Schoolboy Q Interview

Schoolboy-Q

Schoolboy Q ist 25 Jahre alt und trägt ein Tränen-Tattoo. Auf seinem zweiten semi-offiziellen und insgesamt vierten Mixtape »Habits & Contradictions« schlägt er gekonnt die Brücke zwischen dem guten alten Straßenrap in 50 Cent-Tradition und dem hippen neuen Drogenrap, wie er von ­Kollegen wie A$AP Rocky propagiert wird. Spätestens mit diesem Release hat das ehemalige Mitglied der Hoover Crips aus South Central L.A. gleich zu Beginn des Jahres so stark vorgelegt, dass ­Backpacker-Traditionalisten und Gangstarap-Fans ihre Loblieder neuerdings unisono singen.

Dass dieser Schuljunge rappen kann, hat er längst zur Genüge bewiesen. Auch seine Glaubwürdigkeit in Straßendingen ist kaum ­anzuzweifeln, hatte er sich doch kurz nach ­seinen ersten Gehversuchen direkt in einen Beef mit 40 Glocc verzettelt, mit dem bekanntlich nicht so gut Kirschen essen ist. Grund für die Streiterei: Q stand loyal zu seinem ­damaligen Rap-Partner Tyga, den 40 Glocc aufgrund von dessen Verbindung zu den »Fake Bloods« bei Young Money gedisst hatte. Dieser Beef ist heute kein Thema mehr, vielleicht auch, weil 40 Glocc eigentlich allgemein kein Thema mehr ist. Schoolboy Q hingegen wird blogübergreifend als einer der neuen Heilande gefeiert. Schließlich ist er Teil einer Crew, die sich derzeit ganz klar als das spannendste Camp des aktuellen kalifornischen Untergrunds herauskristallisiert: Black Hippy.

Immer deutlicher schälen sich in diesem Zuge auch die unterscheidbaren Charaktere des Rap-Quartetts heraus: Kendrick Lamar, der technisch brillante Über-Rapper und Straßenpoet. Jay Rock, der authentische Hood-Reporter mit der wuchtigen Stimme und dem Faible für klassischen Westcoast-Funk. Ab-Soul, der durchgeknallte Kiffer-Freigeist, der jedes Mädel um den Finger wickelt und jeden Gegner mit links an die Wand rappt. Und nicht zuletzt Schoolboy Q, der harte Bursche mit dem weichen Kern, das Schaf im Wolfspelz, der nicht ganz geläuterte Gangbanger mit der Dealer-Vergangenheit und dem Tupac-Gen. Schon sein zweites Mixtape nannte er »Gangster & Soul«, nach den beiden Persönlichkeitssträngen, die sich in seinem Charakter vereinen. Spätestens seit seinem »Setbacks«-Mixtape, das Anfang 2011 erschienen war, haben ihn die 2dopeboyz-Abonnenten dauerhaft auf dem Schirm.

Im September kündigte Schoolboy Q via Twitter den Nachfolger »Habits & Contradictions« an und leakte seitdem alle paar Wochen einen neuen Tune aus dem mehr und mehr heiß erwarteten Mixtape. Nicht nur, dass er mit A$AP Rocky, Curren$y, Dom Kennedy und dem Rest der Black Hippy-Posse fast alle Blograp-Helden des vergangenen Jahres auf seinem Projekt vereint. Er hat es auch dank der progressiven Produktion geschafft, eine musikalische Spur einzuschlagen, die ihn nicht vorschnell auf eine ganz bestimmte Hörerschaft limitiert und dennoch in keiner Weise beliebig klingt. Auf »Habits & Contradictions« findet man zuckersüße Sample-Hymnen von Lex Luger, aber auch härteste Trap-Banger der Atlanta-Schule, als wäre das Jahr 2006 nie vorübergegangen. Schoolboy Q berichtet darauf in seinem charakteristischen Tonfall von einem Leben zwischen Narkotika, Partys, Gang-Streitereien, chronischem Geldmangel und allem dazwischen. JUICE-Korrespondent Jorge Peniche traf den Rapper in seinen heimatlichen Blocks in der Hoover Street in South Central Los Angeles.

Kannst du dich unseren Lesern ­zunächst vorstellen?
Ich bin Schoolboy Q, der intelligente Gangbanger. Ich habe eine gute und eine böse Seite. Ich will irgendwann als der am besten rappende Gangbanger aller Zeiten anerkannt werden. Ich glaube, auf diesem Gebiet kann sich keiner mit mir anlegen.

