Sido & Haftbefehl Vs. The Beats: »Boah, wenn ich jetzt ­anfange, über diesen Beef zu reden …« // Feature

Der Ofen ist an. Ein süßlicher Duft kriecht durch die Katakomben der Essener Grugahalle. Plätzchen stellt Siggis Weihnachtsbäckerei jedoch keine her. Noch wirkt die Stimmung vor dem Red Bull Soundclash gelöst, auch dank Mithilfe von Mary-Jane. Medienprofi Sido frühstückt seine Pressetermine routiniert ab. Kontrahent Hafti hingegen ist außerplanmäßig verschwunden – spontane Shoppingtour in Essen-City. Als niemand mehr damit rechnet, fliegt die Tür zum vielleicht 15 Quadratmeter großen Backstage-Räumchen auf. Haftbefehl tritt langen Schrittes ein, fläzt sich neben Sido aufs Sofa. »Ich hab mir ne Hose gekauft, Digger«, gibt er zufrieden zu Protokoll. Sido grinst, blickt auf die vor ihm ­aufgebauten Gerätschaften und fragt: »Machen wir ‚Vs. The Beats‘?« Ja, machen wir.

Boogie Down Productions
The Bridge Is Over (1987)
Sido: Was is das noch mal?!
Erfan Bolourchi: [Haftbefehls Manager; Anm. d. Verf.] Ganz schlecht, Siggi. Von dir hätt’ ich das nicht gedacht.
Haftbefehl: Was soll ich jetzt dazu sagen?

Ihr tretet heute Abend gegeneinander an. Also hab ich zehn legendäre Disstracks rausgesucht.
Haftbefehl: Also willst du uns aufein­anderhetzen?
Sido: Das hier ist doch wahrscheinlich der erste Disssong, den es jemals in der Größe gab. »The Bridge Is Over«, gemeint ist Queensbridge. Ich hab letztens die Nas-Doku »Time Is Illmatic« gesehen. Dort sagt er, der Track habe ihn inspiriert, etwas über Queensbridge zu schreiben.

Außerdem meint Nas, der Track habe ihm bewusst gemacht, dass er Queensbridge auch representen muss, sobald er außerhalb seines Viertels wahrgenommen wird.
Haftbefehl: Ich kenn den Song nicht.
Erfan: Aber du weißt schon, wer da rappt.
Haftbefehl: Nee.
Erfan: Das ist KRS-One! Gegen MC Shan.
Haftbefehl: Der hat ja ganz anders gerappt früher!
Erfan: Da war der wahrscheinlich 18, 19 Jahre alt.
Haftbefehl: Egal, ich kenn den Song nicht.

Dr. Dre feat. Snoop Doggy Dogg
Fuck Wit Dre Day (And Everybody’s ­Celebratin’) (1992)

Haftbefehl: Der Eazy-E-Diss von Dre und Snoop, gä?!

Ja.
Sido: (zündet seinen Joint wieder an) Ich bin erst eingestiegen, als die den Beef schon lange hatten. Ich hab das alles erst im Nachhinein gecheckt und fand das sehr schade; vor allem, weil die ja mal Kumpels waren.

Haben die das im »Straight Outta Compton«-Film eurer Meinung nach gut rübergebracht?
Sido: Ich hab den noch gar nicht gesehen.
Haftbefehl: Dass es zwischen den beiden Beef gab, fand ich natürlich auch nicht cool. Aber der Film war geil. Ich persönlich fand immer, dass Dre der bessere Rapper als Eazy war.

Beide haben so gut wie keine eigenen Texte geschrieben.
Haftbefehl: Ich hab auch gehört, dass Ice Cube viel für Eazy geschrieben hat. Das wird im Film ja auch so dargestellt.

