Sido: »Mädchen bitten mich, zum F***** die Maske mitzunehmen.« // #20JahreJUICE

Die allerersten Worte auf deinem Album sind dein Name, deine Crew, dein Label, »Berlin« und »Fick dich«.
Ja, das erste, was ich auf meinem Album sage,, sind die Sachen, die mir am wichtigsten sind. Und dieses »Fick dich« ist für den Rest, für alles andere. Für alles andere. Das ist mir wichtig.

Wie erklärst du dir, dass Leute, zu denen du »Fick dich« sagst, deine Platten kaufen?
»Fick dich« heißt: Scheiß auf dich, du bist nicht das, was ich für mein Leben brauche. Aber ich bin anscheinend das, was du für dein Leben Leben brauchst. Okay, ihr kauft meine Platten – cool. Aber der Großteil von euch lädt sie sich sogar runter. Ganz im Ernst: Fick dich. Ihr macht zwar cool Konzert mit mir, aber ihr seht nur sido. Ihr seht ja gar nicht den Menschen dahinter. Alle die Leute, die ich da nenne, sind mir wichtig, well die mich auch persönlich kennen und ich sie auch persönlich kenne. Der Rest der Welt? Ich will damit nur sagen; Nach mir die Sintflut. Oder besser. Außer mir die Sintflut. Um mich herum könnte es einfach ’ne Sintflut geben – wäre mir egal. Schön, dass ihr meine Platten kauft. Schön, dass ihr auf mein Konzert geht. Schön, dass ihr meine T-Shirts tragt. Schön, dass ihr meine Musik so cool findet. Aber kommt nicht und kriecht mir in den Arsch oder quatscht mich voll.

Machst du dir Gedenken über deine Fans, was das für Menschen sind?
Nur wenn ich sie sehe und mit ihnen rede. Manchmal erzählen mir die Leute von ihren Problemen. Ich sehe auch oft Leute, die wirklich auf der Straße leben, von den Eltern rausgeschmissen, so Punker-Kinder. Die hören unsere Musik auch gerne. Die haben es verstanden, die sehen meine Musik so, wie sie ist. Im Endeffekt mache ich Musik für diese Leute.

»Beim Splash! kamen Eißfeldt und Denyo mit Kind auf dem Arm, so als Deckung wahrscheinlich, zum Aggro-Stand und haben gefragt; Was habt ihr denn gegen uns, Jungs?«

In einem Interview hast du die Beginner als »Hurensöhne« bezeichnet.
Es geht um deren neues Album. Beim Splash! kamen Eißfeldt und Denyo mit Kind auf dem Arm, so als Deckung wahrscheinlich, zum Aggro-Stand und haben gefragt; Was habt ihr denn gegen uns, Jungs? Wir haben gesagt: Wir haben nichts gegen euch. Das waren halt Hamburger, das ist das einzige Problem (lacht). Das Album war zu dieser Zeit bereits fertig, und sie haben es anscheinend mit dem Gedanken aufgenommen, Aggro Berlin habe was gegen sie. Dabei stimmt das nicht. Aber kurz nach dem Splash! hab ich deren Album gehört, und da ist so ein Track drauf, der heißt irgendwas mit »Aggro«. »Wir sind aggro« (singt), »Wir bringen Ansagen« usw… Und dann habe ich so zurückverfolgt: Aha, ihr habt also das Album noch mit dem Gedanken gemacht, Aggro Berlin hat was gegen euch. Warum ist dann so ein Track »aggro«? Wie soll ich das verstehen? Ich als Ghettojunge brauche nicht lange zu überlegen und fühle mich angepisst. Die dissen mich. Und wenn mich einer disst, sage ich: Du Huresnohn, was disst du mich? Komm zu mir, um mir klar zu machen, dass der Track nicht auf mich gemünzt ist. Dann nehme ich auch zurück, was gesagt habe, Das kannst du mir aber wahrscheinlich gar nicht klarmachen.

Mit so etwas spaltest du die Deutschrap-Hörer in höchst unterschiedliche Lager.
Ich wäre so gerne ein Fan von deutschem HipHop. Das Problem ist nur, dass ich noch keinen deutschen HipHop kenne. Deutscher HipHop ist noch gar nicht da, Mann. Zumindest mache ich keinen deutschen HipHop, wenn das alles bisher deutscher HipHop ist.

Was sind denn für dich die Kriterien?
HipHop ist von der Straße. Und wenn mir Leute aus München erzählen, ihr vier Stockwerke hoher Block ist voll der Killerblock, dann fühl ich mich angepisst. Rede nicht von »Block«. »Block« ist für mich ein Ghettowort. Den Chorus hat noch dazu Manuva gemacht, der kommt aus Österreich. Was ist denn da mit Block? Nicht mal in Wien gibt’s ’nen Block, die sollen mir nicht auf Straße kommen, weil sie auch auf einmal merken, HipHop ist eigentlich ein Straßending. Blumentopf waren gut, als sie »6,90 Meter« gemacht haben. Das ist der perfekte Blumentopf-Song. Blumentopf sind jetzt auch echt nicht so meine krassen Hasspatienten. Die ziehen ihr Ding eigentlich durch. Aber im Moment gibt’s so viele, die auf Ghetto machen. Und darauf komm ich nicht klar.