Wie hast du deinen Rap-Namen ­bekommen?
Ich hatte in der High School anfangs sehr gute Noten. Später wurden sie immer schlechter, beinahe hätte ich nicht mal den Abschluss geschafft. Aber weil ich vorher sehr gut war, nannten sie mich auf der Straße immer »Schoolboy«. Als Rapper hingegen nannte ich mich einfach nur »Q« [sein bürgerlicher Name lautet Quincy Matthew Hanley, Anm. d. Verf.]. Irgendwann packte ich beide Spitznamen zusammen.

Du hast an der Crenshaw High School und später am West Los Angeles ­College Football gespielt. Was hat dich vom Sport zur Musik gebracht?
Keine Ahnung, ich bin aus dem Sport einfach rausgewachsen. Ich spiele Football, seit ich sechs Jahre alt bin. Aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr, ich wollte ohnehin nie Ligaprofi werden. Also dachte ich mir, ich verschwende meine Zeit. Meine größere ­Leidenschaft galt nämlich der Musik. Ich hatte schon genauso lange Rap gehört, wie ich Sport getrieben hatte. Zu einem bestimmten Zeitpunkt übernahm Rap einfach alles, außerdem hatte ich keinen Bock mehr auf die Schule.

Zu Beginn hast du eng mit Tyga ­zusammengearbeitet, inzwischen haben sich eure Karrieren in sehr ­verschiedene Richtungen entwickelt.
Tyga und ich waren die besten Freunde. Wir waren junge N*ggas mit demselben Ziel: Wir wollten es in der Musikwelt zu etwas bringen. Es waren aber von Anfang an zwei verschiedene musikalische Visionen. Deswegen hat es sich auseinanderentwickelt. Wir haben keinen Beef, aber wir haben uns voneinander entfernt. Dennoch wünsche ich ihm nur das Beste. Ich musste mich von ihm wegbewegen, um meine eigene Richtung noch konsequenter verfolgen zu können. Ich denke, ihm ging es genauso.

Welche Rapper haben dich zu Beginn deiner Karriere beeinflusst?
Vor allem 50 Cent. Für mich ist er der König des Gangsta-Rap. Er kam in die Industrie und zerstörte alles. Zu ihm schaue ich auf. Was unsere eigene Marke angeht, orientiere ich mich an den großen Cliquen der Rap-Geschichte: G Unit, Roc-A-Fella… Ich bin kein Fan von erzwungenen Kollaborationen mit großen Namen. Lieber bringe ich meine eigenen Jungs an den Start. Mich interessiert es mehr, ein Feature mit Ab-Soul für sein Album zu machen, als mit irgendeinem der gerade erfolgreichen Rapper ins Studio zu gehen.

Du hast bislang vier Mixtapes ­veröffentlicht. Vielleicht kannst du mal die Entwicklung nachzeichnen, die du durchgemacht hast.
»Schoolboy Turned Hustla« war mein erstes Projekt. Meine allerersten Verses, die ich überhaupt aufgenommen hatte. Es war nicht besonders gut. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, aber es hat immerhin dazu geführt, dass ich »Gangsta & Soul« machen konnte. Da wurde ich langsam besser. Ich war noch nicht am Ziel, aber es steckte Potenzial in der Musik. Einen Song wie »Take The Pain Away« kann ich mir heute noch gut anhören – ein sehr starker Song für einen Nigga, der gerade mal zwei Jahre rappte. Dann arbeitete ich ein ganzes Jahr an »Setbacks«. Ich hatte Geldprobleme und musste wieder Drogen verkaufen. Mein Leben wurde sehr hektisch, aber ich konnte nicht in der Musik darüber reden, das wäre zu gefährlich geworden. Also verbrachte ich Monate damit, nur im Studio herumzusitzen, ohne etwas aufzunehmen. Man muss verstehen, bis 2009/2010 war ich immer noch ein Gangbanger. Ich hatte Beef auf der Straße, ich steckte richtig tief drin. Als ich »Setbacks« schließlich fertig machte, beschloss ich, mich völlig auf die Musik zu konzentrieren. »Setbacks« drehte sich um all die Dinge, die mich vom Musikmachen abhielten. Das Mixtape ging nicht durch die Decke, aber es lief schon ganz gut. Ich bekam ein paar Shows, verkaufte einige Einheiten. Und jetzt, bei »Habits & Contradictions«, kann sich keiner mehr mit mir anlegen.

Auf dem Tape gibt es den Song »Oxy Music«. Wofür steht das?
Wie gesagt: Bevor ich ins Rap-Game kam, verkaufte ich Drogen. Ich hatte mich auf ­Oxycodon spezialisiert [ein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel, Anm. d. Verf.].

