Rin: »Ich mag keine Tattoos, aber würde ich mir eins stechen lassen, wäre es ‚Bietigheim-Bissingen‘.«// Interview

Rin sitzt vor zwei leeren Schachteln Marlboro Gold, in der Hand eine Kippe. »Ich bin Deutschraps Helmut Schmidt«, scherzt er und erzählt von seinem ersten Interviewmarathon. Rin hat ausgeladen: Mit Ausnahme von JUICE ist kein Rapmedium da – »zu viel Schmodder«. Stattdessen klopft heute auch das Feuilleton an, um herauszufinden, was mit diesem Typen ist, der vor zwei Jahren noch in seinem Jugendzimmer in Bietigheim-Bissingen saß, um auf Facebook mit überteuerter Garderobe zu handeln. Im Jahr eins nach »Bianco« ist der Hype real: Die Videos zählen Klicks in Millionenhöhe, an der Wand hängt Shindy-Gold und bei Live-Shows wird Rin, gelinde gesagt, überrannt. Was man in all dem Wirbel glatt vergessen kann: Rins Debüt »Eros« ist das Puzzlestück, das Deutschrap fehlte – 15 Hits zum Mitsingen, mit weniger Zeilen und mehr Leichtigkeit. Wer nicht fühlt, hat Angst.

Das Album-Intro klingt ja nicht so gut gelaunt. Was ist da passiert?
Ja, das kann man verschönt so sagen. Das ist ein Freestyle, den ich betrunken um zwei Uhr nachts aufgenommen habe. Eigentlich wollte ich lyrisch noch mal drüber, aber bei der zweiten Aufnahme habe ich gemerkt, dass das Original viel ehrlicher ist.

Also lieber nicht zu viel über das nachdenken, was man sagt?
Es hängt von der Struktur des Songs ab. Im Gegensatz zum Intro saß ich zwanzig Stunden an der Hook von »Bros«. Manchmal sprudelt es aus mir raus, aber genauso kann ich mich in Lines verheddern. Ich glaube, Zeitaufwand mindert die Echtheit nicht. Und darauf habe ich geachtet: zu hundert Prozent echt zu sein. Und gefühlvoll. Hundert Prozent echte Gefühle, hinter denen ich immer stehen kann.

Auf dem Album gibt es auch einen »Aretha Franklin Freestyle«. Der Song klingt aber gar nicht improvisiert.
Nein, ist er auch nicht. Ich fand’s einfach cool, den so zu nennen. Ich hatte davor Aretha Franklin gehört und war inspiriert. Und dann habe ich so schnell geschrieben, dass es sich anfühlte wie ein Freestyle. Ich habe das runtergeballert, dem Gefühl nach. Der Song steht am Ende des Albums und gibt dem Ganzen noch mal ein Stück Freiheit.

Hörst du viel Soul?
Generell höre ich gerne richtig altes Zeug, Johnny Cash zum Beispiel. Und verrückte deutsche Sachen: »Goldener Reiter«. Ich liebe Welthits.

Ist das Musik, die bei dir zu Hause lief?
Bei meinen Eltern lief original gar nichts. Mein Papa hat höchstens mal im Auto alte kroatische Lieder gehört. Ich weiß gar nicht warum, aber als Kind habe ich trotzdem eine unfassbare Passion für Musik entwickelt. Alles, was damals im Radio lief, habe ich zu hundert Prozent aufgesaugt. Das ist alles noch in meinem Gedächtnis.

Wie kam dann HipHop dazu?
Das erste HipHop-Album, das ich mir selbst gekauft habe, war »Get Rich Or Die Tryin’«. Ich habe das totgehört. Ich konnte kein Wort Englisch und habe in Fantasiesprache mitgerappt. Ich glaube, deswegen höre ich Musik immer noch nach Gefühl, auch wenn ich irgendwann wissen wollte, was mir lyrisch erzählt wird. Mit siebzehn, achtzehn habe ich dann zum ersten Mal angefangen, was zu recorden. Nach einer Freestyle-Session im Park meinte ein Freund, ich solle das mal festhalten. Und auf einmal hatte ich eine Form für mich gefunden. Ich habe mich dann Tag und Nacht kaputtgeschrieben. Es gibt wahrscheinlich eine Million Bars von mir auf Mobb Deeps »Survival Of The Fittest« und zwei Millionen auf Eminems »Role Model«.

»Es gibt Leute, die das, was Ende der Neunziger passiert ist, für authentischer halten als das, was heute passiert. Das finde ich völlig wahnsinnig.«

Erinnerst du dich, worum es damals in deinen Texten ging?
Ich war total auf Technik fixiert. Das waren übelst schlechte Ketten-Zweckreime mit Worten, die gar keinen Sinn ergaben. Auch so englisches, sinnloses Zeug: »Ob du ruletest, ist egal ob du true bist« – das sollte sich damals einfach gut anhören.

Erinnert mich an Deutschrap Ende der Neunziger.
Ey, das ist für mich die dunkelste Ära. Es gibt Leute, die das, was damals passiert ist, für authentischer halten als das, was heute passiert. Das finde ich völlig wahnsinnig. Wieso soll die komplett blinde Eins-zu-eins-Kopie von amerikanischem Neunziger-HipHop authentischer sein als die Kopie von dem, was heute passiert? Diese Diskussion ist doch lächerlich. Ich verstehe, wenn du sagst, dass dir der Sound einfach mehr taugt, dagegen kann man ja nichts sagen. Und natürlich erinnert das viele Leute an ihre Jugend. Aber du kannst dich doch nicht hinstellen und sagen, dass das besser war. Worin denn? Klar, es gibt Alben, die total zeitlos sind: »Ready To Die« ist immer noch unfassbar krass. Aber AZ- oder Onyx-Alben? Finde ich streitbar. Kommt wahrscheinlich darauf an, was man sich von HipHop wünscht.

Was wünschst du dir von HipHop?
Dass er echt ist. Das ist auch mein Anspruch an meine Musik. »Blackout« war der Start davon, dass ich zu hundert Prozent gemacht habe, was ich bin. Und ich binde mich nicht an einen Sound.

Wann hast du deinen Sound geöffnet?
Als ich das klassische Rap-Ding für mich gemastert hatte. Ich glaube, auf einem Track wie »Kommunion« kann man hören, dass ich gut und sauber rappe. Doch das vermittelte mir nicht die Gefühle, die ich in meiner Musik haben wollte. Es hat mich nicht gekitzelt, sondern war ausgelatscht und langweilig. Und dann fing ich an, nicht mehr auf bekannte Beats zu rappen, sondern auf Soundcloud Beats zusammenzuklauen.

Wonach hast du auf Soundcloud gesucht?
Ganz stupide: Ich habe geguckt, wer die Tracks produziert hat, die ich mochte. Dann habe ich bei den Produzenten selbst geschaut und mich durch deren Likes geklickt. Und nach tausend Jahren Suche entwickelst du ein Gespür dafür, welcher von den Artists unter diesen Likes ein Produzent sein könnte. Man hat dann so einen eigenen Algorithmus im Kopf und filtert aus Freundesfreunden die richtigen Leute heraus.

»Ich bin kein Fan von diesem Über-Verkünsteln.«

Ist daraus eine langfristige Zusammen­arbeit entstanden?
Nee, ich habe ja auch einfach geklaut damals. (lacht) Das waren meist viel zu große Produzenten. Und wenn ich mal ein Beat-Paket bekam, dann war da eigentlich nur Schrott drin. Der einzige Produzent, mit dem ich länger in Kontakt stand, war ILoveUPeter. Der macht teilweise so kaputte, bescheuerte Sachen und schickt immer 20-Sekunden-Skizzen. Lustigerweise hat der einfach mal zwei Songs auf dem neuen Lil-Yachty-Album gemacht, nachdem wir zusammengearbeitet haben. Auf »Eros« ist jetzt der Track »Bass« von ihm.

Mit wem hast du noch an »Eros« ­gearbeitet?
Den größten Teil habe ich mit Minhtendo zusammen gemacht. Den kenne ich schon seit Jahren aus Bietigheim. Er hat früher schon mal Beats gemacht, sich dann aber ein paar Jahre aufs Auflegen konzentriert. Irgendwann fing er wieder zu produzieren an und baute innerhalb von zwei Jahren genau einen Beat – daraus wurde »Curtis«. Als es dann ums Album ging, meinte ich zu ihm: »Ey, lass mal Feuer regnen!« Und seitdem sind wir das Dreamteam.

Wie funktioniert so ein Dreamteam?
Mit Minhtendo sitze ich oft zusammen, wenn er Skizzen abschließt und gebe meinen Input dazu: »zehn BPM schneller, die Snare einen weiter und hier noch ne HiHat-Roll, damit das Ganze nicht so statisch ist« – ich mag diese HiHats nicht, die auf die Sechzehntel durchlaufen. Die HiHat ist eigentlich das wichtigste rhythmische Element, das Spiel zwischen HiHats und Snares macht das Ganze erst tanzbar. Das hörst du auch bei jemandem wie Metro Boomin, bei dem du nicht mal mehr Melodien wirklich wahrnimmst. Viele deutsche Produzenten verstehen das leider überhaupt nicht. Die sind Profis in ihrem Fach, aber sie begreifen den Zauber an der Sache nicht. Mir wurden echt einige angeboten, aber ich kann mit denen nicht arbeiten. Die schicken mir ein Beat-Paket, bei dem ich mir denke: Alter, hast du je Musik von mir gehört? Irgendwelche bulgarischen Chor-Samples, völlig überladen, dazu so aufgeblasene Melodien – und dann platzt noch ein gruseliger Beat rein, vollkommen plump und unrhythmisch, mit viel zu lauter Kick und viel zu dicker 808. Dieses ganze Kaputtkomprimieren tötet jeden Vibe.

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