RZA: »Für all die Leute, die einen Teil von Wu-Tang besitzen wollen, gibt es ‚A Better ­Tomorrow‘.« // Interview

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Kaum einer hat noch dran geglaubt, und doch releast der gesamte verbliebene ­Wu-Tang Clan im Dezember 2014 einen Langspieler, der das (einund-)zwanzigste Jubiläum ­seines wegweisenden Erstlings feiert. Wu-Mastermind RZA sprach exklusiv mit JUICE über zwei Jahrzehnte Wu-Spirit, die Aufnahmen von »A Better Tomorrow«, seinen ersten ­Nebenjob und den Fall der Berliner Mauer.

 

Steubenville, Ohio, Anfang der ­Neunziger: Nur um Haaresbreite ­entkommt der junge Robert Diggs nach kleinen Hood-Delikten einer Jugend ­hinter Gittern. Im Freispruch sieht er eine zweite Chance und beschließt, die Corner gegen die Cypher einzutauschen, kehrt zurück in seine Heimat nach Brooklyn, New York, und hustlet sich mit ein paar Gelegenheitsjobs ein provisorisches Studio-Setup zusammen. Die geplante Solo-Karriere soll nach dem mäßigen Erfolg einer EP schließlich der Idee eines Jahrhundertprojekts weichen: Robert, mittlerweile als RZA unterwegs, plant, das Trio, das er einst mit seinen Cousins Ol’ Dirty Bastard und GZA formte, zur Supergroup auszubauen, und lässt die ­talentiertesten Reimer aus den umliegenden Blocks in sein Kellerstudio karren. Das Ergebnis erscheint 1993 unter dem Namen »Enter The Wu-Tang (36 Chambers)« und präsentiert nicht weniger als eine neunköpfige Crew, die die Rapwelt mit Kung-Fu-Symbolik und mysteriöser Mathematik umkrempelt. Die weiteren Folgen des geglückten Plans dürften weitgehend bekannt sein.
 

Toronto, Ontario, 2013: Ein gewisser Drake liegt mit seiner Abendbegleitung auf dem Bett, sinniert bei einem Gläschen Armand Rosé über alte Wu-Weisheiten und muss in gewohnter Melancholie feststellen, dass Wu-Tang noch immer forever ist. Auch der Clan selbst kündigt an, zum ­zwanzigjährigen ­Jubiläum seines Bestehens wieder jede ­Menge Wu-Wisdom auf der Welt zu ­verbreiten. Doch wie erwartet gelangt neben einer eher spärlich beachteten Single nicht viel nach außen. An die Öffentlichkeit getragenes Clan-Gezanke lässt dann endgültig an einer Rückkehr zweifeln. Doch so schnell lässt sich einer, der vom Wu-Spirit getrieben ist, nicht beirren. Und so vereint RZA – wenn auch mit einem Jahr Verzögerung – alle lebenden Wu-Protagonisten auf einem Langspieler, der getreu seines Titels in die Zukunft schaut, dabei aber auch die eigene Vergangenheit mitdenkt.

 

»A Better Tomorrow« sollte ­eigentlich 2013 zum zwanzigsten Jubiläum von »Enter The Wu-Tang« erscheinen. Wenn du nun einen Blick zurückwirfst: Welchen Einfluss hat euer Debüt in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf HipHop gehabt?
»36 Chambers« hat einen Eindruck vom alltäglichen Leben auf den Straßen New Yorks vermittelt und einen Einblick in unseren Geist gewährt. Außerdem hat es den ­kreativen ­Spirit etlicher Rapper und ­Produzenten beflügelt. Es hat ­Informationen über ­mathematische Zusammenhänge ­offengelegt, im HipHop eine neue ­Sprache etabliert und auch einen ganz neuen ­Gedanken des Unternehmertums geweckt. Crews haben plötzlich anders zusammengearbeitet und sich als Einheit vermarktet. Und zu guter Letzt hat dieses Album einige der größten HipHop-Lyricists überhaupt ­vorgestellt – und das auf einen Schlag.

 

Einer von ihnen war Ol’ Dirty Bastard. 1998 stürmte er bei den Grammys auf die Bühne, als die Musikerin Shawn ­Colvin den Preis für den »Song Of The Year« gewann. Das legendäre Fazit ­seiner spontanen Rede: »Wu-Tang is for the children!« Macht Wu-Tang heute Musik für alte Männer?
Am Anfang haben wir das alles nur für uns gemacht. Mit der Zeit kommt der Erfolg hinzu, und vieles zieht an einem vorbei. Dirty war damals aber an einem Punkt ­angekommen, von dem aus er zurückblickte und erkannte, wie wichtig unsere Musik war. Wir hatten gerade »Wu-Tang Forever« ­veröffentlicht, ein Album, aus dem du jede Menge Weisheiten ziehen kannst. Er hatte wohl das Gefühl, dass die lyrische Kraft von Wu-Tang den Leuten mehr bot als andere Künstler zu der Zeit – vor allem im HipHop. Und die Kids brauchten genau das, da stimme ich ihm nach wie vor zu – heute sogar mehr denn je. »A Better Tomorrow« ist nun ein Album für Erwachsene und Kinder. Die älteren Hörer können daraus vielleicht ein paar Weisheiten ziehen, die sie ihren Kindern mitgeben. Und die jungen Leute können einen flüchtigen Blick in die Zukunft ihres eigenen Lebens erhaschen.

 

Das erste Wu-Tang-Album hat den Kids wohl auch vermittelt, dass es für diese Musik nicht viel mehr als einen ­Sampler und einen Haufen talentierter MCs braucht. Was glaubst du, bringt euer neues Album rüber?
Auf »A Better Tomorrow« bleiben wir unseren HipHop-Wurzeln treu und entwickeln uns dabei weiter. Wir haben heute Zugang zu ganz anderen Produktionsmitteln. Und trotzdem knüpfen wir mit all dem, was uns zur Verfügung steht, an den Sound an, der unter prekären Umständen entstanden ist. Was den Inhalt betrifft, ist dieses Album aufgebaut wie eine Saga. Es beginnt mit einem Konflikt und einem Kampf. Zur Hälfte des Albums hin hinterfragen wir uns in dem Song »Miracles« selbst – können wir all der Gewalt und dem Scheiß, den wir durchleben, entkommen? Werden wir auf dieser Erde jemals zusammenfinden, um unsere Situation gemeinsam zu verbessern? Am Ende des Albums hörst du im Titeltrack wiederum unseren Optimismus. Und dann gibt es noch den Song »Never Let Go«, der mit einer wichtigen Rede von Dr. Martin Luther King beginnt. Der fasst für mich vieles zusammen: Man geht durch viel ­Scheiße, doch wenn du an deinen Träumen, deinen Hoffnungen und deinem Team festhältst, kannst du dich selbst weiterentwickeln.

 
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Apropos Entwicklung: Nicht nur die Wu-Tang-Alben, sondern auch die ersten Soloalben der Clan-Mitglieder waren von deinem Sound geprägt. Nach zwanzig Jahren haben sich die Karrieren aber unterschiedlich entwickelt, jeder Künstler verfolgt seine eigene Vision. Gibt es nicht unendliche Diskussionen, wenn man nun wieder eine gemeinsame Platte macht?
Ja, es gab viele Unstimmigkeiten über die Musik. Doch um ehrlich zu sein: Ich habe die Arbeit des Kollektivs immer schon von den Solokarrieren der Mitglieder unterschieden. Solo konnte jeder seine eigene Story erzählen und seinen Sound entwickeln. Wu-Tang als Kollektiv wurde dagegen stets von meiner musikalischen Vision geleitet. Am Anfang haben einfach alle dieser Vision vertraut, doch mit den Karrieren entwickelten sich natürlich ­unterschiedliche Vorstellungen. Und womöglich habe ich nun nicht bedient, was die jeweiligen MCs so gewohnt waren. Wir sind alle Kompromisse eingegangen, aber so ist das eben, wenn man mit ­mehreren Leuten arbeitet. Am Ende des Tages habe ich die anderen gefragt: »Yo, wollen wir einfach nur den klassischen Wu-Sound liefern oder etwas Filmisches schaffen? Wir sind doch nicht mehr nur ein paar Kids mit Turntables und Samplern, die rappen. Wir sind über zwanzig Jahre in ­diesem Business zu Musikern ­herangewachsen. Also lasst uns der Welt ­zeigen, wozu wir musikalisch in der Lage sind.« Hör dir »Ruckus In B Minor« an: Das klingt nach Wu-Tang, doch der Song wurde von eine Live-Band eingespielt. Natürlich klingt das nicht so riggedy-raw wie aus dem ­Sampler. Doch genau nach diesem Sound habe ich gesucht, als ich mit ­Samples ­gearbeitet habe. Ich bin mittlerweile in der Lage, Musik aufzuschreiben und sie von ­Musikern einspielen zu lassen. Und das zeigt doch ein besseres Morgen: Du fängst simpel an und kannst so weit kommen. Außerdem huldigen wir nun den Leuten, die HipHop ermöglicht haben. Ich habe früher viele Platten des Stax-Labels verwendet, etwa auf »Tearz« oder »C.R.E.A.M.«. Für »A Better ­Tomorrow« bin ich nun nach Memphis, ­Tennessee, ­gefahren, um mit diesen Leute in den originalen Studios aufzunehmen. Anstelle von Samples habe ich also Musiker ­verwendet, ohne dabei mein Ohr für Chord-Changes und Sequencing zu verlieren, mit dem ich früher an Samples gegangen bin.

 

Ist das ganze Album in Memphis ­entstanden?
Viele der Musiker habe ich in Memphis aufgenommen, einige aber auch in Philadelphia. Vocals haben wir wiederum in der Wu-Mansion recordet, dem Studio in South Jersey, in dem »Wu-Tang Forever« entstanden ist. Während einer Europa-Tour gab es zudem ein paar Sessions in Zürich und Amsterdam. Und zum Mixen sind wir ins Ameraycan-Studio, in dem damals »Triumph« entstand. Ich war mit diesem Album also auf einem historischen Studio-Streifzug.

 

 

Warst du während der Aufnahmen jemals mit allen Mitglieder zusammen im Studio?
Bei »Never Let Go« war zumindest jeder ­anwesend, der auf dem Song zu hören ist. Als wir in Europa auf Tour waren, haben wir regelmäßig Sessions einberufen, und die meisten Jungs sind aufgetaucht, sie haben viel Zeit miteinander verbracht. Nur ­Raekwon und Ghostface waren nicht dabei, aus ­verschiednenen Gründen. Zum Ende der Albumproduktion ist Ghostface dann aber tatsächlich in die Wu-Mansion gekommen, zum ersten Mal seit – lass mich kurz rechnen –, wow, er ist nach zwölf Jahren zurückgekehrt, um ein paar ­Vocals mit mir aufzunehmen. Genauso Raekwon, der war auch mehrere Jahre nicht in diesem Studio. Es gab also ein Studio, in dem diesmal alle waren, und zwar genau das, in dem wir »Wu-Tang Forever« aufgenommen ­haben. Ich bin froh, dass es alle dorthin geschafft haben, denn das Studio war ­zwischenzeitlich ziemlich zerstört, ständig wurde ­eingebrochen. Aber ich habe es für die Aufnahmen von »A Better Tomorrow« renoviert.

 

Über die Aufnahmen eures ersten ­Albums hieß es, unter den MCs habe ein ziemlicher Wettbewerb geherrscht. Wie kann man sich das heute vorstellen?
Es herrscht nicht mehr so eine öffentliche Konkurrenz. Wenn du mit allen Membern sprichst, werden sich einige wohl eher ­darüber beklagen, wie oft ich mich eingemischt habe. Für den Song »Never Let Go« habe ich die MCs beispielsweise darum gebeten, jeden Part mit dem Titel des Songs zu beginnen und eine bestimmte Message rüberzubringen. Für den Song »A Better ­Tomorrow« sollten sie über die Probleme der Welt und ihre persönlichen Lösungen nachdenken. Ich erinnere mich auch sehr gut an die Aufnahmen von »Miracle«: Raekwon war total gepisst, weil ich meinte, sein Verse ­müsse das Ende von Masta Killas Verse aufgreifen. Es geht in dem Song um einen Typen, der etwas gestohlen hat. Raekwon sollte erzählen, dass dieser Typ sterben muss, weil er einen Kodex gebrochen hat. Daraufhin steigt Ghostface ein und betet zu Gott, dass wir all den Scheiß beiseite legen. Nicht nur die Gewalt, um die es in der Story geht, sondern Probleme auf der ganzen Welt – von Ebola über Enthauptungen in Syrien bis zur Food-&-Drug-Administration, die ­Nahrungsmittel genetisch verändert. ­Während der Arbeit an dem Album ist Ghostfaces Mutter ­gestorben, und auf dem Song richtet er sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder an Gott. Er schreit geradezu nach ­Hilfe, aber Gott scheint ihn nicht zu hören. »Can you hear me? My phone’s about to die out! Can you hear me now?! We need a ­miracle!« Ich hatte für ­dieses Album einige Ideen, aus denen ich einen Zusammenhang schaffen wollte. Die Platte sollte in der heutigen Zeit eine besondere Bedeutung erfahren. Und ich bin dankbar dafür, dass die Jungs das mit mir umgesetzt haben – auch wenn sie anfangs nicht davon überzeugt waren.

 

Du bist mit zehn Geschwistern aufgewachsen. Eine gute Vorbereitung auf die Arbeit mit Wu-Tang?
Klar, man durchschaut sehr früh, wie so ein Gefüge funktioniert. Ich hatte einen großen Bruder – he used to beat the shit out of me! (lacht) Mein jüngerer Bruder hat wiederum zu mir aufgeschaut und meine Klamotten geklaut, weil er sie cool fand. So etwas bereitet dich auf viele Situationen im Leben vor. Und die Arbeit mit Wu-Tang hat mir wiederum ­dabei geholfen, meine Brüder und ­Schwestern auch als Erwachsene zu verstehen. Auch beim Film hat mir die Dynamik im Umgang mit so vielen Menschen weitergeholfen. Als ich »The Man With The Iron Fists« [RZAs Debüt als Drehbuchautor und Regisseur aus dem Jahr 2012; Anm. d. Verf.] gedreht habe, hatte ich mit den Schauspielern jede Menge starker Persönlichkeiten um mich. Doch die Produzenten waren sehr überrascht, wie locker ich mit all denen umgegangen bin.

 

Soweit ich weiß, sitzt du schon an einem neuen Film.
Let me give you three things, bro: Als MC geht’s immer um dein Braggadocio, den Ausdruck deines Egos. Diese Energie treibt dich zwar auch als Schauspieler an, aber ­coolerweise musst du nicht dich selbst ­spielen. Das ist eine Erfüllung. Ein weiterer Vorteil liegt im Schreiben: Jemand wie GZA schreibt Lyrics, die tatsächliche Bilder in deinem Kopf hervorrufen. Wie wäre es denn, diese Bilder auszubauen? Als ich »The Man With The Iron Fists« geschrieben habe, hatte ich anstelle von 16 Bars ein 92-seitiges Drehbuch, um es mit meinen Gedanken zu füllen. Und dann ist da noch die Produktion: Ich habe bei »A Better Tomorrow« um die zwölf Leute ­koordiniert, mit den Musikern waren es vielleicht zwanzig. Das ist eine große Aufgabe, aber am Film-Set hatte ich 400 Leute unter mir. Ich sehe die Musik also als Mikro-, und den Film als Makro-Version eines künstlerischen Werks. Zudem kann ich mich im Film in jeder möglichen Kunstform ausdrücken: visuell, indem ich als Regisseur meine Vorstellung des Bildes einfließen lasse und an den Farben mitwirke; akustisch, indem ich an der Musik und der Vertonung arbeite; sprachlich, indem ich die Dialoge ­schreibe. Jemand wie Ghostface will so etwas gar nicht – »Imma MC ’til I’m seventy«, meinte er neulich zu mir. (lacht) Warum auch nicht? Er ist einer der besten. Der Typ hat zehn Alben gemacht und darunter ist kein schlechtes. Er hat sein perfektes Medium gefunden. Ich bin aber ein Mensch mit vielen Facetten. Als wir mit Wu-Tang anfingen, sagte Ol’ Dirty in einem Interview: »RZA studiert ständig komische technische Geräte und findet heraus, wie man all diesen Scheiß bedient. He’s a fucking scientist!«. Er wusste, dass ich alle möglichen Formen des künstlerischen Ausdrucks nutzen wollte. Während wir telefonieren, schaue ich mir all diese Kunstbücher an, die ich in Dänemark gekauft habe und die ich mir genauer anschauen werde. Auf der anderen Seite des Zimmers habe ich jede Menge Bücher aus Italien, die ich für meinen nächsten Film lesen werde. Ich kann all diese Einflüsse wiederum in den Film einfließen lassen, das ist für mich das ultimative Medium.

 

Um noch mal zum Album ­zurückzukommen: Neben dir waren auch ein paar andere Produzenten an »A Better Tomorrow« beteiligt, oder?
Ja, 4th Disciple zum Beispiel, einer meiner Schüler. Er hat auf »Wu-Tang Forever« zum ­ersten Mal mit mir produziert, einen Song namens »A Better Tomorrow« – da schließt sich nun also ein Kreis. Er hat wohl aus einem Missverständnis heraus lange nicht mit mir gesprochen, doch nun haben wir nach zehn Jahren wieder zusammengearbeitet und die Wunden sind verheilt. Er hat uns ein Dutzend Beats geschickt und als die Crew »Necklace« hörte, waren sich alle einig, dass dieser Track aufs Album muss. Der hat etwas vom 1997-Wu-Tang-Sound.
 

 
Und wer ist noch als Produzent dabei?
Ein weiterer Producer ist unser DJ Allah Mathematics. Als ich 1995 für Raekwon an dem Song »Ice Cream« saß, war Mathematics bei mir im Studio. Ich hatte nicht mehr als eine Snare, als er ankam. Wir rauchten jede Menge Weed, und er ist um zwei Uhr nachts auf der Couch eingepennt. Als er um sieben Uhr aufwachte und die fertige Produktion hörte, war er so geflasht, dass er umgehend selbst ­produzieren wollte. Also besorgten wir ihm einen ASR [Ensoniq ASR-10, ein Keyboard-Sampler; Anm. d. Verf.], mit dem ich damals ­gearbeitet habe, und ich gab ihm eine ­interessante Sammlung an Platten mit. Heute ist er einer der wichtigsten Wu-Produzenten für mich, weil er den 1995-Wu-Tang-Sound am Leben hält. Neben diesen beiden ist auch Rick Rubin dabei, der mir bei »Ruckus In B Minor« half. Ich habe über ein Jahr lang immer wieder an dem Song gesessen, weil mir irgendwas fehlte. Irgendwann überlegte ich, was Rick Rubin tun würde. Also rief ich ihn an und fragte, ob er sich des Songs nicht ­annehmen wolle. Er fand die Idee gut und spielte damit herum. Wir haben viel Respekt voreinander, daher habe ich ihm blind vertraut. Als er mir den Song wiedergab, war ich dann aber doch ein bisschen überrascht – ­besonders von GZAs verlangsamtem Vocal. Ich wusste, dass GZA das überhaupt nicht gefallen wird! (lacht)

 

Und dann gibt es noch Adrian Younge, oder?
Oh ja, Adrian und ich haben uns vor ein paar Jahren kennengelernt. Als wir uns zum ersten Mal trafen, haben uns die Leute glatt ­verwechselt, weil wir zufällig den gleichen Mercedes-Truck fuhren. Tatsächlich sind wir uns in vielerlei Hinsicht ähnlich. Manchmal erinnert er mich an eine jüngere Version von mir selbst. Die Arbeit an »A Better Tomorrow« hat in seinem Studio angefangen, mit der Arbeit an ­»Crushed Egos«. Ursprünglich war das so ein crazy ­fuckin’ Western-Cowboy-Track, den ich aus ­verschiedenen Samples gebastelt habe. Der klang so, als hätte ich ihn in der Vergangenheit schon mal gemacht. Also schlug Adrian vor, das Ganze mit seiner Band neu aufzunehmen.

 

Tatsächlich ist »Crushed Egos« einer ­meiner Favoriten auf dem Album – auch wegen Raekwon.
Hold on, hold on … lass uns das kurz noch mal festhalten: Raekwon klingt unfassbar gut, oder? Aber du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich mit ihm reden musste, damit er dabei ist. Nachdem er irgendwann zusagte, schickte er mir einen Verse. Ich habe mir die Aufnahme angehört und ihn sofort angerufen. Seine Stimme auf diesem Beat?!? Er musste unbedingt noch einen zweiten Verse abliefern! (lacht) Er meinte, dass wir doch Ghost noch mit auf den Track nehmen wollten. Aber ich brauchte Ghost nicht, ich brauchte Raekwon! Das ist sein Moment auf dem Album.

 

So viel, wie im Vorfeld über eure ­Differenzen geredet wurde, überrascht es fast, dass Raekwon nun doch auf dem Album ist.
Yeah, cash rules everything around me?! (lacht)

 

Du fungierst bei Wu-Tang also nicht nur als Musiker, sondern auch als ­Unternehmer. Erinnerst du dich an deine ersten ­Business-Erfahrungen?
Ich habe mein erstes Geld in der Tat mit einer einfachen Schaufel verdient. (lacht) Damals kam in New York ein Schneesturm auf und ich habe die Schule geschwänzt, um den Leuten für einen Dollar ihre Einfahrt freizuschippen. Eine Lee-Jeans kostete damals ziemlich genau zwanzig Bucks. Ich konnte sie mir nach dem ersten Arbeitstag kaufen und habe sie mir dann mit meinem Bruder geteilt. (lacht) Daraufhin habe ich angefangen, Zeitungen zu verkaufen mit meinem Bruder Divine, Ol’ Dirty, Raekwon und Power, dem Typen, der Wu-Wear leitet.

 

Und wie ging es mit dem Musik-­Business los?
Meinen Einstieg ins Musik-Business habe ich einem gewissen Herrn namens James Smith zu verdanken. Mr. Smith – möge er in Frieden ruhen – war der Vater von Melquan, meinem ersten Manager, der GZA und mir dazu verhalf, »Ooh We Love You Rakeem« [RZAs erste Single als Prince Rakeem von 1991; Anm. d. Verf.] und »Words From The Genius« [GZAs Debüt-LP als ­Genius, ebenfalls von 1991; Anm. d. Verf.] zu ­veröffentlichen. Melquans Vater war ein Unternehmer, der in seinen Sohn investierte, um eine Plattenfirma zu gründen. Ich werde niemals vergessen, wie ich zum ersten Mal bei diesem Herrn zu Hause stehe und all diese Kisten voller Platten sehe. Mit ihm habe ich zum ersten Mal jemanden kennengelernt, der vollkommen selbständig und unabhängig in die Musikindustrie ­investiert hat. Und das hat in mir den Wunsch geweckt, auch Unternehmer zu werden. Er hat mir viele Tipps gegeben, um Wu-Tang-Productions zu starten, und empfahl mich an die besten Anwälte. Ein Jahr später war mein Haus voll mit dem »Protect Your Neck«-Vinyl, das nur darauf wartete, in den Kofferraum gestopft und quer über die Welt verschifft zu werden.

 

Neben »A Better Tomorrow« gibt es ja noch ein aktuelles Wu-Tang-Projekt: das Millionen-Dollar-Album »Once Upon A Time In Shaolin«.
Richtig, die Auktion läuft demnächst. Ich habe eine Geheimhaltungserklärung ­unterschrieben, aber es besteht bereits jede Menge Interesse. Wir reden da über ein Kunstwerk, das die Geschichte des Wu-Tang Clan verkörpert. Und dieses Werk gibt es nur einmal, so wie die Mona Lisa.

 

Wie Millionen andere habe ich Wu-Tang kennengelernt, weil ich mir eine LP leisten konnte. Welchen Nutzen hat ein Wu-Album, das irgendein stinkreicher Typ zu Hause stehen hat, für sich allein?
Für all die Leute, die einen Teil von Wu-Tang besitzen wollen, gibt es »A Better ­Tomorrow«. Die Platte kannst du sogar vorab hören, danach kostet sie zehn Dollar. Mal sehen, ob die Leute, die sich über das ­Millionen-Dollar-Album beklagen, das bezahlbare Album kaufen – vom ­geheimen Album weißt du doch nicht einmal, ob es existiert. Viele Leute werden »A Better Tomorrow« umsonst downloaden und Songs auf Youtube hochladen. Sie werden all das tun, was Musik entwertet. Wenn sie meinen, das sei richtig, okay. Dieses Album ist in erster Linie den Fans gewidmet, die uns seit zwanzig Jahren supporten. Es geht nicht um Geld. Ich wurde von niemandem finanziert und habe bislang in dieses Projekt nur investiert. Wenn ich darüber nachdenke, ist das schon seltsam, aber ich wollte einfach zwanzig Jahre Wu-Tang feiern. Und ich wollte ein Album machen, das die Tür zu einer weiteren Chamber öffnet und Weisheit verbreitet. Zumindest kann ich für mich sagen, dass ich genau das umgesetzt habe – all den Kopfschmerzen und dem Geld zum Trotz.

 

Diesen Spirit musst du mir erklären.
Ich bin in einem heruntergekommenen Zwei-Zimmer-Apartment mit zehn Kids und wenig Essen aufgewachsen. Irgendwann kam ich in den Besitz eines alten Turntables aus einer abgefuckten Kompaktanlage und habe Zeitungen ausgetragen, um einen Mixer und ein paar Headphones zu kaufen, die ich als Mic verwendet habe. Damit habe ich erste Demos aufgenommen. Nicht viel später sitze ich in einem Studio, das mehrere Millionen kostet. Die meisten Wu-Tang-Guys sind von der Highschool geflogen. Schau sie dir an: U-God – verurteilt; Ghostface – verurteilt; Cappadonna – zweifach verurteilt. Und ­dennoch können sie um die Welt reisen und sich durch ihre Kunst auszudrücken. An dem Tag, an dem Method Man die Arbeit an Wu-Tang zugesagt hat, sollte er einen Deal an einem Weed-Spot abwickeln. Ich habe ihn aber davon überzeugt, vorbeizuschauen, um mit mir über Wu-Tang zu reden. Als er bei mir war, fielen auf einmal Schüsse – der Typ, der an dem Tag seinen Job übernahm, wurde bei dem Deal erschossen. All diese Ereignisse sind Beweise für eine positive Energie.

 

Du scheinst dir einen ziemlich ­optimistischen Blick zu wahren.
Es besteht immer die Chance auf eine positive Zukunft. Du rufst gerade aus Deutschland an. In diesem Jahr wurde zum fünfundzwanzigsten Mal der Fall der Mauer gefeiert, oder? Denk an die Menschen, die nicht daran geglaubt haben, dass sie ohne einen Krieg fallen würde. Oder nimm meine ersten Deutschlandbesuche: Ich bekam als Amerikaner Anfang der Neunziger dort nicht die Lebensmittel und Produkte, die ich gewohnt war. Zehn Jahre später konnte ich all das in Deutschland problemlos kaufen. Wiederum ein paar Jahre später gibt es bei McDonald’s in Deutschland fucking Veggieburger, die du noch nicht einmal in den ­Staaten bekommst. (lacht) Ich erinnere mich noch gut daran, dass der Wu-Tang Clan ­wegen des Kulturschocks in den ersten ­Jahren nicht gern nach Deutschland gereist ist. Jahre später habe ich einen ganzen Sommer lang in Mannheim gelebt und hatte eine ­großartige Zeit. Deutschland ist in den letzten 25 Jahren unglaublich gewachsen: Es gibt tolle Architekten, die ­überall auf der Welt bauen – und auch was die Musiktechnologie angeht, seid ihr mit ­Unternehmen wie Native ­Instruments weit vorne. So etwas stimmt mich ­optimistisch. Natürlich gibt es auf der Welt noch immer jede Menge Struggle, Unterdrückung, ­Korruption und Rassismus. Aber der Mensch strebt stets nach dem Besten. Der Mensch hat schließlich das Feuer ­gefunden. Und als er die See erobern wollte, hat er Schiffe gebaut. Als er in die Luft wollte, hat er ­wiederum das ­Flugzeug ­erfunden. Und gerade erst ist eine ­Raumsonde auf einem Kometen gelandet. Das stimmt mich schon optimistisch. ◘

 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #164 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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