Roc Marciano [Feature]

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Wer hätte gedacht, dass Roc Marciano mal die Speerspitze New Yorker ­Underground-Raps bilden würde, als er Mitte der 90er als Teil von Busta Rhymes’ Flipmode Squad erstmals öffentlich in Erscheinung trat. Nicht, dass er nicht damals schon eine gute Figur abgegeben hätte, doch vom Status heutiger Tage war der MC aus Long Island damals noch ein paar Meilen entfernt. Doch der Glaube an sich selbst half Marc dabei, Berge zu versetzen.
 
Das St. Regis Hotel in Manhattan, New York. Der Eingangsbereich glänzt in mattem Gold, das vom Einfall elektrischer Lichtquellen auf das akribisch polierte Interieur in die Lobby zurückgeworfen wird. Es riecht nach Geld.
 
In einem der oberen Stockwerke der Luxus-Unterkunft chillt Roc Marciano auf einem kunstvoll verzierten Sofa in seinem Hotelzimmer; ein sehr exklusives Ambiente, das nicht nur von den überall auf dem Fußboden verteilten Merchandise-Artikeln und CDs des Künstlers gebrochen wird, sondern auch durch ein übergroßes und vor Mayonnaise triefendes Chicken-Sandwich, das der Rapper gerade genüsslich verspeist. Auf dem Couchtisch vor Roc: der obligatorische Laptop, von dem er nun aufblickt. »Erschrick nicht«, erklärt er mit vollem Mund und grinst breit, »das sieht bei mir immer so aus.« Roc Marciano fühlt sich offenbar wohl inmitten dieses dezenten Chaos.
 
In Manhattan befindet sich der Rapper heute aus zweierlei Gründen: Zum einen, um sein »The Pimpire Strikes Back«-Mixtape zu promoten. Zum anderen, um noch einmal ausgiebig auf sein »Marci Beaucoup«-Projekt aufmerksam zu machen, ebenfalls bereits erschienen, auf dem er ­lediglich als Produzent in Erscheinung tritt und an seiner statt versierte Spitter über seine knochenharten Beats flexen lässt.
 

 
Aber werfen wir noch einmal einen Blick zurück auf Rocs bisherigen Karriereverlauf: Begonnen hat Roc Ende der 90er Jahre an der Seite von Oberschreihals Busta Rhymes, als Teil von dessen Flipmode Squad. Im Jahre 2001 verließ er die Gruppe aber schon wieder, um mit den Rappern Dino Bravo, Laku und Mic Raw das MC-Quartett The U.N. zu gründen, die dank prominenter Unterstützung auf Produktionsseite von Leuten wie Pete Rock und Large Pro durchaus ein klein wenig Underground-Fame abgreifen konnten. Doch seine künstlerische Erfüllung fand Roc erst vor fünf Jahren, als er seine Solokarriere vorantrieb, die 2010 im gefeierten »Marcberg«-Album seine Entsprechung fand – eine wahre Perle von einem Underground-Release, das mittlerweile längst kein Insider-Geheimtipp mehr ist. Wenn man einem verbrieften Tweet zwischen ?uestlove und Alchemist aus dieser Zeit Glauben schenken darf, hatte das Roots-Oberhaupt damals sogar ausführlich und in den höchsten Tönen mit Jay-Z über die Platte gesprochen – und zwischen den beiden soll Einigkeit über die Großartigkeit von Marcys Longplayer geherrscht haben. Roc seinerseits war damals schlau genug, den daraus entstandenen Buzz um seine Person so lange obenzuhalten, bis er 2012 das Nachfolge-Album »Reloaded« fertig hatte – ein Longplayer, der zum einen die bewährte Kombination aus slicken sample-basierten Beats und nuscheligen Crime-Rhyme-Flows fortsetzte, gleichzeitig aber durch die Integration von Fremdproduktionen von zum Beispiel Q-Tip und Alchemist eine neue Ebene hineinbrachte. Die HipHop-Kritik dankte es ihm mit überschwänglichen Lobesbekundungen.
 
Fragt man Roc Marciano nach seinem Lieblings-Feedback auf die beiden Alben, zuckt er nur mit den Achseln. »Ich wusste ja, dass es gut war. Es war natürlich toll, dass ›Marcberg‹ eine Diskussion zwischen Legenden wie ?uestlove und Jay Z entfacht hat. Das ehrt mich, aber hat mich nicht überrascht. Das war ja mein Solo-Debüt, ein Lifetime-Project. Ich hatte gehofft, so einen Eindruck hinterlassen zu können. Ich meine: Darin lag mein ganzes Leben«, erklärt er, in der Hand immer noch das siffende Chicken-Sandwich, und fügt hinzu: »Sämtliche Lyrics, Sounds und Samples hatte ich ja schon seit Ewigkeiten auf Halde, die hatten den Test der Zeit bereits bestanden. Das hat man dem Album angehört.«
 

