Rick Ross: »Wir haben oft gecyphert, bevor Kanyes Kiefer verdrahtet wurde.«

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The Bawse, Officer Ricky, Rozay: Vom schwergewichtigen Newcomer zu 50 Cents Erzfeind und schließlich zum alleinigen Herrscher über das Maybach-Music-Group-Imperium – ­William Leonard Roberts II hat über die letzten zehn Jahre eine beachtliche Karriere hingelegt. Aber es gab auch eine Zeit, als Rick Ross kaum mehr war als ein Ticker, der sich hobbymäßig seine Sporen als Ghostwriter und Rapper in der lokalen Szene von Miami verdiente. Mit einem Schlag änderte sich das: »Hustlin’« verhalf Ross innerhalb kürzester Zeit zum Superstarstatus. Produziert vom Beatmaker-Duo The Runners aus Orlando, ­stellte sich der mit einem extrem basslastigen Organ gesegnete Rozay der Rapwelt auf dem Track als Highroller und Playboy mit Connections zum panamaischen Diktator ­Manuel Noriega vor. Ein Jahrzehnt später erinnert sich Rick Ross für die JUICE an den wichtigsten Song seines Lebens.

Wann hast du begonnen, dich für HipHop zu interessieren?
Als ich anfing, auf Partys zu gehen. Luke Skywalker [von der 2 Live Crew; Anm. d. Verf.] hatte einen Club namens Pac Jam, als ich noch zur Highschool ging. Das war ein Laden in der Hood. Je nachdem, woher du kamst, standest du in einer bestimmten Ecke des Clubs. Es war raw; ein Ort, an dem Musik von der Straße lief. Eines Nachts war ich dort, als sie einen Rap-Contest veranstalteten, bei dem man einen Plattendeal gewinnen konnte. Der Sieger des Abends hieß Trick Daddy. Ich stand in der Crowd und wusste sofort, dass Trick durch die Decke gehen würde. Die Leute erzählten sich, dass dieser Typ gerade frisch aus dem Knast rausgekommen war und sich jetzt Trick Daddy nannte. Dann ging er auf die Bühne, sagte etwas, und die Crowd drehte durch. Das hat mich beeindruckt.

Hattest du damals schon angefangen zu rappen?
Ja, aber das war nicht mehr als ein Hobby. Ich hatte noch keine Releases.

Auf welche Art von Beats oder Breaks hast du gerappt?
Der allererste Beat, auf den ich je geschrieben habe, war eine Vinylplatte aus der Sammlung meiner Mutter: »Centipede« von Rebbie Jackson. Ich ging damals in die fünfte Klasse und schrieb und schrieb und schrieb.

»Eine unserer Ideen war damals, dass Kanye als Executive Producer für mein Debütalbum fungiert.«

Wann hast du begonnen, HipHop ernster zu nehmen?
Als ich begann, mit anderen Künstlern rumzuhängen. Das Ganze entwickelte sich recht natürlich, bis ich zu dem Punkt kam, an dem ich zum ersten Mal Sessions in einem professionellen Tonstudio buchte. Ich werde das nie vergessen: Das Studio war auf der 57. Straße in Miami, der Besitzer ein cooler Typ, den ich auf der Straße kennengelernt hatte. Wie es das Schicksal so wollte, mietete sich Jahre später regelmäßig Kanye West in diesem Studio ein, wenn er nach Miami kam – zu einer Zeit, als er noch kein Superstar war.

Bist du Kanye je in diesem Studio ­begegnet?
Ja, ich arbeitete damals als Ghostwriter für einige Leute und war zur selben Zeit dort wie er. Ich ging also zu ihm rein, und wir unterhielten uns ein bisschen. Der Künstler, für den er gerade an einem Beat arbeitete, war noch nicht aufgetaucht, also stellten wir uns einfach in die Booth und rappten ein bisschen.

Habt ihr damals Pläne geschmiedet, ­gemeinsam Musik zu machen?
Wir hatten auf jeden Fall Lust dazu. Ich hab ja vorhin die alten Platten meiner Mutter erwähnt. Ich hatte diese alten Soul-Scheiben zuhauf gehört und habe seine damalige Art und Weise zu samplen sehr gefühlt. Er produzierte Beats, die genau auf solchen Soul-Songs basierten. Eine unserer Ideen war damals, dass er als Executive Producer für mein Debütalbum fungiert. Kurze Zeit später hatte er seinen schweren Autounfall, weshalb es nie dazu kam. Aber wir haben oft gecyphert, bevor sein Kiefer verdrahtet wurde.

Wie hast du den Schritt vom Ghostwriter zum Musiker vollzogen?
Damals ging es in den Songs, die aus Miami kamen, nur um diesen Party-Vibe. Ich wollte aber nie solche Musik machen. Als Lyricist kam ich mir vor, als würde ich auf meiner eigenen Insel leben. Das führte dazu, dass Künstler, die nach Miami kamen, an mich verwiesen wurden. Nach dem Motto: Wenn du Hilfe mit deinen Texten brauchst, geh zu Ross. So wurde ich Ghostwriter. Gleichzeitig war mir klar, dass der Schritt zum Solokünstler dauern würde, aber ich merkte, wie meine eigene Karriere langsam Form annahm.

Wie ist »Hustlin’« dann letztendlich ­entstanden?
Als erstes bekam ich den Beat von meinem Homie Josh. Er war damals der Manager von Trina [Dirty-South-Rapperin; Anm. d. Red.] und rief mich eines Morgens an: »Ich hab einen Beat für dich.« Bis ich den zum ersten Mal hörte, vergingen aber noch zwei Wochen, weil ich damals den ganzen Tag auf der Straße rumhing. Aber dann schrieb ich direkt die erste Strophe.

Du hast gerade Trinas damaligen ­Manager erwähnt.
Trina hatte am selben Abend eine Show in Tampa. Ich fuhr also dorthin und sagt dem DJ, er solle den Beat anmachen. Ich hatte zwar nur diese eine Strophe, aber ich ging auf die Bühne und rappte sie. Die Leute in der Crowd starrten mich mit offenen Mündern an. Von da an erzählte ich jedem: »Ich hab nen Hit, ich hab nen Hit!«

 
Nachdem du »Hustlin’« fertig aufgenommen hattest, wo erschien der Track zuerst?
Weil der Song so groß war, wurde er auf haufenweise Mixtapes gefeaturet. Ich war damals auch richtig hart auf meinem Mixtape-Shit. Ich sehe mich seit jeher als einen Fly Dude, einen Typen, der dir was übers Game erzählen kann. So war das auch bei »Hustlin’«.

»Die Crowd drehte aber jedes Mal durch, als würden sie den Track zum ersten Mal hören. Der Bawse war definitiv im Gebäude.«

Wann war dir klar, dass »Hustlin’« ein Hit wird?
Als ich zum ersten Mal 750 Dollar für einen Auftritt bekam. Das passierte nur, weil ich einen richtigen Song hatte, den die Leute kannten. Ich hatte davor schon andere Gigs gespielt, oft wurde ich auch einfach wegen meines Namens und meines Rufs auf der Straße gebucht. Aber bei diesem Booking wurde mir klar: Okay, ich hab einen Song, der funktioniert, und deswegen hat mich jemand für 750 Dollar gebucht.

Ging es dir ums Cash oder darum, dass man dich als Künstler wahrnahm?
Es ging mir nicht ums Geld, ich fuhr zu dem Zeitpunkt schon einen BMW 7er. Mit dem Wagen kam ich auch zum Gig. Wichtig war, dass ich dafür bezahlt wurde, einen Song zu performen, den die Leute hören wollten. Das hatte ich nur meinem Talent zu verdanken. Ich hatte diesen Scheiß in einem dunklen Zimmer geschrieben, jetzt wollten sie, dass ich mich auf die von Scheinwerfern ausgeleuchtete Bühne stelle und den Song rappe. Das fühlte sich gut an, Mann!

Welche Erinnerungen hast du an die Club-Auftritte aus dieser Zeit?
Es gab diesen Club namens VIP auf der 79. Straße. Wer sich mit dem Nachtleben in Miami auskennt, wird sich jetzt wundern: »Damn, Ross war in dem Schuppen?« Das war ein Laden, in dem ich nicht wirklich viel rumhing, weil die abgefucktesten Bitches dort verkehrten. Die Leute koksten dort öffentlich, sogar die Securitys genehmigten sich ab und zu ein Näschen – so ein Laden war das. Aber wenn »Hustlin’« lief, dann waren alle auf demselben Film. Als ich den Song dort live performte, habe ich ihn bestimmt vier oder fünf Mal gespielt. Die Crowd drehte aber jedes Mal durch, als würden sie den Track zum ersten Mal hören. Der Bawse war definitiv im Gebäude.

Nachdem »Hustlin’« auf lokaler Ebene funktionierte: Wie hast du es geschafft, daraus einen weltweiten Hit zu machen?
Mir war klar, dass der Song durch die Decke geht, aber ich habe nie Marketing in bestimmten Gegenden betrieben oder so was – außer vielleicht in Houston. Das war nämlich die erste Stadt, wo ich 50.000 Dollar für eine Show bekommen habe. Houston hatte Liebe für mich, und ich mochte Houston seit jeher. Ich war immer Fan von UGK, Too Much Trouble und Scarface gewesen. Später habe ich aus Prinzip mit Independent-Künstlern wie Trae The Truth gearbeitet, weil ich wusste, dass er sich einen Namen machen würde und ich ihn pushen wollte. So oder so geht es nicht darum, auf einen bestimmten Markt abzuzielen. Es geht darum, dass die Leute deine Vision verstehen und denselben Vibe haben. (denkt nach) Mann, ich liebe »Hustlin’« – der Song steht einfach für mich. ◘

Text: Phillip Mlynar
Übersetzung: Jakob Paur

Dieses Interview ist erschienen in JUICE #173 – jetzt am Kiosk oder hier versandkostenfrei bestellen.JUICE 173