Eazy-E feat. Gangsta Dresta & B.G. Knocc Out
Real Muthaphuckkin G’s (1993)

(Haftbefehl ahmt Eazys Flow nach)
Sido: Im Vergleich ist das auf jeden Fall der geilere Song. Die Produktion ist viel besser. Trotzdem schade, dass es diesen Beef geben musste. Auch, wenn man Eazy vielleicht nachsagt, dass er nicht rappen konnte, feiere ich diesen Flow und seine Stimme komplett. Das ist alles sehr speziell.
Haftbefehl: Der Beat klingt auch, als würde er von Dre kommen; als wäre vorher schon abgemacht gewesen, wie der Beef aufgebaut ist: erst der Song von Dre mit Snoop, dann produziert er heimlich den Song für Eazy, auf dem er gedisst wird. (lacht)
Sido: Mach mal den nächsten Song an, sonst werden wir noch so traurig. Wegen Eazy.

2Pac feat. The Outlawz
Hit ’Em Up (1996)

Sido: Den kennt natürlich jeder.
Haftbefehl: Der Song is geil, aber …

… für dich als großer Biggie-Fan …
Haftbefehl: … beschissen!
Sido: Ich gehöre auch ganz klar zum Biggie-Lager. Ich kann den Track aber auch als Song feiern und die eigentliche Thematik ausblenden.
Haftbefehl: Ich kann dir eins sagen: Viele deutsche Rapper sind auf diesem Song hängengeblieben, schieben sich Filme und fangen deswegen künstlichen Beef an. Viele Rapper in Deutschland dissen sich, obwohl sie vorher gar keinen Bezug zueinander hatten. Dissen sollte man sich nur, wenn es persönliche Probleme gibt oder man sich privat mal kennengelernt hat und irgendwas passiert ist. Der Song ist auf jeden Fall krass, aber Biggie hatte »Who Shot Ya?« – der hat Pac gefickt.
Sido: Kommt der Song als nächstes?

Nein, den habe ich rausgelassen, weil’s kein Disstrack im klassischen Sinne ist.
Sido: Im »Notorious«-Film stellen sie es auch so dar, als wäre das definitiv keine Antwort gewesen.

Im Vergleich dazu zieht »Hit ’Em Up« alle Register. Schon die eröffnende Zeile lautet: »So I fucked your bitch, you fat motherfucker«. Glaubt ihr denn, dass beide noch leben würden, wenn’s diesen Song hier nicht gegeben hätte?
Haftbefehl: Boah, wenn ich jetzt ­anfange, über diesen Beef zu reden …
Sido: Die beiden würden noch leben, wenn’s Suge Knight nicht gäbe. So sieht’s aus.
Haftbefehl: Ich glaube, da steckt noch viel mehr hinter als so ein fetter Blood. Nach ­Tupacs Tod sind hunderte Rapper rausgekommen, die Millionen von Platten verkauft und von den beiden Toden profitiert haben. Wenn man hinter die Kulissen der Musikindustrie blicken könnte, würde man wahrscheinlich sehen, dass noch ganz andere Leute viel Geld damit verdient haben. Weiße Leute in Anzügen. Da geht’s schließlich um riesengroße Milliardenbeträge. Aber, Bruder: Tupac lebt! (Gelächter)

Notorious B.I.G.
What’s Beef (1997)

Wieso zählt ihr euch beide zum Biggie-Lager?
Sido: Er ist der krasseste Rapper der Welt.
Haftbefehl: Mein großer Bruder hat immer Tupac gehört. Aus Prinzip habe ich dann gesagt, dass ich Tupac hasse – und stattdessen nur Biggie gehört.
Sido: Tupac kann natürlich auch rappen, aber Biggie ist trotzdem ein viel krasserer MC. Seine Attitüde, dieser Laid-Back-Style – das finde ich tausendmal krasser als diesen aggressiven Vortragsstil.
Haftbefehl: Genau, Tupac benutzt sehr oft denselben Flow. Biggie hat gerne mit dem Beat gespielt und hatte mit Puff Daddy jemanden mit einem unglaublichen Ohr. Suge Knight hat ja nur abkassiert. Als Team war Bad Boy einfach krasser.
Sido: Tupac habe ich nie als jemanden wahrgenommen, der für mich spricht. Bei dem ging’s viel um Politik und um die Lage in Amerika. Das ist mir doch egal, was da drüben passiert. Wenn du im Vergleich Biggies Texte übersetzt hast, dann war das ein Typ ausm Block, der aus seinem Alltag erzählt.
Haftbefehl: Kleinigkeiten. Über das Leben auf der Straße.
Sido: Da konnte ich problemlos Parallelen zum Alltag bei uns im Block ziehen.
Haftbefehl: Schön gesagt, Alter. Schön gesagt.

