Trap Spezial (JUICE #147)

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Was ist eigentlich Trap? Der neue Dubstep? Das alte Dirty South? Der letzte Schrei? Der letzte Scheiß? Ein Trend? Ein Schimpfwort? Mehr als alles andere ist das transatlantische Nicht-Genre ein Lehrstück – über Hypes, Missverständnisse, das Internet und darüber, wie eine simple 808-Kick auch 30 Jahre nach »Planet Rock« noch die wichtigste Sache der Welt sein kann.
 
Eine Bar in Downtown Manhattan. An den Plattentellern steht ein Bursche aus Brooklyn names Baauer. Er ist Anfang 20, gerade hat er seine erste EP bei Diplos neuem Label Jeffree’s veröffentlicht. Mit der Präzision eines alten Hasen mixt er Wiley mit Waka Flocka, Maybach Music mit Platten von Night Slugs und Numbers. Moscow Mule tropft auf Eiswürfel, das Feiervolk ordert Pull-ups, die Luft ist zum Schneiden dick. Gerade eben war French Montana für ein zehnminütiges Hit-Medley auf die improvisierte Bühne gestürmt. Der heißeste Rapper der Stadt im heißesten Raum der Welt. Besser geht’s nicht. Denkt man. Denn als Baauer seinen eigenen Hit auspackt, entlädt sich all die aufgestaute Energie noch einmal in einem einzigen, erdrutschartigen Drop. »Do the Harlem Shake!« Simmer dabei.
 
Eine andere Bar in Downtown Manhattan. Zwei, vielleicht drei Blocks weiter. Der DJ ist auch Anfang 20 und bestimmt auch aus Brooklyn, zumindest trägt er die lokale Uniform zum Undercut. Er mixt Dubstep mit 2 Chainz, G.O.O.D. Music mit Platten von Mad Decent und Fool’s Gold. Irgendetwas tropft auch heute auf Eiswürfel, die Luft ist zum Schneiden dick. Ist sie in New York ja immer. Aber die Energie, sie will sich nicht entladen. Sie will sich noch nicht einmal aufbauen. »Do the Harlem Shake?« Gähn.
 
Zwischen den beiden Szenen liegen keine drei Monate. Wenig Zeit, auch nach den Maßstäben einer vollständig durchdigitalisierten Musikwelt. Aber doch lange genug, um die Kombination aus Südstaaten-Rap und davon beeinflusster elektronischer Clubmusik von der mindestens besten Idee der Welt zum blutleeren Klischee verkommen zu verlassen. Der gebräuchliche Fachbegriff für diesen Sound, »Trap«, ist ein Kandidat für das Unwort des Jahres. Trap mögen ist gewissermaßen wie »Swag« sagen: gefühlt von vorvorgestern. Im Netz kursieren zahllose höhnische Memes mit bleichen YoYoYo-Bros im Trap-Rausch. Und wenn in den Foren diskutiert wird, dann beeilt sich immer einer, besonders vehement auf das unlängst zu verzeichnende Ableben des noch nicht mal saisonalen Trends hinzuweisen: Klappe zu, Trap tot.
 

