Vic Mensa – The Autobiography // Review


(Def Jam Recordings)

Erstmal mutet es redundant bis überzogen an, sich als Rapper dick »The Autobiography« über das erste vollwertige Album zu schreiben: Einerseits ist das Aufarbeiten des bisherigen Lebens klassischer HipHop-Debüt-Stoff, andererseits ist es natürlich viel zu früh für ein dem Titel tatsächlich gerecht werdendes Resümee. Für Vic Mensa ist diese Überschrift jedoch mehr als eine Inhaltsangabe, sie ist ein Mission Statement: Nach einigen wechselhaften Singles, EPs und Mixtapes ist es an der Zeit zu definieren, wo der Hoffnungsträger aus Chicago genau steht. Umso erstaunlicher, dass das Album eben diese Eindeutigkeit verneint, textlich wie musikalisch (Rock! Trap! Soul!) Haken schlägt und damit am Ende sicher auch verhindert, der große Wurf geworden zu sein. In Zeiten ausgeklügelter Coming-Of-Age-Alben wie »Good Kid, M.a.a.d City« mutet ein derart unklares Konzept anachronistisch an, funktio­niert hier jedoch als chaotisch-unberechenbares Kaleidoskop ganz okay. So fließen in Kindheitserinnerungen, Drogenfantasien und Beziehungs-Black-Boxes immer auch gesellschaftliche Beobachtungen ein, ohne dabei so plakativ agieren zu müssen wie manch anderer Kollege angesichts der aktuellen politischen Lage. Als sortierter Erzähler brilliert Mensa vor allem in »Heaven On Earth«, einer von The-Dream gestützten Hommage an den verstorbenen Killa Cam, die sich in bester »Stan«-Manier per Brief durch unterschiedliche Perspektiven den Mord betreffend kämpft. Ein ergreifender Song voller aufrichtiger Trauer und Menschlichkeit – zumindest so lange, bis Cam krude Grüße aus dem Jenseits von Kurt Cobain ausrichtet. Mehrmals testet Mensa mit derartigen Momenten die Cringe-Toleranz der Zuhörer, doch es geht eben viel mehr um das große Ganze, das komplex zusammengesetzte Bild, wie es das Cover mit Mensa inmitten verworfener Ideen, Nirvanas »Nevermind« auf Vinyl und Malcolm Xs Autobiografie liefert. Und so gibt es für jede peinliche Line immerhin unverhofft starke Songs wie die Rockballade »Rage« oder das mutige, Suizidgedanken thematisierende »Wings« als Ausgleich.

Text: Sebastian Berlich

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