Sampha: »Verdammt, bin ich wirklich so depressiv?« // Interview

839

 
Drake ließ ihn gleich mehrfach himmlische Hooks einsingen, Kanye packte ihn ­immerhin nachträglich auf »The Life Of Pablo« und die britische Pop-Intelligenzia weiß sowieso längst Bescheid: Sampha hat eine Jahrhundertstimme. Die Geschmacks­institution Young Turks, die mit den Proto-Hipstern Jamie xx, FKA Twigs und SBTRKT die elektronische Poplandschaft in den letzten Jahren entscheidend mitdefinierte, hat mit dem sentimentalen Londoner den nächsten Superstar im Roster. Nach zwei ­großartigen EPs erscheint im September Samphas erster Langspieler. Gerade ziert er das Fader-Cover. Die Hypemaschine läuft auf Hochtouren.

Dein Gesang strahlt eine fast bedrückende ­Melancholie aus. Woher kommt diese Seite?
Ich kann das in der Musik einfach besser zum Ausdruck bringen als in meinem Privatleben. Mit meiner Freundin rede ich schon über andere Dinge und bin weniger weinerlich. (lacht) Doch auf meinem Album spiegelt sich ­diese Sentimentalität wider. Das ist wohl die Gefühlslage, in der ich mich die letzten paar Jahre befunden habe. Als ich jünger war, habe ich Feelgood-Music gemacht. Ich war ein richtiges Blumenkind. Von Zeit zu Zeit wurde die Musik trauriger. Letztens habe ich mein Album gehört und dachte: »Verdammt, bin ich wirklich so depressiv?« (lacht) Ich schätze, die Musik hat für mich wirklich eine therapeutische Wirkung.

Als Kind sollst du am liebsten die schwarzen Tasten auf dem Klavier gespielt haben. Haben dich Moll-Akkorde schon immer mehr fasziniert?
Ich habe damals nur herrumgeklimpert. Später musste ich mich dann mit klassischer Musik beschäftigen, konnte aber erst nur wenig damit anfangen. Da gibt es ganz schöne Moll-Akkorde und Tonartwechsel – jetzt weiß ich das zu schätzen: Klassik hat ganz viel Soul in sich. Ich bin nur leider immer noch nicht sehr bewandert, was Harmonielehre angeht.

Hattest du Klavierunterricht?
Ja, als ich elf war, ungefähr vier Jahre lang. Aber ich hatte und habe immer noch eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne. Ich wünschte, ich wüsste mehr über Musik­theorie und könnte eine universellere musikalische Sprache ­sprechen. Ich spiele nur ein bisschen Schlagzeug, Percussion-Instrumente, Gitarre und Klavier.

 
Du hast mit 13 angefangen, am Computer mit Reason zu produzieren. Wie klangen deine ersten Produk­tionen?
Das waren jazzy Beats, später ging es in die Grime-Richtung. Ich habe schon ähnlich experimentelle Sounds wie heute benutzt, aber die Harmonien waren noch nicht so ausgereift.

Wo du gerade Grime ansprichst: Wie erlebst du den neuerlichen Hype um das Genre?
Grime war in Großbritannien ja immer allgegenwärtig. Das ist unser HipHop. Eine Weile wurde dem Genre keine Aufmerk­samkeit geschenkt, aber mittlerweile verfolgen auch US-Rapper, was auf der Insel passiert. Skepta hat da natürlich Türen eingetreten. Er verkörpert den Style und die Kultur wie kein anderer. Skepta ist unser Grime-Botschafter.

Du hast viele deiner frühen Kontakte zu Musikern über Myspace geknüpft. Wie wichtig war die Plattform für deine Künstlergeneration?
Ich weiß nicht, ob ich ohne Myspace hier säße. Das Internet verbindet Menschen, die sich sonst niemals treffen würden. Bei Myspace ging es nicht nur um die Musik, sondern um den gesamtkünstlerischen Aspekt. Es hat sich wie eine große Community aus Gleichgesinnten angefühlt. Mir hat das viele Türen in neue Welten geöffnet. Vieles an Musik hätte ich sonst nie entdeckt: Mike Slott, Kwes, FlyLo, Ghost­poet – Künstler, die buchstäblich mein Leben verändert haben.

Du hast dort auch SBTRKT kennengelernt, auf dessen Debütalbum deine Stimme eine wichtige Rolle spielen sollte. Drake hat dann seinen Song »Wildfire« geremixt. Entstand so der Kontakt zum OVO-Camp?
Das lief über mein Label Young Turks. Sie hatten ihm Musik von mir geschickt, als er an »Take Care« arbeitete. Er wollte auch ein paar meiner Beats für das Album benutzen. Da wurde aber nichts draus.

