Titelstory #150: Prinz Pi (Interview)

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»Ich will nicht zu diesem juvenilen Haufen von Chaoten gezählt werden, die man heute Rapper nennt.« Das sagte Prinz Pi in seiner ersten JUICE-Coverstory im April 2007. Mittlerweile ist der ­33-jährige Berliner einer der großen Player dieses Deutschrap-Zirkus. In fast kompletter ­Eigenregie ­veröffentlicht er seine Platten und kümmert sich dazu um den ganzen Rest der Marke Prinz Pi. Image, Logos, Verpackung, Videos – die gesamte Corporate Identity kommt aus einer Feder. Seiner ­eigenen. Und er ist dabei erfolgreicher denn je. »Rebell ohne Grund« wurde bis dato fast 40.000 mal ­verkauft, der Merchandise läuft und auf Tour spielt Pi gerne mal vor 1.000 Zuschauern. Die Zahlen der ­Vorverkäufe seines neuen Albums »Kompass ohne Norden« zeigen bereits fünf Wochen vor Release, dass die stetige Steigerung des Erfolgs weiter anhalten wird. Auch sechs Jahre nach dem Eingangszitat will dieser Friedrich Kautz kein Teil der Chaoten sein.
 
Eine Altbauwohnung in der Nähe des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof. Die Dreizimmerwohnung sieht aus, als blättere man durch eine Fotostrecke aus »Schöner Wohnen«. Marke: schwedischer Jungdesigner zeigt sein Berliner Zuhause. Unter Stuckdecken treffen Designmöbel auf Antiquariate. Auf einer DIY-modifizierten Ikea-Kommode steht eine »Mad Men«-Alkoholika-Sammlung mit 19-jährigem Whiskey und Schwarzwälder Edel-Gin. Ein großer Strauß weißer Lilien wirft gelben Blütenstaub auf den rustikalen Holzesstisch. Kaffeetischbände über die Beatles sind perfekt auf dem polierten Hausofen drapiert. Den warm-braunen Parkettboden säumen Bücher (Bauhaus-Bildband bis »Harry Potter«), eine E-Gitarre mit Verstärker und ein Hundekorb, darüber hängt ein Flatscreen-Fernseher neben einem gerahmten Bild von Klaus Kinski. Trotz des beeindruckend durchdachten Arrangements wirkt die Wohnung einladend und wohnlich. Auf dem Plattenspieler läuft »Uptown Saturday Night« von Camp Lo. Friedrich Kautz bietet Kaffee an.
 

 
»Ich trinke schon so zehn bis 15 Espressi am Tag.« Prinz Pi sagt das, während er fachmännisch frisch gemahlenes Pulver in den Siebträger seiner Kaffeemaschine presst. Er erklärt die Einstellungsmöglichkeiten des Geräts mit der Begeisterung eines echt überzeugten Kunden. Er habe endlich auch die perfekte Kaffeesorte gefunden. Irgendwas Brasilianisches und natürlich Fair Trade. Pi kann stundenlang über Kaffee sprechen. Der Espresso ist jetzt fertig. Ob man laktosefreie, Soja- oder normale Milch möchte? Im Interview wird er später seine Arbeitsweise mit einer dieser perfekt auf die eigenen Bedürfnisse eingestellten Espressomaschinen vergleichen. »Der Kaffee ist zwar früher schon geflossen, aber mittlerweile eben kunstvoller und zielgerichteter. Ich hole jetzt jedes einzelne Geschmacksatom aus jeder Kaffeebohne heraus.« Für sein neues Album »Kompass ohne Norden« hat Prinz Pi nicht nur die Akribie beim Schreiben weiter perfektioniert. Gemeinsam mit dem Musiker Matthias Milhoff schraubte er auch so lange an Maschinen, Instrumenten und schließlich Arrangements, bis er auch der musikalischen Grundlage seinen Stempel aufgedrückt hatte und mit dem Gesamtwerk zufrieden war. Pi selbst bezeichnet sein Album als klassisches Coming-of-Age-Tale mit Wu-Tang-Drums und Beatles-Melodien. Vor allem aber ist es ein Prinz-Pi-Album geworden – eigen, ­ambitioniert, irgendwie erhaben, aber auch irgendwie nachvollziehbar. So ehrlich wie möglich, so altklug wie nötig. Wahrscheinlich ist es sein bestes geworden. Grund genug für ein ausführliches Gespräch – 15 Jahre Prinz Pi, sein 15. Studioalbum, 15 Jahre JUICE und Prinz Pi auf dem Cover der 150. Ausgabe.
 
Wie blickst du auf die vergangenen 15 Jahre und 15 Alben zurück?
Es waren ja viel mehr als 15 Alben. ­Insgesamt sind es sicher schon über 30. Aber man muss schon sagen, dass die ersten fünf ­Jahre meiner Musikkarriere nur Hobby nebenbei waren. Dann war fünf Jahre Royal Bunker und ich habe neben der Uni Musik gemacht. Das war dann noch ein Hobby, aber man hat schon ein bisschen Geld damit verdient. Ich finde immer, wenn Geld mit ins Spiel kommt, dann hört nicht unbedingt der Spaß auf, aber dann verhalten sich alle Leute auf einmal ganz anders. Auch wenn es nur zehn Euro sind. Die letzten fünf Jahre mache ich es jetzt hauptberuflich. Also, seitdem habe ich es auch für mich persönlich akzeptiert, dass die Musik mein Beruf ist.
 
Das klingt fast nach einer Bürde.
Nein, aber es gibt einen Unterschied zwischen Beruf und Berufung. Einen normalen Beruf kannst du einfach so aufhören und dich umschulen, aber wenn du von etwas Höherem dazu gezwungen wirst, irgendeine Form von Kunst zu machen, dann kannst du nicht einfach sagen: Ich mach das jetzt nicht mehr, weil ich nicht mehr will. Das würde für mich nicht gehen. Das ist der Zwang dabei.
 
»Rebell ohne Grund« ist vor ziemlich genau zwei Jahren erschienen. War es bist jetzt dein wichtigstes Album?
Auf jeden Fall. Wobei rückblickend betrachtet das Album auch nur eine Vorstufe zu »Kompass ohne Norden« war. Ich hasse es zwar, wenn Künstler sagen, dass dieses Album jetzt erst ihr erstes richtiges ist. Ich würde auch niemals meine vorherigen Alben kleinreden wollen, aber für mich sind Alben immer wie eine Fotochronik einer bestimmten Zeit. Man packt alle Fotos aus einem Jahr in ein Buch, stellt das Fotobuch dann ins Regal und hat es archiviert. Das sind die Gedanken, die ich damals gefühlt habe. Mittlerweile habe ich meinen Horizont aber erweitert. Es wäre ja auch ziemlich scheiße, wenn ich mich in den letzten paar Jahren nicht weitergebildet und nichts gesehen hätte. Wenn Musiker dein Beruf ist, dann beobachtest du alles auch viel mehr. Die Arbeit an einem Album beginnt also auch nicht dann, wenn du ins Studio gehst, sondern in dem Leben davor.
 

