Yelawolf Interview

    Image ist nichts, Hunger ist alles

    Wo soll man eigentlich anfangen bei der Recherche für ein Interview mit Yelawolf? Soll man sich noch mal seiner eigentlich schon zur Genüge durchgekauten, aber immer noch irgendwie exotischen Herkunft widmen? Soll man noch einmal nachhaken, wie das jetzt eigentlich genau mit Eminem war? Ihn fragen, warum er wie ein Skaterboy rumläuft, aber trotzdem jede 808 -zwischen Ost- und Westküste mit seinen Features in Grund und Boden rappt? Kurzum: Warum er eigentlich so ein verdammt arschcooler und interessanter Typ ist? JUICE hat genau das gemacht. Denn der Buzz um den jungen Mann aus Alabama ist ungebrochen. Nach Features mit Juelz Santana, Bun B, Gucci Mane und Big Boi hat Yela mit einem neuen Deal bei Interscope auch wieder einen Majorvertrag in der Tasche.

    Als unser Autor Jan Wehn vor gut einem Jahr zuletzt mit Yelawolf sprach, sah die Situation freilich noch ganz anders aus: Abgeturnt von der Musikmaschinerie und den damit verbundenen Querelen der vergangenen Jahre, wollte Yela seine Geschäfte lieber unabhängig regeln. Der Grund: 2007 unterschrieb er bereits einen Vertrag bei Columbia, kurz darauf wurde Produzentenkoryphäe Rick Rubin dort jedoch Vizepräsident und strukturierte das Label komplett um. Yelas Vertrag war wertlos, enttäuscht verließ er das Label. Gemeinsam mit seinem Team ging es wieder Richtung Underground, das Indie-Imprint Ghet-O-Vision war die erste Anlaufstation.

    Eine ganz bewusste Entscheidung, die Früchte trug. Denn anstatt hilflos darauf zu warten, dass die unberechenbare Maschinerie irgendwann ein Releasedate ausspuckt, legte Yela auf „I Run“ von Slim Thug eine genauso unique Hook wie auf Juelz Santanas Bob Dylan-Adaption „Mixin’ Up The Medicine“. Plötzlich lief Yela auf allen wichtigen Radiostationen und war im TV zu sehen – seine konstante Präsenz nutzte der mittlerweile 30-Jährige und veröffentlichte im Frühjahr das „Trunk Muzik“-Mixtape. Es folgten Songs mit Raekwon, Jay Electronica oder Bizarre – und der Beweis, dass sich stetige Präsenz und Talent in Kombination mit einem schlüssigen Image am Ende doch auszahlen. Ähnlich wie bei Drake oder Nicki Minaj kreierte genau diese Kombination einen Bidding-War um den Alabama-Native, den Jimmy Iovine und seine Firma Interscope letztlich gewannen.


    Slim Thug Feat Yelawolf – I Run / NEW„Nun doch wieder zu einem Major zu gehen, war eine gemeinsame Entscheidung von den Ghet-O-Vision-Leuten und mir“, erklärt Yelawolf und fügt schnell hinzu: „Es machte für uns einfach am meisten Sinn. Wir haben uns mit vielen Labels getroffen und Interscope ist eine Firma, die genau versteht, was wir wollen.“ Im Vergleich zu den Versprechen anderer Musikriesen könnte Yela mit dieser Aussage bei einem Rap-affinen und mit HipHop-Strukturen vertrauten Konzern wie Interscope immerhin theoretisch Recht behalten. Mutig ist allerdings, dass er gleich einen Vertrag über fünf Alben unterschrieben hat. „Selbst wenn du bei einem Indie gesignt bist, hast du im Prinzip dieselben Strukturen wie bei einem Major.“ Allerdings weiß er um die Wichtigkeit eigener Strukturen im Hintergrund: „Du bist immer nur so gut wie dein Team. Ich habe wahnsinnig gute Leute um mich. Genau aus diesem Grund habe ich auch keine Angst, dass wir in eine seltsame Situation geraten könnten.“ Und Druck verspürt er ohnehin kaum: „Das Arbeiten unter einem Major ist kein Problem. Ich produziere deutlich mehr ­Musik, als ich releasen kann. Deshalb sitzen mir auch nie Deadlines im Nacken.“

