Raekwon: »Ich bin immer noch authentisch bei der Sache und gebe euch Qualitätsarbeit.«

Raekwon
 
Als Chef hat man es schon nicht leicht: Da legt man 1995 mit »Only Built 4 Cuban Linx« ein Ausnahmedebüt hin und wird folglich sein Leben lang immer wieder auf ebenjenen Klassiker reduziert. Zwanzig Jahre lang versucht Raekwon nun schon, mit anderen Veröffentlichungen auf sich aufmerksam zu machen; zuletzt gelang es ihm ironischer ­Weise mit dem – zugegebenermaßen sehr gelungenen – Recycling seines Einstands »Only Built 4 Cuban Linx … Pt. II«. Klar, dass man früher oder später Abstand von dem Stern nehmen möchte, der die eigene Karriere überstrahlt. Also macht sich Raekwon nun mit »Fly International Luxurious Art« (kurz: »F.I.L.A.«) daran, neue Ausrufezeichen zu setzen. JUICE sprach mit dem Mann, der schon mit seinem allerersten Verse auf Wu-Tang Clans »C.R.E.A.M.« die HipHop-Welt revolutionierte, über sein neues Album, Social Media und Urheberrechtsstreitigkeiten sowie Kunst und griechische Mythologie.
 
Du hast in letzter Zeit viel zu afrikanischer und indianischer Kunst bei Instagram gepostet, außerdem zu Architektur und Uhren. Das scheint dich aktuell zu faszinieren, oder?
Ich zeige den Leuten einfach Sachen, die sie inspirieren sollen – nutzt euren Verstand und euer Bewusstsein! Außerdem bin ich ein großer Fan von Armbanduhren. Das ist mir gerade lieber, als Chains oder Ringe zu tragen. Ich möchte euch Leuten einfach »fly stuff« zeigen, so heißt schließlich auch das Album: »Fly International Luxurious Art«. Also gebe ich euch Zeug, das »fly« ist, ich kann euch »international places« zeigen, ich zeige euch »art« und schließlich »luxurious stuff«. Und ich weiß, wie wichtig die Sozialen ­Medien sind, wenn es darum geht, ein Projekt zu promoten. Mein Geist fühlt sich reich, mein Herz fühlt sich reich – und diese Bilder sollen euch zeigen, wo ich heute bin und wie ich mich fühle.
 

 
Apropos Soziale Medien: Wie wichtig sind die für dich heutzutage?
Die sind sehr wichtig geworden, wo wir uns doch jetzt in einer digitalen Ära befinden, in der wir durch diese Art von Mechanismen miteinander kommunizieren müssen. Auf ­diese Weise lernen wir mehr voneinander und uns besser kennen. So kann ich mit meinen Fans interagieren, weiß, was sie mögen und was nicht, sehe ihre ­Meinungen zu bestimmten Themen und kann sie immer darauf aufmerksam machen, was mit ­Raekwon abgeht.
 
In einem Interview, das du 2010 mit JUICE geführt hast, wurdest du auch zur Zukunft von Hiphop befragt. Damals hast du gesagt, dass dir größtenteils gefiele, was die Jugend so ­fabriziere, dass dich aber störe, dass Glamour inzwischen wichtiger geworden sei als Skills, obwohl nur Skills zu wahren Klassikern führen. In einem aktuelleren Statement zu »F.I.L.A.« hast du nun jedoch erklärt, dass das neue Album »eine Ode an deine stylische Seite« darstelle und dass es »Elemente von Glamour, Lifestyle und Fashion« beinhalte. Sind also die Skills auf der Strecke geblieben, oder wie kam es zu diesem offensichtlichen Wandel deiner Ansichten?
Es haben sich eben ein paar Dinge verändert. Ich stehe nach wie vor hinter allem, was ich damals gesagt habe: Es ist immer noch wichtiger, Skills zu haben und sie in einem stimmigen Konzept anwenden zu können. Aber ich male verschiedene Bilder, um euch mit jedem Album eine andere Seite von mir zu zeigen. Ich bin zu einem Meister gereift, nachdem ich erst als Praktikant mein Lehrgeld gezahlt habe, um nun schlussendlich der Eigentümer einer großen Firma zu sein. Und wie bin ich da hingekommen? Durch ständige harte Arbeit, dadurch, dass ich euch all die Jahre immer mein Bestes gegeben habe. Nun habe ich einen gewissen Grad an Bequemlichkeit, an Ungezwungenheit erreicht, der es mir erlaubt, auch mal was anderes auszuprobieren und im Reinen mit mir zu sein. Versteh mich nicht falsch: Ich bin nicht zufrieden, ich bin bloß entspannter. Du kriegst zwar immer noch den düsteren Kram, den du an mir lieben gelernt hast, aber jetzt eben auch ein paar hellere Stimmungen, zu denen du dich beispielsweise schick machst, bevor du feiern gehst. »F.I.L.A.« hält viele tolle Geschichten parat und natürlich auch große Lyrik. Für mich sind die Lyrics etwas, womit ich geboren wurde, darum bin ich immer in der Lage, so zu schreiben, wie ich eben schreibe, weil ich glaube, dass die Worte bereits in mir eingepflanzt sind.
 
Alle reden ja immer davon, was für ein großer Lyriker in dir steckt, du betonst jedoch stets, dass du lediglich davon erzählst, was sich vor deinen Augen abspielt. Siehst du dich noch als »Street Narrator« aus dem Ghetto, oder spielen sich vor deinen Augen mittlerweile andere Dinge ab?
Mein Leben hat sich über die Jahre zum Guten gewendet. Ich lebe nicht mehr so, wie ich damals gelebt habe. Trotzdem bin ich ein Mann, der seine Vergangenheit und seine Herkunft respektiert. Man sagt, dass, wenn ein Mann nicht weiß, wo er herkommt, er auch nicht weiß, wo er hingehen wird. Ich weiß, wie sich der Struggle angefühlt hat, aber ich habe hart gearbeitet und mache meinen Job, um mir und meiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Ich habe drei Kinder und will nur das Beste für sie. Ich will ein guter Vater sein. Also gehe ich raus, mache Musik und arbeite mir den Arsch ab. Alles, was ich tue, mache ich für meine Kinder.
 

 
Du sagtest im Vorfeld, dass bei dir jedes Album anders ist. »F.I.L.A.« macht auf mich den Eindruck, als wäre die Platte der Versuch, ein größeres Publikum zu erreichen. Das führt mich zur Frage, ob ein waschechter Underground MC wie du im Radio, in den Charts, im Mainstream funktionieren kann.
Bislang war es nicht so entscheidend, ob meine Songs im Radio liefen. Aber Radio ist heute eh anders: Es ist politisch, viele Firmen bezahlen viel Geld, um Slots zu kaufen und ihre Produkte im Radio zu platzieren und Einfluss auszuüben. Aber ich? Ich bin immer noch authentisch bei der Sache und gebe euch Qualitätsarbeit. Wenn dann jemand meine Songs auswählt, um sie im Radio zu spielen, dann ist das cool. In den letzten zwanzig Jahren habe ich es gut ­hinbekommen, ohne das Radio zur lebenden Legende zu werden. Ich habe nun aber auch kein Problem damit, mich dem ein wenig zu öffnen, um die Massen zu erreichen. Denn das ist es, wofür ich konzipiert wurde.
 
Aber wenn man mal jemanden wie will.i.am nimmt, den ich unglaublich gefeiert habe, als die Black Eyed Peas noch in ihren Anfangstagen waren. Jetzt ist er Mainstream und ich kann ihn mir nicht mehr anhören. Hast du keine Angst, dass deinen Fans das ähnlich gehen könnte?
Man kann nie alle zufriedenstellen. Die Leute wissen, dass ich aus dem Underground komme, und wenn du populär wirst, bist du Mainstream. Was willst du also machen? Ich glaube, was mich verletzen würde, wäre, wenn Leute sagen würden, dass Rae nicht mehr der Gleiche ist wie früher. Denn ich bin immer noch ich. Wenn jemand den Eindruck hätte, ich hätte mich verändert, dann würde ich das hinterfragen. Aber wenn Leute sagen, dass meine Musik Müll ist? Ihre Meinung. Auf zehn Leute, die mich mögen, kommen immer auch welche, die mich ­hassen. Aber das macht mich nur stärker.
 
Einige Singles sind bereits vor Album-veröffentlichung erschienen. Der wunderbar selbstreferenzielle Song »A Rainy Day« sowie der Kollabotrack »Call Of Duty« mit Ako haben es nicht auf die Platte geschafft. Warum?
Es gab leider Sample-Probleme, sodass wir uns mit Mahnungen ­auseinandersetzen mussten. Letzten Endes haben wir die Samples nicht geklärt bekommen. Manchmal geschehen eben solche Sachen. Das ist leider nicht zu ändern.
 
Auf dem Albumcover bist du als Mix aus Sphinx und Markuslöwe dargestellt – mit Löwenkörper, Flügeln und deinem menschlichen Gesicht. Warum?
Die Flügel sind zum einen eine Referenz an den Wu-Tang Clan und deren Wings Of Life, die auf den Konzerten immer hochgehalten werden, sollen zum anderen aber auch symbolisieren, dass ich mich auf einem dermaßen kreativen Hoch befinde, dass mir sogar Flügel gewachsen sind. Und du weißt doch selbst: Wir vom Wu-Tang Clan werden als Pharaonen angesehen, als lebende Götter – das wollte ich auf dem Cover widerspiegeln. Zudem beschützt eine Sphinx die Götter, und so sehe ich mich im Wu-Kosmos auch: Ich würde alles tun, um das zu beschützen, was wir uns aufgebaut haben.
 
Wir leben in ziemlich turbulenten Zeiten mit all den Rassenunruhen, die nicht nur, aber besonders in den USA einen neuen Höhepunkt erreicht haben. Bist du von diesen schrecklichen Ereignissen künstlerisch beeinflusst worden?
Es macht mich traurig zu sehen, wie diese ganze Dummheit um sich greift. Musikalisch verarbeitet habe ich all das aber nicht – dafür finde ich es zu enttäuschend. Meine Rolle als Künstler sehe ich eher darin, Musik abzuliefern, die dafür sorgt, dass ihr Spaß habt. Ich möchte euch auf eine Reise mitnehmen, um all dem entfliehen zu können. Machtlos sind wir eh. Alles, was wir tun können, ist beten, dass die Menschen, die wir lieben, verschont bleiben und sich selbst keinen Schaden zufügen. Es tut mir zwar weh, zu sehen, was da draußen passiert, aber ich muss weitermachen und versuche, Freude zu verbreiten.
 

 
Wieso funktioniert die HipHop-Kultur nicht mehr als Bindeglied, das die Menschen eint, wie du es mal in einem Interview mit dem amerikanischen Autor Peter Bailey dargestellt hast?
Weil die Menschen heutzutage nur noch an sich selbst denken. Es geht nur noch ums Ego. Es gibt leider mehr ignorante Menschen auf der Welt als kluge. Ich kann nur versuchen, meinen Teil dazu beizutragen. Meine Freunde sagen über mich, dass ich gescheit sei, belesen, dass die Menschen von mir lernen, wenn sie mit mir abhängen. Insofern versuche ich, den Menschen um mich herum immer gute Ratschläge zu geben und träufele auch mal ein bisschen Glitzer mit drauf, wenn ich merke, dass die Menschen das hören wollen. Aber ich kann nicht beeinflussen, was die Menschen letztlich daraus machen. Ich meine: Klar, auch ich bin manchmal schwierig und habe meine Schattenseiten. Aber diese Seite möchte ich nur ungern promoten, daher versuche ich, in Interviews wie diesem bescheiden und respektvoll zu sein – um dadurch auch wieder anderen Menschen als Vorbild zu dienen.
 
Vor einigen Jahren bist du zum Islam konvertiert, weil du dich frei fühlen möchtest, wie du mal in einem Interview gesagt hast. Aber ist denn nun nicht das genaue Gegenteil der Fall, wenn Gruppierungen wie der IS, der den Nahen Osten terrorisiert, und Boko Haram durch ihre grausamen Aktionen ein komplett falsches Bild des Islam in der westlichen Welt zeichnen?
Ja, das ist tatsächlich ein Problem, weil die Menschen denken, darum gehe es beim Islam. Im Islam geht es aber darum, positiv zu sein, seine Sünden wieder gutzumachen; es geht darum, sich selbst kennen zu wollen und das Bewusstsein zu haben, dass eines Tages über dich gerichtet wird. Was auch immer in den Köpfen dieser von dir erwähnten Leute vorgehen mag, die denken, dass es der richtige Weg sei, radikal zu sein: Das ist einfach eine schlimme Perversion von grenzenloser Ignoranz – und so läuft der Islam nun mal nicht. Man fügt doch keinen unschuldigen Menschen Schaden zu und missbraucht dann auch noch den Islam dafür, indem man hinausposaunt, im Auftrag der Religion zu handeln. Man kann Hass nur mit Liebe töten, so habe ich es von meinen Lehrern beigebracht bekommen. Der Islam ist ein Segen für das Leben, und die meisten Menschen wissen das auch. Aber es gibt eben auch immer die anderen, die es nicht anders kennen, weil sie so großgezogen wurden. Aber das kann ich leider nicht kontrollieren, Bro. Ich wünschte, ich könnte.
 
Fühlst du dich denn jetzt frei?
Ja. Ich fühle mich gut. Ich möchte die Welt mit meiner Musik ein bisschen glücklicher machen und etwas hinterlassen, wenn ich mal nicht mehr da bin. Das geht nur, wenn du dich frei fühlst in deinem Geist. Ich fühle mich gut wie nie zuvor. Es gibt eine Menge Leute da draußen, die nicht mal die Hälfte dessen besitzen, was ich habe, und sie machen dennoch das Beste daraus, lieben sich selbst und ihre Umgebung. Man muss einfach auf sich und die anderen aufpassen, und dann wird das schon wieder. ◘
 
Text: Pat Cavaleiro