Taktlo$$ & Frauenarzt: »Ich wusste gar nicht, was Trap überhaupt bedeutet.« // Interview

Wer mit den Namen der beiden Legenden Taktlo$$ und Frauenarzt nichts anfangen kann, der sollte schnellstens einen HipHop-Kurs in der nächsten Volkshochschule belegen. Schwerpunkt: Berliner Untergrund. Denn während Ersterer Ende der Neunziger zusammen mit einem gewissen King Kool Savas als Westberlin Maskulin Battlerap revolutionierte, gründete der Andere mit einer Hand voll Verrückter das Label Bassboxxx und brachte ganz nebenbei Miami Bass nach Deutschland. Und obwohl Taktlo$$ in der Folge im Untergrund verharrte und es Frauenarzt als Teil von Die Atzen in die Charts zog, haben sie fast zwanzig Jahre später ein gemeinsames Album aufgenommen mit dem nicht gerade zurückhaltenden Titel »Gott«. Ein Gespräch mit dem passionierten Alles-Verweigerer Takti, dem Blonden, und der Tempelhofer Rap-Legende Frauenarzt.

Erinnert ihr euch noch an euer erstes Treffen?
Taktlo$$: Nein.
Frauenarzt: Ich auch nicht. Aber das muss wohl so 98/99 gewesen sein. Vorher habe ich ihn lediglich als Namen in der Graffiti-Szene wahrgenommen, aber nicht als Person.
Taktlo$$: War das vielleicht im Royal Bunker?
Frauenarzt: Da sind wir uns das erste Mal begegnet, stimmt. Das war noch der allererste Royal Bunker, also ein kleines Café, wo nur wenige Leuten waren. Da sind wir unabhängig voneinander immer wieder aufgetaucht.

Und wann habt ihr euch dann richtig kennengelernt?
Taktlo$$: Ich bin umgezogen, eine gemeinsame Freundin hat mir dabei geholfen. Es gab Zeitdruck, ich musste die alte Wohnung noch streichen, und wir dachten, wir schaffen es nicht rechtzeitig – dann hat sie Frauenarzt angerufen.
Frauenarzt: Ich war damals nämlich Maler.
Taktlo$$: Und dann haben die mir geholfen, in der Wohnung klar Schiff zu machen. Ich revanchiere mich bei Gelegenheit noch.
Frauenarzt: Wir machen hier gerade einen Umzug, also fühl dich frei.

Welches war dann der erste gemeinsame Track?
Frauenarzt: War das »Vorhang auf« [vom Taktlo$$-Album »BRP 3« feat. King Orgasmus One, MC Bogy und Basstard; Anm.d. Verf.]?
Taktlo$$: Kann sein. Sagen wir einfach, es sei so.

Für das erste Kollabo-Album habt ihr fast zwei Jahrzehnte gebraucht. Wie sah euer Kontakt in der Zwischenzeit aus?
Frauenarzt: Unser Verhältnis war immer gut. Wir sind noch nie aneinandergeraten. Ab und an ist der Kontakt etwas enger, dann wieder nicht – wie das halt so ist bei Männern unseres Alters. Wenn wir uns sehen, verbindet uns meist das Musikalische. Taktlo$$ hatte längere Zeit einen Raum bei uns im alten Atzen-Studio, was viele gar nicht wissen. Da hat er an Musik gearbeitet, dadurch sind wir uns immer wieder begegnet.

Wann kam das erste Mal die Idee zu einem gemeinsamen Album auf?
Frauenarzt: Die Idee hatten wir beide schon vor über einem Jahr.
Taktlo$$: Nein, vor zwei Jahren! Und vor einem Jahr haben wir dann angefangen.
Frauenarzt: Also seit einem Jahr arbeiten wir dran und ich habe alles gewusst – die ganze Zeit über. (grinst schelmisch)
Die erste Single »Ich schwöre« war überraschend. Mit Taktlo$$-Gesang auf Autotune hatte man nicht unbedingt gerechnet.
Taktlo$$: (unterbricht) Entschuldige mal? Du denkst, das ist Autotune? Da bist du auf dem Holzweg.

Ist es nicht?
Taktlo$$: Nein, das ist meine Stimme.
Frauenarzt: Taktloss singt wie ein Engel!