»What’s Beef« sticht insofern aus meiner Auswahl heraus, als dass hier ganz klar gesagt wird: Beef hat nichts mit Worten zu tun. Beef ist, wenn du auf der Intensivstation landest. Der Song erschien auf »Life After Death«, was wiederum 16 Tage nach Biggies Tod veröffentlicht wurde.
Haftbefehl: Tupac hatte eine viel ­größere Klappe als Biggie. Das hab ich auch nie gemocht.

Canibus
2nd Round K.O. (1998)

Sido: Is das Canibus? Hast du auch die Antwort von LL da? Die ist viel krasser!
Erfan: Der hat den in’ Arsch gefickt, Alder!
Sido: Ich fand Canibus immer kacke, weil der überhaupt nicht rappen kann. Der hat vielleicht ein paar krasse Lines, aber allein wie der sich bewegt! Ich fand den immer affig.

Später ist er definitiv abgedreht. Nach den Anschlägen vom 11. September ging er zur Armee, um Abstand von seiner Musik zu bekommen und sein Land im Krieg gegen den Terror zu verteidigen. Kennst du den Song, Aykut?
Haftbefehl: Wie heißt der Song? Ach, Canibus gegen LL Cool J! Klar. Canibus ist n krasser Rapper, aber er kann keine Songs schreiben. Er ist n Battlerapper. Wie diese Leute von Marcus Staiger, die sich treffen und gegenseitig dissen. So einer ist der.
Sido: »Diese Leute von Marcus Staiger.« (lacht)
Haftbefehl: Warst du damals auch bei diesem Battle-Ding?
Sido: Was meinst du?
Haftbefehl: »Feuer über Deutschland«!
Sido: Neeein!
Erfan: Du meinst »Rap am Mittwoch«.
Haftbefehl: Nein, ich mein diese Veranstaltung, wo die sich getroffen haben, um gegenseitig ihre Mütter zu beleidigen und sich danach die Hand zu geben. (Gelächter) So einer ist dieser Canibus doch, oder nicht?

Zum Beef zwischen Canibus und LL kam es damals wegen eines Tattoos.
Sido: Weil LL ihn auf »4, 3, 2, 1« haben wollte und Canibus dann in seiner Strophe in Bezug auf LLs Oberarmtattoo fragt »Can I borrow that?« LL hat ihn dann gebeten, die Line zu ändern, hat aber gleichzeitig seinen eigenen Verse geändert und ein paar Lines gegen Canibus eingebaut.
Haftbefehl: So oder so hat LL Cool J mehr Patte gemacht. Canibus hat ihn vielleicht ­gedisst, aber LL hat seine Mutter gefickt, Alder.

Jay Z
Takeover (2001)

Haftbefehl: Booooah, der Song ist krass. Aber Nas’ Song war viel krasser. Der hat sein’ Arsch gefickt!
Erfan: Jay Z schreibt hier nur eine Strophe gegen Nas, Nas musste gleich mit einem ganzen Song antworten.
Haftbefehl: Bruder, Nas hat ihn mit »Ether« zerstört. Nur, weil du Jay-Z-Fan bist, AMK! Nas ist der krassere Rapper, Alder! Ganz einfach. Oder? Wer ist lyrisch krasser?
Sido: Für mich ist das egal.
Haftbefehl: Jay hat viel von Biggie geklaut. Hast du »Ether« da?

Kommt als nächstes.
Haftbefehl: Mach mal an! Hör mal allein schon den Beat.

Wenn wir jetzt die Beats vergleichen: »Takeover« hat Kanye West produziert.