 
Dieser ungebrochene Glaube an seine Musik sowie die Erkenntnis, dass Erfolg sich über die Perspektive definiert, sind integraler Bestandteil des künstlerischen Werks von Roc Marciano. Seine Tracks bewegen sich stets in einem akustischen Ambivalenzbereich: Einerseits stehen sie soundtechnisch voll und ganz in der Tradition der Golden Era, andererseits ruhen sie sich nicht auf den Errungenschaften dieser Zeit aus, sondern spinnen deren musikalische Ideen weiter und klingen dadurch auch im Jahr 2014 noch neu und frisch. Bestes Beispiel: Der Song »Thug’s Prayer« vom »Marcberg«-Album, auf dem er ein Stück der 60er-Jahre-Psyche-Rock-Kombo C.A. Quintet sampelt, und auf dem Marcy die Art von introspektiven Gedankengängen formuliert, mit denen sich ein geschätzter Kollege wie Nas über die Jahre den verdienten Ruf erarbeitet hat, einer der besten Lyricists des Planeten zu sein. Auf dem Sequel des Songs auf dem »Reloaded«-Album flippt Marcy geschickterweise dasselbe Sample, choppt es jedoch vollkommen anders. Damit zollt Marciano der Zeitlosigkeit Tribut, der sich ein Künstler wie er seit seinen Anfangstagen in den 90ern verpflichtet fühlt.
 
»Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich mir mit ersten Songs bei mir in der Hood einen Namen gemacht habe«, erzählt er über die prägenden Schritte Richtung Industrie und Professionalisierung; damals, als er sich Bustas Flipmode Squad anschloss. »Ich bin mit Bustas Bruder zur Schule gegangen, aber in Long Island wäre man sich früher oder später eh über den Weg gelaufen. Busta mochte meine Mucke, und so war mein Einstieg bei Flipmode ein ganz natürlicher Schritt. Ich war jung und hungrig damals, wollte unbedingt gehört werden. Also haben wir einen Deal gemacht, und Busta hat mich ins Game gebracht.«
 
Roc Marcianos Einberufung in den Flipmode Squad war allerdings nicht von Dauer, das Kollektiv löste sich auf. Die enge Verbindung zu Busta hat jedoch bis heute Bestand. Ähnlich lief Marcys Zeit mit Pete Rock, dem knöpfchendrehenden Mastermind hinter The U.N., mit denen Roc 2004 das Album »UN Or U Out« veröffentlichte. Momentan sind es jedoch zwei andere Rapper-Kollegen, mit denen Roc eng zusammenarbeitet: Action Bronson und KA. Gemeinsam bilden sie zur Zeit so etwas wie ein frei agierendes Connaisseurs-Gespann, das in regelmäßigen Abständen Platten veröffentlicht, die einerseits dem New Yorker Erbe als Wiege der HipHop-Kultur Rechnung tragen, gleichzeitig aber mit frischem Wind das gestrig wirkende Image der Stadt entstauben.
 
Action Bronson hat über Roc Marcianos Fähigkeiten am Mic mal gesagt: »Roc ist so ein Typ, der einen Track bereits gekillt hat, bevor der erste Reim gefallen ist. Es ist diese Kombination aus einer tief-dreckigen Zuhälterstimme, die ungeheuer entspannt wirkt, die dir aber gleichzeitig Inhalte an den Kopf ballern, bei denen dir der Atem stockt.« Und er hat natürlich absolut Recht.
 
KA wiederum ist so etwas wie Marcys Brother from another mother. »Wir besitzen einfach ein blindes Verständnis füreinander. Das ist, als würden wir mit demselben Kopf denken«, beschrieb KA mal die Zusammenarbeit mit Roc. »Wir können einen Song von verschiedenen Seiten beleuchten, mit diversen Flows agieren und unterschiedliche Ansätze verfolgen, aber am Ende passt es immer. Ich habe mittlerweile die Möglichkeit, mit vielen großen Künstlern zusammenzuarbeiten, aber wenn Marcy mich ins Studio bittet, stehe ich sofort auf der Matte.«
 

 
Seinen Status als Underground-Ikone hat Roc Marciano nun über die Jahre gefestigt, den wird ihm so schnell niemand streitig machen. Nun wird es im nächsten Schritt darum gehen, auch eine Relevanz im Mainstream zu etablieren. Sein Label ist dahingehend zutiefst optimistisch: »Roc Marciano ist ein Rockstar. Die Welt weiß das nur noch nicht.« Klar, das ist Plattenfirmen-Sprech. Und wenn man mal ein Ohr bei Rocs Marci-Beaucoup-Projekt riskiert, hört man zweifelsohne tolle Musik. Aber Musik ohne catchy Hooklines oder radiofreundliche Loops; ein Versäumnis, das es ihm schwer machen dürfte, damit auch nur annähernd den Status eines Kanye Wests oder Jay Zs zu erreichen. Aber hey: Roc Marciano residiert immerhin im St. Regis Hotel in Manhatten, New York, einem der edelsten Hotels der Welt. Und eines Rockstars durchaus würdig.
 
Text: Phillip Mlynar
Übersetzung: Daniel Schieferdecker
Foto: Alexander Richter
 
Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #157 (hier versandkostenfrei nachbestellen).