Stupido: »Ich will Fler auch nichts Böses« // Interview

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Wer vor regelmäßigem Youtube-Konsum nicht zurückschreckt, dem dürfte das ­Projekt »Stupido schneidet« von Zoltan Zem alias Stupido bereits den einen oder anderen Lachkick bereitet haben. Mit großer Vorliebe knöpft sich der 35-jährige Mediengestalter von Heilbronx Entertainment darin polarisierende Rapper wie Farid Bang, Manuellsen und Fler vor, indem er ihre Videointerviews umschneidet, sie in ein anderes Licht rückt und dadurch Lacher provoziert, die dem einen oder anderen auch mal sauer aufstoßen. Vor allem dem einen.

Du wohnst und arbeitest in Heilbronn. Wie bist du dort zu HipHop gekommen?
Mit HipHop habe ich erst 2007 angefangen, als ich damals Bushidos Video »Sonnenbank Flavour« in »Samen­bank Flavour« umgemünzt habe. Das war meine erste Berührung mit der Szene. Vorher habe ich HipHop gehasst.

Ach ja? Warum?
Ich war einfach doof und engstirnig. In der Schule habe ich mich deswegen fast mit Leuten geprügelt, die HipHop geil fanden, aber genauso doof und engstirnig waren wie ich.

 
Wie bist du dann auf die Idee zu »Samenbank ­Flavour« gekommen?
Ich hatte einfach Lust, das zu verarschen. Meinen Text habe ich dann ohne Beat eingerappt, einfach die Kamera hochgehalten und los. Dafür ist es sogar recht gut geworden. (lacht)

Na ja, in Sachen Raps hapert es schon ziemlich.
Ja, stimmt. Der zweite Song »Heilbronx« war schon etwas besser. In Heilbronn gilt der Song heute sogar als Hymne. Ich habe mir das mit dem Rappen danach von einem Kumpel noch mal richtig erklären lassen und noch mehr Musik gemacht: Comedy-Rap. Aber nicht, um HipHop zu verarschen, sondern um HipHop als Ausdrucksform für mich zu nutzen.

Der humoristische Aspekt war also immer schon Teil deiner Auseinandersetzung mit HipHop?
Ja, genau. Ich wollte immer unterhalten, keine bierernsten Geschichten von der Straße erzählen. Wobei man sagen muss: Straßenrapper wie Farid Bang oder Summer Cem haben heutzutage auch sehr witzige Lines in ihren Texten. Das mag ein Grund dafür sein, dass Comedy-Rap in seiner herkömmlichen Form heute nicht mehr existiert.

Mitte/Ende der Neunziger galten Bands wie Fettes Brot und Fünf Sterne Deluxe als HipHop-Clowns und Spaßrapper. Mochtest du die?
Ja, die fand ich gut! Die Fantastischen Vier auch. Aber als die Deutschen plötzlich anfingen, amerikanischen Gangstarap zu imitiert, wurde mir das zu primitiv.

»[Fler] verweist zwar auf seine Persönlichkeitsrechte, aber als Person des öffentlichen Lebens gelten die nur in einem bestimmten Rahmen.«

Wie und wann kam dann die Idee zu »Stupido schneidet«?
Das war vor zwei, drei Jahren. Es gibt ja das Genre Youtube Kacke, wo man ein Video humoristisch umgestaltet. Das stammt aus den Staaten, wo das Youtube Poop heißt. Ich habe damals ein Video von Haftbefehl gesehen, in dem er unfreiwillig das Tetris-Theme performt, und fand das superkreativ. Das Ergebnis war so behindert, so debil, dass ich dachte: Das will ich auch machen! (lacht)

Was hat dich daran geflasht?
Die Freiheit. Machen zu können, was ich will. Ohne Regeln. 2013 habe ich dann mein erstes Video mit Farid Bang über sein erstes Mal gemacht.

 
Wie waren die Reaktionen darauf?
Es gab kaum welche. (lacht) Viele Leute haben die ersten »Stupido schneidet«-Videos gar nicht mitbekommen. Richtig losgegangen ist das erst letztes Jahr, als Falk mein »Verbotenes Interview« mit Fler auf seiner Facebook-Seite gepostet hat. Dadurch ist das Ganze explodiert, alle fanden’s lustig – bis auf Fler natürlich. Der hat es sperren lassen.