 
Dennoch war »Rebell ohne Grund« eine Art Game-Changer für deine Karriere. ­Irgendwas ist passiert.
Ja, auf jeden Fall. Es hat »klick« gemacht. Ich habe ja vor dem Album drei Monate in Freiburg an einem Theater gespielt. Das war eine wichtige Zeit für mich. Da habe ich ein bisschen zu mir selbst gefunden. Das hört sich jetzt so an, als würde hier Curse reden. Also, ich hab da nicht grünen Tee getrunken und über meine Exfreundin nachgedacht. Ich hab da eher mit meinem Kumpel Chefkoch jeden Tag Wodka getrunken, Theater gespielt und sehr viel Kamp gehört. Sein Album war für mich ein Schlüssel, weil es mir gezeigt hat, wie man sein Innerstes so krass schonungslos aus sich herausholen kann. Kamp suhlt sich zwar förmlich in seinem Elend. Das mache ich jetzt nicht, aber ich habe da den Mechanismus verstanden. Mir ist bewusst geworden, dass ich mehr von mir selbst in die Musik geben will. Mann, das hört sich voll blöd an. Aber sich öffnen zu können, ist eine ganz schwierige Sache für einen so introvertierten Menschen wie mich. Ich habe ja eigentlich eine sehr große Angst vor Menschenmengen. Ich bin voll klaustrophob. Ich habe voll lange gebraucht, bis ich live auftreten konnte und mich dabei vor so vielen Menschen wohlzufühlen. Vor allem nach den Konzerten, wenn du Autogramme gibst und Hände schüttelst, ist das zwar immer sehr nett, aber für jemanden, der Angst vor anderen Menschen hat, ist das nicht so cool. Ich musste diese Angst irgendwie ablegen. Und das ist mir vor ein paar Jahren auch gelungen. Jetzt fühle ich mich total wohl, auch weil ich weiß, dass das mir total wohlgesonnene Menschen sind. Mit der Musik ist das genauso. Du machst dich ziemlich verletzlich, wenn du Musik machst, weil die Leute dich danach krass beurteilen. Du wirst gelobt, als wärst du ein Heiliger, oder man hält dich für Satan oder einen Vollidioten. Das kann einen sehr verletzen. Ein typischer Gangsta-Rapper, der sich seine kriminelle Karriere zusammenlügt, kann ja nicht so krass verletzt werden, wenn man ihm vorwirft, er erzähle Quatsch. Aber wenn du dein Herz ausschüttest, dann verletzt es dich, wenn dich jemand dafür tritt. Ich hatte lange Angst, mich zu öffnen. Angst davor, meine Offenheit im Nachhinein zu bereuen, weil das Publikum mich dafür fertigmacht. Genauso, wie wenn du deinem Schwarm deine Liebe gestehst und dein Herz ausschüttest und sie dann antwortet: Was willst du, du Opfer?
 
»Rebell ohne Grund« hat auch deine ­Stellung im Deutschrap manifestiert.
Ja, vielleicht. Aber ich mag dieses szene-interne Deutschrap-Ding einfach nicht. Die meisten anderen Künstler sind ja auch nicht Menschen, mit denen ich gerne rumhänge. Klar habe ich über die Musik tolle Menschen kennen gelernt und ich schätze wirklich viele meiner Kollegen. Ich gönne auch jedem seinen Erfolg. Ich finde das ganz toll, wenn jemand von seiner Musik leben kann. Die meisten Leute machen doch einen Job, auf den sie keinen Bock haben. Wir aber in ­unserer kleinen, coolen Musikszene mit ­unseren kleinen Indie-Labels haben den größten Spaß. Wen ich richtig cool finde, sind die Freunde von Niemand. Vega und Hadi – die machen ihr Ding. Auch wenn es ganz anders ist als unseres. Ich finde das cool, dass sie Erfolg haben und dass sie alle gut drauf sind. Die können davon leben und denen macht das Spaß.
 

 
Aber du gehst doch auch mit einem gewissen Sinn für Business an die Musiksache ran.
Ich habe überhaupt keinen Sinn für ­Business. Frag mal meine Mutter, die meine ­Buchhaltung macht.
 