Für die Sessions zu »Nothing Was The Same« wurdest du dann aber nach Toronto eingeladen?
Genau, »The Motion« haben wir zusammen im Studio geschrieben. »Too Much« entstand erst später. 40 hat dafür meinen Song gesamplet. Ich hatte den Track da noch gar nicht fertig, habe ihnen aber schon die Skizze geschickt.

Wie war die Stimmung im Studio? Drake und 40 erzählen immer, dass sie erstmal ein paar Kerzen anzünden.
(grinst) Ja, es war sehr speziell. Ich kann aber ein sehr passiver Mensch sein, der das nicht so an sich rankommen lässt. Ich brauche meine Zeit, um mich zu akklimatisieren. Die beiden waren menschlich supercool und haben sich Mühe gegeben, damit ich mich wohlfühle. Drake hat sich extra Zeit genommen, um mich besser kennenzulernen. Wir haben zusammen in seiner Villa gechillt. Das war schon verrückt.

Du hast mal gesagt, dass es dir leichter fällt, Musik zu produzieren, als Texte zu schreiben. Lässt sich das auch durch deine Passivität erklären?
Mit Passivität meine ich eher, dass ich länger Zeit brauche, um mich an einen Ort zu gewöhnen. Das ist vor allem so, wenn ich irgendwohin fliege. Im Flugzeug landet man direkt an einem Ort und verpasst den ganzen Weg. Wenn ich nach Deutschland mit dem Auto gefahren wäre, hätte ich mitbekommen, wie sich die Architektur verändert. Man kriegt ein besseres Gefühl für einen Ort.

Fällt es dir denn einfacher, mit Freunden Musik zu machen?
Ja, schon. Ich sehe Musik aber als universelle Sprache. Wenn mich jemand auf der Ebene anspricht, verstehe ich ihn und kann darauf antworten.

 
Stimmt es, dass du auch als Ghostwriter arbeitest?
Ich habe Leuten geholfen, an Songs zu schreiben, bin aber kein klassischer Ghostwriter, der zu Hause tonnenweise Lieder rumliegen hat, die er verkaufen könnte. Ich kann Lieder nicht am Fließband runterrattern und die Studioarbeit wie einen 9-to-5-Job begreifen. In der Zeit säße ich an genau drei Wörtern und käme nicht weiter. (lacht) Ich kann nur schreiben, wenn mir eine Idee zufliegt.

Dein Feature »Saint Pablo« wurde nachträglich von Kanye zu seinem »Pablo«-Album hinzugefügt.
Das war komplett verrückt. Ich war früher ein Kanye-Fanboy: »College Dropout« habe ich jahrelang verschlungen. Sein Engineer Noah Goldstein, mit dem ich schon länger befreundet bin, hat mich kontaktiert und wollte mich als Co-Produzenten und Schreiber für das Album anheuern. Ich war diesmal zwar nicht bei den Sessions dabei, wurde aber 2013 mal nach L.A. eingeladen. Darüber darf ich nicht viel sagen, weil das vertraglich so geregelt wurde. (grinst) Es gibt auf jeden Fall noch mehr Tracks, an denen ich mit Kanye gearbeitet habe. »Timmy’s Prayer« [die erste Single vom neuen Album »Process«; Anm. d. Verf.] ist damals entstanden. Eine sehr inspirierende Zeit für mich.

»Process« hat noch kein Releasedate, du machst aber schon Promo-Arbeit. Denkt ihr darüber nach, das Album als Überraschung über Nacht zu veröffentlichen?
Auf gar keinen Fall! Mit meinem Status macht das keinen Sinn. Das ist ja mein Debütalbum, das würde keiner mitbekommen und es würde bestimmt floppen. (grinst)

Ich finde es übrigens sehr sympathisch, dass du in den Sozialen Medien nicht überpräsent bist. Eine bewusste Entscheidung?
Ich weiß gar nicht, was ich posten soll. Vielleicht sollte ich mal zum Therapeuten gehen, oder zu den Anonymen-Anti-Social-Media-Menschen: »Hallo, ich bin Sampha und habe eine Phobie!« (lacht) Ich finde, vielen Musikern beraubt das ständige Posten den Mythos. Man sollte lieber die Musik für sich sprechen lassen. ◘

Dieses Interview erschien in JUICE #176 (hier versandkostenfrei nachbestellen). juice-176