Interview: Slaughterhouse

 

Slaughterhouse

 

Ein kühler Nachmittag im Februar, im Viertel Chelsea auf der Westseite Manhattans. Im »Highline ­Ballroom« werden die letzten Vorbereitungen für das abendliche Konzert von Slaughterhouse getroffen. Der Gig steht unter einem besonderen Stern, denn das Quartett hat soeben einen Plattenvertrag mit Shady ­Records unterschrieben. Die neue Allianz lässt Fans auf ein vorläufiges Ende der beispiellosen Industrie-Odyssee ­hoffen, die Joell Ortiz, Royce Da 5’9”, Crooked I und Joe Budden in den letzten Jahren hinter sich gebracht ­haben. Ortiz und Budden albern herum, während sich Crooked I und Royce faul zurückgelehnt und ein dickes, fettes Grinsen aufgesetzt ­haben. Man wirkt zufrieden und wähnt sich endlich angekommen.

 

 

Mit dem Status als extrem respektierte, aber weitgehend erfolglose Underground-Ikonen wollten sich Slaughterhouse nie zufrieden geben. Dass nun gerade Eminem als Heilsbringer der Crew agieren soll, entbehrt nicht einer gewissen Ironie – gleichzeitig scheint sich auch ein Kreis zu schließen: Einerseits, weil Em und Royce – ehemals beste Freunde aus der HipHop-Szene Detroits – viele Jahre kein Wort miteinander wechselten und Ems Crew D12 sogar einen ­handfesten Beef mit dem Abtrünnigen anzettelte. Andererseits, weil Joell Ortiz bereits nach seinen großartigen »Bodega Chronicles« einen Major-Deal bei Dr. Dre und Aftermath ergattern konnte, nach Jahren labelseitiger Untätigkeit und Vertröstungen allerdings nur noch um die Vertragsauflösung bettelte. Was genau an der neuen Situation anders ist, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau bestimmen. Die vier MCs verlassen sich hauptsächlich auf das eherne Wort des Marshall Mathers, das in der Rap-Welt immer noch schwer zu wiegen scheint.

 

Die Crowd ist bereits spürbar größer geworden an diesem Abend, zudem sind Pharoahe Monch und Lloyd Banks im Haus und kommen für kurze Gastauftritte auf die Bühne. Es scheint fast so, als zeigte die frohe Kunde vom Shady-Deal bereits erste Auswirkungen. Noch während die Fans aus der Venue auf die nächtlichen Straßen New Yorks strömen, begeben sich die vier Veteranen zum John F. Kennedy-­Flughafen, das Ziel lautet: Los Angeles. ­Unter der kalifornischen Frühlingssonne werden sie mit den Aufnahmen zu ihrem ­Debütalbum für das neue Label beginnen. Jenes Album, das für die Crew eine ­eindeutige Wegscheide darstellen dürfte: Werden sie es schaffen, den Status als Underground-Lieblinge und ­tadelloser Lyrikverein doch noch in eine späte kommerzielle ­Erfolgsstory ­umzumünzen? Oder werden sie sich ­einreihen in die Riege gescheiterter Shady-­Künstler, die heute auf dem ­Abstellgleis stehen? Wer redet ­schließlich noch von Stat Quo, Ca$his oder Bishop Lamont? Die Hoffnung stirbt ­bekanntlich zuletzt, doch die Zeiten, in denen ein ­Plattenvertrag mit Em und/oder Dre und/oder Jimmy Iovine automatisch ­Superstar-Status ­bedeutete, scheinen ­endgültig vorbei.

