Battle Of The Ear: Shindy – Dreams // Review

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(Bushido / Sony Music)

»Wie sieht eigentlich ‚Die Realität des Michael Schindler‘ aus?« Eine Frage, deren Antwort so ernüchternd ist, wie vieles rund um dieses Album, was nichts mit der Musik zu tun hat. Die Antwort geht aber ungefähr so: Shindy ist ein US-Rap-Nerd und Fashion-Fetischist, der viel Zeit bei Papa Ari und im 29. Stock des Waldorf Astoria verbringt. Meistens macht er dort Musik, gelegentlich wird »Zimmernummer Beverly Hills« wohl auch zum privaten Harem des EGJ-Rappers – viel mehr gibt es nicht zu wissen. Und das ist auch gar kein Problem, schließlich tauscht Shindy auf »Dreams« Märchenstorys gegen Vogelperspektive und erreicht auch mit wenigen Inhalten seinen künst­lerischen Zenit. Dabei haben ihn der Erfolg vorheriger Releases und der neue Lebensstil entschleunigt. Shindy geht deutlich seltener in die Offensive, lässt dafür die R’n’B-Hooks aus den Wolken regnen. Das funktioniert dank Coverheld Rin auf »Hallelujah« hervorragend, aber auch die Schlafzimmerhymnen »Heartbreak Hotel« und »Monogram« vergreifen sich nicht in der Tonart. Das Produzententeam um OZ, Djorkaeff und Shindy macht auf »Dreams« sowie­so wenig falsch: Die Dekadenz aus Shindys Texten überträgt sich druckgleich auf ein imposantes und exklusives Klangbild. Amerikanische Vorbilder hin oder her, an der musikalischen Umsetzung gibt es so gut wie nichts auszusetzen. In der Summe entsteht dadurch ein sehr sauberes Album, das mit wenigen ­Kanten, aber zwingenden Highlights aufwartet. Besonders der Titeltrack, der mit »Du Missgeburt, das ist kein Eis, das ist ein Sorbet« das Highlife auf ungeahnte komödiantische Ebenen hebt, ist Anwärter für die Deutschrap-Single des Jahres. Shindys Flow, Delivery und Punchlines sind in der Regel über jede Kritik erhaben, funktionieren aber am besten auf introspektiven Tracks wie den Closern »31.Dezember« und »Eggs Benedict«. »Der Traum hält lebenslang, Finger auf die Schlummertaste« heißt es am Ende, aber man drückt irgendwie doch lieber auf Replay.

Text: Max Hensch

 
Was soll man noch schreiben? Das Urteil ist längst gefällt: Box scheiße, Herr Schindler! 612 Kunden haben dieses Produkt mit einem Stern bewertet. Ignoriert man ­allerdings das Gewäsch der Merch­artikel-Jünger, gibt es natürlich auch ein paar lohnenswerte Sätze über »Dreams« zu verlieren. Zunächst einmal: Es ist gut. Viele halten »Dreams« sogar für Shin­dys beste Platte, obwohl sie es einem nicht leicht macht, denn sie ist (erwartungsgemäß) alter Wein in neuen Schläuchen. Shindy bleibt Shindy bleibt Shindy, ein materialis­tisches Faultier, das am Ku’damm lebt und aus dem 29. Stock der Berliner Waldorf-Astoria-Dependance hinabblickt auf die sinnlose Geschäftigkeit der Anderen. Das Einzige, was den Radikal-Materia­listen zu Gefühlsregungen bewegt, sind überteuerte Waren. Und Models. Würde man nicht ahnen, dass Michael Schindler elf Monate im Jahr brav und gut betucht in der schwäbischen Provinz lebt, um dann einen Monat lang Ku’damm Ecke Knesebeck zu hängen, damit er von Sprache und Flow her möglichst luxuriös die Wunschträume unzähliger Männer auszugestalten vermag, man könnte ihn für ein oberfläch­liches Arschloch halten. Das Projekt Shindy und Zeilen wie »Halt dich gefangen wie Rapunzel im Turm« gehen nur auf­grund der gefühlten Distanz zwischen Privatperson und Künstlerpersona klar. Vor allem, weil Shindy seinen Film auf »Dreams« nochmal eine Spur konzentrierter fährt als bis dato. Besonders auf den Stücken, deren Instrumentale nicht auf aktuellen – aber langsam ausgelutschten – US-Trends fußen, sondern eher an frühe Kanye-­Produktionen angelehnt einen elegant-überzuckerten Edel-Boombap zelebrieren. Gut dazu passen auch die zahlreichen R’n’B-Hooks (mal mit Auto-Tune, mal ohne), von denen Rin die beste singt, und von denen trotzdem nicht jede zündet. Daneben hat »Dreams« vor allem ein Problem: Nach sieben, acht Songs werden die Augen ganz schön schwer. Man möchte in einem Kingsize-Bett versinken und wirklich träumen.

Text: Sascha Ehlert