 
Auf der anderen Seite brummt das Geschäft mit Trap, in den Clubs, auf den Festivals, bei iTunes. Abseits der üblichen Ausken­nerzirkel, wo alle alles besser wissen, aber dafür alles schlechter finden, ist Trap so etwas wie der neue Dubstep: der alles beherrschende Rave-Sound für ein entfesseltes Massenpublikum auf der Suche nach dem nächsten Kick. Besonders in den USA ist das so, wo elektronische Musik und Clubkultur zwar ihre Wurzeln, aber kaum Tradition haben und erst in den letzten zwei Jahren von Medien und Promotern zum »fastest growing« Sektor der Entertainment-Industrie aufgeblasen wurden. Aber auch in Europa erfreut sich der Sound mit den kolossalen Kickdrums, den scheppernden Snares, den hektischen Hi-Hats und den irre ignoranten Texten großer Beliebtheit. Stücke wie »Bugg’n« und »Higher Ground« von TNGHT, dem gemeinsamen Projekt von Hudson Mohawke und Lunice aus dem Dunstkreis des LuckyMe-Kollektivs, werden mittlerweile mitgesungen wie »Maria (I Like It Loud)«. Bom bom bom bom bombombombombombom. Dö dö dödödödödödö. Weitere Protagonisten sind Flosstradamus aus Chicago, der mysteriöse UZ, DJ Sliink aus New Jersey, der Wahlspanier Sinjin Hawke, das kalifornische Kollektiv WEDIDIT und natürlich der oben genannte Baauer, der soeben seine zweite EP »DumDum« bei LuckyMe veröffentlicht hat. Ihre bekanntesten Tracks und Remixe haben längst auch deutsche HipHop-DJs im Programm. Umgekehrt spielen die Club-geschulten Trap-Heroen zwischen ihren instrumentalen Eigenproduktionen die neuesten Hits von Lex Luger und Mike Will. Hudson Mohawke ging unlängst sogar den konsequenten nächsten Schritt, indem er sich als HipHop-Hitschmied klassischen Zuschnitts neu erfand. Bei vier Stücken von Kanye Wests »Cruel Summer«-Compilation taucht er in den Credits auf, darunter das massive »Mercy« und ein Song mit R. Kelly. Dem Vernehmen nach sollen weitere fertige Songs mit u.a. The Weeknd, Brandy, Pusha T und 2 Chainz in der Schublade liegen. Auf Kanyes kommendem Soloalbum könnte dann auch Lunice mit Beats vertreten sein, zumindest wurde er zuletzt mehrmals in Yeezys Ideenfabrik auf Hawaii gesichtet. Was genau ist da eigentlich passiert? Und wie um alles in der Welt sollen sich all diese unterschiedlichen Sounds und Sozialisationen unter einem Hut namens »Trap« vereinen lassen?
 
Die Trap, also die Falle, ist in der Sprache der Kleindealer von Atlanta der Ort, an dem weiße Päckchen und grüne Scheine den Besitzer wechseln. Wer das Wort zuerst benutzt hat, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Wie das halt so ist mit Slang – wer hat schon zum ersten Mal »am Start« oder »aggro« gesagt? Viel interessanter aber ist ohnehin die zeitliche Dimension des aktuellen Hypes. Zum Inventar der Popkultur gehört der Begriff spätestens seit T.I.s Album »Trap Muzik« von 2003, also seit fast zehn Jahren. Allerdings war diese Kultur immer eine regionale, allerhöchstens nationale. Die weltweite Verbreitung im neuen Kontext dagegen ist ein Phänomen nur weniger Monate – die weltweite Vernichtung eines weniger Wochen.
 

 
Natürlich kommen Baauer und Co. nicht aus dem Nichts. Der Londoner DJ Semtex etwa mischte schon 2005 auf einem Mix­tape Crunk und Grime. Auch Joker und Guido aus Bristol schlugen mit ihrem »Purple«-Sound eine Brücke zwischen Südstaaten und Südlondon. DJ Shadow experimentierte 2006 auf seinem Album »The Outsider« mit dem Hyphy-Sound aus der Bay Area. Und Sinden machte den Trap-Rapper Gucci Mane endgültig zur Kultfigur der britischen Bass-Gemeinde, indem er 2010 ein mehr oder weniger offizielles Remix-Projekt mit Produzenten wie Rustie oder Terror Danjah kuratierte. Auch andere Stilrichtungen aus dem Süden der USA erlebten zuletzt unverhofft eine Renaissance. So kultivieren Indie-Bands wie The xx oder die Künstler des kalifornischen Quasi-House-Labels 100% Silk seit geraumer Zeit eine eigentümliche Begeisterung für die texanische Kulturtechnik der Verlangsamung. Nola Bounce hatte, ähnlich wie ­Baltimore Club oder Baile Funk, seine 15 Tage Ruhm als heißes Blog-Thema. Und auch die Verarbeitung von Stilelementen aus Chicago Juke und (originär schwarzem) Detroit Electro durch (weiße) UK-Produzenten wie Addison Groove und Pearson Sound lässt sich im weitesten Sinn in diese Kategorie clubkultureller Querverweise einordnen. Aber in einer durchschnittlichen deutschen HipHop-Disse oder auf einem familienfreundlichen Großrave in Las Vegas brauchte man damit halt nicht anrücken. Heute ist das anders. Heute läuft Hudson Mohawke beim Splash! und Juicy J im Berghain. Und das, ohne dass sich jemand darüber wundert. Oder eben doch wieder wundert, denn mit den Runterladezeiten sind auch die Halbwertszeiten drastisch gesunken. Dass Trap in so kurzer Zeit erst zum neuen Standard und anschließend total standard werden konnte, ist das unmittelbare Produkt von Plattformen wie Soundcloud oder Boiler Room, mit denen sich ganze Movements in Echtzeit streamen und sezieren lassen. Wo ein Weg, ist auch viel Schrott. Mehr Schrott, als ein Mensch mit halbwegs geordnetem Sozialleben täglich durchfors­ten kann, um verlässlich die wenigen Perlen herauszufiltern. Das kann man demokratisch finden oder bedenklich. Aber in dieser Hinsicht ist Boiler Room nun mal die »Bild«-Zeitung der Clubkultur im Diekmann’schen Sinne. Im Aufzug nach oben, im Aufzug nach unten. Nur halt noch ein wenig schneller: Aufstieg und Fall eines ganzes Musikstiles in Glasfaser­geschwindigkeit.
 