 

Werdet ihr in der Musikindustrie anders behandelt, seit ihr bei Shady unterschrieben habt?
Ortiz: Ich weiß nicht, ob die Industrie uns anders behandelt. Aber ich weiß definitiv, dass ich mehr Frauen abbekomme. (lacht) Das Ganze ist ja noch sehr frisch, also kann man noch nicht viel sagen. Ich habe allerdings gestern eine Grammy-Einladung bekommen, also hat sich schon was verändert.
Royce: Allerdings. Viele Blogger, die uns im Underground extrem unterstützt haben, wenden sich jetzt gegen uns. Es ist, als wären wir jetzt zu groß, als dass sie uns noch respektieren könnten. Stattdessen gibt es viele Hater, die darüber schreiben, wie alt wir seien, dass wir ständig von Camp zu Camp springen und dass wir niemals Platten verkaufen würden. Aber für mich ist das ein Ansporn. Ich bin besser, wenn man nicht an mich glaubt. Ich trage dann diesen bestimmten Funken Wut in mir, der mich richtig hart arbeiten lässt. Und wenn man ständig so runtergemacht wird, dann will man diesen Bloggern einfach nur eins in die Fresse hauen. Diese Wut kanalisiere ich in meine Raps und das motiviert mich.

 

Welche Blogger-Kommentare haben euch denn am meisten genervt?
Ortiz: Wenn sie schreiben, dass ich fett bin. (lacht)
Royce: Einer hat geschrieben, dass ich ­dichter an der 40 als an der 30 bin. Ich glaube, einer hat sogar behauptet, ich wäre über 40 Jahre alt. Die denken halt, weil ich damals mit Marshall ins Game gekommen bin, wäre ich so alt wie er oder sogar älter. Dabei kann man mein wahres Alter ganz einfach rausfinden. [Royce ist 33, Anm. d. Verf.] Eine Google-Suche und sie wären schlauer. Sie verstehen ja nicht, was sie mit ihren Kommentaren anrichten. Die Kids glauben doch heute alles, was im Internet steht.
Budden: Mich nervt die Einschätzung, wir würden Backpack-Rap machen. Viele denken, wir wären so nerdige Hippity-Hop-Typen. Ich meine, wir sind alle Lyricists, aber die Leute denken, wir hätten keine Inhalte. Macht mal eure Hausaufgaben und hört euch unsere Solo-Projekte an – wir könnten nicht weiter davon entfernt sein. Wir sind sehr persönliche, vielseitige Künstler. Wir machen jedenfalls ganz sicher keinen Backpack-Rap.
Ortiz: Aber wir machen unsere Musik auch nicht für die Blogger, sondern für diejenigen, die uns wirklich zuhören. Ich erwarte ja nicht, dass sich jeder für unsere Songkonzepte begeistert. Aber wenn es dich nicht interessiert, was wir zu sagen haben, dann erfinde doch nicht gleich Lügen über uns.

 

 

Es gab ja schon seit vielen Monaten Gerede über den Shady-Deal. Wann wurde es konkret?
Ortiz: Es hat insgesamt über ein Jahr seit den ersten Verhandlungen gedauert, bis der Vertrag unterschrieben wurde. Wir hatten noch alte vertragliche Bindungen und Label-Situationen, die erst gelöst werden mussten. Das war ein langer, schwieriger Prozess. Dass der Deal endlich bereit zur Unterschrift war, haben wir während des Cover-Shootings mit der »XXL« ­erfahren. Wir sind direkt anschließend zur Unterzeichnung ­gefahren. Das war ein tolles Gefühl.

 

Gab es interne Diskussionen darüber, ob ihr den Deal unterschreiben sollt?
Royce: Nee. Wir hatten schon lange darüber gesprochen, mit Eminem zu arbeiten. Wir fanden die Herausforderung alle sehr aufregend. Weißt du, die internen Diskussionen bei Slaughterhouse drehen sich in der Regel um Texte und Reime. Und Eminem redet auch nur über eine einzige Sache gerne: Lyrics. Wenn wir fünf auf einem Haufen sind, dann geht es um nichts anders. Das Business-Zeug können andere klären.
Budden: Wir haben uns auch nicht anderweitig umgeschaut, um ehrlich zu sein. Wir hatten nicht mal vor, bei einem Major zu signen. Dann zeigte Shady Interesse und wir waren sofort begeistert von der Idee. Wir haben uns mit keinem anderen Label getroffen.

