Sido: »Böhmermann ist ein kleiner, verkappter Rapper« // Titelstory

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Er hob ab, nichts hielt ihn am Boden. Eigentlich hatte Sido den Deutschrap-Mikrokosmos längst verlassen. Nicht, dass er seit »30-11-80« aufgehört hätte zu rappen, aber die Zusammenarbeit mit den Müller-Westernhagens, Schneiders, Forsters und nicht zuletzt den Bouranis der hiesigen Musiklandschaft erfüllte ihren Zweck. Doch Popstarambitionen hin oder her: Bekanntlich kannst du den Goldjungen ausm MV holen, aber nicht das MV aus dem Goldjungen. Also scheiß mal auf Airplay in den Morning Shows und die damit einhergehenden Platin­singles. Es geht zurück zur Basis: Samples diggen, Loops bauen, auf Erwartungen scheißen. Gib ma den Beat, Desue. Welcome home, Siggi Smallz.

Ungläubig fragt Paul Würdig: »Was war das für ein Mensch?!« Nach einer zehnminütigen Zeitreise ist Sido zurück im Hier und Jetzt. Gerade noch war er tief versunken in sein erstes großes JUICE-Interview, die Titelstory aus dem Jahr 2004. Damals 23-jähriger Antiheld mit Maske, der Deutschrap vors Schienbein trat, heute dreifacher Familien­vater mit Haus im Berliner Speckgürtel. Selbstverständlich hat sich Sido gewandelt. Und selbstverständlich ist es Teil dieser Transformation, dass der heute fast 36-Jährige kaum noch etwas mit den Aussagen seines 23-jährigen Ichs anfangen kann. Woran sich nach einem Dutzend Jahren im Rampenlicht kaum etwas geändert hat: Siggis Leidenschaft für HipHop. Für Rap. Folgerichtig ist »Das goldene Album« eine Liebeserklärung an diese Mucke – ohne Firlefanz, ohne Zuckerguss und Weichspüler. »Dieses Album braucht das nicht«, sagt Sido über seine siebte Solo-LP. Was es allerdings braucht, ist ein Gespräch. Über Premium­boxen, Cloudrap, HipHop-Medien und seinen Grönemeyer-Status. Mindestens.

Auf »Westberlin« hast du 2002 gerappt: »Ohne mich geht nicht, lass das, ich mach das/ich gehe nicht den Weg, den du für deutschen Rap pflasterst.« Welchen Weg geht Sido 2016?
Ich gehe immer noch den Weg, den ich mir selber gepflastert habe. Das war nicht der Weg, der damals von deutschen Rappern als richtig angepriesen wurde. Früher war »Keep it real!« der Maßstab. Fettes Brot haben damals einen Song aus den Läden genommen, weil er zu erfolgreich wurde – das war vor uns die Stimmung im deutschen HipHop. Wir haben mittlerweile einen Weg gepflastert, den andere gehen – hinter uns. In meiner Wahrnehmung baue ich diesen Weg immer noch. Aber irgendwann bin ich von der großen Autobahn abgebogen. Jetzt baue ich meine eigene Straße.

Du hattest schon zu Beginn deiner Karriere eine sehr genaue Vorstellung davon, wie dein Image, deine Außenwirkung, das mit der Maske auszusehen hatte. Hat diese Vorstellung den Punkt eingeschlossen, an dem du dich heute befindest?
Nein. Jedenfalls nicht, dass ich so erfolgreich werde, wie ich es jetzt geworden bin. Das hat sich ja noch mal gesteigert: Radio-Airplay, fast zweimal Platin, etliche große Singles, Nummer-eins-Alben, Platz eins in den Singlecharts. All das hatte ich vorher nicht. Das ist weiter und größer, als ich damals gedacht hatte. Aber das waren Ziele, die ich mir gesetzt habe, als ich alles ursprünglich Vorgenommene erreicht hatte.

»Irgendwann hat mich »Astronaut« genervt – die schiere Größe des Songs.«

Was sind heute deine Ziele?
In Sachen Mucke eigentlich nichts – außer, dass ich gerne mal ein Stadion vollmachen wollen würde. Vielleicht keine 80.000 im Olympia­stadion, aber was Kleineres mit 40.000 Leuten. Abgesehen davon arbeite ich heute daran, dass das Geld noch fließt, wenn ich irgendwann keine Musik mehr mache.

»Mein Berufsbild ist heute Promi«, hast du im JUICE-Interview vor vier Jahren gesagt. Was hat sich seitdem geändert?
Ich versuche, nicht mehr so prominent zu sein, lebe zurückgezogener. Prominent bedeutet schließlich, oft zu sehen zu sein. Zu Aggro-Berlin-Zeiten habe ich nichts ausgelassen. Heute mache ich nur noch, worauf ich wirklich Bock hab. Ich miete mir keine großen Studios mehr, sondern mache in erster Linie bei uns zu Hause Musik. Dort entsteht die Musik ungezwungen. So ist es zwar immer noch Arbeit, aber die Musik ist ein Stück weit wieder zum Hobby geworden. So, wie’s früher mal war.

Dein A&R hat mir erzählt, dass du nach dem letzten Album im Studio geblieben bist und daraus so langsam, aber sicher »Das goldene Album« entstanden ist.
Ja, das war die Zeit, in der meine Frau schwanger war. Dadurch waren wir viel zu Hause, und sie ist oft früh schlafengegangen. Dann saß ich da. Und ich guck nicht so gerne Fernsehen, das macht mir keinen Spaß mehr. Also bin ich runter ins Studio gegangen, wenn ich ne geile Idee hatte. Als ich das letzte Album abgegeben hatte, war ich noch nicht leergeschrieben. Irgendwann hat mich »Astronaut« genervt – die schiere Größe des Songs. Wenn du einen solchen Song hast, kennen dich auf einmal Leute, von denen du das nie erwartet hättest. Du gehst zur Spargelfrau, und die 65-jährige Dame freut sich so sehr, dich zu sehen. Das war mir zu groß. Mir war nach etwas Kleinerem zumute.

Das Schlagwort, das mir zur Platte eingefallen ist, war »Verknappung«. Soundbild und Themenspektrum sind überschaubarer, es gibt keine Premiumbox zum Album, die Tour findet bewusst in kleineren Venues statt. Ist das die Rückbesinnung aufs normale Rapper-Dasein?
Genau. Ich bin heute definitiv eher Rapper als Promi. Ich habe aktuell keine Ambitionen, irgendwas im Fernsehen zu machen. Ich suche mir meine öffentlichen Auftritte viel, viel genauer aus. Mir macht das Rap-Ding einfach Spaß. Ich überlasse das Feld zwar anderen, aber ich möchte noch mitmischen. Ich muss mir selbst immer wieder beweisen, dass ich noch mithalten kann. Aber ich beobachte auch gerne.

»Früher konnte man so, wie der aussieht, kein Rapper werden. Natürlich würde er das zu 100 Prozent verneinen, wenn du ihn danach fragst.«

Hat sich seit »2010«, wo du ja auch das Deutschrap-Jahr resümiert hast, etwas an deinem Dasein als Rapfan verändert?
Ja, Trap kam dazu. Daran muss ich mich gewöhnen. Da gibt es nicht so viel Gehaltvolles. Ich mag diesen kompletten Nonsens-Trap. Wenn nicht versucht wird, krampfhaft einen Sinn in die Musik zu bekommen. Ufo361 geht für mich eher schon in Richtung Cloudrap: ganz lange Pausen lassen, dann wieder zwei Wörter sagen. Das mag ich sehr gerne. Es gibt nicht viele, die auf Trap-Beats ihre Rapskills auspacken und das gut hinkriegen. Da gibt’s jetzt diesen Miami Yacine – riesenkrass. Fler macht das auch gut, wie er dieses Ignorante mit einem gewissen Sinn verbindet. Aber dieser Yacine hat Flow, geile Melodien wie die Franzosen und kommt gleichzeitig auf den Punkt. Ich gewöhne mich langsam daran. Vielleicht muss ich selbst ignoranter werden, um diese Mucke zu hören, vielleicht bin ich zu alt. Vielleicht gehört diese Mucke dieser Turnup-Generation, die im Club so komisch tanzt. Da darf der kleine Junge mit der Brille auch abgehen und ist akzeptiert. Bei uns war es noch wichtig, dass man nach etwas aussieht. Diese Szene heute ist viel toleranter.

Das ist aber doch schön.
Klar, das ist überhaupt nicht verwerflich. Aber wir waren nicht so.

Es wird spannend sein, zu sehen, ob und wann einer dieser deutschen Cloud-Rapper zum Major geht.
Ich glaube, dass diese Mucke ohne Major besser funktioniert. Ein Major würde diesen Film verfälschen. Die machen das doch alle super. Image ist und bleibt trotzdem wichtig, auch wenn dieses Wort kaputt ist. Nimm diesen Crack Ignaz: Den wirst du immer wiedererkennen mit seinen Haaren, mit seinem österreichischen Dialekt. LGoony sollte viel mehr darauf herumreiten, dass er ein kleiner, dünner, blasser Junge ist. So wie Böhmermann das macht.

Apropos Böhmermann: Der kriegt einen kleinen Seitenhieb auf deinem Album.
Das ist einfach eine Klarstellung. Er wäre gerne Rapper, definitiv. Der meint das ernst. Er interessiert sich offensichtlich dafür. Er ist ein kleiner, verkappter Rapper, der es nicht dazu gebracht hat, weil er ein dünner, blasser Junge ist. Heutzutage würde er es mit Cloudrap schaffen. Früher konnte man so, wie der aussieht, kein Rapper werden. Natürlich würde er das zu 100 Prozent verneinen, wenn du ihn danach fragst. Aber für mich ist das glasklar.

Wo wir jetzt schon bei Seitenhieben sind: Im Intro der neuen Platte heißt es: »Ich nehm mir Zeit für Cola Light am Alexanderplatz.« – eine Referenz an den Beef zwischen Fler und Kollegah.
Das ganze Intro ist gespickt mit Lines, die man nur versteht, wenn man Deutschrap verfolgt. Ich kriege alles mit. Soll niemand denken, ich würde zurückgezogen in meinem Kämmerlein leben. Ich habe ein Auge auf euch, meine Freunde.

Auf Disses anderer zu antworten hältst du aber offensichtlich nicht mehr für nötig.
Ich mache das nur noch zur Unterhaltung. Beispielsweise, wenn Baba Saad irgendwas sagt und ich ihn dann auf Twitter »Baba Zart« nenne. Das finde ich witzig und möchte, dass alle darüber lachen. Da geht’s auch gar nicht darum, ihn zu ärgern.

 
Stichwort ärgern: Auf »Hamdullah« finden sich Lines gegen mehrere renommierte HipHop-Journalisten. Wieso?
Bei Falk ist das nicht nur so dahergedisst. Mit dem habe ich mittlerweile ein Problem – mich nervt seine Midlife-Crisis-Art. Es gab eine Zeit, da wollte er kein Interview mit uns führen, weil wir ihm zu hart, zu anders waren. Mittlerweile kommt er zu mir und sagt: »Mach ma wieder bisschen härter, hau mal wieder auf die Kacke!« Und das mit seiner komischen neumodischen Art, von der ich mich frage, wo er sie auf einmal her hat. Das nervt mich richtig krass. Und der »Fette von rap.de« hat auf Twitter seinen komischen Grind bei mir versucht, deswegen hat er die Lines bekommen. Ansonsten habe ich mein Problem mit HipHop-Medien, wenn sie nicht kategorisch immer und überall hinter HipHop stehen. Wo kommen wir denn hin, wenn sogar HipHop-Medien anfangen, HipHop oder Rapper schlechtzureden?

Glaubst du nicht, dass eine gesunde Szene Kritik von innen vertragen kann?
Nee. Zumindest nicht, wenn diese nach außen getragen wird. Kritik von innen heißt für mich, wir klären das ohne die da draußen. Aber ­Staiger, Falk und wie die alle heißen, haben mittlerweile auch außerhalb der Szene einen Namen. Das führt dazu, dass die ganzen Hipster-Idioten, die sich über Haftbefehl kaputtlachen, ein noch stärker verfälschtes Bild von HipHop haben, weil sie diesen vermeintlichen Experten nach der Schnauze reden. Das ist ein Problem. HipHop-Journalisten müssen immer die Fahne für HipHop hochhalten. Kein HipHop-Journalist hat das Recht, sich über Fler lustig zu machen – egal, wie verschroben der manchmal ist. Wenn du nichts Gutes über Fler zu sagen hast, solltest du lieber nix sagen. Wir werden von außerhalb nur belächelt. Und das liegt auch daran, dass HipHop-Medien zusätzlich Öl ins Feuer gießen.

Gestern war Berlin-Wahl, Fler hat ­getwittert: »Die Partei die sich am meisten für mich interessiert, bekommt meine Stimme! Also keine!« [sic] Mich ärgert, dass er seine Reichweite nicht nutzt, um Leute dazu zu animieren, ihr demokrati­sches Grundrecht wahrzunehmen und wählen zu gehen.
Wäre es jetzt deine Aufgabe, einen offenen Brief an Fler zu schreiben und ihn zu fragen: Wie kannst du nur? Nein, wäre es nicht. Von mir aus können das diese Noisey-Fatzken machen, die sich untereinander battlen, wer wen härter zerreißen kann. Dieses Medium kann ich null ernst nehmen.

Da muss ich ein Stück weit relativieren: Es gibt auch auf Noisey genügend »stinknormalen« Musikjournalismus. Aber klar, Noisey will oftmals einen meinungsstarken, polarisierenden Journalismus machen, über den sich Leute in den Kommentarspalten die Mäuler zerreißen.
Das ist doch fatal! Dann geht es nicht mehr darum, objektiv zu sein. Ziel ist dann nur noch, wie man etwas schreibt, das am meisten Reichweite generiert.

Zu erklären ist dieses Phänomen auch mit dem Einfluss der Sozialen Medien: Wenn du heute etwas schreibst, an dem sich niemand stößt, dann hält der Facebook-Algorithmus deine Reichweite gering.
Man muss es also spektakulär gestalten, darauf willst du hinaus, ne? Man überlässt das heutzutage nicht mehr dem Künstler. Früher hat man sich spektakuläre Künstler eingeladen und das denen überlassen. Heute finden eben auch Idioten statt. Das ist wie »Schwiegertochter gesucht«. Da werden Leute vorgeführt.

Anders ist zumindest jemand wie Toony nicht zu erklären.
Genau. Warum gibt man diesen Leuten eine Plattform? Mit solchen Fatzkes schwächt man auch die Großartigkeit der Musik. Leute, die nicht aus eigener künstlerischer Kraft dort hingekommen sind, wo sie sind, sondern nur wegen dummer Kommentare. Das ist das Zlatko-Phänomen. Das war das erste Mal, dass jemand nur deswegen berühmt wurde. »Wer ist Beethoven?«, hat der damals bei »Big Brother« gefragt.

Andererseits gibt es auch viele HipHop-Medien, die sich in Sachen Meinung ­absolut aus der Verantwortung ziehen.
Ja, hiphop.de. Die berichten einfach nur straight. Finde ich toll. Rapupdate will ja auch nur berichten, aber die suchen sich schon bewusst ihre Themen raus.

Den Autounfall.
Ja, das ist pure Sensationsgeilheit.