Glaubst du denn, dass du alles richtig ­gemacht hast bei dem letzten Album?
Nein, aber man muss auch nicht immer alles richtig machen. Es ist voll wichtig, dass man viele Fehler macht. Im Endeffekt lernst du nur aus Fehlern. Wenn du richtig großen Erfolg hast, dann weißt du nie, wieso es geklappt hat. Du kannst nur spekulieren. Wenn du aber einen Fehler machst, weißt du genau, was schiefgelaufen ist und setzt alles daran, dass du diesen Fehler nicht noch mal wiederholst. Wir haben beim letzten Album das ganze Drumherum komplett übers Knie gebrochen. Und trotzdem hat das Album gut funktioniert, weil die Musik gut war und nicht weil unsere Promo besonders ausgefeilt war. Man darf auch nie vergessen, dass die Leute nur die Alben von Marteria, Casper, Prinz Pi, Vega oder Kool Savas sehen und gar nicht wissen, was hinter dieser CD steckt. Dahinter stehen jeweils ganz unterschiedliche Strukturen. Hinter der einen CD stehen – wie bei uns – zwei Leute und hinter der anderen die Sony mit 50 Leuten. Man sollte immer berücksichtigen, welcher Aufwand welchen Erfolg bringt.
 
Ich habe mich gefragt, wieso ihr einen Song wie »Drei † für Deutschland« nicht ­aufgebauscht habt und du dann bei Kerner oder Maischberger über Afghanistan ­diskutiert hast.
Wir haben das sogar probiert. Aber es hat nicht funktioniert.
 

 
Wir hätten, glaube ich, alle etwas davon, wenn du in der öffentlichen Wahrnehmung eine Repräsentationsfigur für deutschen HipHop wärst.
Das wäre ich natürlich auch gerne, aber aus einem anderen Grund. Ich möchte, dass mich meine Mutter nicht mehr nervt. Wenn sie dann Fernsehen schaut und mal wieder irgendeinen Gangsta-Rapper sieht, der einen vom Leder lässt und kaum einen geraden Satz rausbringt, dann muss ich mich Sonntags bei ihr dafür rechtfertigen, was ich für eine Musik mache und wieso ich da nicht sitze.
 
Aber wieso sitzt du da nicht?
Ich bin halt eher ein durchschnittlicher, vernünftiger Typ aus der Mittelklasse. Ich bin aschblond, durchschnittlich groß, nicht zu dick, nicht zu dünn, nicht die totale ­Hackfresse, aber auch nicht der schönste Kerl. Ich bin kein Extrem. Und das Fernsehen interessiert sich eben für Extreme.
 
Repräsentierst du denn Deutschrap?
Vielleicht eine kleine Facette davon. Ich kann mir nicht anmaßen, für die Szene zu sprechen. Da bin ich nicht der Richtige dafür. Dafür bin ich zu besonders.
 
Eine ganz wichtige Veränderung nach »Rebell ohne Grund« war die Trennung von deinem Haus- und Hof-Produzenten Biztram.
Biztram will alles selber machen. Er zieht seinen ganzen Sound aus einem Computer. Du kannst ihn mit einem Laptop und Kopfhörern auf eine einsame Insel setzen und er baut dir ein bombastisch klingendes Album. Du dürftest aber währenddessen nicht neben ihm sitzen. Mir ist es aber immer wichtiger geworden, dass ich auch Einfluss auf meine Musik nehmen kann. Gerade bei diesem Album habe ich mir genug Zeit genommen, um an der Musik mitzuarbeiten. Und das war mit ihm nicht möglich. Deswegen musste ich das mit jemand anderem machen. Mir hat dieses Mal ein Klang vorgeschwebt, der nicht aus dem PC kommt, sondern aus analogen Geräten. Ich wollte eine gewisse Wärme und Imperfektion. Ich wollte mich persönlich öffnen und das auf der Musik tun, die ich wirklich liebe. Und das ist die Musik aus meiner Kindheit und Jugend – also die Platten von meinem Papa von den Beatles, Led Zeppelin und Kinks und die Platten aus meiner Jugend von Wu-Tang, Dr. Dre und Eazy E. Auf dem Album ist das verschmolzen. Ich hab dieses Mal ja viel an der Musik mitproduziert. Ich hatte eine Idee für einen Song, eine Melodie oder ein Thema und damit bin ich zu meinem Produzenten Matthias ins Studio gegangen. Ich wollte das Fette von richtigen HipHop-Drums mit der Finesse von den Beatles verbinden.
 

