Serdar Somuncu vs. The Beats: »Ich scheiß euch zu mit meiner ­Musikkenntnis!« // Feature

»Das repräsentiert nicht eine Sekunde lang das, was ich machen will!« Tja, lieber Serdar, wer austeilt, muss auch einstecken können. Oder besser gesagt, wer sich überzeichneter Rap-Klischees bedient, im Video mit Shutter-Shades, Faux-Nerz und Fake-Bling in die Kamera grinst, wer Rap als Grundlage seiner musikalischen Parodien verwendet (so geschehen auf dem Album »Wir beide«), der hat sich ein JUICE-Vorspiel redlich verdient. Wobei, eigentlich ist es ja alles andere als unsere Absicht, Künstler im Rahmen von »vs. The Beats« in die Pfanne zu hauen. Wer das bei ­Somuncu versucht, ist ob dessen Schlagfertigkeit ohnehin zum Scheitern verurteilt. Aber wie gesagt: Der Hassprediger und seine musikalische rechte Hand André Fuchs haben es provoziert. Vor allem, weil Fuchs als Onkel Zwieback einen Diss-Track gegen die JUICE im Katalog hat. Mal sehen, wie lange es dauert, bis einem der beiden die Hutschnur platzt.

Ice-T
I’m Your Pusher (1988)
Ah, das ist Ice-T. Ice-T ist Hammer. Er bumst diese Mega-Frau. Du triffst da bei mir einen Nerv. Ich bin Old School. Ich mag Rap, wenn er nicht einfach nur Attitüde ist, sondern auch noch ’nen Sack hat. Ice-T hat, glaube ich, den dicksten und vollsten Sack der Musikgeschichte.

War das denn ausschlaggebend dafür, dass du dich Scheiß-T nennst?
Nein. Wir wollten damals lediglich Charaktere, deren Namen eine Anlehnung zu bestehenden Rappern sind. Da fiel mir Scheiß-T ein. Scheiß Cube hätte auch ­funktioniert. Oder Mushido. Wer singt eigentlich den Refrain?

Der basiert auf »Pusherman« von Curtis Mayfield.
Weißt du, wie Curtis Mayfield ­gestorben ist? Dem ist ein Bühnen­element auf den Kopf gefallen. Dann war er ganz lange krank und gelähmt und ist auf ganz tragische Weise gestorben. Ja, ich weiß auch ein bisschen etwas. Soll ich hier eigentlich vorgeführt werden als ­ahnungsloser Kretin? Ich scheiß euch zu mit meiner ­Musikkenntnis, ihr ­Schwuchteln.

Das wäre uns so was von fremd, zu versuchen, dich in ein schlechtes Licht zu rücken.
Wage es, ich jage meine Anwälte auf dich.

Shindy Feat. Bushido
Stress ohne Grund (2013)
Boah, fett. Der Beat is geil. (zu André) 808, ne? (rappt bei Shindy mit) ­Biiiiiiiiiitch. Schlimm ist, wenn du es hörst und gleichzeitig weißt, wie bürgerlich er ist. Ich wage es kaum zu sagen: Der Typ ist mit der Lagerblom verheiratet, der Schwester von Sarah Connor. Und dann sitzt er im Anzug neben dem Innenminister und schleimt sich als Kanake bei einem Typen ein, der Kanaken eigentlich nicht abkann. Dann zeig doch da mal die Eier, wenn du mit dem Innenminister am Tisch sitzt, dem das in die Fresse zu sagen. Das wäre cool. (hört zu) Ja ja, deine Jungs verticken Elektronik. Deine Jungs sind Schawarma-Schneider aus dem Libanon. Der müsste sagen: »Meine Jungs sind adipös, Schawarma-Schneider in der Hös’.« Wenn ich jemanden nicht kenne, dann beurteile ich eben sein Image. Wenn ich ihn kennen würde, würde ich wahrscheinlich sagen: »Der ist super nett, und die Lagerblom ist eine ganz tolle Frau, die kann super kochen.« So antworte ich dir eben, was ich von seinem Image halte. André sagt gar nichts. Was hältst du davon?
André: Es geht nicht um mich.
Serdar: Du hast Angst, ne? Du hast so die Hosen voll. Das ist mir auch mal aufgefallen: Rapper haben super viel Mut, wenn sie in ihrer Gesangskabine stehen oder zu Hause ihre Texte schreiben: »Ich hau dich mit der Pumpgun in dein Arschloch rein!« Aber wenn du sie in einem Interview fragst: »Sag doch mal was zu Kollegah«, dann heißt es: »Nö, hmm, boah.« Dann haben sie Schiss. Schau dir ihn an, er sagt nichts, weil er genau weiß, da kommt das Taxi mit den zehn Killern bei ihm vor die Tür und schießt ihm in die Rübe.