    Accept the new

    Trotzdem wird zum zweiten Major-Einstand erst einmal schon bekanntes Material angeboten: Sechs Songs vom „Trunk Muzik“-Mixtape werden gemeinsam mit sechs neuen Songs releaset – das digital und physisch vertriebene Mixtape „Trunk Muzik: 0-60“ ist dabei als Teaser für das große Debütalbum zu verstehen. Eine Idee, die nicht ganz neu ist. Auch Drake wurde mit dem (Re-)Release einer physischen EP ausgewählter Tracks seines nur im Internet erhältlichen „So Far Gone“-Mix­tapes noch einmal einem breiteren Publikum vorgestellt, ehe es im Juni dieses Jahres mit dem Debüt „Thank Me Later“ endgültig durch die Decke ging. „Die Leute sollen mich auf dem Schirm haben“, fordert Yelawolf. „Denn wenn wir ehrlich sind, kennt man mich in der Szene vielleicht schon – aber außerhalb davon finde ich noch nicht wirklich statt.“

    Yelawolf – Pop The Trunk from Motion Family on Vimeo.

    Das Debütalbum „Radioactive“ soll deshalb im März 2011 folgen. Und auch wenn Yela stets betont, er habe bereits Material für fünf Alben im Sack, scheint das Projekt „Radioactive“ noch nicht ganz spruchreif zu sein. Gerüchte um innovative Dubstep-Produktionen werden im Gespräch genauso abgebügelt wie die zahlreichen Namen, die für Features im Gespräch sind. Um einen Namen kommen wir jedoch trotzdem nicht herum: Eminem. Zu Beginn des Jahres merkte man, dass das Thema möglichst schnell vom Tisch sollte. Die Parallelen zwischen Marshall Mathers und Michael Wayne Atha, privat und auch musikalisch – Yelawolf wollte darüber lieber nicht sprechen. Bis zu dem Tag, als Superproducer Jim Jonsin das Video zu „Pop The Trunk“ niemand Geringerem als Eminem höchstselbst vorspielte – der hörte sich Yelas Paradestück bis zum Schluss an und verteilte Vorschusslorbeeren aus der Chefetage. „Wir haben uns in Detroit kennen gelernt und eine ganze Weile im Studio abgehangen. Ob es einen gemeinsamen Song von uns geben wird, kann ich aber noch nicht sagen. Dass wir auf dem gleichen Label sind, ist schon mal eine gute ­Voraussetzung.“

    Features spielen generell eine große Rolle in der Karriere von Yelawolf: seine Taktik als Allzweckwaffe am Gastverse zog er auch in diesem Jahr konsequent durch und arbeitete so vehement an seinem Standing. „Als Rapper musst du einen guten Job machen. Das ist der Grund, weshalb ich jetzt bei einem Major bin und warum viele der Features, die ich mache, auch als Singles releaset werden. HipHop bedeutet, sich zu zeigen – darum geht es am Ende doch, oder? Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Zuletzt machte er gemeinsam mit Big Boi auf „You Ain’t No DJ“ ordentlich Alarm. „Ich bin mit dem Outkast-Sound aufgewachsen. Ich ziehe meinen Hut vor ihnen.“ Einflüsse der Dungeon Family wies auch der Song „Looking For Alien Love“ auf, der vor kurzem in der Blogosphäre auftauchte. Ein kryptischer Orgellauf, gepitchte Vocals und ein wirrer Protagonist, welcher willkürlich immer wieder so etwas wie Spoken Word Poetry fallen lässt. Der Drang, abseits von 808-Gerumpel Musik zu machen, ist spätestens hier unüberhörbar. „Ich kann musikalisch machen, was ich möchte – aus dieser Freiheit ist eben auch dieser etwas abstrakte Song entstanden. Ich habe sogar schon Pläne für ein komplettes Mixtape mit dem Namen ‘Catfish Billy’, das in diese Richtung gehen soll.“

    Wer du bist, was du machst

    Catfish Billy, sein verzerrt-slangendes Alter Ego – das erinnert zum einen wieder mal an Slim Shady, zum anderen kokettiert es auch wieder bewusst mit der untypischen Herkunft und Vita des Rappers. Denn Yela kommt aus Alabama, genauer: Gadsden, und wird nicht müde, dies zu betonen – auch wenn er dank seiner umtriebigen Mutter in der Kindheit immer wieder umzog und auf insgesamt 15 verschiedene Schulen ging. Gadsden bleibt seine Heimatstadt, in die er auch heute noch zurückkehrt, um von der Hektik der Musikindustrie abzuschalten.