 
Wie wichtig war bei dem Entstehungsprozess das »Hallo Musik«-Album?
Das war im Endeffekt nur ein Zwischenschritt. Wir wollten einfach mal schauen, wie sich das anhört. Im Nachhinein bin ich mit dem Sound ziemlich unzufrieden. Es ist etwas halbgar. Es war der Versuch, manchen Songs eine intimere Note zu entlocken und diese eine Möglichkeit auszukosten, die man nur mit einer Band hat. Also die gegenseitige Beeinflussung von Sänger und Instrumental. Ich habe dabei eines gemerkt: Wenn man nur mit der Band arbeitet, passt es nicht zu einem HipHop-Sound. Man braucht auch mal einen Synthesizer oder Drum-Machine-Drums in der Struktur der Musik.
 
Ich fand interessant, dass in dem Zitat, das am Ende von »Rebell ohne Grund« kam – »Tschüß deutscher Rap, hallo Musik« – ja noch der Zusatz »Danke für die Einladung« folgte. Inwiefern wurdest du denn von der Musik eingeladen?
Ich habe einfach gemerkt, dass es mit der Band voll gut funktioniert hat. Ich hab mich einfach wohlgefühlt. Das Gefühl, dass man etwas richtig macht, ist das Allerwichtigste bei Musik. Man muss etwas richtig fühlen, um es richtig rüberzubringen. Wenn das Gefühl nicht stimmt, dann wird es nichts. Es fließt nicht. Diese Magie hat von Anfang an gestimmt. Ich hab einfach gemerkt, dass ich nicht nur auf meine Texte sehr viel Wert legen muss, sondern auch auf die Musik. Davor habe ich das immer aus der Hand gegeben und jetzt wollte ich mehr Anteil daran haben. Ich wollte selbst die Musik auf meine Texte maßschneidern.
 
Gab es denn Zweifel vor diesem Projekt? Du warst ja auch immer einer, der sich gerne über die Rapper lustig gemacht hat, die dachten, sie erfinden sich ganz neu, nur wenn sie mit Live-Band touren.
Auf jeden Fall. Ich hatte große Angst davor, das zu machen.
 
Manchen alten Fans hat die neue Richtung auch nicht so zugesagt. Doof gefragt: Willst du die Prinz-Porno-Fans eigentlich noch haben?
Ja, klar. Aber meine Alben haben sich schon immer unterschieden. Zwischen meinen Alben gab es nie einen roten Faden, außer meiner spezifischen Art zu rappen. Ich würde mich krass schämen, wenn ich jetzt die Musik machen würde, die ich mit 18 gemacht habe. Ich war immer Fan von Künstlern, die sich zwar immer treu geblieben sind, sich dabei aber weiterentwickelt haben. Kool Keith war für mich immer so was wie ein Idol. Du darfst dich eben nicht zum Sklaven der Fans machen. Die meisten Fans schweigen und sie werden auch älter und entwickeln sich weiter. Dass es diese Fans gibt, sehe ich daran, dass meine Konzerte so gut besucht sind wie noch nie. Und da sind auch ältere Leute. Wenn es die nicht gäbe, wären meine Konzerte nicht so voll und meine CDs würden sich nicht so gut verkaufen. Die Leute, die ihre Stimme erheben, sei es positiv oder negativ, sind immer die mit extremer Meinung. Es ehrt mich sehr, wenn manche Hörer meine Musik schon sehr lange hören und ich sie schon so lange begleiten darf. Viele sind mit meiner Musik erwachsen geworden, aber das sind eben nicht die, die im Internet Kommentare abgeben.
 
Eine These: Die Veränderung deines ­Standings mit »Rebell ohne Grund« ging damit einher, dass deine Fans nicht mehr so sind wie du. Und dahingehend musst du dir auch Gedanken darüber machen, was du ihnen inhaltlich gibst.
Nein, das mach ich ja nicht. Man darf sich als Musiker nie zum Dienstleister machen, der versucht, genau das zu liefern, was er glaubt, was seine Fans hören wollen. Die Themen, die ich behandle, sind zeitlos. Das Thema Jugend zum Beispiel versteht man ja, ganz egal, ob man jetzt 15 oder 50 Jahre alt ist.
 