Eko Fresh
Quotentürke (2013)
Mag ich. Hab ich auf meiner Facebook-Seite gepostet und mich darüber aufgeregt, dass Eko mich mit ’nem dicken Bauch parodiert. Ich habe geschrieben: »Der Bauch ist eine freche Kanakenlüge. Anzeige folgt.« Die Ironie dahinter haben leider viele Leute nicht verstanden.
André: Eko ist einfach ein geiler ­Songwriter. Ich würde das als »Entertainment-Rap« einstufen.

Casper
Im Ascheregen (2013)
André: Von der Produktion her ganz vorne mit dabei. »Wilson Gonzales« fand ich aber geiler. Aber das hier ist ein ganzer Song, das hat nichts mit einem Loop zu tun. Ich habe früher viel für F.R. produziert, u.a. das erste Album. Da wurden die beiden eine Zeit lang gleichgestellt. Damals wurden beide sehr hoch gehandelt, gerade auch, weil Fabian damals noch sehr jung war. Ich bin zwar kein riesiger Casper-Fan, aber das kann man sich gut anhören.

Haftbefehl
Generation Azzlack (2013)
Das ist so: Wenn du das erste Mal Kotze frisst, schmeckt die bitter. Aber wenn du dich daran gewöhnst, wie Kotze ­schmeckt, dann kann das durchaus auch positive Seiten haben. Eigentlich ist das Kotze. Der kotzt ja nur. Aber das ist echt gute Kotze. Mit Stückchen drin, umgerührt, mit ein bisschen Zucker veredelt. Ich habe gelernt, Haftbefehl zu mögen. Das war zwar schwer, aber mittlerweile halte ich das für große Kunst. Allein dieses »haram«. Ich habe mich letztens im Urlaub darüber lustig gemacht, dass es Mullahs gibt, die immer sagen: »Das ist haram, das ist helal.« Allein, diese Begriffe einzubauen, ist genial. Großes Lob. Aber es bleibt am Ende Kotze.

Alligatoah
Willst du? (2013)
André:
Oh, schön. Klingt ein bisschen wie »Save Tonight« von Eagle-Eye ­Cherry. ­Alligatoah habe ich erst vor kurzem ­entdeckt. Er klingt hier ein bisschen wie ein Barde. Ich glaube auch nicht, dass das bei den Trailerpark-Jungs gespielt ist mit den ganzen Drogenexzessen. Die sind wirklich so drauf.

Huss & Hodn
Die Frage bleibt offen (2009)
André:
Ich kenne Kurt schon, seit ich neun bin, er kommt auch aus Bad Honnef und war früher mein Nachbar. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich ihn zum ersten Mal getroffen habe. Wir waren im Freibad und schon damals wusste ich: Der Typ ist ’ne coole Sau. Kurt ist jemand, der komplett gegen Images ist und sich darüber lustig macht. Das ist geil.

Taktloss
Zukunft (2001)
Serdar: Wer ist das? Eko?
André: Er hat’s gerade gesagt.
Serdar: Ich bin Kaktus. Heißt der Kaktus? Wenn ich das höre, habe ich zwei Bilder im Kopf. Ich weiß, woher der kommt. Seine Eltern wohnen wahrscheinlich in einer schäbigen Wohnung in Kreuzberg, da sind Türkenteppiche, die kochen Tee. Wenn er zu Hause ist, reden sie mit ihm Türkisch. Er kann aber selber … Ist der Türke, Taktloss? Irgendeine ausländische Sprache halt, Tunesier, egal. Die Eltern wissen nicht, was er draußen macht, die sagen (spricht mit verstellter Stimme auf Türkisch). Die denken, er ist Musiker. Dann überlege ich mir, was passieren würde, wenn man diese beiden Welten verbinden würde. Du gehst also zu denen und sagst: »Frau Taktloss, kann man ihnen mal übersetzen, was ihr Sohn da draußen so sagt?« Die würden dem die Vorhaut wieder annähen. Da wäre Schluss mit lustig. Ich sehe eben immer diese zwei Welten. Das ist eine Fake-Welt, die er für Deutsche spielt, die Ausländer nicht integriert sehen wollen. Er bestätigt das damit, weil es natürlich auch eine Widerstandskultur ist. Das hat etwas mit Underdog-Bewusstsein zu tun. Ich gehe über eine Grenze. Ich sage euch die Meinung, ich bin wehrhaft, ich kann mit meinen Worten killen. Aber in Wirklichkeit ist das ein Doppelleben, das dadurch auch höchst unehrlich ist.

