Interview: Robert Glasper

Robert-Glasper

In seiner Rolle als Vermittler zwischen den Spielarten steht Robert Glasper in einer Reihe mit Klavier-Anarchos wie Chilly Gonzales oder dem Minimal-Pianisten Francesco Tristano. Scheinbar kann das »Höher, Schneller, Weiter« einer musikalischen Hochbegabung auf Dauer ziemlich anstrengend werden. Um sich und sein Publikum bei Laune zu halten, unterhält Glasper neben seinem klassischen Trio mit dem Robert Glasper Experiment ein Projekt, dessen Soul-Bap-Hybriden klingen wie die verschollenen Tapes der Soulquarians. Mit »Black Radio« erscheint dieser Tage Robert Glaspers spektakulär besetztes Post-NeoSoul-Manifest.

 

Hürde Nummer eins: Worüber spricht man mit jemandem, der das Leben auf Tour maximal für Plattenaufnahmen mit Meshell Ndegeocello, Kanye West, Beyoncé oder Erykah Badu unterbrechen würde? Über sein spärlich ausgeprägtes Fernsehverhalten, zum Beispiel. Die von Wynton Marsalis kuratierte Ken-Burns-Doku »Jazz« kennt er nur in Auszügen. Dass sämtliche Entwicklungen des Genres seit der Fusion-Ära aber humorlos in einer einzigen Schlussepisode abgekanzelt werden, ringt ihm ein müdes Kichern ab. »Genau deshalb steht Jazz in Sachen Popularität und Relevanz dermaßen hinter allem anderen: Weil er zu einem Geschichtsthema gemacht wird, wie bei einer Museumsführung. Dabei ist das genau das Gegenteil von dem, was Jazz ursprünglich war – die freieste, populärste Musik und ein ungeschönter Spiegel seiner Zeit. Wenn Charlie Parker heute zurückkäme, würde der sich wundern. Dilla hat mehr für modernen Jazz getan als diese Apostel.«

 

Glaspers Verständnis des modernen Jazz – man endet dabei nicht an der Studiotür. Er twittert und bloggt, kümmert sich eigenhändig um sein Booking und ist in sämtliche Promo-Abläufe involviert. Nächster Versuch: HBOs desiginierter »The Wire«-Nachfolger »Treme«. Immerhin führt das Personal der Serie über den Wiederaufbau von New Orleans nach Katrina eine Rolle, die wie Glasper aus dem Süden nach New York geht, um dort bei Blue Note zu veröffentlichen, anders als er aber an der Selbstvermarktung via neue Medien zu scheitern droht. »Nope. Ich kenne ein, zwei Episoden, die waren sehr gut. Aber die ganzen Jazz-Größen der Vergangenheit würden sich natürlich den Ansprüchen der Zeit anpassen. Und wenn du zu blöde oder zu beschäftigt bist, dann musst du jemanden haben, der diese Dinge für dich übernimmt. Ich meine, Roy Ayers ist länger unterwegs als jeder andere Mensch – und der twittert!«

 

 

Ohnehin scheinen die Unterschiede zwischen permanenter digitaler und physischer Öffentlichkeit, Selbstobservation und -vermarktung hinfällig bei jemandem, der einen kompletten Lebensentwurf auf seiner Musik und Bühnenpersona aufgebaut hat. An eine Zeit vor dem Klavier kann Robert sich nicht einmal erinnern. Von Berufungsmythen und Wunderkind-Bonus will er aber nichts wissen: »Ich habe mich entschieden, Musiker zu werden, als ich dafür bezahlt wurde. Als ich zum ersten Mal in der Kirche Geld bekam, dachte ich mir: Ich kann Klavier spielen und damit was verdienen? Und andere Kinder schuften im Supermarkt?«, erinnert er sich amüsiert. Robert Glasper wuchs unter Exzentrikern auf und solchen, die es werden sollten. Seine Mutter sang Gospel in der Gemeinde und führte ihren Sohn durch das dreckige Business der Blues- und Jazz-Clubs. Seine musikalische Früherziehung und den anschließenden Feinschliff an der High School for Performing Arts in seiner Heimatstadt Houston verbrachte eher unter anderem mit Jason Moran und der einflussreichsten Neu-Mutter des Planeten: Beyoncé Knowles. Die für seine weitere Karriere aber wegweisendste Bekanntschaft machte Glasper, als man ihn zu Beginn seiner Studien an der New Yorker New School for Jazz and Contemporary Music mit Soul-Wirrkopf Oliver Bilal auf ein Zimmer steckte. »Als ich nach New York kam, war ich lediglich ein guter, junger Jazz-Pianist ohne eigenen Style. Den entwickelte ich erst später. Ich weiß, dass es bei Bilal ganz ähnlich war – er lernte in der Kirche zu singen und ging danach auf die Performing Arts School in Philadelphia, zusammen mit ?uestlove und Boyz II Men. Er war mit Kirchen- und Soulmusik aufgewachsen, lernte aber klassischen Jazz-Gesang. Als wir uns ’97 trafen, standen wir beide ganz am Anfang. When Will You Call’, den Song, der ihm seinen Vertrag mit Interscope ein- brachte, haben wir im Studentenwohnheim geschrieben und aufgenommen. Seitdem ist er mein absoluter Lieblingssänger, erst durch ihn habe ich die ganzen HipHop-Größen überhaupt kennen gelernt.«

 

 

Roberts Debüt »Mood« auf dem spanischen Fresh-Sound-Label beschreibt er selbst noch als Ansammlung düsterer, elegischer Stücke. Wie tief er tatsächlich im HipHop verwurzelt war, zeigte sich spätestens auf »In My Element«, seiner zweiten LP für Blue Note, die nicht nur mit einem genialen Radiohead-/ Herbie-Hancock-Mashup, sondern auch mit einem Interlude zu Ehren J Dillas aufwartete. Auf seinem programmatischen vierten Album »Double Booked« machte Robert seine beiden Leidenschaften explizit zum Thema. Gleichzeitig erzählte es auch die Geschichte divergierender Erwartungshaltungen: Hier das ehemalige Klavier-Wunderkind, das dem angestaubten Genre neue Möglichkeiten aufzeigt, dort der arrivierte, studierte Jazzer, der sich in seiner freien Zeit an so etwas prinzipiell Verachtenswertem wie »erwachsenem« HipHop und »modernem« Soul versucht. Das sei natürlich beides totaler Mist, lacht Robert. Seine Herangehensweise orientiere sich bloß an einem grundlegenden Spaß am Kulturclash und dessen Folgen.

 

Entsprechend angetan war Robert vom unautorisierten Beat-Tape des französischen Producers Dela. Nach anfänglichen Irritationen auf Labelseite – Dela hatte 2010 für sein Bootleg sowohl die Spuren als auch das Cover von »In My Element« umgebaut – traf man sich in Paris. »Das Tape war schon eine Zeit online, als mir die ersten Leute zu meinem dopen Beat-Tape gratulierten. Und ich so: Welches Beat-Tape? (lacht) Blue Note hat bewirkt, dass er das Cover ändert, aber da er es nicht verkauft hat, gab es keine Probleme. Er ist ein cooler Typ und hat mich inspiriert: Ich arbeite gerade an einem offiziellen Beat-Tape mit Remixen von Ali Shaheed Muhammad, Pete Rock und anderen engen Freunden.«

 

 

Wie bei drei Jahren Wohnraummitbenutzung Seite an Seite mit Bilal nicht anders zu erwarten, hat Glasper sich eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit starken Persönlichkeiten antrainiert. Neben seiner Tätigkeit als musikalischer Chef von Mos Defs Live-Band und Q-Tips »Renaissance Man« war er auch an Kanye Wests »Late Registration« beteiligt. »Mit Kanye selbst habe ich nie direkt gearbeitet, aber Mos brachte ihn zu einer meiner Shows, da habe ich ihn im Club getroffen. Jedenfalls hört man mich auf ‘Late Registration’, Just Blaze und ich waren allerdings immer alleine im Studio. Aber alle anderen? Ich hatte nie ein Ego-Problem mit Erykah, Q-Tip, Mos oder Common. Das sind alles nette, wohlmeinende Menschen. Natürlich haben all diese großen Musiker große Persönlichkeiten, ich selbst auch. Aber ey, wir sind schwarze Künstler, wir sind cool mit jedem, bis man uns auf die Nerven geht«, lacht er.

 

»Black Radio« ist nun exakt das stringente, bis ins Detail ausproduzierte NeoSoul-Album, das Robert immer hatte machen wollen. Neben aller Gefälligkeit und der auf unverhohlenen Mass Appeal ausgelegten Produktion zeugt die Platte vor allem von Roberts Fähigkeit, sowohl die eigene Performance als auch die seiner großkopferten Gastvokalisten hinter den Ansprüchen der Songs verschwinden zu lassen. Wenn er beispielsweise gemeinsam mit dem Künstler formerly known als Mos Def das Piano kurzerhand als Percussion-Instrument umfunktioniert und Yasiin der Ältere sich mit Signature-Rhymes und wilden Gesangsschleifen bedankt. Oder wenn Lupe Fiasco für ein opulentes Arrangement samt Bilal-Hook die besten Lines seit Jahren auspackt. Oder Erykah. Oder Musiq Soulchild. Auch Roberts Vorliebe für Gitarrenmusik findet mit einer LoFi- Psychedelic-Version von »Smells Like Teen Spirit« und dem Bowie-Cover »Letter To Hermione« seinen Platz und klingt dabei viel weniger nach Gimmick, als es sich vermutlich liest.

 

In einer seiner letzten Sendungen meldete der scheidende BBC-Radioguru Gilles Peterson schon, dass Robert Glasper genau ein »Black Radio« gebraucht hat, um das nächste Level zu erreichen. Gut möglich, dass er Recht behält.

 

Text: Julian Brimmers