Dieses Thema ist bei deinem neuen Album zentral. Wobei eher die negativen Seiten zum Vorschein kommen: Es geht um die Perspektivlosigkeit, das Verlorensein als Jugendlicher.
Ja, die Suche nach dem richtigen Platz in der Gesellschaft und im Leben. Bei mir begann das mit 13, aber hält immer noch an. Und das wird bei mir auch noch 30 Jahre ­anhalten. Eigentlich müsste ich längst an dem Punkt im Leben sein, an dem ich genau weiß, was ich will, aber ich stelle mir immer noch die Frage nach dem Wohin. So geht es ja ganz vielen.
 
Die Allgemeingültigkeit kann ich bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen, aber du bist ein 33-jähriger Mann mit Kind, Hund und Oberklasse-Wagen.
Aber halt kein Typ mit Bausparvertrag. Ich lebe nur für meine Kunst. Bei den meisten anderen teilt sich das Leben in Arbeit und Freizeit auf. Diese Dualität gibt es bei mir nicht. Ich stehe so in einer Beobachterposition. Meine Berufung ist es, diese gesellschaftlichen Entwicklungen treffend zu beschreiben. Dazu kann ich keiner von denen sein. Ich kann nicht der durchschnittliche Bankkaufmann oder Werbegrafiker, sondern muss ein Außenstehender sein. Umso weiter draußen du stehst, desto genauer kannst du dieses Bild aufzeichnen. Ich muss explizit anders sein, um alles so genau auf den Punkt bringen zu können.
 

 
Möchtest du also nicht deine Geschichte erzählen, sondern nur eine Geschichte?
Ich möchte erzählen, was ich wahrnehme. Ich bin kein neutraler und objektiver Erzähler. Ich erzähle zwar Teile meiner eigenen Lebensgeschichte, aber gleichzeitig auch die Geschichte der anderen. Große Kunst entsteht durch gutes Beobachten und Zuhören. Das Album ist weniger Sozialkritik und mehr Gesellschaftsbeobachtung.
 
Vor allem ist das Album ein Coming-of-Age-Tale. Gibt es da jemanden, in dessen Tradition du dich dabei siehst?
Es gibt den Song »Free Electric Band« des britischen Songwriters Albert Hammond, der mich sehr beeinflusst hat. Hammond kommt aus einer recht gut situierten Familie. In dem Song erzählt er, dass sein Vater und seine Professoren sehr viel von ihm halten und eine rosige Zukunft für ihn sehen. Hammond entscheidet sich aber für die Musik und sie können es einfach nicht verstehen. Dann lernt er eine Frau kennen, in die er sich verliebt. Aber am Ende merkt er, dass sie sich häuslich niederlassen und Kinder haben will und er sie dafür verlässt, um seinen eigenen Weg zu gehen. Er findet seinen Weg in der Musik. Und diesen Weg habe ich auch für mich gefunden. Sie ist der Norden in meinem Kompass.
 
Wie viel Energie kostet es dich, Musik zu machen?
Gar keine. Es darf dich auch keine Energie kosten, sonst wäre es nicht natürlich. Wenn du dir etwas aus den Fingern saugen musst, dann denkst du dir was aus. Du nimmst deine Umgebung und deine Erlebnisse über Jahre in dich auf und dann fließt es innerhalb von 20 Minuten aufs Papier. Den Inhalt hast du getankt. Das Aufschreiben und den Song machen, das kostet keine Energie. Anstrengend ist nur das ganze Drumherum. Den Beat richtig auf die Stimme anzupassen, deinen Text perfekt einzurappen – das kostet wahnsinnig viel Energie.
 
