Witten Untouchable – Republic of Untouchable // Review

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(Eartouch Ent.)

In Witten hat man es kommen sehen: Youtube-Rapper verwässern das Spiel, während sich Deutschrap von Bananen und Magerquark ernährt. Für die Muskelgruppen, die man in der Disko sieht – oder wahlweise bei Malle-Shows. Ein Zustand, der in der unbestechlichen Republik der Unantastbaren des Öfteren angeprangert wird. Das dort gerne mal über Rap gerappt wird, kann den Eindruck erwecken, W.U. seien stehen geblieben, hätten von Cloud und Trap nichts mitbekommen. Doch Kareem, Mess, Lakmann und Produzent Rooq haben das Spiel genau beobachtet. Nach den neuen Regeln wollen sie, vielleicht um Selbstachtung und Integrität zu wahren, aber nicht spielen. Sie geben sich keine Mühe, kommerziell zu sein, obwohl sie ja genau wissen, wie das ginge. Schließlich tourte Lakman schon vor Jahren mit großen Gs durchs Gelände: mit Grönemeyer und der Gorilla-Unit. Aber das ist sekundär, denn die Bretter die die Welt bedeuten sind eh nur aus fragilem Sperrholz: Irgendwann bricht man ein. Also paffen Witten Untouchable weiter Haze-Qualm in den ohnehin schon mit Kohlepartikeln angereicherten Potthimmel, unter dem sie heute fester denn je verankert zu sein scheinen. Man zieht Resümees und ist mal mehr mal weniger (un)zufrieden mit sich und der Welt. Fazit: Es hätte besser laufen können, doch: »Egal, ich war im Studio, hab gekillt.« Auch über das Menschsein machen sich die drei Gedanken und leisten einen achtbaren Beitrag zum hiesigen Grown-Man-Rap, der sich eingestehen kann, nicht immer erreicht zu haben, was er wollte – oder manchmal einfach nicht weiter wusste. »Erinnerung« trägt das am deutlichsten zu (Unter)Tage. Will der Autor dieser Zeilen in diesem Track mit verträglichem Kinderchor und minutiös getimten Einstieg Lakmans das gewaltigste Single-Potential erkannt haben, gehen die Männer wieder in eine andere Richtung: In Hoodie und Daunenjacke flext das Quartett im vom Donner geplagten Schwarz-weiß-Video zu »Propaganda«. Denn der düstere Ruhrgebiet-Duktus wird auch 17 Jahre nach »Gottes Werk und Creutzfelds Beitrag« selbstbewusst beibehalten. Kein Versuch der Anpassung oder Annäherung, geschweige denn Unterordnung. Witten bleiben tatsächlich unbestechlich.

Text: Jan Burger