Stereoids feat. Schote – The Finest/Tsenif Eht [JUICE Premiere & Interview]

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Way back when: Als Myspace noch dazu diente, Musiker aus der ganzen Welt zu vernetzen, waren die Stereoids auf ihrem Kinderzimmer-Grind. Aus Mangel an Alternativen in der Karlsruher Heimat wurde fleißig ins Ausland connectet – unter dem Namen 76 Beats ließ man die DSL-Leitungen glühen und schickte Instrumentals um den Planeten, vornehmlich in die USA und nach Großbritannien. Nachdem man mehrere Produktionen im Dipset-Umfeld platzieren konnte, ebneten den gewonnenen Connections die ersten Schritte in die Industrie. Nach Umbenennung und Umzug stellten die beiden Neuberliner Kontakt zu Raf Camora her. 2014 ist man nun fester Bestandteil von dessen Camp und Stereoids-Instrumentals von den VÖs sämtlicher Indipendenza-Künstler nicht mehr wegzudenken. Sogar Edelmetall hängt mittlerweile an der eigenen Studiowand: Für den Remix zu Alligatoahs »Willst du« durfte sich das Duo kürzlich die erste Goldene abholen. Nun steht mit der »Adrift«-EP das erste eigene Release in den Startlöchern. Und wie sich das für eine Producer-Veröffentlichung gehört, findet sich auf den fünf Songs gerade mal einen Rappart. Dieser wiederum kommt von Schote, der neben seiner Teilnahme am letztjährigen VBT und mit der »Purple Rock Cocaine«-EP auch durch einen starken Auftritt beim »Moment Of Truth« die Kritiker überzeugen konnte.
 

 
Eure ersten relevanten Produktionen waren nicht für deutsche Rapper, sondern für MCs aus Großbritannien und den USA. Warum?
Benno: Als wir anfingen, hatten wir keinerlei Kontakte in die deutsche Rapszene. Wir hörten schon damals hauptsächlich Zeug aus den Staaten. In Karlsruhe kannten wir auch niemanden. Also haben wir über Myspace versucht, Kontakte zu knüpfen. Langsam aber sicher kam so der Kontakt zu professionelleren Leuten. Hauptsächlich waren das Künstler aus Übersee.
 
Ihr habt für verschiedene Dipset-Member in Europa produziert. Wie kann man sich die Zusammenarbeit vorstellen?
Benno: Das kam über Ruger the Don, einen unserer Myspace-Kontakte. Er war genau wie wir damals voll auf dem Dipset-Film und stellte dann den Kontakt zu S.A.S. her. S.A.S. waren zu dem Zeitpunkt mehr oder weniger offiziell bei Dipset Europe. Das war damals schon eine krasse Sache. Vor allem, wenn dann ein Cam’ron über deinen Beat rappt, wie z.B. beim »Nothing Long«-Remix oder »Foreign Exchange«.
 

 
Wie haben sich die Einflüsse auf eure Musik über die Jahre verändert?
Dome: Anfangs beschränkte sich unser musikalischer Horizont hauptsächlich auf Rap. Mittlerweile ist es eine bunte Mischung: von Rap über Electronica, Deep House, Tech House, Achtziger-Zeug, Funk usw. Musikalische Vielfalt ist eben wichtig, um sich ständig weiterzuentwickeln.
Benno: Uns haben auch die Städte, in denen wir gewohnt haben, krass verändert. Ich war drei Jahre in Stuttgart und in der Zeit komplett auf diesem Boombap-/Soul-Film. Erst, als ich nach Berlin zog, kam der elektronische Einfluss dazu.
 
Wie spiegelt sich das in eurem Sound wider?
Dome: Benno arbeitete anfangs hauptsächlich mit Samples, während ich das immer zu vermeiden versuchte. Mittlerweile experimentieren wir viel und samplen, was wir in die Finger bekommen können, arbeiten mit verrückten Synthies, Soundscapes etc. Es geht um die Freude am Ausprobieren.
Benno: Wir haben inzwischen gelernt, alles zu kombinieren, z.B. Samples zu flippen oder eigene Synthie-Sounds zu kreieren. Wir wissen heute, welche Elemente einem Song noch fehlen.
 
Mittlerweile lebt ihr in Berlin und produziert fürs Indipendenza-Camp. Was hat euch an Raf überzeugt?
Dome: Benno lernte Raf über die SAE [School of Audio Engineering, Anm. d. Red.] kennen. Ich hatte, um ehrlich zu sein, damals wenig bis gar nichts von ihm gehört. Bei meinem ersten Besuch in Berlin zeigte mir Benno ein paar seiner Sachen und wir waren beide recht geflasht. Gerade das Vermischen von Französisch und Deutsch bei »Winner« oder die für Deutschrap untypischen Beats ergaben ein interessantes und neuartiges Gesamtbild. Wir fühlen uns bei Indipendenza sehr wohl, da es immer darum geht, Musik zu machen. Und das im Sinne von künstlerischer Freiheit und Weiterentwicklung.
Benno: Als ich Raf kennenlernte, wusste ich nicht mal, dass er professionell Musik macht. Ich saß mit ihm in einer Vorlesung. Es ging um Chartplatzierungen und er meinte, er wäre erst kürzlich in den Charts gewesen. Also habe ich ihn danach einfach gefragt, ob ich ihm nicht ein paar Beats schicken könnte. Er fand das Zeug cool. Zu dem Zeitpunkt war er erst am Anfang seiner Karriere als Solokünstler. Wir haben dann auch während des Studiums mehrfach zusammengearbeitet. Es ist cool zu sehen, wie er sich durch harte Arbeit seinen Status erarbeitet hat.
 

 
Ihr veröffentlicht am 11. Juli eure EP »Adrift«. Warum eine EP?
Dome: Wir hatten schon immer den Anspruch, eigene Sachen zu machen. In Deutschland ist es, im Gegensatz zu den Staaten, bisher kaum jemandem gelungen, als Produzent eine Marke darzustellen. Vielleicht ist es zu hoch gesteckt, aber dieses Ziel haben wir vor Augen. Wir wollen weg davon, Beats verschicken zu müssen, um dann mit einem oder zwei Instrumentals auf einem Album zu landen und eher komplette Alben mit einem Künstler gestalten, die ein stimmiges Soundkonzept besitzen. In Deutschland kommen lediglich die Krauts an diesen Status ran. Deren Produktionen besitzen einen einzigartigen Wiedererkennungswert.
 
Wie darf man sich den Entstehungsprozess der EP vorstellen?
Dome: Wir haben vor einem Jahr, als wir in der Produktionsphase zu »Hoch 2« steckten, die Skizze für den ersten EP-Track entworfen. Wir haben dann zwischendurch immer mal etwas für uns gemacht. So entstand auch das stimmige Soundkonzept der EP. Eigentlich begann alles, weil wir Abwechslung brauchten und deshalb eigenes Zeug produziert haben.
 
Die EP enthält vier Instrumentals und lediglich ein Rap-Feature von Schote. Warum nicht komplett instrumental?
Dome: Eigentlich war das der ursprüngliche Plan. Als wir dann jedoch Schotes VBT verfolgt haben, kam uns die Idee, dass er sehr gut auf einen der Tracks passen würde. Es wäre naheliegend gewesen, Raf, Joshi Mizu, Marc Reis oder Sierra Kidd als Feature ins Boot zu holen. Aber genau das wollten wir vermeiden. Wir wollten uns nicht auf unser Camp beschränken. Und letztendlich passt Schotes Part perfekt.
 
In unserem »Beat Wars« [erschienen in JUICE #160, Anm. d. Red.] habt ihr angesprochen, dass man bei der Arbeit an einem eigenen Release keine Kompromisse eingehen muss. Könnt ihr genauer beschreiben, was die Unterschiede sind?
Dome: Naja, auch wenn wir mittlerweile das Glück haben, sehr große Freiheit zu genießen, ordnet man sich bei Produktionen für andere Künstler zwangsläufig unter. Prinzipiell ist es auch gut, zusammen Ideen zu erarbeiten und gemeinsame Vorstellungen umzusetzen. Bei eigenen Sachen kann man sich jedoch voll entfalten. Man kann alles arrangieren, wie es einem passt. Das ist toll und ebnet im Umkehrschluss wieder neue Wege für Produktionen, die man für andere Künstler macht.
 
Was kommt nach der EP?
Benno: Wir sind auf allen Indipendenza-Releases vertreten. Wenn Raf ein Album macht, versuchen wir natürlich, immer so viel wie möglich darauf zu platzieren. Aktuelles Thema ist Sierra Kidds Album, auf dem wir einen Song produziert haben. Bei Joshi Mizus Album sind wir Executive Producer. Ich hoffe, es bekommt die Aufmerksamkeit, die es verdient. Außerdem kommt bald Neues von Marc Reis.
 

 
Foto: Marco J. Schoeler