 
Dabei ist Trap in seinem Wesen eigentlich anti Internet, sowohl der echte aus den Straßen als auch der neue aus dem Serato. »First rule, this is real/It ain’t just a record deal, it’s a trap«, rappte T.I. schon 2003. Die kaum verklausulierte, leicht populis­tische Botschaft hinter diesen Zeilen lautet: Mit eurer Industrie und eurem Gelaber habe ich nichts zu schaffen, das hier ist Musik für die Jungs »da draußen«. T.I. war nie ein Rapper, bevor Bushido keiner war. Mit der transatlantischen Clubmusik Trap verhält es sich ähnlich. Sie ist eben genau das: Clubmusik, die ihren Reiz aus dem Physischen bezieht und mit ihrer radikalen Reduktion ausgelegt ist auf den flüchtigen Rausch der Nacht, auf Schaumwein und Schweiß und – im besten Falle – Sex. Dass Trap dennoch hauptsächlich von schmalbrüs­tigen Geeks mit XXL-Flatrate gemacht, gespielt und gekauft wird, ist eine feine, ironische Volte der digitalen Revolution. Ist ja egal, ob man wirklich Spaß hatte. Hauptsache, man hat irgendwo gelesen, dieser oder jener DJ hätte es gestern aber so richtig episch gekillt. Man muss fair bleiben: Das Klischee vom spackigen Online-Opfer ist genauso albern wie die Intellektuellenfeindlichkeit der Internetintellektuellen, die nur deswegen Fan von Gucci Mane sind, weil sie gelesen haben, dass Meek Mill mal Freestyler war, was selbstverständlich gar nicht geht. Es ist halt einfach eine verrückte Zeit. Wer soll da noch durchblicken?
 

 
Fakt ist, dass die Faszination europäischer (und europäisch geprägter) Musiknerds für US-amerikanischen Regio-Rap vergleichsweise neu und das Bildungs­niveau in der Regel niedrig ist. Heute lässt sich leicht posen, wie man ja schon damals die erste 8Ball & MJG, sich leicht posten, dass Pen & Pixel ja der Style überhaupt … Aber in echt haben 1995 halt doch alle Nas und Wu-Tang gehört. Die neue Generation, die Nas und Wu-Tang ohnehin nur vom Hörensagen kennt, ist von derartigem ideologischen Ballast zwar zum Glück befreit. Aber mit Ausnahme von retromantischen Hobby-Archäologen wie SpaceGhostPurrp oder Joey Bada$$ ist sie eben auch nicht unbedingt für einen übertrieben akkuraten Umgang mit Samples und Zitaten bekannt. Entsprechend werden am Trap-Ja/Nein/Vielleicht-Stammtisch gerne mal Dinge über einen Kamm geschert, die vielleicht in einer guten Playlist, aber ganz bestimmt nicht in der Weltsicht stolzer Texaner und Louisianer zusammengehören. Der Grusel­crunk aus Memphis. Der asphaltflüssige Zeitlupen-HipHop aus Houston. Die hyper­energetischen Club-Sounds aus Atlanta und Miami. Der hausgemachte Bounce aus New Orleans. Der Blues-getränkte Country Rap von UGK. Die kraftstrotzende Motivationsmucke von T.I. und Young Jeezy. Alle diese Stilrichtungen haben wenig miteinander zu tun – außer, dass sie eben nicht aus New York kommen, nicht auf fein geschnittenen Jazz-Samples basieren, ihre wahre Wirkung nicht bei ausgedehnten Spaziergängen durch zugige Betonschluchten oder frühmorgens in der U-Bahn entfalten. Wer da von Trap faselt, dem wird die Schublade schnell zur Argumentationsfalle.
 
Die Protagonisten des Sounds selbst wollen mit Trap ohnehin nichts zu tun haben. »Alle machen Trap, wir machen einfach etwas anderes«, sagen TNGHT. »R.I.P. Trap fad«, sagt Machinedrum von Sepalcure. »Trap? Ich weiß überhaupt nicht, was das sein soll«, sagt A-Trak. Dabei sollte er das wissen, denn Flosstradamus veröffentlichen auf seinem Label. Aber so ist es ja immer. Mit einem Genre will nie jemand etwas zu tun haben. Außer wenn die DJ-Gagen verteilt werden, denn da kommen griffige Schlagworte gerade recht. Die Doppelmoral ist beachtlich: Morgens wird auf Twitter gespottet und abends nach dem Gig die Hand aufgehalten. Ist ja schließlich nicht mein Problem, wenn mein Booker »Trap« in die Betreffzeile schreibt. Bei aller Sympathie: Dass mittlerweile jeder halbwegs renommierte UK-Act seine Reputation mit einer waschechten Tournee durch Nordamerika versilbern kann, liegt in erster Linie an EDM, in zweiter Linie an Trap und erst in dritter Linie an der – unbestrittenen – Brillanz von Mosca oder Jam City. Das ist ein bisschen wie bei Dubstep. Dort erklärt zum Beispiel Benga, nicht mehr mit dem D-Wort in Verbindung gebracht werden zu wollen, weil er nicht ertragen könne, was Borgore und vergleichbare Bratzterroristen mit dem heiligen Subbass aus Südlondon angestellt hätten. Andererseits packt er trotzdem bei jeder sich bietenden und nicht bietenden Gelegenheit schamlos die Wobble-Keule aus. Und lässt sich dafür durchaus anständig entlohnen. Analog leben auch TNGHT sehr gut vom Trap-Hype, obwohl sie keine Gelegenheit auslassen, sich davon zu distanzieren. »Wir machen keinen Trap« taucht eben auch als Ergebnis auf, wenn man »Trap« googlet.
 

 
Aber vielleicht ist alles ja auch einfach ein riesengroßer Spaß. So wie Moombahton im richtigen Moment ein riesengroßer Spaß sein kann, der nächste Klamauk-Remix von Zeds Dead oder eine wortwörtliche Abschrift des Gesamtwerks von OJ Da Juiceman. Hudson Mohawke ist ohne jeden Zweifel und ohne jede Einschränkung einer der besten Beatmaker unserer Zeit, egal auf welcher Seite des Teichs man suchen geht. Sinjin Hawke hat den schon im Original perfekten Rap-Song »I’m On One« mit seinem Remix endgültig in den Orbit geschossen. Und wer bei einem DJ-Set von Shlohmo, Oneman, Machinedrum, Jackmaster, Lunice, Canblaster, Nightwave, Melé oder den LOL Boys kein selig-debiles Grinsen spazieren trägt, der hat nicht nur keinen Geschmack, sondern vor allem kein Herz.
 
Die machen gar nicht alle Trap? Stimmt. Aber Trap ist ohnehin tot, oder? Machen wir eben Party auf seinem Grab. Mit »Harlem Shake« und »I Don’t Like«. Bis etwas Neues kommt. So lange kann das ja nicht dauern.
 
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Text: Davide Bortot
Illustrationen: mika svit