicht mit besagtem Ignaz K., sowie Däk Intellekt, DreXor und Lex Lugner eine Rapgemeinschaft gegründet, die sich mit ihrem Namen auf den Ferdinand-Hanusch-Platz an der Salzach beruft.

Seinen Anfang nahm alles im Internet. Vor allem über das Underground-Rap-Forum ugrap.de eignete sich Young Krillin Rap-Wissen an, von Anfang an gleichermaßen über Rap aus den Südstaaten und von der Eastcoast. In einem Interview bei All Good erzählte Krillin mal, wie er sich »Worst Comes To Worst« von den Dilated Peoples bei Amazon kaufen wollte, außerdem noch eine Jurassic-5-Platte vorgeschlagen bekam und schließlich beide bestellte – von da an war es um ihn geschehen.

Selbst zu rappen begann er schließlich 2011 wegen Lil B. Zunächst nannte er sich Jazzy Dick, einige Zeit später dann gab er sich den Namen des besten Freundes von Son Goku aus Dragonball Z und hängte ein Young dran. Der nonchalante professionelle Dilettantismus des Based God begeisterte Krillin – auch weil er ihm das Gefühl gab: »Das kann ich auch.«

Ungefähr zur selben Zeit begann sich eine kleine Salzburger Clique zu organisieren. Man teilte das Interesse an HipHop, auch das am selber rappen, aber in der Stadt gab es damals keinen Überbau, unter dem sich eine Szene hätte formieren können – also gründete man HVNUSCHPLVTZFLXW, damals noch keine Rap-Crew, sondern ein Blog für Rap aus Salzburg. »Den Ignaz kannte ich schon lange vorher.« Die anderen HPF-Mitglieder lernte Krillin übers Netz kennen. Die ersten Treffen der HPF-Gruppe, die sich langsam aber konsequent vom Blog weg und hin zu einer Rapcrew entwickelte, gab es im Real Life erst, nachdem man sich im Netz ausgetauscht hatte.

Das Bemerkenswerte an HVNUSCHPLVTZ-FLXW ist: Eigentlich sind sie gar keine wirkliche Rapcrew, zumindest wenn man sich unter diesem Begriff eine Gruppe junger Menschen mit ähnlichem bis identischem Musikgeschmack vorstellt, die ähnliche bis identische Musik macht. »Wir hatten schon immer sehr unterschiedliche musikalische Vorstellungen, weshalb wir auch gar nicht ständig auf den Releases der anderen gefeaturet sind«, erklärt Krillin im Interview. Die Betitelung »Kollektiv« passt deshalb besser zu HPF. Der gemeinsame Nenner von DreXor, der auch mal über ein düsteres Instrumental mit Vocal-Scratches à la »Vom Bordstein bis zur Skyline« rappt und Young Krillins auf Schrittgeschwindigkeit gedrosselten Raps über Rausch, Vergänglichkeit und Konsum liegt eher im Grundsätzlichen als in der Soundpalette. Der DIY-Ethos, das Selbstbewusstsein, sich genau zwischen österreichischer und deutscher HipHop-Szene seinen Platz zu suchen, das eint die HPF-Mitglieder – neben der gemeinsamen Heimat Salzburg. »Mittlerweile wohnen allerdings nur noch der Ignaz, Däk Intellekt und ich in Salzburg, die anderen hat es alle nach Wien verschlagen.« Dort hat sich in den vergangenen Monaten gewissermaßen auch eine zweite HPF-Generation zusammengerottet. Zu der gehört natürlich Yung Hurn, aber ebenso der über dessen Freundkreis in die Crew hineingeratene Meilner, der vor einigen Wochen mit seiner Videosingle »Immer Eis« zum ersten Mal ein paar Leute mehr aufhorchen ließ – und im erweiterten Kreis auch Hunney Pimp, die im vergangenen Herbst mit ihrem Mixtape »Zum Mond« eine spannende Wiener R’n’B/Rap-Adaption vorlegte. »All diese Leute kommen zu HPF dadurch, dass einer von uns den- oder diejenige kennenlernt und den anderen dann vorschlägt. Dann wird demokratisch darüber abgestimmt, ob er oder sie dazugehören darf.«

Allerdings seien diese Zugehörigkeiten eher lose Verabredungen, jeder Künstler darf und soll trotzdem für sich stehen. Bedarf, daran etwas zu ändern, sieht Krillin nicht. Ein paar HPF-Shirts? Warum nicht. Den Zwang, aus HVNUSCHPLVTZFLXW ein normales Label mit Buchhaltung zu machen sieht Krillin aber nicht. Und so wird es bei ihm weiter gehen wie bisher: Die Projekte nehmen, wie sie kommen; aufnehmen, ins Netz packen, weitermachen. Aktuell zum Beispiel eine Kollabo mit dem Rapper FKN SKZ und dem Produzenten-Duo einsnulleins, beide kennt Krillin über die Berg Money Gang. »Ich mag es ja nicht so gern, einzelne Songs rauszuhauen, weil ich selbst immer lieber ganze EPs oder Alben höre. Deshalb: Wir sammeln jetzt, bis wir genug Sachen beisammen haben, die zusammen Sinn ergeben.« Parallel arbeitet er aber auch mit Clefco und Fid Mella an einem weiteren Projekt. »Ich arbeite immer an dem Projekt weiter, bei dem ich am meisten Spaß habe.« Manchmal, so erzählt er, passiert es ihm auch, dass er einen Song zwei Jahre lang liegen lässt und dann doch noch raushaut.

Überhaupt ist Young Krillin ein Künstler, der sich stetig in einem interessanten Spannungsfeld bewegt: Eine klassische Rap-Sozialisation zwischen Dr. Dre und Consciousrap ergänzt sich mit der Liebe zu Lil B und einer netzaffinen Arbeitsweise, für die es nicht zwangsläufig notwendig ist, dass die beteiligten Künstler sich jemals getroffen haben, bevor sie dann beim ersten Videodreh aufeinandertreffen. Irgendwie steht Young Krillin gewissermaßen mit einem Bein in der Vergangenheit, trotzdem aber auf festen Rap-Füßen in der Gegenwart. Das macht sich darin bemerkbar, dass er im Vergleich zu den Jungspunden zwischen 17 und Anfang zwanzig, mit denen er sich häufig die Tracks teilt, mehr weiß über die Rapvergangenheit. In seiner Musik schlägt sich seine größere Erfahrung aber dennoch nicht in Konservativismus nieder – was ihn von vielen seiner Altersgenossen unterscheidet. Während diese irgendwann den Anschluss verlieren und versuchen, den Rap ihrer Jugend zu bewahren, bleibt Krillin mit der Gegenwart in Kontakt, indem er sich in geschlossenen Facebook-Gruppen rumtreibt und hier und da neue Talente ausfindig macht. Selbst wenn ihn auch in zwei Jahren nur noch ein paar tausend Menschen kennen: Der Beitrag, den Young Krillin für die Weiterentwicklung von deutschsprachigem HipHop geleistet hat, der wird immer bleiben. Ja, Young Krillin, du darfst dich zu Recht wie Lemmie fühlen. Oder halt wie Barbie, im rosa Cabrio.

Foto: Biberfocus

Dieses Feature erschien erstmals in der JUICE #179. JUICE #179 jetzt versandkostenfrei bestellen: