Shindy: »Ey Mama, alles cool, ich werde Rapstar.« // Interview

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Let’s face it: Im Oktober 2012 hätte wohl kaum ein Rapfan auch nur einen müden Cent darauf ­verwettet, dass zwei der unterhaltsamsten Alben der Spielzeiten ’13 und ’14 von einem Künstler kommen würden, der gerade seine Zusammenarbeit mit Kay One ­beendet hatte. Nicht nur das: ­Wider Erwarten spielt sich diese Erfolgsstory, die mittlerweile zwei Nummer-Eins-Platzierungen (trotz einer Indizierung) und eine Frischzellenkur für Deutschlands Gangstarap-Dino Bushido beinhaltet, zu nicht ­unerheblichen Teilen im beschaulichen Bietigheim-Bissingen ab. Ein Einblick in die Welt von Shindy Cool, ­ehemals Mr. Nice Guy.

Als Michael Schindler seinem Jugend­freund Kenneth Glöckler 2012 den ­Rücken kehrt, ist die Schlammschlacht, die sich Bushido mit Ex-BFF Kay One seit 2013 über diverse öffentliche Kanäle liefert, noch Zukunftsmusik. Hinter den ­Kulissen jedoch rumort es bereits kräftig. Der Trennung vorangegangen sind für Shindy Monate und Jahre, in denen das Leben als Rapstar zum Greifen nahe scheint. ­Trotzdem ­fristet er sein Dasein im Schatten von Kay One. Noch heute beteuert er, für seine ­Tätigkeit als Ghostwriter an Kays Erfolgs­album »Prince Of Belvedair« nie entlohnt worden zu sein.

Trotzdem verhilft ihm Kay One Gerüchten zufolge schon Anfang 2012 zur Vertragsunterzeichnung bei Ersguterjunge. Im Zuge von Kays Bruch mit dem EGJ-Camp verlässt jedoch auch Shindy die Hauptstadt. Wenn er die Geschichte heute erzählt, muss er weit ausholen: Bushido hätte er 2011 im Rahmen der Bambiverleihung in Wiesbaden kennengelernt. Auf Kay Ones Hotelzimmer hätte man Arafat Abou-Chaker einen eigens ­aufgenommenen Track vorgespielt, der Bushido und Arafat von Shindys Fähigkeiten überzeugen sollte. »Nachdem der Track zu Ende war, sah mich Arafat an, gab mir die Hand und meinte: ‚Du bist jetzt mit an Bord.’« Die scheinbar rosigen Zukunftsaussichten hätte Kay ihm anschließend ­unentwegt madig zu machen versucht: »Ab da hieß es, in Berlin wäre alles doch gar nicht so geil. Ich würde zwar total gastfreundlich empfangen werden, aber ab der Vertragsunterzeichnung würde man mich nur noch ficken. Danach sah ich in jeder netten Geste, in jedem ausgegebenen Essen, in jeder Einladung etwas Hinterlistiges.«

Mit der Zeit beschleicht ihn der Verdacht, Kay würde nicht mit offenen Karten spielen. Bei Geschäftsverhandlungen muss er den Raum verlassen. Was er ihm anschließend über die Gespräche erzählt, schluckt Shindy. »Ich habe es ihm geglaubt, weil ich diese Leute ja nur über ihn kannte«, resümiert er heute. Auch beim fluchtartigen Abgang aus Berlin zeigt er sich loyal. »Ich habe Arafat damals am Telefon gesagt, er solle es mir nicht übel nehmen, aber ich würde mich in ihren Kram nicht einmischen. Schließlich hatte mich Kay nach Berlin gebracht.« Für seine Arbeit als Backup bei Kay Ones Clubgigs erhält er lange keine Bezahlung, später 250 Euro pro Show. »Kay gab vor, Steuer­schulden zu haben. Für mich war somit okay, dass er mich auch im Bezug auf die Kohle für ‚Prince Of Belvedair‘ ­vertröstete.« Als Shindy anschließend mehrfach mit fadenscheinigen Ausreden von Clubgigs ausgeladen wird, platzt ihm der Kragen. »Er war weder daran interessiert, dass ich ein Album rausbringe, noch wollte er mich bezahlen.« Als er das Gespräch sucht, bricht Kay One laut Shindys Aussage während des mehrstündigen Telefonats in Tränen aus. Doch auch die anschließend eingeräumte letzte Chance währt nicht lange. »Ich hatte zwar keinen Plan B, aber wusste, dass ich lieber gar nichts machen wollte, als weiter mit Kay rumzuhängen. Als ich dann eines Abends mit meinen Jungs chillte, kriegte ich eine Nachricht, ich solle mich doch mal bei Arafat melden.«

Es folgt eine Einladung nach Zürich, wo Bushido einen Clubgig spielt. »Als Arafat und ich uns gegenseitig erzählt haben, was Kay uns erzählt hatte, war es wie ein Puzzle, das plötzlich zusammenpasste.« Für Shindy rückblickend betrachtet »der endgültige Beweis dafür, wer in der Geschichte der Wichser war.« Auch Bushido zeigt sich nachsichtig und glaubt weiter an die Zusammen­arbeit: »Er war komischerweise weder sauer noch voreingenommen. Stattdessen fragte er mich, ob ich weiter Musik machen wolle und ihn auf Tour begleiten möchte. Ab da war der Rest wirklich nur noch Papierkram.«

Der Rest der Geschichte ist bestens ­dokumentiert: Nach der Vorstellung des Neu-­Signings auf »Panamera Flow« folgte der ­Einstieg des Debütalbums »NWA« auf Platz eins – wohlgemerkt trotz Indizierung im Schnellverfahren. Den Trubel um den Skandal-­Song »Stress ohne Grund« nahm Shindy dankend an, so wie die ­Möglichkeit der Mitarbeit an ­Bushidos zwölftem Studio­album »Sonny Black«. Dass sich die ­Erwartungshaltung gegenüber seines ­Sophomore-Werks »FVCKB!TCHE$GETMONE¥« im Zuge dieser Erfolge veränderte, scheint den Griechen aus dem Süden relativ kalt gelassen zu haben. Der Typ heißt nicht umsonst Shindy Cool.

 

Wenn man sich aus Social-Media-Kommentaren ein Stimmungsbild formt, macht es den Eindruck, als wären viele Rap-Fans dir gegenüber sehr vorein­genommen, weil du gemeinsame Sache mit Bushido machst und früher in Kay Ones Schlepptau warst. Nimmst du das auch so wahr?
Ich bin mir sicher, dass es viele Leute gibt, die so denken. Allerdings dringt das nicht bis zu mir durch. Natürlich bin ich bei Bushido gesignt und habe mit Kay zusammen Musik gemacht. Ich kann auch verstehen, dass man jemandem gegenüber dann voreingenommen ist. Kays Musik war eben schon immer sehr platt. Meine Musik ist zwar weder besonders deep noch depri, und in gewisser Hinsicht oberflächlich. Aber sie kommt mit einer Raffi­nesse und einem gesunden Augen­zwinkern daher. Bei Kay ist das nicht so. »Rich Kidz« war meiner Meinung nach furchtbar. Er ist nun mal der Bekanntere von uns beiden, von daher kann ich verstehen, wenn das auf mich abfärbt. Mir geht es aber auch so ganz gut. Ich freue mich über jeden Hater oder Zweifler, der sich ­wenigstens dazu durchringt, die iTunes-Hörproben durchzuskippen und dann feststellt, dass ich doch nicht so behindert bin wie Kay One. Und was die Nähe zu ­Bushido angeht, sehe ich das szeneintern gar nicht als Problem. Gerade ist es auch in der HipHop-Szene wieder cool, zu Bushido zu gehören. Da sehe ich das Problem eher bei der Masse, die einen als Teil einer kriminellen Vereinigung abstempelt und dann von einer Mafia spricht. Ich habe sogar gelesen: »Ich feiere Shindy übertrieben, werde mir das Album aber illegal herunter­laden, weil ich diesem Araberclan kein Geld in den Arsch stecken werde.« (lacht) Da frage ich mich, was mit der Welt los ist!

Was würdest du denn jemandem ­entgegnen, der das behauptet?
Die Leute glauben, wenn Kay bei Stern TV behauptet, man würde bei Ersguterjunge abgezogen, dann stimme das, weil die ­Sendung früher von Günther Jauch moderiert wurde. Die glauben, dass 16 Euro an die Mafia gehen, wenn man die CD im Laden für 17 Euro kauft. Und für Bushido und Shindy bleiben jeweils 50 Cent pro CD über. Wenn die wüssten, wie viel Geld die Plattenfirma bekommt, wie hoch die Budgets für Videos und sonstige Produktionskosten sind, wie viel Geld vorgestreckt werden muss, um überhaupt erst zu ermöglichen, dass die CD irgendwann im Handel erhältlich ist. Wenn ich das berücksichtige, kann ich mich nicht beschweren. Ich habe mit Majorkünstlern geredet, die mir erzählt haben, dass sie einen Bruchteil von dem verdienen, was mir am Ende übrig bleibt. Von denen sind sehr viele unzufrieden. Wer also vermeiden möchte, der Mafia Geld zu geben, sollte keine Platten von Major-Künstlern kaufen. Denn die Majorlabels sind die eigentliche Mafia.

Nervt dich das Thema Mafia nicht auch? Speziell um die Album-VÖ im ­vergangenen Jahr herum war das Thema ja omnipräsent. Gab’s einen Moment, an dem du dachtest: »Scheiße, es geht hier ja gar nicht um meine Musik«?
Die Zeit gab es natürlich. Ich habe mich allerdings schnell damit abgefunden. Als der Skandal rund um »Stress ohne Grund« ins Rollen kam, habe ich mich darauf eingestellt. Da war mir klar, dass Bushido im Vordergrund stehen würde, weil er zum einen wesentlich bekannter war und zum anderen bereits von vielen gehasst wurde. Die ­Geschichte an sich war ein gefundenes Fressen für die Medien. So gesehen war es für mich gar nicht so schlimm. Die Gründe für die Aufmerksamkeit waren eher sekundär.

Wie hat sich dein Verhältnis zu Bushido nach dem Album entwickelt? Im Vorfeld hattest du in Interviews immer wieder ­betont, dass ihr das auf einem sehr ­professionellen Level angeht und es nicht mit der engen Freundschaft zu vergleichen wäre, die Bushido mit Kay hatte.
Erstens muss man wissen, dass Bushido nie zur selben Zeit wie ich im Studio ist. Er lässt mir bei der Produktion meines Albums völlig freie Hand. Natürlich hat er hin und wieder Tipps oder ist zur Stelle, wenn ich seine ­Meinung brauche oder wir einen ­gemeinsamen Song aufnehmen möchten. Bei »NWA« hatten wir noch nicht besonders viel Zeit miteinander verbracht. Wir haben zwar immer mal wieder telefoniert und waren auch mit allen Jungs essen, wenn ich in Berlin zu Gast war. Aber die Basis fehlte. Wir waren zu dem Zeitpunkt auch noch nicht gemeinsam auf Tour. Jetzt haben wir das ein paar Mal gemacht und das hat natürlich dazu geführt, dass wir uns auch ­angefreundet haben. Schließlich hängt man ­zusammen im Tourbus ab, ist abends zwei Stunden auf der Bühne und verteilt danach noch Seite an Seite Autogramme. Aber ob das jemals so werden kann, wie das mit Kay war, wage ich zu bezweifeln. Dafür haben sich die Umstände zu sehr verändert: Er hat mittlerweile geheiratet, hat Kinder und ist ungefähr zehn Jahre älter als ich. Dadurch ähnelt meine Beziehung zu ihm eher der zu einem großen Bruder oder älteren Cousin.

»Meine Musik ist zwar weder besonders deep noch depri, und in gewisser Hinsicht oberflächlich. Aber sie kommt mit einer Raffi­nesse und einem gesunden Augen­zwinkern daher.«

In der Außenwahrnehmung kann man ­Bushido als das Alphatier des ­deutschen Rap bezeichnen. Seit er die Bühne ­betreten hat, war er der Starke, der in seinem Fahrwasser viele Künstler ­mitgezogen hat. Diese Künstler sind auch heute fast alle noch aktiv und können größtenteils von ihrer Musik leben. ­Trotzdem gab es zwischen ihnen und ­Bushido irgendwann einen Bruch. Machst du dir darüber ­Gedanken oder habt ihr euch schon mal darüber unterhalten?
Letzteres noch nicht, aber Gedanken habe ich mir darüber natürlich gemacht. Auch darüber, ob es bei mir irgendwann nicht mehr funktionieren könnte. Aktuell ­haben wir jedoch beschlossen, die Zusammen­arbeit noch ein paar Jahre fortzuführen. Wie das dann genau aussehen wird, sei jetzt mal dahingestellt. ­Unser Bonus ist, dass wir eine gesunde Distanz zueinander halten. Ich würde zum Beispiel nicht einfach nach oben gehen und unangekündigt in seinen Teil des Tourbusses platzen. Genauso würde er mich immer in Ruhe lassen, wenn er sieht, dass ich beschäftigt bin. Ich habe Bushido als Person kennengelernt, mit der man immer über alles vernünftig reden kann. Ich weiß, was er mag und was er nicht mag. Dementsprechend sehe ich keinen Grund, wieso es zwischen uns Streit geben sollte. Ich glaube auch, dass viele ­Künstler erst nach ihrem Abgang gemerkt ­haben, was sie an Ersguterjunge und ­Bushido hatten. Viele dachten wohl, dass sie das auch alleine schaffen. Und dann merken sie, dass die Verträge bei den anderen Labels gar nicht so geil sind, wie sie sich das vorgestellt haben.

Wobei das Label Ersguterjunge ­heute eine ganze Spur anders ­aussieht als­ ­früher. Früher gab es noch ein ­Künstlerroster, Labelsampler usw. Da wurde ganz bewusst abgespeckt, oder?
Das müsstest du Bushido selbst fragen. Außer Kay sind meines Wissens nach nie Künstler im Streit gegangen. Es war ­eigentlich immer die Entscheidung der Künstler, dem Label den Rücken zu kehren. Ob da bewusst abgespeckt wurde, kann ich nicht sagen. Ich bin jedenfalls ­zufrieden, bekomme vollste Aufmerksamkeit und ­Unterstützung. Wenn Bushido dir Tipps gibt, dir von bestimmten Dingen abrät oder Vorschläge macht, musst du einfach die Fresse halten und zuhören. Vor allem in meiner Position als 26-Jähriger, der gerade erst sein zweites Album veröffentlicht hat. Und wenn man zuhört, dann wird einem auch klar, dass der Typ es gut mit einem meint. Er ist logischer­weise der Letzte, der daran ­interessiert ist, dass seine Künstler nicht verkaufen.

 

Würdest du trotzdem behaupten, dass du ihn über die vergangenen Jahre musikalisch mehr beeinflusst hast als er dich?
Ja. Ich habe ihn bezüglich seiner Attitüde beeinflusst. Man könnte auch sagen, dass ich ihn angestachelt habe. Er saß immer abgeturnt im Studio und hat sich darüber beschwert, wenn Claudia Roth oder Serkan Tören ihn öffentlich kritisiert haben. Das hat ihn krass genervt. Ich habe ihm also einfach gesagt, er solle diese ganzen Hurensöhne doch mal wieder so richtig beleidigen. Er hat meistens nur auf Twitter mit einem lustigen Spruch geantwortet, was ich der Situation ­allerdings nicht angemessen fand. Ich habe ihm also gesagt: »Du bist Bushido und bei diesen Leuten sowieso unten durch. Wieso also noch benehmen?« Ich habe das Pöbel-Gen in ihm wieder geweckt. ­Ansonsten ­haben wir »Sonny Black« fast komplett zu viert produziert, wir beide sowie Beatzarre und Djorkaeff. Nur zwei Beats kamen von ­externen Produzenten. Allerdings bedeutet das nicht, dass Bushido dasitzt und mich fragt, was er denn jetzt machen solle. Er hat selber eine klare Vision, aber ­manchmal ­stichele ich bewusst, damit es noch ­unterhaltsamer wird.

Auch ein bisschen ironisch, dass Mr. Nice Guy den Pöbler in Bushido ­geweckt hat.
Ja, da hast du recht. (lacht) Aber ich bin Bushido-Fan, seit ich 13 bin. Mir wurde im Zuge der Produktion bewusst, dass sich mir die Chance bietet, Einfluss auf mein Jugendidol zu nehmen; und dass ich so das Album mit ihm umsetzen kann, das ich mir von ihm wünsche. Ich war als Fan geil drauf, dass er die Fresse aufmacht und zu seinem alten Sound zurückfindet. Er wollte das selbst, aber ich habe dazu beigetragen, dass es jetzt noch ein Stückchen asozialer klingt.

Du wohnst weiterhin im Großraum ­Stuttgart. Wohnst du durchgängig im Hotel, wenn du in Berlin bist? Residierst du dann immer im Hyatt oder muss auch ab und zu das Motel ONE herhalten?
Nee, Motel ONE definitiv nicht. Ich war da zwei- oder dreimal in meinem Leben, allerdings nie freiwillig. Heute würde ich lieber 400km nach Hause fahren, als noch mal dort zu übernachten. Mich regt auf, dass man schon am Klopapier merkt, wo sie sparen. Deren Klopapier ist dunkelgrau, fast noch schlechter als auf einer Bahnhofs­toilette. Außerdem gibt’s keine Minibar, nicht mal eine Flasche Wasser aufm Zimmer. Dort kann man sich einfach nicht heimisch fühlen.

In einem guten Businesshotel entsteht aber auch nicht unbedingt Heimat­feeling, oder?
Doch, schon. Es kommt drauf an, wie viel Zeit man im Zimmer verbringt. Ich war eigentlich fast immer in einem Hotel am Ku’damm, das jetzt zur Sofitel-Kette gehört. Dort bekam ich rund um die Uhr alles aufs Zimmer geliefert, was ich brauchte. Für den Preis hätte man vielleicht auch was Besseres haben können, aber die Lage war sehr gut für mich. Ich brauchte nur zehn Minuten ins Studio oder zwei Minuten zum Ovest [ital. Restaurant am Ku’damm; Anm. d. Verf.]. Dann war aber mal alles ausgebucht und ich musste ins Hyatt ausweichen. Und jetzt habe ich mich richtig ins Hyatt verliebt. Ich ­brauche immer gute Hotels, weil ich dort sehr viel Zeit verbringe. Meistens gehe ich um 12 Uhr mittags raus und komme abends um 21 Uhr wieder zurück. Dann will ich oft noch einen ganzen Song schreiben – und dafür brauche ich die Gewissheit, dass man mir von Essen bis hin zu Zigaretten alles aufs Zimmer bringt. Im Motel ONE geht das nicht.

Generell hängst du ja auch sehr viel ab, wenn du zu Hause bist, und gehst gerne erst vor die Tür, wenn die Sonne nicht mehr scheint und die Straßen leer sind. Ist das nicht auch befremdlich, aus dieser Parallelwelt auf Tour oder einen Promo-Run zu gehen, wo du gar keine Ruhe mehr hast?
Seit ich zu Hause ausgezogen bin und allein lebe, muss ich leider auch ab und zu tagsüber vor die Tür, um Dinge zu erledigen. Daran habe ich erst gemerkt, wie viel sich bei mir seit dem letzten Jahr getan hat. In Berlin interessiert es die Leute ja nicht – auch wenn sie dich erkennen, lassen sie dich in Ruhe. Bei mir aufm Dorf ist das anders. Wenn ich um 13 Uhr zum Metzger gehe und eine ganze Klasse vorbeiläuft, ist das schon richtig miese Therapie. Da will jeder ein Foto, und damit sind die noch nicht mal ­zufrieden. Die rennen dir dann im ganzen Laden hinter­her und löchern dich mit Fragen: »Was ist denn jetzt mit Kay One? Warum bringt ihr ihn nicht einfach um? Warum sagst du der Mafia nicht, dass sie ihn umlegen sollen?« Wenn ich in Berlin bin, ist es entspannter. Selbst wenn ich tausende Interviews habe, weiß ich immer, dass ich spätestens um 21 Uhr wieder im Hotelzimmer bin und mich dort niemand mehr stört. Mir macht das also Spaß, im Hotel zu wohnen.

»Ich habe oft das Gefühl, dass viele MCs sich nicht genug mit der Materie ­auseinandersetzen.«

Könntest du dir vorstellen, wie Udo ­Lindenberg permanent im Hotel zu wohnen, wenn du mal für längere Zeit in Berlin bist?
Das wäre mein absoluter Traum: Sonder­konditionen aushandeln und dann in einer Suite zu wohnen. Das wäre so geil, Alter.

Er musste vor ein paar Jahren eine Zeitlang wegen Renovierungsarbeiten ausziehen. Das war für ihn ein richtiger Abturn.
Geil, das feier‘ ich. (lacht) Vielleicht bereite ich fürs nächste Album einfach gar nichts vor und miete mich dann zu ’ner guten Rate irgendwo ein. Ich frühstücke dort ja ­schließlich auch nicht, weil ich die Zeiten fürs Buffet nicht einhalten kann. Ein Spezialpreis sollte also kein Problem sein. Ich freue mich aber wieder auf zu Hause, der Abwechslung ­wegen. Ich habe mir auch vorgenommen, dass ich erst mal zwei Wochen lang gar nichts machen werde: Weder zum Friseur noch ins Solarium gehen, nur Zuhause rumgammeln. Vielleicht mache ich ab und zu einen Beat, aber das war’s dann auch.

Das ist aber dann der verdiente Urlaub nach der vielen Arbeit, die nach »Nie wieder arbeiten« kam.
Ja, paradox. (lacht) Aber Gott sei Dank ist das hier mein Traumjob und ich kann gerade jeden einzelnen Tag genießen. Wenn wir alle zusammen beim Essen sitzen, denke ich mir oft: »Gerade ist alles so geil. Ich hoffe, das geht nie vorbei.« Die Arbeit ist dann auch halb so wild; zwei Stunden auf der Bühne zu stehen, macht ja Spaß. Ich bin wirklich wunschlos glücklich. Auch was das Album angeht, habe ich meine ­eigenen ­Erwartungen übertroffen. Natürlich ist es nicht das perfekte Album geworden, das ich irgendwann mal machen will. Ich wusste, dass das verfügbare Zeitfenster erforderte, dass es schnell geht, und war mir nicht sicher, ob ich dann meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden würde. Daran gemessen bin ich sehr zufrieden.

In »#BITCHICHBINFAME« behauptest du ja, du hättest dich bei »NWA« nicht mal angestrengt, was natürlich überzogen ist. Trotzdem klingt »NWA« wesentlich relaxter. Auf »FVCKB!TCHE$GETMONE¥« merkt man, dass wesentlich mehr Drive dahinter steckt. Gab es denn Referenzplatten oder einzelne Tracks, deren Energie und Vibe du auf deine Tracks übertragen wolltest?
Zwei Alben, die ich im Vorfeld der Entstehungs­phase von »FBGM« sehr viel gehört habe, waren »Nothing Was The Same« von Drake und »Mastermind« von Rick Ross. Wobei ich Drake sogar noch öfter gehört habe.

 
Ich habe mir zwar die Kommentare unter dem »Safe«-Video nicht durchgelesen, aber da werden dir sicherlich ein paar Leute Drake-Gebite vorgeworfen haben. Was fasziniert dich an diesem Flow?
Du kannst damit auf 100-bpm-Beats rappen, ohne dass es schnell und verhaspelt klingt. ­Eigentlich kannst du sonst nur Biggies Flow verwenden, wenn du bei einem so ­schnellen Beat relaxt klingen willst. Dann wird es allerdings schwierig, krasse Reime reinzu­packen, weil man nur zwei Silben betonen kann. Der abgehackte Flow erlaubt es mir aber, ­aggressiv zu klingen, ohne dass ich ­rumschreien muss. Ich kann Ansagen ­machen und trotzdem relaxt klingen. Also habe ich diesen Flow dreimal auf dem Album verwendet. Und diese Art zu ­rappen ist neu. Wie viele Leute haben denn schon so gerappt wie Biggie? Ich hab das ja auch auf »Cabriolet« gemacht.

»’Welches Haarspray benutzt du? Wie heißt deine Frisur?‘ Das sind alles Fragen, mit denen ich konfrontiert werde. Aber du kannst dir das alles bis auf die Haarspraydose zulegen – du wirst trotzdem nicht so sein wie ich«

Wobei man es ja erst mal schaffen muss, das gut zu adaptieren. Es gibt ja derzeit genügend MCs in ­Deutschland, die auf Trap-Beats wie recht halbgare Kopien klingen.
Das ist generell ein deutsches Problem. Die Leute merken, dass irgendwas im Trend liegt und fangen an, dem hinterherzurennen. Allerdings nehmen sie dann einen Text, den sie auf einen 90-bpm-Beat geschrieben haben und versuchen, das auf 65 bpm einzurappen. Dann wundern sie sich, wenn’s ­scheiße klingt. Ein solcher Beat gibt dir ganz andere Sachen vor, du kannst unter ­keinen Umständen genau so rappen wie auf ein 30 bpm schnelleres ­Instrumental. Ich habe oft das Gefühl, dass viele MCs sich nicht genug mit der Materie ­auseinandersetzen. Vielleicht fehlt ihnen das Gehör. Du kannst mir Drake-Biterei ­vorwerfen, aber wenn das so einfach ist, dann bite mal selbst und mach, dass es geil klingt.

Etwas anderes, das dich mit MCs wie Drake oder A$AP Rocky verbindet, ist die Affinität für Mode. Woher kommt die bei dir?
Das hat mich schon immer interessiert, auch schon 2003. Damals waren es dann eben Karl Kani und andere HipHop-Marken. Irgendwann habe ich mich dann auch in diese High-­Fashion-Sachen reingelesen, konnte mir damals aber noch nichts davon leisten. Mode ist immer auch ein Stück weit ein kreativer ­Prozess. Man muss wissen, was man ­anziehen möchte und was an einem gut aussieht. Ich merke das ja auch an mir. Ich werde die ganze Zeit gefragt, woher meine Jacke, meine Schuhe, meine T-Shirts und Hosen kommen.

Das steht auch immer in den Youtube-Kommentaren.
Es geht noch weiter: »Welches Haarspray benutzt du? Wie heißt deine Frisur?« Das sind alles Fragen, mit denen ich konfrontiert werde. Aber du kannst dir das alles bis auf die Haarspraydose zulegen – du wirst trotzdem nicht so sein wie ich, weil du nicht dieselbe Attitüde hast. Ich gehe ab und zu in einem ­Laden in Charlottenburg Pancakes frühstücken. Da sitzen oft ein Haufen 15-Jähriger rum, die genau so aussehen wie ich: Air Force 1s oder Jordans, Jeans von Balmain, Givenchy-T-Shirts. Das ist aber ja nicht der Sinn von Mode. Nur weil Kanye West lederne Jogginghosen trägt, zieh ich das doch nicht an. Mein Modebewusstsein hat sich einfach mit der Zeit entwickelt. Wenn du mit gewissen Leuten zu tun hast, vor allem mit Frauen, die sich dafür interessieren, dann bekommst du das zwangsläufig mit. Und da ich eh auf schöne Dinge stehe, war das eine logische Konsequenz.

Macht es dir Spaß, bestimmte Dinge zu besitzen?
Ja, ich habe mir auch wirklich Sachen aus England und Italien mit Expressversand ins Hotel bestellt. Und am nächsten Morgen weckt mich der Concierge mit meinen Einkäufen. ­Früher habe ich die letzte Kohle für ein paar Nikes von Foot Locker zusammengekratzt. Heute nehme ich dann eben mal noch zwei Paar in dieser Farbe und zwei in jener. Das macht schon Spaß und ist auch eine Genug­tuung für die ganze Zeit, in der ich darauf gewartet habe. Wobei es mich schon nicht mehr so glücklich macht wie zu Anfang.

 
Verachtest du das Kleinbürgerliche eigentlich?
Nein. Ich war auch nie arm, wir gehörten ganz normal zum Mittelstand. Meine Eltern haben sich aber schon immer gefragt, wo sie mich herhaben. Meine Cousins sind alle sehr bodenständig. Meine Ziele waren schon immer sehr hochgesteckt. Ich meinte schon mit 13: »Ey Mama, alles cool, ich werde Rapstar.« Die dachten, ich wäre verloren und würde nur an unrealistische Dinge glauben. Aber den ­größten Quatsch von allem habe ich ja ­verwirklicht. Ich verachte normale Arbeit­nehmer aber nicht. Das ist ja etwas Ehrenwertes. Bloß erwarte ich von meinem Leben etwas anderes, dafür tue ich aber eben auch etwas.

Auf »Steve Urkel« rappst du, du hättest einen »Senkrechtstart wie aus dem Bilderbuch« gehabt. Das stimmt natürlich. Wenn man aber berücksichtigt, dass du fast dein halbes Leben lang daran arbeitest, setzt es die Behauptung in Relation.
Sicher, du darfst jedoch nicht vergessen, dass ich zwar nicht auf Sparflamme gearbeitet, aber auf Sparflamme releast habe. Ich habe vor »NWA« kein einziges Album gemacht, auch keine EP oder sowas. Es waren immer nur Featureparts oder Onlinetracks. Ich habe nie genug veröffentlicht, um wirklich auf mich aufmerksam zu machen. Ich wollte das aber so, wie es im Endeffekt gekommen ist. Ich wollte schon immer bei Bushido releasen, schon­ ­immer ein Feature von ihm auf meiner Single haben, geile Videos haben und schon immer mit einem riesigen Knall kommen. Dafür musste ich mich zehn Jahre gedulden. Das erforderte natürlich einen festen Glauben daran, dass man das Zeug dazu hat und es ­irgendwann klappen wird. Ich habe auch ­letztens zu Bushido gesagt: »Mein erstes Album ist genau so passiert, wie ich mir das immer vorgestellt hatte.« Das waren mir die zehn Jahre schon wert, in denen ich in meinem Kinderzimmer umsonst Beats produziert habe.

Fotos: Sascha »HEKS« Haubold

Dieses Interview erschien in JUICE #163 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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