Sido: »Mädchen bitten mich, zum F***** die Maske mitzunehmen.« // #20JahreJUICE

Wann hast du eigentlich angefangen zu rappen?
Mit dreizehn, fast vierzehn. Rappen und ficken war dabei für mich eins. Denn wenn du rappst, kannst du ficken. Das war für mich so der Grund.

Woher wusstest du das?
Unsere Schulband in der Schule: Der Sänger ist der hässlichste Lümmel, den ich kenne, aber der fickt sie reihenweise — und das war nur eine Schulband! Da dachte ich: Klar, Ich rappe, trete hier und da im JUZ auf, setze mir eine Sonnenbrille auf, gel mir die Haare nach hinten, rap über schöne Frauen und bin der Überstar. Weißt du, Rap war nicht Rap für mich damals. Rap war nicht HipHop für mich, sondern einfach eine Art sich auszudrücken. Und ganz ehrlich; Wenn ich singen könnte, dann würden wir heute kein Interview für die JUICE geben. Ich würde wahrscheinlich Interviews für Bravo machen, weil ich der Frontmann in einer Boyband wäre.

Das war auch ein ernsthafter Plan?
Ja. Das war ein ernsthafter Plan. Mann, ich sehe, wie die Frauen vom Balkon springen wollen, weil Mark weggeht von Take That. Boybands, das waren die Mädchenkiller überhaupt. Und deswegen wollte ich unbedingt in einer Boyband sein.

Wie hat das mit der Sekte angefangen?
Damals bin ich noch mit Diablow von Ypsilon Records und seiner Gang rumgehangen, die auch aus dem MV sind, Bei dem zu Hause habe ich dann Bobby, also B-Tight, kennengelernt und da kamen wir auf die Idee, einen Track zusammen zu machen. Aber Bobby musste, bevor wir den Track aufnehmen konnten, nach Amerika gehen. Er wurde hier auf dem Basketballplatz entdeckt und ist dann nach Amerika gegangen, um dort auf der High School zu spielen. Nach drei Monaten gingen aber sein Knie kaputt, und so kam er zurück nach Berlin. Ich hatte einen Auftritt bei einem HipHop-Contest, wo Gauner und die ganzen Leute auch mitgemacht haben, und Bobby war im Publikum. Wir performten den Track, für den er damals auch eine Strophe geschrieben hatte, bevor er gefahren war. Und ich sagte: Komm einfach mit auf die Bühne, wir rappen jetzt den Track. Und er so: »Optik, uää, ja okay.« Er rappte. Ich hab ihn angekündigt als »B-Tight aus dem Sunny State California«. weil er gerade voll braun aus Kalifornien zurückgekommen war. Und dann haben wir das Ding gewonnen. Ich wollte eigentlich alleine auftreten, ohne meine beiden Kollegen, weil ich mit denen nicht mehr so klarkam. Die waren mir zu schön, die Jungs. Ich wollte letzt auf einmal HipHopper werden. Dann hab ich das Ding mit Bobby gewonnen und mit ihm eine Band gegründet Wir sind dann zusammen ins Studio gegangen, HipHop-Mobil Berlin und so, und haben da ein paar Sachen gemacht. Damals noch Bobby auf Englisch und ich auf Deutsch. Ich weiß nicht mehr genau, wer auf die Idee kann, aber irgendwann dachten wir: Wir hängen jetzt alle miteinander rum, wir brauchen einen Crew-Namen. Wir können uns ja Sekte nennen. Wir sehen uns jeden Tag, hängen rum und leben nach unseren eigenen Regeln, irgendwie sind wir voll die Sekte. Ich finde, für eine HipHop-Band in Deutschland ist Die Sekte immer noch ein sehr guter Name, ganz ehrlich.

Was habt ihr da so rausgebracht als Sekte?
Erst waren wir auf Royalbunker, das damals noch Monopol hieß, Bobby und ich haben da ein Tape rausgebracht, wir haben dann einfach eine Band in der Band gegründet: Royal TS. Wir waren die Produktivsten von allen, wir haben in einer Woche ein Album aufgenommen. So haben wir also das erste Tape aufgenommen, schnell ein Intro gemacht, zehn Dinger selber gepresst, Cover gedruckt im Kopierstudio, zu Hause von Tapedeck, zu Tapedeck die Tapes selber überspielt, krass halt.