Von dir könnte man auch behaupten, dass du nur so tust.
Seit den Fantastischen Vier, seit »Die da!?«, weiß ich Bescheid über die Szene. Ich weiß, wer wen produziert hat, ich weiß, wer was rappt. Ich informiere mich auch, bevor ich rede. Ich war in München und habe mir den Goetheplatz angekuckt, von dem David Pe immer sagt »Das ist mein Ghetto, meine harte Gegend« und so. Aber da ist ein Vietnamese, ein Kino mir einem McDonald’s daneben und ein Dönerladen, wo ein Döner acht Mark gekostet hat. Da fühl ich mich angepisst, da fühle ich mich verarscht von seinem Track. Du hast heute das MV gesehen. Ich sage, wie es da ist. Und das erwarte ich von jedem deutschen Rapper. Aber davon gibt es einfach zu wenig. Deswegen sage ich: Bitte, nenn meine Sachen anders als alles, was bis jetzt da war. Mein Ding ist richtig Straße und ehrlich. Auf meinem Album hörst du nicht einen Schuss, weil es so etwas nicht gibt. Ich rede darüber, dass du locker jemanden mit einem Taschenmesser umbringen kannst. Das sind Sachen, die ich erlebe_ Und ich kann nur von meinem Ghetto erzählen, so wie es ist.

Gegen die Aggro Ansagen läuft gerade das Indizierungsverfahren. Hast du da auch Angst wegen deines Albums?

Ich glaube, mein Album ist da nicht so gefährdet. Ich bin hier bei Aggro Berlin sowieso der Ruhepol, der Softeste von allen. Nimm z.B. B-Tight: Ich glaub, dem gefällt ein Track nicht, wenn er nicht jemanden geschlachtet hat auf dem Track. Aber ich mache das so, wie ich auch mit Leuten rede, einfach auf eine witzige Art und Weise battlen.

»Ganz ehrlich, ich distanziere mich auch ein bisschen von Bushidos Zeug.«

Meinst du, dass du damit eine andere Zielgruppe als Bushldo erreichst? Vielleicht auch eine größere?
sido: Ja. Das klingt vielleicht kacke, aber mein Album wird auf jeden Fall Mainstream. Ich glaub auch, dass bei mir eher auch die zwölf- bis 20-jährigen anbeißen. Bei Bushido fängt das eher bei 16 an. Aber ich weiß es auch nicht… Ganz ehrlich, ich distanziere mich auch ein bisschen von Bushidos Zeug. Das ist nicht meine Art von HipHop. Ich respektiere das. Aber, wie gesagt, das Spektrum ist mir zu klein. Ich höre das ganze Album und jeder Track gibt mir dasselbe Feeling. Das ist nicht negativ zu werten. Bushido hat seinen Fame, er ist angekommen, mit dem, was er gemacht hat. Aber ich distanziere mich von diesem harten Gangster-Zeug, dem Schießen und allem. Ich hab keine Waffe. Und ich versuche, so ehrlich wie möglich zu sein.
Specter: Die Bereitschaft zur Fiktion ist bei Bushido einfach noch eine Nummer höher. Bei sido ist das viel echter. Auch wenn das ein paar nicht wahrhaben möchten – aber es ist so.

Glaubst du, dass du deshalb, also aus politischen Gründen zensiert werden könntest?
sido: Mein Album ist auf jeden Fall politisch. Ich rede zwar nur davon, was ist. Aber wenn du verstanden hast, was ich sage, dann bemerkst du auf einmal das Politische in der Sache.
Specter: Deutschland ist ja auch ganz weit vorne mit Augenverschließen. Unangenehme Realitäten werden einfach nicht thematisiert. London, Paris – alle reden seit Jahren von der Ecstasy-Problematik, Gesetze, richtig viel. In Deutschland wird am meisten genommen, und da wird nicht drüber gesprochen. Genauso ist das mit dem Sozialproblem; Du hast Ghettos hier im Umkreis von Berlin: oder zumindest angehende. Aber es wird nicht drüber gesprochen. In anderen Ländern würden sich die Sozialdemokraten vom Feinsten einen drauf runterholen.

Liegt das daran, dass alle schlicht davon ausgehen, es gäbe keine Ghettos?
Die gehen davon aus, dass das, was sie bei »Menace II Society« gesehen haben oder bei »Boyz ‚N The Hood«, ein Ghetto ist. Die denken, Ghetto ist pengpeng puffpuff und Neger auf Crack. Aber Ghetto heißt: Du wirst in ein bestimmtes Umfeld reingesteckt und kommst da am besten auch nicht raus. Das MV z.B. ist weit weg vom Rest der Stadt. Und uns wurde da ein dickes Einkaufszentrum gebaut, von wegen: Bitte kommt nicht zum Ku’Damm, geht in eurem Einkaufszentrum einkaufen. Da habt ihr auch einen Saturn, McDonald’s, alles da. Bleibt da bei euch. Das ist, was man unter Ghetto versteht.

Meinst du, dass du die Leute darauf aufmerksam machst mit deinem Album?
Ja. ich merke das, seil ich »Mein Block« gemacht habe. Seitdem der Track draußen ist, reden plötzlich voll viele Rapper von ihrem Block. Das habe ich gemacht. Und jetzt werden die Leute anfangen zu sagen »Mein Ghetto hier, mein Ghetto da«. Auf einmal wird das legitim sein. Sogar Patrice von MTV sagt bei »Select«: »Ich bin auch auf die Schule gegangen im Märkischen Viertel.« Der schöne Neger hätte sich früher geschämt zu sagen, dass er aus dem MV kommt. Jetzt auf einmal ist das cool. Weil sido »Mein Block« gemacht hat.

Fotos: Kilian-Davy Baujard

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE #63 (Mai 2004). Weitere legendäre Features aus 20 Jahren JUICE-Geschichte findet ihr hier.