Taktloss hat allerdings eine ­absolute Ausnahmestellung in der Szene.
Serdar: Immer haben alle eine Ausnahmestellung. Du sagst was über MoTrip, dann alle: »MoTrip hat Ausnahmestellung!« Haftbefehl – »Kennst du Haftbefehl?«; ­Kollegah – »Kollegah hat studiert!«. Das ist mein erster Eindruck. Du verlangst doch von mir, dass ich dir meinen ersten Eindruck sage. Und dann rechtfertigst du dich dafür, dass mein Eindruck oberflächlich ist. Dann frag mich nicht!
André: Die Westberlin-Maskulin-Sachen hab ich früher totgehört. Anders als Serdar bin ich auch großer Taktloss-Fan. Der gibt einfach einen Scheiß auf Reime. »Die Asiaten-Nutte hat drei Schlitze und ich spritze in jeden/Mein Puller kann reden, bevor ich komme sagt er ‘Yooo!‘.« Das ist einfach geil. Serdar war jetzt gerade auch ein bisschen in seinem Hass-Film. Und Taktloss hätte wahrscheinlich auch kein Problem, seinen Eltern seine Musik vorzuspielen.

SSIO
Nuttööö (2013)
André: Ah, kenn ich! Das ist dieser Bonner. Der Beat und sein Flow sind super. Er rappt einfach geil. Klar, da wird zwar auch ein Gangster-Image bedient, aber diese Brüser-Berg-Jungs sind auch hart drauf. Kennst du das Video zu »Kanaken«? Da hatten die eine scharfe Bazooka im Video.


Eins, Zwo
Ich so, er so (1998)
Serdar: Dendemann habe ich kennen gelernt, netter Typ. Gefällt mir, was aber klar war, weil André es mir immer wärmstens ans Herz gelegt hat. Aber der Song hat eine coole Metaebene: Durch das »Ich so« wird die Sprache von Leuten kolportiert, die mit Sprache nicht umgehen können. In einem Medium, das Sprache eigentlich braucht, um sich zu transportieren. Das ist geil. Auch bei Haftbefehl zählt das für mich. Es geht nicht nur um das Ziel und um die Grundlage, es geht auch um die Art der Verarbeitung und ob diese angemessen ist. Und in diesem Fall ist es angemessen. Das ist keine Weltpolitik, aber ein gut erzählter Witz. Und es dauert lange, bis der Witz zu Ende ist.

K.I.Z.
Ich bin Adolf Hitler (2013)
Serdar: Ich liebe diese Jungs. Die sind keine Ausländer. Also, die sind entnegert. Einer ist Chino-Neger, beim anderen weiß man’s nicht mehr. Die gehen als Deutsche durch. Und Adolf Hitler ist das Geilste, was es gibt. Adolf Hitler muss eigentlich in jedes Lied rein. Das hat er sich redlich verdient, dass er in jedem Lied die Hook ist. Und ich kenne das Video mit meinem schwulen Judenfreund und Kollegen Oliver Polak. Das ganze Album ist der Hammer. Aber wenn’s um mutige Albumcover geht, könnten die »K.(I.)Z.« hinschreiben und einen Davidstern drunter machen. Dann hätten sie sofort super viele Anzeigen.

Bei dem Track haben ja nicht alle Beifall geklatscht.
Serdar: Ach, leck mich doch am Arsch. Wer klatscht denn Beifall? Ich habe den Track gemacht, damit Beifall geklatscht wird. Die können mit ihren Arschbacken Beifall klatschen. JUICE/JEWS hat meinem Album Beifall zugeklatscht. Wenn eine Zeitung schon »Juden« heißt, das geht ja gar nicht.

Onkel Zwieback
Ich bleibe nicht stehen (JUICE Diss) (2008)
André: Oh, super Song! (lacht) Das hat mich so geärgert. Anderthalb Kronen waren nicht gerechtfertigt. Ich wurde damals von meinem Label zwar auch ein bisschen in ein Korsett gezwängt. Ich konnte das Schlimmste damals noch abwenden, z.B. wollten die von mir, dass ich mit einer Pistole auf dem Cover posiere. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt gar nicht mehr hinter dieser Musik stehen würde. Im Endeffekt sind anderthalb Kronen besser als drei.

