Wandl: »Wie kitschig kann man werden, und trotzdem ehrlich bleiben?« // Interview

»’Geld Leben‘ war ein künstlerischer Boost«, sagt Lukas Wandl. Sein gemeinsames Album mit Crack Ignaz platzierte den Wahl-Wiener nicht nur als Produzenten auf der Deutschrap-Map, sondern verlieh dem Künstler Wandl überhaupt erst das Selbstbewusstsein, ein ganzes Album alleine zu bestreiten – an Sampler, Keys und Mic. »It’s All Good Tho« ist die wohl persönlichste Dreiviertelstunde von Lukas Wandl. Und die zwingendste bis dato.

Sommer 2015, Lukas Wandl sitzt in seinem Einzimmerappartement im Wiener Bahnhofsviertel, neben ihm eine Packung Tschicks, aus dem Tapedeck dudelt italienischer Jazz. Das Resultat dieses Sommervibes: »Geld Leben«, das gemeinsame Album mit Rapper Crack Ignaz, und die Antithese zum Synth-Kitsch auf dessen Debüt »Kirsch«. Wandl zerhackte Samples, ließ sie schleifen und knistern, schichtete sie zu dichten Loops, die gleichermaßen nach Madlib-Wahnsinn klangen wie sie Memphis-Entschleunigung zitierten. BasedBap war geboren.

Winter 2016, Lukas Wandl steht in der alten Aula einer ehemaligen Schule in Hamburg, klimpert auf dem Klavier und spielt Fußball mit sich selbst. Das Abschlussstück eines befreundeten Theaterregisseurs verschlug ihn in den hohen Norden, wo er tagsüber das Geschehen auf der Bühne vertont und die freien Abendstunden in sein erstes eigenes Album investiert. »It’s All Good Tho« ist das Ergebnis von vielen Jahren an 88 Tasten und noch mehr Stunden am Laptop. Das Werk einer Ein-Mann-Band, die Noise-Zeug aus den späten Achtzigern, Neunziger-Pop à la Cranberries (»wirklich grenzwertig romantisch«) und Realkeeper-Geschichten eines Retrogott allesamt zu ihren Einflüssen zählt. Ein (be-)rauschendes Sound-Dickicht, das schwere Melancholie mit gewitzten Spielereien bekämpft und dem Gerede um Schlafzimmerproduktionen endlich gerecht wird.

Das Cover deines Albums zeigt einen kleinen Jungen am Klavier. Ich nehme an, das bist du?
Genau, mit zwei Jahren. Damals habe ich natürlich nicht so geil Klavier gespielt, Unterricht hatte ich erst mit 16. Aber der Flügel auf dem Cover stand schon immer bei uns daheim. Ich habe früher sphärische Improvisationen darauf gespielt, bin ein bisschen ausgerastet. Ich prügle überhaupt regelmäßig auf Klaviere ein, wie man auf meinem Instagram verfolgen kann. (lacht) Aber eigentlich hat es angefangen mit der Geige, da war ich fünf.

Das kommt mir ziemlich früh vor.
Also in der Musikschule gab’s schon ein paar sehr kleine Menschen. Bei den Vorspielabenden war das ziemlich grausam. Die Geige hat ja keine Bünde, die klingt immer schief, wenn man sie nicht so gut spielen kann. Mit elf habe ich mit der Geige aufgehört, weil die Gitarre kam. Das war damals meine größte Leidenschaft. Ich habe viele romantische Instrumental-Gitarren-Sachen geschrieben.

Du bist bei St. Pölten aufgewachsen, einer Stadt im Alpenvorland. Was passiert dort musikalisch – abseits von Vorspielabenden?
Eher schwierig. Meine Familie ist recht musikalisch, genauso meine Nachbarn. Und ich war auf einem Musikgymnasium. Ansonsten gibt es eine kleine Rockszene, das sind aber auch bloß zwanzig Leute, die sich zusammentun. Metal ist immer angesagt in St. Pölten. Sonst gibt’s leider nur Drum’n’Bass-Partys und Dorfdiskospaß. Die Leute, die sich bemühen, etwas Alternatives zu starten, werden immer von der Realität eingeholt. In meiner Nähe gab’s das Café Publik mit wirklich geilen Konzerten. Der Clonious von Affine Records hat dort auch mal gespielt – vor etwa zwanzig Leuten.

Wie kommt man in diesem Umfeld dazu, Beats zu machen?
Naja, durch’s Internet. (lacht) In St. Pölten hatte ich echt lange keine Gefährten. Ich musste meine Freunde immer für Musik­richtungen begeistern, die ich gut fand. Leute, mit denen ich wirklich Musik machen konnte, gab’s gerade einen.