»Boybands, das waren die Mädchenkiller überhaupt. Und deswegen wollte ich unbedingt in einer Boyband sein.«

Wart Ihr auch in diesem Royalbunker-Freestyle-Cafè?
Da waren wir von der ersten Stunde, glaube ich. Und ey, das war eine beeindruckende Zeit. Savas war da. ganz M.O.R. war da, Fuat war da, die ganzen großen Leute halt. Da haben wir auch Rhymin‘ Simon kennen gelernt, der dann eine Weile bei der Sekte war, Vokalmatador usw. Diese Zeit hat Berliner HipHop auf jeden Fall geprägt. Staiger hat vielen Leuten echt die Augen geöffnet; Macht doch Musik, macht doch Tapes. Und so haben wir das dann auch gemacht. Irgendwann haben wir aber gemerkt, dass Staiger unser Geld nimmt und es in die Ärsche von M.O.R. steckt. Da hab ich gedacht: Alles klar, wir machen unsere Tapes selber und schreiben »Sektenmuzik« hinten drauf. Unser eigenes Label, hau rein, Staiger! Er hat sich schon voll aufs neue Royal TS-Tape gefreut, »Back in Dissness«, und wir haben es einfach ohne ihn rausgebracht. Ich wollte Staiger nicht helfen, die M.O.R.-Platte zu finanzieren, weißte? Es war auf jeden Fall gut, dass wir von Staiger weggegangen sind. Rhymin‘ Simon ist immer noch auf Royalbunker und ich hab immer noch kein Rhymin‘ Simon-Video gesehen. Sogar Eko wurde vor Rhymin‘ Simon gepusht, und der ist nicht mal aus Berlin. Staiger hat uns einfach nicht bezahlt. weißt du? Die 200 Mark, die wir gekriegt haben – lächerlich. Wir hatten auf einmal in einer Woche 500 Mark bei uns im Schrank liegen.

Fühlst du dich von Staiger verarscht?
Das ist der Grund, wieso ich weggegangen bin. Staiger ist ein Hai. Wie viele Leute hat der auf seinem Label? Bestimmt 20 Acts, Mann. mindestens. Und davon pusht er drei. Aber er nimmt das Geld von allen anderen, um damit die zu pushen. Das ist so der Trick. Die unteren denken sich: Oh, ich bin auf Royalbunker, geil. Aber sie sehen nicht, dass sie im Endeffekt nur benutzt werden. Es war für mich trotzdem eine gute Zeit, ich habe viel gelernt.

Wie kam es eigentlich zum Deal mit Aggro Berlin?
Vokalmatador von der Sekte war so ein Partygänger und hat auf irgendeiner Party Specter getroffen, der auch ein Partygänger ist. Specter hatte irgendwie Interesse und hat Vokalmatador gesagt: Ey, ich pumpe die ganze Zeit eure Tapes, lass ma‘ kennen lernen. Und irgendwann hat Vokalmatador ihn dann angeschleppt bei Bobby und mir. Wir haben damals in einer 160-Mark-Wohnung gewohnt, ein Zimmer, eine Küche, und das Klo war draußen im Treppenhaus. Wir mussten Kohlen zum Heizen holen gehen und so. Zu der Zeit hatte gerade Def Jam Germany aufgemacht, und das war für mich so das Heilige: Def Jam in Deutschland, krass Mann. Hätte ich zu der Zeit ein Angebot von Def Jam gekriegt, ich hätte es angenommen.

»eine Woche später hieß es dann auf einmal: Ihr macht einen Track mit ODB. Alles klar, machen wir einen Track mit ODB.«

Dann wärst du jetzt pleite.
Ich wäre jetzt pleite. ich wäre ’ne Null. Ich wäre Pyranja. weißte? Mit Phillie MC auf einem Label, weißte? Aber es war sehr cool, wie alles gelaufen ist. Specter kam und das erste, was er gesagt hat, war: Jungs, wie stellt ihr euch eure Zukunft vor? Wir meinten: Wir wollen für die Musik da sein, Aber wir hätten gerne jemanden, der sich ums Business kümmert, weil wir davon keine Ahnung haben. Und eine Woche später hieß es dann auf einmal: Ihr macht einen Track mit ODB. Alles klar, machen wir einen Track mit ODB. Eine Woche darauf hieb es aber: Ihr macht einen Track mit ODB und Brixx. Und dann hieß es eine Woche darauf aber: Vokalmatador und Rhymin‘ Simon kommen auf Brixx nicht klar, sido und B-Tight wollen den Track trotzdem machen, Rhymin‘ Simon und Vokalmatador hauen ab und gehen zu Royalbunker. Der Track mit Brixx ist dann im Endeffekt nix geworden, Irgendwie waren wir wohl zu Ghetto. Irgendwas, keine Ahnung. Jedenfalls sind die Jungs weg und wir die beliebtesten Rapper in Deutschland. Egal, für mich ist das alles auch immer eine Schicksalsfrage. Ich musste in so einem Drecksloch wohnen, ich musste eine ganze Woche nix essen, um schätzen zu können, was ich jetzt habe. Und ich weiß es wirklich zu schätzen.