Nas
Ether (2001)

Haftbefehl: (rappt mit) Fuck Jay Z! Fuck Jay Z! Feierabend, Alder! (rappt weiter)
Sido: Nas ist, finde ich, der krassere Rapper. Mit Abstand. Jay Z hat sicher auch ne gute ­Attitüde und richtig gute Songs im Katalog. Aber Nas ist einfach besser. Seit »Blueprint 3« hat mich von Jay Z auch nichts mehr überzeugt.

Eminem
The Sauce (2002)

Sido: Den Beat hat er garantiert selber gemacht. Das hört man voll.

Der Song richtet sich gegen Ray Benzino, aber auch gegen Dave Mays und die Source, die danach ziemlich den Bach runterging und ihren Platz als wichtigstes Rapmagazin an die XXL abgeben musste.
Haftbefehl: Ich kenne nur »When Shit Hits The Fan« von Obie Trice, Eminem und Dr. Dre gegen Ja Rule. Den Track hier hab ich damals gar nicht mitbekommen.
Sido: Ich hab das damals schon irgendwie registriert. Aber ich hab die Source nie gelesen, dementsprechend fehlte mir dazu der Bezug. Und Ray Benzino war auch nie Thema für mich. Auch Eminems Beef mit der Insane Clown Posse hat mich überhaupt nicht interessiert. Erst bei Ja Rule fand ich es interessant.

Könntet ihr euch vorstellen, mal ­einen Diss-Song gegen die JUICE ­aufzunehmen?
Sido: Nö. Ich hab schon mal einen Song gegen ein paar Journalisten gemacht, die schlecht über mich geschrieben oder mich verklagt hatten [»Nichts los ohne mich«; Anm. d. Verf.]. Den hab ich dann als Freetrack rausgehauen, weil mir das juristisch zu heikel war. Aber generell ist mir kein Magazin wichtig genug, als dass ich da noch einen ganzen Song drüber schreiben müsste. Wieso fragst du? Kommt jetzt »Sell Out Samy« [Diss-Track von Samy Deluxe gegen die JUICE aus dem Jahr 2001; Anm. d. Verf.] als letzter Song?

Drake
Back To Back (2015)

Haftbefehl: Drake is krass.
Sido: Der mag auch ein guter Rapper sein, aber wenn ich etwas gut finde, gehört für mich auch immer eine gewisse Attitüde dazu. Und die hat Drake einfach nicht. Ich kann mir seine Songs schon anhören, aber Drake ist nicht auf der Liste, wenn’s um meine Lieblings-MCs geht.

Habt ihr den Beef mit Meek Mill denn überhaupt mitverfolgt?
Sido: Null. Klar, man kriegt das natürlich mit, wenn man ab und zu auf WorldStarHipHop rumhängt. Meek Mill kann im Vergleich nicht gegen den Track anstinken.
Haftbefehl: Das ist der allererste Diss-Song, der für einen Grammy nominiert wurde, gell?

Stimmt.
Haftbefehl: Wenn Drake den gewinnt, kann Meek Mill aufhören zu rappen. Bruder, auf deinen Kopf wird einfach ein Grammy gewonnen. (Gelächter)
Erfan: »You gettin bodied by a singin’ n*gga«.
Sido: Der hat schon auch Lines.

Im laufenden Jahrzehnt ist das auch der größte Beef, den es weltweit gab.
Haftbefehl: Daran ist Meek Mill auch selbst schuld, der Spast. Er greift an, wird dann aber erst mal richtig gefickt, Digger.
Erfan: Drake hat einfach auf seine Tweets mit zwei Songs geantwortet. Und Meek hat dann rechtliche Probleme bei seiner Antwort bekommen, weil er die Einlaufmelodie vom Undertaker verwendet hat.
Haftbefehl: Ach, krass: Von der WWE wurde er also auch noch in’ Arsch gefickt! (lacht)

Foto: Christoph Voy

Dieses Interview ist erschienen in JUICE #173 – hier versandkostenfrei nachbestellen.
JUICE 173