»Ich habe HipHop gehasst.«

Hattest du damit gerechnet?
Nein. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass der wirklich so spaßbefreit ist. Ich hab’s dann direkt wieder hochgeladen, und er hat’s wieder sperren lassen. So geht das bis heute.

Habt ihr mal darüber gesprochen?
Er hat mich bei Facebook angeschrieben, seinen typischen Fler-Schwachsinn von sich gegeben und mir gedroht. Ich habe ihm auch geantwortet, ihn irgendwann aber geblockt, sodass er mir keine Nachrichten mehr schreiben kann. Mir wurde das einfach zu blöd, denn er ist nicht im Recht.

Wie sieht denn die Rechtslage dahingehend aus?
Er darf meine Videos nicht sperren lassen, denn er ist nicht im Besitz der Rechte für das entsprechende Bildmaterial – auch wenn er darin zu sehen ist. Er verweist zwar auf seine Persönlichkeitsrechte, aber als Person des öffentlichen Lebens gelten die nur in einem bestimmten Rahmen. Deshalb darf Fler auch ein Kollegah-Video nicht sperren lassen – ganz egal, was der darin erzählt. Das weiß er auch. Aber er weiß genauso, dass die Leute das meiste Geld mit so einem Video in den ersten drei Tagen nach Veröffentlichung machen.

Du besitzt die Bildrechte an den Videos aber ebenfalls nicht, daher: Darfst du ein Video überhaupt umschneiden und veröffentlichen, dessen Urheber du nicht bist?
Nein, auch nicht. Ich vergreife mich ja an Fremdmaterial. Mit Toxik von HipHop.de habe ich aber eine Vereinbarung getroffen, dessen Zeug darf ich nutzen. Und Rooz feiert mich auch.

Die Rapper selbst können nichts dagegen machen? Weil sie einer Nutzung in dem Moment zugestimmt haben, als sie sich vor eine Kamera gesetzt haben?
Ja, genau. Fler kann nichts dagegen machen, setzt sich aber darüber hinweg. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ich Recht bekäme, wenn ich damit vor Gericht ziehen würde. Vielleicht ist es wirklich mal an der Zeit, das zu tun, damit Fler lernt, dass er nicht ständig Videos sperren lassen kann.

 
Viele Leute denken ja, du nimmst dir nur HipHopper vor, dabei stimmt das gar nicht.
Es gibt auch Videos mit Til Schweiger, Oliver Kalkofe und Angela Merkel. Wobei man sagen muss: Die HipHop-Szene ist ein dankbarer Abnehmer für meine Videos.

Humor und Deutschrap, das ist oft eine schwierige Geschichte. Ist deutscher Rap zu humorlos?
Die Kunstform an sich nicht, aber einige der Künstler dahinter. Leute, die ein bisschen Verstand haben, die verstehen auch, dass es mir nicht darum geht, die zu fronten – ich greife schließlich bloß auf das zurück, was die in der Öffentlichkeit bereits von sich gegeben haben.

Was ist dir bei deinen Videos besonders wichtig?
Ich versuche stets, den Kern des Originalinterviews beizubehalten. Beim »Epischen Interview« habe ich diesen Streit zwischen Niko und Fler auch in meiner Parodie aufgegriffen – den »Vibe«, wenn du so willst. Darauf achte ich.

 
Gibt es eine moralische Grenze, die du nicht ­übertreten würdest?
Klar, aber das ist Abwägungssache. Man muss sich immer fragen, aus welchen Gründen man etwas macht und inwiefern es das wert ist – und ob die Leute das gegebenenfalls missverstehen könnten.

Welches sind die geeignetsten Opfer für deine humoristische Aufarbeitung?
Es geht mir nie um die Leute selbst, sondern lediglich um das Bild, das die Öffentlichkeit von den Parodierten hat – das gebe ich in meinen Videos überspitzt wieder. Nehmen wir noch mal Fler als Beispiel: Ich habe keine Ahnung von ihm. Ich weiß weder viel von seiner Karriere, noch von ihm als Privatperson. Ich will ihm auch nichts Böses, selbst wenn er sich daneben benimmt. Aber jemand wie er ist durch seine eigene Darstellung in der Öffentlichkeit eben ein gefundenes Fressen für mich.

Wie viele »Stupido schneidet«-Videos gibt es ­mittlerweile?
So dreißig, vierzig.

Und wie viele davon wurden bereits gesperrt?
Nur die von Fler. (grinst) ◘

Foto: Heilbronx Entertainment

Dieses Interview erschien in JUICE #177 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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