SSIO – 0,9

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Eins sei gleich klargestellt: Ssio hat alles, nur keine neue Nummer. Da kann der Tannenbuscher Bunkerplatzsachverständige die SIM-Karte noch so oft wechseln, Kernkompetenzen und Albumkonzept bleiben unverändert. Auf »0,9« geht es wieder ausführlich um Drogenhandel und Bordellbesuche, primäre und sekundäre Geschlechts­merkmale, Telekommunikations-Lifehacks und Deutschrap, den Fallobstverein. Alles nur altes Weed in neuen Ziploc-Tüten? Nun, irgendwie schon. Die Themenwelt, die Beats, die lustigen Songtitel und die Features, Überraschungen bleiben weitestgehend aus, wenn man sich mit dem ersten großen Sequel aus der AON-Hitschmiede beschäftigt. Das verschafft uns genug Zeit, eine andere Frage zu stellen: Was hätte man lieber gehabt? Wie – und wieso – hätte so eine cartoonhafte Schlitzohr-Figur wie Ssio sich auf dem zweiten Album neu positionieren sollen? Eben. Wer ernsthaft erwartet, dass Ssio plötzlich Footwork oder Großraum-Trap geht, der freut sich auch, wenn die Stiebers »Burr« und »Scurr« sagen. Spätestens nach dem sinnstiftenden Intro ist die Route klar, Fallhöhe gibt es nur bei der Ausführung, und diese Fallhöhe würde locker noch für einen Genickbruch auf Raten ausreichen: »0,9« muss mehr als ein schaler Aufguss von »BB.U.M.SS.N« sein, weil es kaum etwas Traurigeres gibt, als unter anerkennendem Raunen die eigene Nische aufzutun und sich für den Rest seiner Karriere darin zu langweilen. Ssio war sich dessen bewusst, man hört, wie intensiv an »0,9« gefeilt wurde. Beatseitig decken Reaf und Ssio auch ohne externe Hilfe locker die Bandbreite von blubberndem Brachial-Bap (»Halb Mensch, halb Nase«), großzügig dosierter Cali-Disharmonie (»Mit Herz«) und lauschigem New Jack Swing (»GoPro«) ab. Bauchtaschenrap und Kalauer auf Ohrfeigensnares und zeilenweise durchgereimte Beleidigungen sind vertrautes Terrain, auf dem Ssio sich heute noch sicherer bewegt als beim Vorgänger – so sicher, dass die etwas ziellose Hafti-Kollabo und ein unterdurchschnittlicher Ewa-Part schon für lange Gesichter sorgen können. Aber gemeckert wird auf hohem Niveau. Den schwierigen Zweitling meistert Ssio, indem er auf die klassische Blockbuster-Sequel-Strategie setzt. Ob er in ferner Zukunft als Mike Krüger von AON »Don & Fuß«-Komödien mit Xatar dreht oder sich doch noch aus dem Trademark herausschält, wird umso spannender, aber vorerst ist »0,9« das beste Album, das SSIO, ganz der Alte, hätte machen können. Alle meine Freunde sagen das.

 

 

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Kenner der Kings Of HipHop, DJ, Autor. Musikredakteur bei Red Bull. Hat von wirklich allem im JUICE-Kosmos Ahnung.