»Ich wollte, dass das Album eine Wärme erzeugt.«

Also hat es dich nach Wien verschlagen.
Ja, das war 2013 – überhaupt ein krasses Jahr. Da habe ich Matura gemacht und mir ging’s richtig scheiße. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das überhaupt schaffe. Und dann bin ich direkt nach der Schule nach Wien, musste keinen Zivildienst und Gott sei Dank auch keinen Wehrdienst leisten. Stattdessen ging es direkt auf Tour, als Support für Bauchklang – im zweistöckigen Nightliner mit ner Lounge und ner Playstation und »GTA V« – ich war direkt hooked. Aus St. Pölten auszubrechen war schon geil, muss ich sagen.

In Wien warst du plötzlich umgeben von talentierten Leuten. Schüchtert das nicht auch ein?
Nah, also mir hat das getaugt. Ich habe endlich ­meine ­Leidenschaft teilen können. Ich bin direkt zu Affine Records gekommen und hatte eine Clique um Dorian Concept und Cid Rim, den ich mal bei einer gemeinsamen Show in Wien kennengelernt und dann immer wieder beim Saufen gesehen habe. 2013 kam die Anfrage für ein Bass Camp von der Red Bull Music Academy in Wien. Am Ende gab’s ne fette Liveshow mit Four Tet und Dorian, die ich eröffnen durfte – immer noch eine meiner schönsten Gig-Erinnerungen.

Ich habe neulich dein erstes Release als Zweipunktnull entdeckt, die »Milk«-EP.
Lustig. Da war ich noch in der Schule. Als die rauskam, war ich 16. Hat damals nicht so große Wellen geschlagen. (lacht)

Mir ist aufgefallen, dass du damals schon gesungen hast. Die Vocals waren aber nicht so präsent wie bei vielen Popproduktionen, sondern standen ziemlich im Hintergrund – so wie auf deinem jetzigen Soloalbum. Hast du versucht, damit möglichst viel zu kaschieren?
Nein. Ich glaube, das hängt eher damit zusammen, dass ich meine Sachen selbst mische. Die Vocals sollen mit den anderen Spuren verschmelzen und ein Teil des Beats werden. Ich bin bei dem Album schon ein bisschen raufgegangen mit der Lautstärke, weil sich Freunde beschwert haben, dass man nichts versteht, wenn ich singe. Michael Jackson ist sicher ein Vorbild, was Vocals angeht. (grinst) Im Ernst, wenn du dir ältere Sachen von dem anhörst, ist die Stimme natürlich perfekt positioniert, aber relativ leise gemischt, die strahlt nicht über alles. Da waren die Produktionen einfach total wichtig. Ich wollte vor allem, dass das Album räumlich klingt und eine Wärme erzeugt. Ich habe dafür viel mit dem Sound meiner Wohnung gearbeitet. Im besten Fall klingt es so, als würde man das Album bei mir hören.

Gibt es neben der Stimme ein bestimmendes ­Instrument auf dem Album?
Ich habe versucht, ein bisschen vom Laptop wegzukommen – zumindest bei der Entstehung der Songs. Ich habe mir einen Rhodes-Verschnitt gekauft, der sehr präsent ist. Im Mittelteil des Albums ist fast alles selbst eingespielt, wobei ich hoffe, dass man dahinter Samples vermutet. Ich habe oft 15-Minuten-Jams mit Rhodes, Klavier oder Gitarre aufgenommen und mich dann selbst gesampelt. Den Beat am Ende spiele ich dann wiederum auch als Ganzes aus, pitche rum und verwurste viel. Zum ersten Mal habe ich dieses Resampling bei »Drones« von 2014 angewandt – dem ältesten Track auf dem Album.

Durch das Album zieht sich ein schönes Rauschen. Hast du die Tracks auf Tape aufgenommen?
Das meiste kommt einfach von schlechten Aufnahmen und dem ewigen Resampeln von eigenen Beats. Ich habe alles immer wieder verzerrt und auch mal durchs Tape geschliffen. Die Nachbearbeitung macht eigentlich den ganzen Sound aus, die cleanen Spuren würden ganz anders klingen. Ich benutze dafür noch immer Reason. Das Programm ist schon ein bisschen beschränkt, aber ich komme damit an einen eigenen Sound. Ich habe das mit zwölf mal als gecrackte Version auf einer CD von nem Freund bekommen. »HipHop-Beat 14« war dann mein erster Sample-Beat, den habe ich auch noch auf der Festplatte. Für »HipHop-Beat 16« habe ich Simply Red gesampelt. (lacht)

Wenn du deine Beats durchnummerierst, wo stehst du heute?
Mittlerweile haben die nur mehr wirre Namen. Aber ich wäre wohl bei irgendwas über Tausend. Von dem, was ich mache, sind circa fünf Prozent releast. Das meiste wird gar nicht erst fertig.

