SXTN: »Mit einem Schwanz zwischen den Beinen würde ich genau dieselbe Musik machen.« // Interview

Letztes Jahr waren Nura und Juju aka SXTN broke. Die beiden mussten sich im Backstage unzähliger Festivals Drinks schnorren und Essen klauen, bei 40 Grad in Zelten pennen und tagsüber auftreten. Dieses Jahr haben sie darauf keinen Bock mehr. Das Ziel für 2017: Mit ihrem anstehenden Debütalbum »Leben am Limit« Charterfolge feiern und endlich Money machen.

Nach eurer letztjährigen EP »Asozialisierungsprogramm« folgt nun euer Debütalbum »Leben am Limit«. Habt ihr euch auf der Platte einem bestimmten Thema gewidmet?
Nura: Nein, wir haben einfach Songs gemacht und die besten davon dann aufs Album gepackt. Einen roten Faden gibt es nicht.
Juju: Unsere Inspiration war das Leben, deshalb der Titel. Auf der Platte geht es um alles, was wir sehen und hören; um Dinge, die wir erleben. Wir wollten aber keinen bestimmten Sound kreieren, keine besonderen Themen in unseren Songs verarbeiten.

Von Inspiration zu Kollaboration: Gibt es Features auf der Platte?
Juju: Auf jeden Fall! Da sind zwei …
Nura: (unterbricht) Das können wir leider noch nicht verraten! Aber es sind zwei ­Legenden! Mit denen rechnet niemand.
Juju: Die zwei besten Rapper Deutschlands.

Eure Vorbilder?
Nura: Rap-Vorbilder habe ich gar nicht. Aber es gibt Leute, die ich feiere und bei denen ich denke: Das hört sich gut an, das kann ich im Auto pumpen. Bei mir ist das aber krass situationsabhängig.
Juju: Ich finde eher einzelne Songs geil.

Könnt ihr euch denn vorstellen, ­Vorbilder für andere zu sein?
Juju: Vielleicht ein bisschen. Es ist aber nicht so, dass wir das unbedingt sein möchten. Meist sind wir ja krass asozial, trotzdem möchten wir unseren Fans ein paar Werte mitgeben. Die meisten Leute peilen das bloß nicht. Um uns zu verstehen, muss man um mehr als nur eine Ecke denken.
Nura: Viele Leute halten uns für hohle Asi-Bratzen – und das sollen sie ruhig. Wir werden deshalb nicht aufhören, Schimpfwörter zu benutzen oder explizite Texte zu rappen. Wir sind aber vielleicht Vorbilder, wenn es um so was geht wie: Ey, mobb keine Leute! Sei nicht scheiße zu anderen Menschen! Sei nicht homophob oder sexistisch!

Seid ihr nicht allein deshalb Vorbilder, weil ihr präsent seid und junge Mädchen dazu animiert, auch zu rappen?
Juju: Wir sind sicherlich musikalische Vorbilder. Wir sind ja die ersten, die sich wirklich mal was trauen. Wir haben von Anfang an auf alles geschissen und unser Ding durchgezogen, obwohl wir lange nur Hate abbekommen haben. Ich fand uns sehr mutig und hoffe, dass das anderen jungen Mädels, die in eine Szene wollen, wo mehr Typen am Start sind, ein bisschen Mut und Hoffnung gibt.

Seid ihr vielleicht deshalb auf Kritik gestoßen, eben weil ihr euch so viel getraut habt? Zwei Mädchen, die ihr Maul aufreißen und genauso prollig sind wie männliche Rapper, das eckt bestimmt an.
Juju: (lacht) Ja, viele würden uns sicher lieber hinter dem Herd sehen.
Nura: Die meisten Leute konnten uns nicht einordnen und waren verwundert darüber, dass wir die Fresse so aufreißen. Typen kommen mit so extrovertierten Weibern oft nicht klar, das ist schwer für die. Mittlerweile haben sich die Leute aber an uns gewöhnt. Jetzt kann auch keiner mehr so richtig haten.

Die Szene versteht euch jetzt also?
Nura: Unsere Fans fangen mittlerweile sogar an, uns zu verteidigen. Das finde ich extrem süß!
Juju: Mit unserem Track »Deine Mutter« waren anfangs alle überfordert. Text und Video waren zu sehr in die Fresse. Ich hätte das vielleicht auch nicht gerafft, hätten andere Weiber den Song veröffentlicht. Dass die Leute uns heute peilen, das war ein Prozess. Wir haben so unterschiedliche Songs veröffentlicht, von krassen Ansage-Tracks bis hin zu deepen Songs, mit ganz unterschiedlichen Themen. Wir haben mit jedem Release eine weitere Facette gezeigt, dadurch konnte man uns kennenlernen. Das hat aber lange gedauert. Am Anfang dachten alle bloß: Was wollen diese Asi-Ollen? Die wollen doch bloß sinnlos provozieren.

Für viel Provokation und Fragezeichen in den Köpfen der Hörer sorgt bestimmt auch der von euch so oft benutzte Begriff »Fotze«. Wieso benutzt ihr den?
Juju: Ich find den Begriff »Fotze« selbst nicht so schön, aber ich finde es wichtig, dass Frauen ihn benutzen. Bevor ein Typ zu mir »Fotze« sagt, mach ich lieber einen Song, in dem ich zehnmal das Wort benutze, denn wie soll der Typ da noch einen draufsetzen und ihn gegen mich verwenden? Wenn ich Kommentare lese wie: »Die zwei Fotzen schon wieder«, dann juckt mich das gar nicht. Ich hab Songs, in denen ich mich selbst als Fotze bezeichne, dadurch verletzt es mich nicht mehr, wenn andere den Begriff benutzen. Als rappende Frau muss man aber damit rechnen, als Schlampe, Fotze oder Nutte beschimpft zu werden. Und da sag ich das lieber direkt als erstes, um anderen gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Ihr habt euch den Begriff also wieder angeeignet. Macht ihr feministische Musik?
Nura: Wir sind selbstbewusst und haben explizite Texte, insofern: Ja. Feministin sein bedeutet: sich ausleben und auf Regeln scheißen.
Juju: Ich würde mich nicht unbedingt als Feministin bezeichnen. Feministische Meinungen sind mir oft ein wenig zu extrem. Ich hab auch keinen Bock, nur für Frauen zu kämpfen. Jeder sollte die gleichen Rechte haben, egal ob Mann oder Frau, homo oder hetero. Man sollte sich nicht gegenseitig verletzen, aber auch niemanden auf ein Podest stellen. Cool mit jedem sein und keine Angst vor anderen haben – das ist mir viel wichtiger.

Ihr selbst habt das mit dem Podest aber erlebt – gerade weil ihr rappende Mädels seid.
Nura: Klar, wir fallen auf, weil wir zwei Weiber sind – aber darum haben wir niemanden gebeten. Die Gesellschaft findet das ungewöhnlich, wir aber nicht. Mir würde es besser gefallen, wenn man uns einfach als Rap-Band wahrnimmt. Mit einem Schwanz zwischen den Beinen würde ich genau dieselbe Musik machen. Das ist dieses Schubladendenken: Die Leute kleben ein Label drauf und denken dann, dass sie eine Erklärung hätten.
Juju: Aber für uns gibt es keine Erklärung! (lacht)

Text: Helene Nikita Schreiner
Foto: Maximilian Kamps

Dieses Interview erschien erstmals in unserer aktuellen Ausgabe. JUICE #180 jetzt versandkostenfrei bestellen: