Rattos Locos

 

Rattos-Locos

 

Der Traum vom eigenen Label. Wie oft wurden schon mit einem Haufen Drogengeld und bescheidenen Kenntnissen im betriebswirtschaftlichen Bereich halbdurchsichtige ­Strukturen geschaffen, denen es vorne und hinten an allem mangelte. Die Folge waren krude Beleidigungs­tiraden als Promo-Strategie und eine fragwürdige Selbsteinschätzung ­bezüglich der Stellung im hiesigen Indie-Dschungel. Den Durchbruch schafften von den Gang-Labels nur wenige, etwa die Vorreiter von Aggro Berlin oder das Düsseldorfer Label Selfmade ­Records. Ansonsten: Fehlanzeige. Wären da nicht Rattos Locos Records aus Hamburg, die mit einem interessanten Roster an Künstlern und gut durchdachten Moves ihren Schützling Nate57 mit seinem Debüt »Stress aufm Kiez« im vergangenen Jahr auf einen beachtlichen 37. Platz beförderten. Telly Tellz legte mit seinem Mixtape »Mischlingskind« nach. Jetzt warten Reeperbahn Kareem, Boz und Babacan ebenfalls darauf, sich endlich einem größeren Publikum vorzustellen. Ein Besuch im Hamburger Karoviertel.

 

 

Treffpunkt für das JUICE-Fotoshooting ist die berühmte Balduintreppe am Hamburger Hafen. Hier sollen die Künstler des Labels vor typisch hanseatischer Kulisse abgelichtet werden. Am Fuß der Treppe befindet sich das »Ahoi«, jene legendäre Kiez-Eckkneipe, in der einst Open-Mic-Sessions stattfanden. »Ich war früher oft hier«, lacht Oswald »Blacky White« Achampong. Der 30-jährige Produzent hat Rattos Locos Records vor gut drei Jahren im Alleingang gegründet und das Album seines Bruders Nate57 fast vollständig mit Beats bestückt. Reeperbahn Kareem lässt den Blick über den Hafen schweifen. »Im Sommer lungern die ganzen reichen Typen hier rum. Denen kannst du alles ­verkaufen: Gras, Pulver, sonst was.«

 

Auf dem Weg vom Kiez ins Karoviertel, wo das Studio liegt, kreuzen immer wieder unzählige Menschen in brauner Kluft den Weg der RL-Member und begrüßen sie euphorisch. Man merkt schnell: Nate, Telly und der Rest sind keine Unbekannten auf dem Kiez. Die Fans schwenken die Fahnen mit den charakteristischen Totenköpfen und tragen die traditionellen Farben des Fußballclubs FC St. Pauli, jenem Verein, dessen Charakter sich im Laufe der Jahre von dem des einfachen Kickerkollektivs mit Hafenarbeiterbackground hin zum rebellisch-autonomen Outsiderverein der Liga gewandelt hat. An diesem Mittwochabend im Februar trifft St. Pauli auf den Lokalrivalen Hamburger SV. »Heute spielt unser Viertel gegen die ganze Stadt«, grinst Nate. Und auch wenn weder er noch einer der anderen sich das Spiel im Stadion ansehen wird, darf man diesen Satz durchaus symbolisch verstehen.

 

Das Studio von Rattos Locos Records befindet sich in der Zwei-Zimmer-Wohnung von Blacky White. Vor der Wohnungstür hängen drei Poster an der Wand: Bob Marley, Tupac Shakur und Nate57. Im Studio selbst pflastern Poster mit Abbildungen des Quintenzirkels, der Harmonielehre und des Frequenzbereiches die Wände. Man merkt schnell: Blacky meint es ernst mit der Musik. »Ich hatte mich schon lange mit der Idee beschäftigt, ein Label zu gründen. Das sollte keine halbgare Sache sein. Wir hatten direkt alles am Start, seien es Logos, Vertrieb oder Strukturen.« Das notwendige Wissen holte Achampong sich an der ebam-Akademie, wo er einen Lehrgang zum Musikbusiness-Manager absolvierte. Den musikalischen Background ergänzte er um ein paar Seminare an der SAE Soundschool in Hamburg.

 

 

»Ganz am Anfang waren es nur Nate und ich. Recht schnell kam Telly dazu und nach einem Jahr sind auch noch Kareem, Boz und Babacan dazugestoßen«, schildert Blacky White die Entwicklung des vergleichsweise jung aufstellten Labels. »Dass meine Künstler noch so jung sind, ist definitiv ein Vorteil. Wir sind flexibel, alle stecken ihr Herzblut in die Sache. Ich kenne auch den Frust der älteren Generation. Irgendwann kommt der Punkt, an dem die Künstler ihren Glauben verlieren, weil es nicht mehr nach vorne geht. Wir sind alle noch heiß. Das musst du auch sein. Denn Deutschland braucht frisches Blut in Sachen Musik.« Getrocknete Mangostückchen machen die Runde, in der Luft liegt der süßlich-schwere Duft von Marihuana.

 

Im stetig schwächelnden Genre Straßenrap von Szenegrößen, Fans und Kritikern gleichermaßen zum erfrischenden Novum erkoren, schaffte es das Debütalbum von Nate57 auf einen beachtlichen Platz 37 der deutschen Albumcharts. Wurden da Erwartungen erfüllt oder gar mit einem Charteinstieg gerechnet? »Mir hätte schon der 100. Platz gereicht«, lacht Nate. »Natürlich habe ich ab und zu auf die Trendcharts geschielt. Da konnte man sich schon denken, dass es einsteigen wird. Als die Zahlen feststanden, habe ich mich natürlich wahnsinnig gefreut. Man weiß jetzt, dass die Leute zuhören – nicht nur die Hamburger, sondern Leute in ganz Deutschland. Das führt man sich mittlerweile schon vor Augen.«

 

Zuletzt lag der Fokus im Hause Rattos Locos auf Boz und Telly Tellz. Letzterer dokumentiert auf seinem »Mischlingskind«-Mixtape das Leben zwischen zwei Welten: Der 21-Jährige ist Sohn einer deutschen Mutter und eines Vaters aus Guinea. Dessen Heimatland hat er zuletzt vor elf Jahren besucht. »Das ist viel zu lange her. Es ist dort einfach schöner als in Deutschland. Vor allem, was die Herzlichkeit der Menschen angeht. Ich meine, das ist Afrika«, lacht er. »Hier sind das Klima und die Menschen kälter, jeder denkt nur ans Arbeiten. Dort ist alles lockerer.« Vielleicht ein Grund, warum es Telly nie lange in Deutschland hielt.

 

Als Jugendlicher nahm er an einem Austauschprogramm seiner Schule teil und lebte ein Jahr lang bei einer Latino-Familie in den USA. Sein Traum: Profi­-Basketballer in der NBA zu werden. »Ich wollte immer schon nach Amerika. Auch wenn das mit der Basketball-Karriere nichts geworden ist, war es war derbe geil dort. Es ist gut, wenn man seine Persönlichkeit von verschiedenen Kulturen prägen lässt.« Den markanten und charakteristischen Flow von Nate57 kreuzt Telly auf »Mischlingskind« folglich mit seinen ganz eigenen Geschichten und vor allem auch deutlich elektronischeren Beats. Eine Tendenz, die schon beim legendären »Freitagsbombe«-Video auf YouTube zu erkennen war. Telly Tellz als Vorreiter des deutschen Grime? Er lacht: »Ich mag Grime, aber eben nicht ausschließlich. Am Ende des Tages ist das, was ich mache, einfach deutscher HipHop.«

 

 

Der älteste Rapper im Bunde ist Boz. Manch einer dürfte den 26-Jährigen noch aus seiner Zeit als Battlerapper in der RBA kennen. Die Internetplattform bot auch schon Kollegah und JAW die Möglichkeit, sich im direkten Vergleich zu behaupten. »Ich habe dieses RBA-Ding aber nie wirklich ernst genommen. Damals ging es noch nicht um Können, sondern darum, dass man krasse Reime benutzt«, so der Hanseat. Und auch wenn seine aktuelle »Farben«-Download-EP ­keinesfalls den typischen Battle-Charakter des Internet-Rappers aufweist, lässt sich die RBA-Schule doch nicht von der Hand weisen. Ein Talent für saubere Reime und Flows kann Boz nämlich ebenso wie ein beachtliches Taktgefühl und ein cleveres Händchen bei der Beatauswahl (Sinch, HookBeatz oder T-No) attestiert werden.

 

 

Machte Boz seine ersten Gehversuche im Internet, ist es mit Babacan wohl der jüngste der Rattos, der den klassischen Weg der Rap-Sozialisierung ging. »Meine ersten Reime habe ich mit zwölf im Jugendhaus geschrieben«, erinnert sich der heute 17-Jährige. »Kurz darauf habe ich die anderen Jungs kennen gelernt.« »Der kann sich gut bei uns behaupten«, lacht Nate. »Er heißt ja nicht umsonst Babacan.« Das Präfix Baba ist schließlich das arabische Wort für »Papa«. Telly ergänzt lachend: »Der ist schon fast überentwickelt.« Gemeinsam mit Reeperbahn Kareem ging Can zur Schule – ging, wohlgemerkt. Ein Umstand, den er in seinem Song »Schule« verarbeitet: »Ich will weder denen noch mir komplett die Schuld geben«, überlegt er. »Wenn jemand korrekt mit mir umgeht, dann trete ich ihm genauso korrekt gegenüber. Aber das ist nie passiert.« Mit »Augenblick« ist Anfang des Jahres sein erstes Video erschienen. Verhältnismäßig ruhige Töne für einen, der den ersten Bildungsweg schon dann ausschlägt, wenn es eigentlich noch nicht ganz zu spät ist. »Ich wollte nicht den bösen, aggressiven Kanaken mimen – obwohl ich dafür natürlich auch stehe«, lacht er. Nicht umsonst geht Can in seiner Freizeit boxen und nutzt den Kampfsport als Ventil.

 

Labelkollege Reeperbahn Kareem hat sich für die Thaibox-Variante entschieden, geht regelmäßig trainieren und hat schon zahlreiche Wettkämpfe gewonnen. Hört man sich sein Mixtape »Am Rande der Gesellschaft« an, versteht man, warum er den Ausgleich braucht. »Ich bin derbe emotional und kann mit meiner Meinung nie hinterm Berg halten. Egal, ob das jetzt etwas Positives oder etwas Negatives ist. Ich würde mir auch falsch vorkommen, würde ich das nicht laut sagen«, sprudelt es aus dem 23-Jährigen heraus. »Natürlich kann das Vor- und Nachteil sein. Vielleicht erreichst du deine Ziele so schneller. Aber es gibt Tage, da haue ich meine Einrichtung kaputt, weil ich meine Fernbedienung nicht finde oder weil mir ein Blättchen fehlt. Das ist unnötig, Digger, und das merke ich auch.« Er unterbricht für einen kurzen Zug am Joint. »Ich versuche, das ganze Leben abzubilden.« Sein Bruder Boz merkt an: »Liebe und Hass – das sind eben die zwei stärksten Emotionen.«

 

Man merkt schnell: Diese Jungs meinen es ernst. »Viele deutsche Rapper verstehen die Musik einfach falsch«, fährt Nate fort. »Die sehen das als Mittel zur Profilierung oder etwas, womit man schnelles Geld machen kann.« Kareem ergänzt: »Musik ist das Wichtigste in meinem Leben.« Aber was bedeutet Geld für die Hamburger? »Mittel zum Zweck«, so Telly. »Leider auch Freiheit«, konstatiert Nate, ehe Kareem zum Monolog ansetzt: »Geld ist der Tod für uns alle, Digger. Es hat uns alle schmutzig gemacht. Wie viele würden für Geld töten? Wie viele würden ihre halbe Familie für Geld verkaufen? Natürlich bist du unabhängig und vielleicht auch glücklicher, wenn du Geld hast. Aber was für mich viel wichtiger ist, sind soziale Strukturen. Geld kann dich richtig ficken, Mann! Ich kenne Leute, die fühlen sich ohne Geld, als wären sie nichts wert. Und ich bin froh, sagen zu können, dass ich mit 500 Euro pro Woche genauso wie mit 50 Euro leben kann, wenn es hart auf hart kommt, weißt du?« Blacky White ergänzt: »Die ungerechte Verteilung des Geldes ist auch ein wichtiger Grund dafür, dass es uns überhaupt gibt. Sonst wären wir gar nicht so groß geworden.« ­Bestätigendes Kopfnicken in der Runde.

 

Der Zusammenhalt im Hause Rattos Locos ist stark – nicht nur, weil sowohl Blacky White und Nate als auch Kareem und Boz Brüder sind. »Wir sind das einzige Label, dass zwar einen gemeinsamen Nenner, aber fünf ganz verschiedene Künstler mit eigenem Stil hat.« Telly fügt an: »Jeder von uns hat seine eigene Stärke, während bei anderen Labels meist ein Künstler im Vordergrund steht.« Ein ernst zu nehmender Aspekt: Immer wieder betont Blacky White, der Birdman der Rattos Locos, dass es bei ihnen kein Zugpferd gibt. Er will deutlich machen, dass es hier nicht so läuft wie bei anderen Indie-Labels, wo um den mal mehr, mal weniger talentierten Frontmann ein kruder Haufen Weedcarrier gruppiert wird. »Wir haben eine ganz andere Herangehensweise. Wir haben von Anfang an alles selbst gemacht. Jeder bringt sein Herzblut ein, sonst würde das auch gar nicht funktionieren. Bei anderen Labels war zu Beginn sicher mehr Geld im Spiel. Wir passen uns eben den heutigen Gegebenheiten im Musikgeschäft an – so etwas läuft heute ja komplett anders ab als früher. Ein Label 2.0 quasi«, so Blacky White.

 

 

Am Anfang erledigte er den Papierkram alleine. Mittlerweile teilt er sich die Arbeit mit Labelmanager Stavros. Für die hohe Qualität der Videos zeichnet Regisseur Muhammed Ali verantwortlich, während Grafiker Goran sich um die Logos kümmert. Jeder hat seinen Aufgabenbereich. Bald soll es in ein größeres Studio gehen. Außerdem werden Büro- und Lagerräume angemietet, um den Shop weiter voranzutreiben. »Jetzt, wo die Basisarbeit geleistet ist, geht es darum, die Grundstrukturen zu festigen und das Ganze langsam größer zu machen – gesundes Wachstum war von Anfang an unser Motto«, betont Blacky. Für die nahe Zukunft ist ein neues Mixtape von Nate57 geplant – ganz in der Tradition seiner ersten Veröffentlichungen mit einer Mischung von bekannten und selbst produzierten Instrumentals. Außerdem sind EPs von Kareem und Babacan sowie ein Boz-Album in der Mache, und der erste Labelsampler wartet ebenfalls auf ein Release. Die Nachfrage ist da.

 

Was inhaltlich auffällt, ist die links orientierte, rebellische Färbung der Texte. Die Rattos Locos dokumentieren nicht nur, wie es ist, sondern fordern Veränderung. Woher kommt diese Tendenz? »St. Pauli«, sind sich alle einig. »Das hier war ein autonomes Viertel«, erklärt Kareem. »Die sind hier alle linksradikal und haben derbe politische Bildung. Wenn du hier aufwächst, schaust du automatisch hinter die Fassaden von diesen ganzen Blendern. Du hörst, was die Alten dir erzählen und durchblickst das alles sehr schnell.« Dennoch wird immer wieder auch ein Vorwurf laut: In ihren Texten trifft Gesellschaftskritik und die Forderung nach Toleranz auf Gewaltbereitschaft und den Wunsch nach schnellem Geld. »Aber du wirst ja nicht gewaltbereit geboren«, entgegnet Kareem, und Boz ergänzt: »Die Einflüsse um dich herum machen dich zu dem Menschen, der du bist. Zeig mir den vernünftigsten Typen und er wird beißen, wenn er beißen muss.«

 

 

Wäre Auswandern eine Option? Telly ist zwiegespalten: »Deutschland ist von der Mentalität her ganz anders und etwas schwieriger. Aber es ist vom finanziellen Aspekt her einfacher, hier zu leben.« Nate ergänzt: »Wenn du hier kein Geld hast, hast du trotzdem Essen. Das ändert aber nichts daran, dass ich hier sofort abhaue, wenn ich genug Geld zusammen habe.« Kareem ist sicher: »Digger, ich würde Hamburg niemals komplett verlassen – ich liebe diese Stadt, hier ist mein Zuhause.« St. Pauli hat die fünf Rapper von Rattos Locos geprägt. »Das ist der Spiegel der Gesellschaft«, findet Kareem.

 

Tatsächlich treffen Arm und Reich, Spaß und Frust in diesem Schmelztiegel von Kulturen und Nationen sehr direkt aufeinander. Ein interessanter Mikrokosmos, in dem andere Gesetze gelten als im Rest von Deutschland. Es fallen Begriffe wie Ehre, Respekt oder Loyalität. »Ehre heißt für mich, dass du, egal was du machst, nachts noch gut schlafen und morgens in den Spiegel gucken kannst«, findet Kareem. Für so eine klare Definition gibt es dann schon mal Applaus aus den Reihen der Labelkollegen. »Diese Werte sind aber leider verloren gegangen«, bemängelt Nate. »Denn es geht nicht nur darum, ­Respekt zu bekommen, sondern auch welchen zu geben«, ergänzt Boz. Der wichtigste Begriff ist in seinen Augen aber Loyalität. »Wir heißen ja nicht umsonst Rattos Locos«, erklärt Blacky White. »RL – das steht für beides, für Respekt und Loyalität.«

 

Text: Jan Wehn
Fotos: Niculai Constantinescu