»Social Media überfordert mich einfach.«

Hörst du gerne deine alten Produktionen an?
Neulich habe ich wieder »Geld Leben« gehört und fand’s noch immer super. Ich würde heute zwar vieles anders machen, aber bestimmte Ideen kommen einem immer erst, wenn etwas raus ist. Ich habe mir zu dem Album schon so ziemlich alles gegeben, was darüber geschrieben wurde, und es gab nur wenig schlechte Kritik. Bloß ein Dude hat sich übers Mixing beschwert. Der meinte, es wäre total anstrengend zum Horchen – das hat mich voll fertig gemacht. Ich dachte: Scheiße, der hat total Recht!

Aber dieser dreckige Sound hat doch »Geld Leben« als Album erst ausgemacht, oder?
Voll! Da gibt es eine Reibung. Mir gefällt Musik, wenn sie eine Feinfühligkeit entwickelt: Wie kann Reibung noch angenehm klingen? Die meisten Sachen, die ich im letzten Jahr gemacht habe, greifen zu arg, sind mir zu brutal oder zu schief. Die Sachen wieder in eine hörbare Bahn zu lenken, fällt mir total schwer. Sachen, die zu clean sind, gibt’s nicht so viele von mir. Es geht eigentlich immer ins Extrem.

Haben sich aus »Geld Leben« weitere Kontakte oder gar Zusammenarbeiten ergeben?
Fix, in der Beatwelt in Deutschland bin ich mit Leuten zusammengekommen, die ich feiere: Torky Tork, Brenk Sinatra, Fid Mella. Überhaupt ist die Aufmerksamkeit extrem gestiegen. Ich hatte plötzlich ein neues Publikum, in der HipHop-Welt wurde ich ja vorher kaum wahrgenommen. Rap-mäßig hätte durchaus mehr passieren sollen, aber ich bin leider unzuverlässig und habe mir ein paar Dinge verbaut. Social Media überfordert mich einfach extrem. Ich lasse Konversationen auf Facebook oft unbeantwortet, bis es mir zu peinlich ist, mich noch mal zu melden. Ich habe schon das Gefühl, jede Nachricht mit »Hey, sorry, aber…« zu beginnen.

Das könnte auch eine Line aus einem deiner Songtexte sein. Der Sound täuscht erstmal darüber hinweg, dass du eigentlich ziemlich düstere Geschichten erzählst.
Ich habe frei von der Leber weg geschrieben, sehr impulsiv. Ich mache mir urviel Sprachnotizen, bei denen ich Flows aufnehme, die meist nur aus Vokalen bestehen. Ich singe also eher eine Melodie ein mit ein paar Schlagworten, die mir beim Freestylen einfallen. Das ist die Vorlage für den Rhythmus im Text. Inhaltlich geht es meist um Dinge, die ich mich im echten Leben nicht getraut habe, irgendwem zu sagen.

Anders als »Geld Leben« ist »It’s All Good Tho« also nicht aus einem Sommer-Vibe heraus entstanden?
Nein, aus einer ziemlichen Depression heraus. Ich dachte, das Album würde noch viel zerstörerischer werden. Ich wollte richtig düsteren Satanisten-Shit mit lieblichen und lustigen Sachen wie dem Track »Slept For Days« mischen, der klingt, als würde ein Baby nach tagelangem Schlaf aufwachen. Ich find’s geil, wenn Musik ambivalent ist. Die Tragik kommt nicht aus ohne das Komische – so ist halt das Leben. (lacht)

Ich habe »It’s All Good Tho« erstmal gar nicht als ­Emo-Epos wahrgenommen.
Am Ende des Albums wird der Vibe auch ziemlich romantisch und versöhnlich. Ich habe gemerkt, dass ich viel emotionaler werden kann, wenn ich etwas dreckig klingen lasse. So schaffe ich nämlich einen Ausgleich: Wenn’s mal richtig kitschig wurde, habe ich kleine Fehler, Störgeräusche und Resonanzen eingebaut. Im Grunde war das der Versuch: Wie kitschig kann man werden, und trotzdem ehrlich bleiben? ◘

Dieses Interview erschien erstmals in unserer aktuellen Ausgabe. JUICE #180 jetzt versandkostenfrei bestellen: