Welcome to Champions League: Afro Trap // Feature

MHD - crédit Elisa Parron

Ein eigentlich schon gescheiterter Trap-MC aus Paris hat mit einem Freestyle-Video den französischen Sound der Stunde kreiert. Der 21-jährige MHD rappt über westafrikanisch beeinflusste Instrumentals und gibt seiner körperbetonten Partymusik den Namen Afro-Trap. Sein Erfolg ist eine erbauliche Do-it-Yourself-Geschichte, zeigt aber auch, wie schnell solche Trends inzwischen von der Industrie eingefangen und kommerzialisiert werden.

Das 19. Arrondissement von Paris spielt weder in Reiseführern noch in gesellschaftlichen Lageberichten eine besonders große Rolle. Der Bezirk im Nordosten der französischen Hauptstadt setzt sich vor allem aus Arbeitervierteln zusammen. Er liegt zwischen der durchgentrifizierten Innenstadt und den ärmsten Pariser Banlieues, jenen Vorstädten, die als sogenannte soziale Brennpunkte Frankreichs gelten und immer wieder Schauplatz von Unruhen sind. Es ist wichtig, sich das vor Augen zu führen, um die Musik von Mohamed Sylla nicht mit einem Streetrap-Phänomen zu verwechseln. Der 21-jährige MC, Künstlername MHD, ist im 19. Arrondissement aufgewachsen und beschreibt das dortige Zusammenleben verschiedener Kulturen als harmonisch. Sein Afro-Trap-Sound soll ihm zufällig beim Strandurlaub in Südfrankreich in den Schoß gefallen sein.

Ein beiläufig gedrehtes Handyvideo, in dem Sylla über einem Song des nigerianischen Rap- und R’n’B-Duos P-Square freestylet, gilt als Ursprung des Phänomens. Unter dem Namen »Afro Trap« sammelte es in kurzer Zeit absurde Youtube-Klickzahlen und motivierte den bis dahin erfolglosen Rapper MHD zu einer Reihe von Fortsetzungen, die den angedeuteten Stil mit einer eigenen Handschrift versahen. Von härteren französischen Rap-Gangarten bleibt Syllas Musik weitgehend unberührt. Stattdessen vermischt er die prägenden Einflüsse seiner Jugend: US-amerikanische Trap-Flows und westafrikanische Tanzmusik mit Schwerpunkten auf Nigeria, Ghana und der Elfenbeinküste.

Um Musik vom afrikanischen Kontinent einzuordnen, wird »Afrobeat« häufig als Sammelbegriff für alles missbraucht, was nicht offensichtlich europäisch oder amerikanisch geprägt ist. Tatsächlich steckt dahinter ein sehr spezifischer Stil, der sich unter anderem aus ghanaischer Highlife- und nigerianischer Yoruba-Musik sowie Jazz und Funk zusammensetzt. MHD bedient sich in diesem weiten Feld, aber auch bei Azonto und Coupé-Décalé, zwei Stilen aus Ghana und von der Elfenbeinküste, die es in erster Linie gibt, damit man dazu tanzen kann. Das sind viele Vokabeln für einen Sound und ist doch vereinfacht ausgedrückt. Hört man allerdings MHDs »Afro Trap«-Stücke, ist jede Musiktheorie schnell vergessen: Sylla dreht alle Regler auf Anschlag, rappt im Stil eines autoritären Baustellenaufsehers und fungiert als großer Gleichmacher. Mehr als alles andere ist sein Afro-Trap mitreißende Popmusik.

Die dazugehörigen Videos spielen eine entscheidende Rolle. Meistens funktionieren sie im gleichen Stil: überwiegend schwarze junge Männer in Jogginganzügen und Fußballtrikots (bei Sylla ärgerlicherweise immer wieder Bayern München) ziehen tanzend und sich selbst feiernd durch Pariser Straßen, mal mit Mopeds, mal mit Hoverboards, meistens zu Fuß. Es geht hoch her, wird aber niemals gefährlich. Obwohl er sich selbst als Solokünstler bezeichnet, gibt MHD seinen Songs damit den Anstrich von Posse-Tracks. Und ob beabsichtigt oder nicht: Im gegenwärtigen Frankreich, wo noch mindestens bis nach der Fußball-Europameisterschaft politischer Ausnahme­zustand herrschen wird, steckt in den Bildern seiner Clips auch politische Symbolkraft. Immer weiter rückt das Land nach rechts, immer offener bringt es seine Verachtung für Minderheiten zum Ausdruck. Jugendliche, die an öffentlichen Orten Party machen, verbittet man sich. Vor allem, wenn sie schwarz sind.

Sylla weist die Rolle, die ihm in dieser Situation zukommen könnte, vorsichtshalber von sich. Der muslimische Sohn senegalesischer und guineischer Einwanderer gibt vor, sich nicht für politische oder religiöse Debatten zu interessieren. Der Ausnahmezustand, sagt er, habe sein Leben im 19. Bezirk nicht verändert. Das im April erschienene unbetitelte Debütalbum von MHD bestätigt diese Aussagen. Es enthält eine weniger sprengkräftige, stellenweise stark geglättete Version seines ursprünglichen Sounds, mehr Hymnen und mehr Kitsch, zum Abschluss ein Feature der weltberühmten Grammy-Gewinnerin Angélique Kidjo aus Benin. Den Vertrieb der Platte übernahm ein Majorlabel. Es dürfte auch dabei geholfen haben, MHD als Support-Act des französischen Rap-Stars Booba auf 10.000er-Bühnen zu bringen.

Wird Syllas Musik also bereits von der Industrie ausgelutscht, bevor sie ihre ganze Tragweite entfalten kann? Zumindest sein Debütalbum leidet unter dem anschei­nen­den Vorsatz, niemanden verschrecken zu wollen. Für Afro-Trap wird das allerdings nicht das Ende sein. Andere Künstler, die schon vor MHDs Durchbruch an ihren eigenen Genreversionen arbeiteten, ziehen inzwischen größere Aufmerksamkeit auf sich – allen voran Y Du V, der mehr Trap-Gewicht in die Waagschale wirft. Mit hartem, scharfkantigem Flow rappt der Sohn kongolesischer Vorfahren über seinen Alltag in einem Vorort östlich von Paris. Auch ihm sind die Videos wichtig: selbstgedrehte One-Take-Clips auf Park- und Schrottplätzen, Posse-Romantik, maximales Representen.

Bei Y Du V und auch der Crew RC x ING um den Rapper Déhou aus dem 13. Arrondissement von Paris ist Afro-Trap weniger mainstreamgerechtes Weltmusik-Update als Standortbestimmung und Reviermarkierung. Sie zeigen Schnappschüsse aus ihrer Lebensrealität und formulieren zugleich Aufbruchs- und Aufstiegsambitionen. Ob sie damit gleich so erfolgreich sein werden – oder müssen – wie MHD, bleibt abzuwarten. Fürs Erste ist schon die wachsende Zahl von DJs ein Erfolg, die den Sound der Randbezirke immer häufiger in ihre Pariser Nobelclub-Sets einschleusen.

Zum Interview mit MHD geht’s hier.

Text: Daniel Gerhardt
Foto: Elisa Parron

Dieses Feature erschien in JUICE #175 (hier versandkostenfrei nachbestellen).Juice 175 Cover