Die musikalische Richtung hast du bereits mit den Platten deines Vaters und denen aus deiner Jugend beschrieben. Gab es denn auch Aktuelles, das du während der Produktion gehört hast?
Ja, das war das Album »Fear Fun« des Folk-Musikers Father John Misty. Eine lustige Geschichte dazu: Ich habe mein Album am Anfang nur ganz wenigen Leuten gezeigt. Einer davon war Casper und der meinte dann, dass es einen Musiker gäbe, an den ihn die Musik erinnert. Und das war Father John Misty. Das hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Dazu habe ich auch noch viel Purity Ring gehört. In erster Linie war es aber ältere Musik, die ich jetzt erst wiederentdeckt habe.
 
Kann dir Rap künstlerisch noch was auf den Weg geben?
Ich höre mir schon alles an. Ich respektiere einen Haftbefehl und höre es mir gerne an. Das Trailerpark-Album war für mich eine sehr wichtige Platte, die ich viel gehört habe. Das hat mir sehr gut gefallen, obwohl es überhaupt nicht meine Richtung ist. Tua schätze ich sehr, wobei mir das Orsons-Album gar nicht gefallen hat. Macklemore & Ryan Lewis habe ich auch von Anfang an gediggt.
 

 
Kannst du vielleicht den technischen Aspekt der Albumproduktion erklären? Ihr habt alte Maschinen benutzt, selbst Teile gebaut und in Detailarbeit zusammen­gelötet und da sehr viel Zeit, Liebe und Geld ­reingesteckt. Wie wirkt sich das auf die Musik aus?
Man muss Musik immer in dem Kontext sehen, in dem sie hergestellt wird. Die alten Wu-Tang-Sachen wurden in einem Raum mit zehn Leuten mit Blunt im Mund mit einer Technik aufgenommen, von der die Leute keine Ahnung hatten. Das waren keine Toningenieure. Die haben halt alles voll aufgedreht, damit es sich möglichst fett anhört. Dieser bestimmte Flavour ist ein Produkt dieser verrauchten Höhle. Ihre Musik hat sich ja dann irgendwann auch langweiliger angehört, weil sie in viel besseren und sauberen Studios aufnahmen. Musik ist immer abhängig von den Geräten, mit der man sie macht. Die meisten deutschen Rapper arbeiten mit Musik, die aus den gleichen Computern kommt. Es klingt alles gleich. Es ist ein Einheitsbrei. Ich wollte nicht mit den gleichen Werkzeugen arbeiten, die auch meine Kollegen benutzen. Ich wollte mir meine Werkzeuge selbst bauen. Ich habe sie genau auf mich abgestimmt.
 
Muss durch diese höhere Investition dann auch mehr gehen, damit die Kosten-Nutzen-Rechnung aufgeht?
So darf man nicht denken. Gar nie. Wenn man Musik mit einem finanziellen Kalkül macht, dann kann es nur schiefgehen. Man muss einfach machen. Mein Ziel ist kein finanzielles. Ich will einfach nur die Musik machen, die ich fühle oder die ich gerne am liebsten selbst hören will. Ich denke nicht darüber nach, wie viele Platten ich verkaufen muss, damit das Geld für das 10.000-Euro-Mikrofon wieder drin ist. Das ist das Mikrofon, auf dem sich meine Stimme am besten anhört. All ­diese technischen Details sind nichts, womit du dir Erfolg erkaufen kannst oder die dir überhaupt garantieren, dass du gute Musik machst. Es geht um die Kunst, das auszuwählen, was dir am besten steht.
 
Gab es dennoch die Überlegung, nach dem Erfolg von »Rebell ohne Grund« jetzt noch mal einen Schritt weiter zu gehen?
Wir freuen uns natürlich über jede verkaufte Platte und es ist immer toll, Erfolg zu haben. Aber in erster Linie geht es uns darum, gute Arbeit zu machen und irgendwann mal mit dem Gefühl abtreten zu können, dass es Spaß gemacht hat. Wenn ich mal tot bin, werden mich die Leute danach beurteilen, was ich hinterlassen habe. Und wenn dann ein so exzellentes Album dabei ist wie »Kompass ohne Norden«, dann werden sie sich daran erinnern.