Dann hat sich deine Stimme in den letzten Jahren aber ganz schön verändert.
Taktlo$$: Nein, die hat sich nicht verändert. Ich trainiere Beatboxing, seit ich fünf Jahre alt bin. Ich kann meine Stimme krass variieren.
Frauenarzt: Man nennt ihn auch den menschlichen Vocoder!

Ihr habt beide stets einen sehr eigenen Rapstil gehabt, der nur bedingt zu dem passt, was produktionstechnisch gerade en vogue ist – Stichwort: Trap. An wen habt ihr euch für euer Kollaboalbum in Sachen Beats gewandt? Und mit welchen Ansprüchen seid ihr da rangegangen?
Taktlo$$: Bevor dieses Projekt begonnen hat, wusste ich gar nicht, was Trap überhaupt bedeutet. Ich habe überhaupt viele Begriffe zum ersten Mal gehört. Was ein Drop ist, wusste ich zum Beispiel auch nicht. Aber hinter dem Album steckt eh ein einziger Kopf, ein Mastermind.
Frauenarzt: Gott.
Taktlo$$: Der ungenannte Gott.
Frauenarzt: Nein, am Anfang wollten wir die Platte eigentlich komplett selbst produzieren. Aber dann war ich gerade mit den Arbeiten zu »Mutterficker« fertig, wo ich sehr gut mit Hell Yes zusammengearbeitet habe. Taktlo$$ hat sich dann seine Sachen angehört, wir haben uns gemeinsam getroffen und beschlossen, »Gott« zusammen zu machen.
Taktlo$$: Hört sich das für dich nicht so an, als ob lediglich einer dahinter steckt? Hört es sich für dich nach vielen verschiedenen Produzenten an?

»Gott« wirkt sehr heterogen und in sich geschlossen, trotzdem aber abwechslungsreich – insofern könnte man schon vermuten, dass die Platte von mehreren Leuten produziert wurde. Das Album klingt frisch und auf der Höhe der Zeit, dennoch stellt sich ein nostalgisches Gefühl alter Schule ein – nach dem alten Berlin.
Taktlo$$: Das schreibst du genau so! Du veränderst kein Wort!
Trotzdem stellt sich natürlich die Frage nach dem Grund für dieses Album. Wolltet ihr noch mal was beweisen?
Taktlo$$: Wir haben dieses Album aufgenommen, weil es uns Spaß macht. Das war eine gute Erfahrung. Für uns beide.

Also war es nicht die positive Resonanz auf Frauenarzts »Mutterficker« oder das Abschiedskonzert von Taktlo$$, die euch einen Schub gegeben hat?
Frauenarzt: Die Idee mit dem Konzert kam irgendwann mittendrin. Für uns ist einfach alles sehr gut gelaufen. Von außen betrachtet mag das geplanter aussehen, als es letztlich war. Wie Taktlo$$ schon sagt: Wir haben bloß gemacht, worauf wir Bock hatten. Wir wollten ein geiles Album machen und haben von Anfang an gesagt: »Wenn es nicht gut wird, dann kriegt es auch keiner zu hören. Wenn es unseren Ansprüchen nicht genügt, werden wir den Teufel tun, das rauszuhauen.« Und erst, als das Album fertig war, haben wir darüber nachgedacht, wie wir damit rausgehen. Wir fahren aktuell auch keine klassische Promophase, weil wir keine Struktur haben. Während wir die Dinge machen, überlegen wir, wozu wir beispielsweise ein Video drehen könnten, haben aber auch schon spontan Sachen verworfen und machen alles frei Schnauze.
Taktlo$$: Stimmt genau so. Wir haben am Anfang abgemacht, dass wir erst mal ausprobieren, wie wir zusammen funktionieren. Auch aus meiner Perspektive noch mal: Ich habe lange nicht mehr intensiv Musik aufgenommen. Deshalb war das alles anfangs erst mal nur ein Versuch.
Frauenarzt: Meine Hoffnung war natürlich trotzdem, dass Taktlo$$ genügend Motivation daraus schöpft und endlich das seit Ewigkeiten angekündigte, aber nie erschienene »BRP Unendlich« aufnimmt. Ein Soloalbum von ihm wäre echt mal wieder was Schönes.

Wenn man sich die Taktlo$$-Diskografie anschaut, stellt man fest: Du hast vergleichsweise viele Kollabo-Alben aufgenommen mit Leuten wie Jack Orsen, Basstard und Justus Jonas. Brauchst du zum Arbeiten einen Motivator?
Taktlo$$: Ja und nein. Es kann nicht ­schaden. Aber ich habe ja durchaus auch schon ein paar Soloalben zustandebekommen.
Frauenarzt: Das Album mit Justus Jonas ist für mich übrigens ein Meilenstein der deutschen Rap-Geschichte.

Aber »BRP 56«, dein letztes Soloalbum, ist von 2004.
Taktlo$$: Das ist wohl wahr.
Frauenarzt: Die Zeit vergeht einfach wahnsinnig schnell. Meine letzte Soloplatte vor »Mutterficker« ist 2008 erschienen – da lagen acht Jahre dazwischen – eine halbe Ewigkeit.

Taktlo$$, im Gegensatz zu Motivatoren scheinst du auf Interviews nicht viel wert zu legen. Das trägt zwar durchaus zur Mythenbildung bei, dennoch aber die Frage: Warum redest du so ungern über deine Kunst?
Taktlo$$: Ich will nicht, dass in Interviews klar wird, dass ich der bin, der ich bin. Ich will, dass man lediglich das hört, was ich als Musiker mache.

Frauenarzt, du stehst weitaus mehr im Rampenlicht – nicht zuletzt als Teil von Die Atzen und deren Partysound. Wie schaffst du es, diese beiden unterschiedlichen Welten von Mainstream und Untergrund miteinander zu verbinden?
Frauenarzt: Zwischen Taktlo$$ und mir gibt es viele Parallelen. Weil du gerade Die Atzen ansprichst: In deren Kosmos bin ich ja auch ein Stück weit eine Kunstfigur. Damit meine ich nicht, dass das nur Schauspiel oder Fake ist, aber ich entwerfe da einen ­Charakter – genau wie Taktlo$$ das tut. Wir sind nicht diese Charaktere, wenn wir einkaufen gehen. Aber jeder Künstler zieht seine eigenen Grenzen zwischen sich und seinem Künstler-Alter-Ego und bestimmt, wie viel er nach außen von sich als Person preisgibt. Auch ich habe da eine Schmerzgrenze und bin nicht der Typ, der bei Snapchat in seiner Wohnung rumrennt und alles dokumentiert. Ich zeige nur das, was ich zeigen will.
Taktlo$$: Ich beneide ihn sehr, weil ich erst so spät angefangen habe, Sonnenbrille zu tragen. Ich mag es, nicht erkannt zu werden. Frauenarzt hat das von Anfang an richtig gemacht.
Frauenarzt: Manche Leute, die die ganze Zeit alles von sich zeigen, gehen mir auch auf den Sack. Dafür sind die meisten Leute einfach nicht interessant genug. Da folgst du Leuten bei Instagram, kennst den ganzen Tagesablauf von denen und begreifst plötzlich, wie armselig deren Scheißleben eigentlich ist – siehst, wann sie aufstehen, was sie frühstücken, wie sie rausgehen. Und dann merkst du, dass sie jeden verdammten Tag bloß dasselbe machen. Bei einer Kunstfigur hingegen bleibt viel der Vorstellung überlassen – und das hilft bei der Identifikation. Wenn du aber real bist, dann ist das auch egal. Bogy zum Beispiel zeigt seine Wohnung und erzählt alles über sich und sein Leben. Das ist dann auch cool, aber bei dem ist es eben auch nicht langweilig. Das passt, weil seine Texte auch so sind und einem Seelenstriptease gleichen.

Ihr habt es ja auch gar nicht mehr nötig, euch zwanghaft ins Rampenlicht zu drängen, weil euer Status weit über dem jedes x-beliebigen Newcomers liegt. Die wiederum müssen versuchen, sich eine Plattform zu schaffen.
Frauenarzt: Unabhängig vom Status sind wir aber auch einfach Battlerapper. Und Sex-Rapper. Und Horror-Rapper auch noch, wenn man allen Ausprägungen einen Namen geben will. Aber zuallererst sind wir West-Berlin-Battlerapper – und um das zu sein, brauchst du das alles nicht.

Wie selbstkritisch seid ihr in Anbetracht des Umstands, dass aufgrund eures ­Legendenstatus mittlerweile eigentlich alles von euch gefeiert wird?

Taktlo$$: Ist das so? Meine Stimme wurde ja schon fälschlicherweise mit Autotune verwechselt – das haben einige nicht akzeptiert.
Frauenarzt: »Ich schwöre« wurde durchaus positiv aufgenommen, aber in der Welt des Internets gibt es so viele Leute, die ständig an jeder Kleinigkeit rummäkeln und das Wesentliche nicht mehr erkennen. Aber: Ein guter Song ist ein guter Song – unabhängig davon, was für Elemente benutzt werden. Auch wenn es nicht dein Geschmack ist: Akzeptiere wenigstens die Kunst. Leute sollten anerkennen, wenn etwas gut gemacht ist – unabhängig davon, ob es ihnen musikalisch gefällt.

Für euch zählt also nur euer eigener Maßstab?
Frauenarzt: Natürlich bin ich meinen Hörern dankbar dafür, dass sie das feiern, was ich mache. Aber du darfst dich als Künstler nicht vom Publikum erziehen und verbiegen lassen, sondern musst frei bleiben und das machen, worauf du Bock hast – nur dann bist du real. Wir haben überhaupt nicht darüber nachgedacht, was wir machen. Ich hätte aber auch nie gedacht, dass Taktlo$$’ engelsgleiche Gesangs-Hook so eine Diskussion hervorrufen würde. Und ganz ehrlich: Autotune haben wir schon 2002 genutzt. Auf dem Track »Fick den Teufel« vom Sady-K-Album »Jetzt oder nie« von 2003 habe ich alles mit Autotune gesungen. Ich hab sogar eine Goldene Schallplatte an der Wand hängen von einem Autotune-Song: »Strobo Pop« feat. Nena von Die Atzen. Das ist nichts Neues für uns und kein Trend – mittlerweile aber eben ein Element, das nicht mehr wegzudenken ist. Wenn man es richtig einsetzt, macht es Spaß, das zu nutzen. Autotune benutzt heute fast jeder, und das wiederum befeuert den Konkurrenzkampf, der ja auch HipHop ist: Competition. Wir sollten nicht in der Zeit stehenbleiben und bloß hängengebliebenen Bullshit machen, weil wir anti-alles sind. Wir sollten uns weiter­entwickeln, battlen – und dieser Gedanke macht auch »Gott« aus. Das Album ist Krieg. Und es entspricht zu hundert Prozent dem, wie Taktlo$$ und Frauenarzt anno 2017 zu klingen haben.
Taktlo$$: Starker Monolog.

Also wird Battlerap auch nie langweilig?
(lange Stille) Taktlo$$: Wenn es irgendwann langweilig wird, dann machen wir es nicht mehr. Wir machen nichts, was uns langweilt.

Letztes Jahr hast du zwei Konzerte gespielt, mit denen du dich von der Bühne verabschieden wolltest. Nun hast du für Juni ein Konzert mit Band rhythmuz angekündigt. Wie wird das vonstatten gehen?
Taktlo$$: Ich will einfach mal ausprobieren, wie das mit einer Band ist, weil ich das noch nie gemacht habe. Ich würde damit gerne alle meine bisherigen Shows toppen. Wenn das nicht gelingt, kann ich es mir sparen. Warum sollte ich mich mit einer Band da hinstellen, wenn es am Ende langweiliger wird, als wenn der Beat vom Band kommt? Aber ich glaube: Ich kriege das hin! Wahrscheinlich bin ich an dem Abend der Unmusikalischste auf der ­Bühne, aber vom Klang her wird das etwas Besonderes. Ich bin jedenfalls guter Dinge. Mehr kann ich allerdings noch nicht verraten, wir haben bisher noch nicht einmal geprobt.
Frauenarzt: Was soll man auch groß darüber reden? Kauft ein Ticket, geht hin, hört’s euch an! ◘



Text: Arne Lehrke
Foto: Vitali Gelwich