Fler
Deutscha Bad Boy (2008)
Serdar: Da muss ich kurz ausholen, warte. In der Entwicklung der Musikgeschichte gab es gerade in Amerika eine Tendenz, die etwas damit zu tun hatte, dass sich die Schwarzen gegen die Weißen auflehnen wollten. Das hat mit Malcolm X zu tun, mit Martin Luther King, mit Blues, mit Jazz, mit der Geschichte der Sklaverei. Und diese Leute, die sich von ihrem Schicksal befreien wollten, indem sie angefangen haben, mit den billigen Instrumenten, die sie auf dem Markt kaufen konnten, schräge Töne zu spielen, die hatten ganz hehre Ideale. Das waren nicht irgendwelche Stümper, die spätpubertäres Zeug gelabert haben oder die trotz keinerlei Lebenserfahrung die Attitüde des Besserwissenden hatten. Das waren Leute, die für ihre Ideale in den Knast gegangen sind. Und als einzige Möglichkeit, sich zu artikulieren, hatten sie die Musik. Wenn du das hörst, dann siehst du eine ganz andere Glaubwürdigkeit und eine ganz andere Geschichte als dieses stümperhafte Rumgedisse und die Texte, die sie sich zusammengeflickschustert haben, weil sie meinen, gut reimen zu können. Das ist nur ein Witz, über den kann ich einmal lachen. Aber hast du schon mal über einen Witz gelacht, wenn du ihn zum zweiten Mal gehört hast, zum dritten, zum vierten, zum fünften? Ich habe jetzt einige Tracks gehört. Und der Witz ist durch. Ich kenne es, ich hab’s gehört. Du hast ’nen dicken Schwanz, du hast ’ne Knarre, du kommst aus Berlin. Fick dich, hau ab, leck mich. Ich lache nicht mehr drüber. Mach etwas, das ich nicht erwarte. Außerdem lebst du gar nicht im Ghetto. Du hast noch nie das Ghetto gesehen. Du bist ein Schnösel, du bist aufs Gymnasium gegangen, du hast Taschengeld von deiner Mutter bekommen, du hast den Führerschein mit 18 gemacht. Du bist nicht kriminell. Wieso soll ich das glauben? Weißt du, warum ich Kunst mache? Weil ich lange eins auf die Fresse bekommen und Sachen erlebt habe, die etwas erzeugen, das sich wie Wut oder Hass anfühlt. Und es ist keine Attitüde, bei der ich so tue, als ob, damit ich etwas bekomme, was auch eine Attitüde ist. Es ist etwas, das mich bewegt. Ich kann manchmal weinen vor Wut. Haben die jemals in ihrem Leben geweint? Wissen die, was eine Träne, was Liebe ist, was eine Seele ist? Das sind Pisser. Und dass du mich damit überhaupt konfrontierst, ist eine Respektlosigkeit. Spiel mir richtige Kunst vor. Spiel mir eine Komposition vor, die sich jemand überlegt hat, ohne dass ein Verlag, ein Produzent oder eine Industrie dahintersteckt. Warum sitze ich überhaupt hier und beantworte das hier? Ich bin das Arschloch. Ich bin doof, dass ich das überhaupt mit mir machen lasse. Wahrscheinlich, weil ich genauso mediengeil bin. Ich bin selbst ein Opfer dessen, was ich kritisiere. Eigentlich müsste ich sagen: »JUICE, was?« Meine Platte verkauft sich oder verkauft sich nicht. Leck mich am Arsch, hör die doch. Ich setze mich mit dir hier hin und höre HipHop-Musik. Das repräsentiert nicht eine Sekunde lang das, was ich machen will. Das ist alles fake – und das ist meine ehrliche Meinung, falls du sie wissen willst. Alles andere, spiel es mir vor, dann sage ich dir innerhalb von fünf Sekunden, ob ich das kaufe oder nicht. Und dann können sich die Leute noch so sehr darüber aufregen, das ist mir egal. (kurze Denkpause) War die Erklärung zu lang?

Wird schwer, das in Textform zu bringen.
Serdar: Schreib das in deinem Magazin, da kriegst du einen Nobelpreis dafür. Aber die Leute in deinem Magazin haben die Eier nicht, die wollen ein Klischee bestätigt sehen: Der böse Serdar hasst HipHopper. Dann schreiben fünfzig Millionen Leute auf Facebook wieder einen Scheißkommentar dazu und nichts bewegt sich. Und das ist das Wichtigste in allem, was ich höre: dass sich zwischendurch etwas bewegt und du siehst, dass es ein Ziel oder eine Motivation gibt.

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #155 (hier versandkostenfrei nachbestellen).