Worum geht es in dem Song »Blessed« mit Kendrick Lamar?
Die Grundaussage ist: Egal, wie hart dir das Leben gerade erscheint, du bist trotzdem »blessed« [gesegnet, Anm. d. Red.]. Weißt du, manchmal erzählen dir irgendwelche Typen, dass sie total pleite sind, dabei tragen sie eine Gucci-Lederjacke, kaufen sich gerade neue Jordans und haben Kabelfernsehen zu Hause. Ich denke, diese Typen treffen in ers­ter Linie falsche Entscheidungen und setzen falsche Prioritäten. Am Ende des Tages haben wir es alle im Vergleich sehr gut. Es gibt immer jemanden, dem es deutlich schlechter geht. Also beschwert euch nicht so viel, sondern macht euch lieber daran, eure Lage zu verbessern. Vielleicht geht es dir diese Woche scheiße, aber nächste Woche hast du schon mehr Glück.

Du hast ein Feature mit A$AP Rocky gemacht. Wie kam das zustande?
Über meinen Manager Dave. Wir trafen uns in New York, auf der Release-Party zu Jay Rocks Album. Wir nahmen noch in derselben Nacht den Song auf, der dann auf seinem Mixtape »Live.Love.A$AP« erschien. Wir werden uns gegenseitig auf unseren Projekten unterstützen. Rocky ist mein Dude, er ist eine Ostküs­tenversion von mir. Alles, was wir machen, ist Weed rauchen, Bier trinken und Bitches ficken. (lacht) Sein Camp ist unserem Camp sehr ähnlich. Wir drehen alle gerne durch.

Ein Song heißt »Nightmare On Figg Street«. Was bedeutet diese Straße für dich?
Das ist mein Block, da komme ich her. Ein Schnapsladen neben dem anderen. Auf meinem letzten Tape hatte ich den Song »Figg Get The Money«, da ging es darum, wie wir in dieser Gegend unsere Kohle machen. Diesmal geht es um die harte, unangenehme Seite meiner Gegend. Um das Rumhängen, das Gangbangin’, die Schlägereien und die Überfälle. Es ist die gleiche Hood, aber sie hat nun mal beide Seiten.

Du bist Teil von Black Hippy und veröffentlichst wie die anderen drei Mitglieder über das Label Top Dawg Entertainment. Wie sieht eure persönliche Verbindung zueinander aus?
Die Verbindung zu Punch von TDE kam über meinen Engineer Ali. In erster Linie wollte ich nur ihr Studio umsonst nutzen, weil ich bis dahin immer viel Geld für Studiozeit ausgegeben hatte. Dann musste ich eine Zeit ins Gefängnis, aber als ich wieder rauskam, lernte ich die anderen kennen. Zu Jay Rock hatte ich schon über das Gang-Ding eine Verbindung, mit Kendrick bin ich eher über die Liebe zur Musik verbunden. Mit Ab-Soul rauchen ich Weed und trinke Lean, wir machen Party und jagen Frauen hinterher. Mit jedem von ihnen habe ich eine andere Ebene, aber ich mag sie alle gerne. Jay und ich kümmern uns darum, dass das Camp Schutz genießt. Wir sind der Muskel, die großen Brüder.

Aus deiner Verbindung zu den Hoover Crips machst du keinen Hehl.
Das sind meine Homies seit Tag eins. Ich bin mit ihnen aufgewachsen, kenne viele von ihnen seit der ersten Klasse. Ich bin einer von ihnen. Ich könnte nie sagen, ich wäre kein Hoover mehr. Selbst wenn ich heute kein aktives Gang-Mitglied mehr bin, gehöre ich trotzdem noch zu den Hoovers, mein ganzes Leben lang.

Du hast eben auch Lean, den ­verschreibungspflichtigen Hustensaft aus Codein und Promethazin, ­angesprochen. Nimmst du viele ­Drogen?
Mein Körper ist von den Drogen gezeichnet, Bruder. Aber nur Lean, Weed, manchmal Pilze oder Ecstasy. Keine harten Drogen. Ich habe nie Kokain oder Crack genommen. Ehrlich gesagt, fand ich Ecstasy auch nie so toll. Aber Weed und Lean, dafür bin ich schon zu haben.

Was ist dein Plan, jetzt wo »Habits & Contradictions« draußen ist?
Die Industrie zu übernehmen, zusammen mit meinen Homies. Ab-Soul wird alle killen, wenn sein Album kommt. Jay Rock arbeitet schon am zweiten Album, Kendrick ist auch gerade dabei, sein erstes richtiges Album fertig zu machen. Ich weiß, was wir alle können. Uns kann keiner irgendwas anhaben. Ich mache mir mehr Sorgen um meine Homies als um mich selbst. Ich bin ein selbstbewusster Typ. Ich weiß, was ich kann, und ich weiß, was die anderen können. Ich hoffe nur, dass sie wirklich an den Start kommen und ihre Prioritäten richtig setzen. Dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Text & Fotos: Jorge Peniche