 

Wie viel mehr kommerzielle ­Aufmerksamkeit wird Shady euch bringen?
Crooked I: Dass wir Eminem hinter uns stehen haben, macht einen riesigen ­Unterschied. Eminem ist der größte Künstler der letzten Dekade, er ist für zehn Grammys nominiert. Sein Wort bedeutet eine Menge in dieser Industrie. Und seine Fans sind echte Fans. Er hat die Art Fans, die ein ganzes Album kaufen und nicht nur die beiden Singles. Seine Fans sind absolut loyal. Daher werden sie vielleicht auch mal bei uns reinhören, wenn er es ihnen nahelegt.
Budden: Da sind die Blogger schon anders. Die treffen uns, schütteln unsere Hand, grinsen uns ins Gesicht und geben uns Props für unsere Lyrics – und dann rammen sie uns das Messer in den Rücken. Aber ich habe keine Angst mehr vor ihnen.
Royce: Wie gesagt, ich würde ein paar von ihnen gerne schlagen. (lacht) Aber das gibt uns auch einen Motivationsschub. Der Deal mit Shady wirkt, als ob jemand unseren Tank mit Superbenzin aufgefüllt hätte. Wir haben alle vier sehr hart gearbeitet und viel Material veröffent­licht, um relevant zu bleiben. Jetzt ist es Zeit, auch mal ein paar Goldene Schallplatten an die Wand zu nageln. Dafür ist es natürlich perfekt, dass Eminem uns seine Fanbase ausleiht. Ich denke, viele wussten gar nichts von unserer Existenz, aber jetzt werden sie uns ihre Aufmerksamkeit schenken. Auf den Gigs mischt sich schon jetzt ein neuer Fan-Typus unter unsere bisherigen Fans.

 

Joell, hast du keine Angst, dass der Shady-Deal am Ende nicht aufgeht? Du warst bei Dre und Aftermath als ­Solokünstler schon mal in einer ­ähnlichen Situation.
Ortiz: Ich habe bei Aftermath eine Lektion gelernt. Ein Plattenvertrag ist eben nicht immer ein Segen. Wenn man den falschen Deal hat, kann er auch ein Fluch sein. Als ich zu Aftermath kam, hatte ich gerade einen richtigen Hype – einer meiner Songs lief auf BET, außerdem war ich auf dem »XXL«-­Cover. Aber beim Label schob man mein Projekt auf die lange Bank. Ich sollte warten, bis »Relapse« und »Detox« erscheinen ­würden. Am Ende wollte ich nur noch raus aus dem Deal. Trotzdem mache ich mir ­keinen Vorwurf. Jeder in meiner Situation hätte sich gefreut, wenn Dr. Dre ihn unter Vertrag hätte nehmen wollen. Ein puertorikanischer Junge aus Brooklyn, der von allen Labels an der Ost­küste abgelehnt wurde, wird aus ­Kalifornien angerufen, weil Dre ihn treffen will. Natürlich nimmt er das Angebot an! Ich denke, es war eine ähnliche Situation, als Shady an Slaughterhouse interessiert war.

 

Denkst du, dass man eure Musik in den ­Neunzigern besser hätte verkaufen können?
Ortiz: Hätten wir noch die Neunziger, dann würden wir das Interview wahrscheinlich in meiner Luxusvilla führen. Das war die Ära, die mich inspiriert hat – damals musste man als MC wirklich gut sein, um es zu etwas zu bringen. Mit ein paar catchy Hooks und Sechstklässler-Reimen wärst du damals nicht durchgekommen. Wir sind alle stolz ­darauf, diese Tradition weiterzuführen. Aber für uns wäre es damals viel einfacher gewesen.

 

Ihr habt gerade eine US-Tour hinter euch ­gebracht. Wer hatte die nervigsten ­Angewohnheiten im Tourbus?
Ortiz: Ich, denn ich muss mich einfach ­ständig am Hintern kratzen.
Budden: Unterschreibe ich sofort!
Royce: Ist mir egal, was die anderen für ­Angewohnheiten haben. Ich bin selbst nicht gerade ein einfacher ­Charakter.
Ortiz: Aber Budden ist der Unordentlichste im Bus. Er hängt immer nur vor seinem Rechner und lässt seinen Scheiß überall herumliegen.

 

Was für Musik hört ihr, wenn ihr ­zusammen ­unterwegs seid?
Ortiz: Jede Menge klassischen HipHop: Smif-N-Wessun, Big Pun, Das EFX, Wu-Tang Clan. Aber ich habe auch Soca und Reggae auf meinem iPod. Und derzeit versuche ich ­gerade, alle von der Großartigkeit der Red Hot Chili Peppers zu überzeugen. ­»Californication« ist einfach meine Platte.

 

 

Du stehst auch auf Karaoke, oder?
Ortiz: Auf jeden Fall! Es gibt diese Bar in Brooklyn, wo ich oft hingehe und Karaoke singe. Ich liebe es, Songs von Journey zu singen. Ich bin der Jay-Z des Karaoke. Budden hat sich auch schon mal daran ­versucht, aber ich bin definitiv der beste Sänger aus der Gruppe.

 

Ihr habt gerade noch eine ­letzte EP bei eurem vorherigen Label eOne veröffentlicht. Wie war der ­Entstehungsprozess?
Ortiz: Wir machen einfach Sessions, bei denen wir ­zusammen Beats hören und dann schreiben und ­aufnehmen. Während der eine schon aufnimmt, schreibt der andere noch seinen Verse fertig.
Royce: Wir mussten ja unseren Vertrag mit eOne noch erfüllen, um zu Shady wechseln zu können. Wir hatten noch jede Menge Songs herumliegen und haben einfach die besten davon ausgesucht, um sie auf diese EP zu packen. Wir haben nicht mal ­besonders viel Aufmerksamkeit auf die Auswahl gelegt, und trotzdem ist sie super ­geworden. Das liegt eben einfach daran, dass wir verdammt gut sind. (lacht)

 

Das bedeutet, ihr haltet keine Songs für das Shady-Debütalbum zurück?
Crooked I: Nein, dafür wollen wir alle Tracks komplett neu schreiben. Wir wollen auch von Anfang an Eminems kreativen Input dabei haben. Wir haben noch nicht angefangen aufzunehmen. Ab morgen wird es erste Studio-Sessions in Los Angeles geben, später werden wir uns dann wohl auch in Detroit zusammensetzen. Em freut sich schon sehr auf das Projekt, das wollen wir ausnutzen – nicht, dass er dann doch wieder ein anderes Projekt anfängt, weil wir nicht aus dem Quark kommen, und er das Interesse an uns verliert. Daher fliegen wir heute Nacht noch nach Los Angeles.
Royce: Em sagte auch, dass er bei der Beat-Auswahl behilflich sein möchte und dass er uns Ideen für Hooks liefern will. Ich denke, ich spreche für die ganze Gruppe, wenn ich sage, dass wir offen für jeden Input von Em sind. Das ist für uns eine einmalige Möglichkeit, unseren Sound an eine größere Hörerschaft zu bringen.

 

Bei vier starken und selbstbewussten MCs gibt es im Studio sicher einen ­permanenten ­Konkurrenzkampf, wer den besten Verse auf einem Beat schreibt, oder?
Crooked I: Natürlich. Aber am Ende haben wir alle das Ergebnis im Sinn – sprich, dass es ein guter Song wird. Mich kümmert es nicht so sehr, ob ich den besten Verse habe, wenn der Song stark geworden ist. Außerdem haben wir auch sehr verschiedene Styles, die nur schwer vergleichbar sind. Das mögen unsere Fans ja gerade an uns. Es ist oft genug so, dass wir einen Track leaken und ich denke, dass Budden den besten Part darauf hat, aber dann schreiben die Fans im Internet »Joell killed it!« oder »Royce killed it!«.

 

Streitet ihr euch häufig?
Royce: Ich kann mich an keinen einzigen echten Streit erinnern.
Budden: Nein, das passiert nie. Wir sind alle Profis. Wir gehen ins Studio, spielen Shows – und wir haben eine gute Chemie untereinander. Es hat schon seinen Sinn, dass wir uns gefunden haben. Viele Medien wollen immer internen Streit herbei schreiben, aber es gibt faktisch keine Probleme. Slaughterhouse ist eine sehr intakte Familie.

 

Text: Philip Mlynar