    „Deine Herkunft definiert genauso, wer du bist, wie dein Verhalten oder deine Kleidung. Sie sagt einfach viel über dich aus. Genau deshalb bin ich stolz auf meine Kultur und meinen Style. Genau wie Jay-Z stolz auf New York ist“, gibt Yela zu Protokoll. „Mein Lokalpatriotismus hat meine Kunst geprägt wie nichts anderes.“ Yelawolf kommt aus einem stolzen Bundesstaat. Wobei es vordergründig nicht viel gibt, auf das man stolz sein könnte: ländliche Armut, zerrüttete Familien, Männer mit Alkoholproblemen und jugendliche, alleinerziehende Mütter. An jeder Ecke ein Wal-Mart, eine High School, eine Autowerkstatt. In Gadsden wird noch körperlich gearbeitet. Das Gros der Leute geht von 9 bis 5 einem Knochenjob nach, das Geld bleibt trotzdem knapp. Gleichzeitig rollen Chevys mit überdimensionierten Felgen über den porösen Asphalt und versprühen Kleinstadtpomp. „Ich mag diese Kontraste einfach, seien es die protzigen Karren oder dürre weiße Kids, die den ganzen Tag nur Bling-Bling-Musik hören. Das sind Dinge, die du vielleicht nicht mit einer Gegend wie Alabama verbindest – aber gerade sie machen es so besonders.“

    Auch Yelawolf selbst lebt diesen Kontrast: Zum einen flext er wie ein junger Gott über raues Beatgeklapper und teilt sich das Mic mit Gucci Mane, zum anderen zelebriert er ein Image aus Trailerpark-Identität, Skater-Attitüde und starker Heimatverbundenheit. Doch wo Gruppen wie Die Antwoord die Gewohnheiten, den Slang und den Kleidungsstil der weißen Unterschicht verballhornen und ins Lächerliche ziehen, trägt Yelawolf seine White-Trash-Uniform aus Wifebeater, Tätowierungen und Irokesenfrisur mit reichlich Stolz. „Dieser White-Trash-Vergleich ist okay für mich“, nuschelt er achselzuckend.

    Natürlich ist es in puncto Alleinstellung auch hilfreich, dass Yelawolf rein äußerlich nicht dem Klischeebild eines Dirty-South-Rappers entspricht. Der bis hinter beide Ohren zutätowierte Skater-Schlaks mit Irokesenschnitt ist jedoch keine Reißbrettkampagne seines Labels, sondern eine authentische Spiegelung seines Lebensweges. Googlet man ein bisschen im Netz, kann man sich etwa schnell davon überzeugen, dass er das Skaten bis heute nicht verlernt hat – die Footage aus dem „The Factory“-Skatepark kann sich durchaus sehen lassen, denn 360 Kickflips und Nosegrinds sind kein Problem für ihn. Bereits mit sieben Jahren begann Yela zu skaten und zog sich jeden Nachmittag haufenweise Videos rein, die nicht nur von harten Punksongs untermalt wurden, sondern mehr und mehr auch ­dicke HipHop-Beats als Soundtrack hatten. So kam das Landei überhaupt erst mit HipHop in Kontakt. Die Skateboard-Karriere musste er nach einer schweren Verletzung an den Nagel hängen.

    Tatsächlich gab es auch eine Zeit im Leben von Michael Wayne Atha, in der HipHop keine so große Rolle spielte. 2008, etwa zum Release seines Crossover-Mixtapes „Stereo“, auf dem er gemeinsam mit DJ Airtime die Klassiker der Rockgeschichte mit Rap-Passagen ausstattete, war ihm das eigentlich so vertraute Genre plötzlich zuwider geworden. „Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf diesen Normalo-Rap“, erinnert sich Yela. Die logische Konsequenz: die eigene Band. „Airtime brachte mir das Gitarrespielen bei, wir hatten einige Shows in und um Alabama. Es gab Moshpits, die Leute trugen Helme und hatten Blutspritzer auf ihren Shirts! So etwas habe ich bei Rap-Konzerten selten erlebt. Diese Energie will ich jetzt auf HipHop-Shows übertragen.“

    Bleibt noch ein Rätsel: die absurde Frisur. Trotz der scheinbaren Willkür erinnert der Schnitt mit den kurzen Seiten und dem langen Haupthaar weniger an einen hippen Mode-Gag, sondern vielmehr an den originalen Schnitt der Irokesen. Zufall? Mit Sicherheit nicht. Yelas Vater, der die Familie verließ, als der Junge gerade 16 Monate alt war, ist ein waschechter Cherokee – ein Mitglied des größten noch existierenden Indianerstamms Nordamerikas. Von ihm hat er auch seinen Namen bekommen: Yela steht dabei für den Sonnenschein, kombiniert mit dem Überlebensdrang und den Führungseigenschaften des Wolfes. Eigentlich ist es ein bisschen zu banal, diesen Vergleich auch im Hinblick auf Yelawolfs Karriere zu bemühen – aber irgendwie passt es halt einfach.

    Text: Jan Wehn
    Fotos: Hannibal Matthews