Prinz Pi: »Ich verdrehe die Worte so, dass sie am Ende Waffen sind.« // Titelstory

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Der »Kompass ohne Norden« hat Prinz Pi 2013 erstmals an die Spitze der deutschen Albumcharts geführt, und ein Jahr später hat er sich auch unter seinem Alter Ego Prinz Porno dort eingenistet. Es müsste also schon mit dem Teufel zugehen (und der lauert bekanntlich überall), wenn die Pole Position der deutschen Albumcharts nicht auch mit der neuen Platte zu knacken wäre. Darauf behauptet Pi zwar, es gebe »Im Westen nix Neues«, aber auch wenn der 36-jährige Berliner ansonsten gerne Real Talk betreibt, geht das als glatte Lüge durch. Obwohl: Es kommt darauf an, welche Kriterien man dafür heranzieht. Immerhin ist dieses Mal wieder Pis langjähriger Produk­tionspartner Biztram mit an Bord, es wird weiterhin fleißig Keine Liebe gespreadet und grundlos rebelliert. Wir sprachen mit Pi über das Platzen von (amerikanischen) Träumen, Thuggin’ in Detroit und den Kampf gegen ­Krisen.

Du warst vor kurzem in Detroit, wo ihr Videos und Fotos gemacht habt. Warum Detroit?
Die Entscheidung, dort hinzufahren, war der zentralen Frage des Albums geschuldet. Die lautet: Ist der westliche Lebenstraum, den wir von Hollywood eingeimpft bekommen haben, in Erfüllung gegangen? Und daran schließen sich weitere Fragen an: Haben wir die eine große Liebe gefunden mit der wir happily ever after leben? Können wir nach jahrelanger schwerer Arbeit auch den Erfolg dafür mit mehr Geld einheimsen? Und macht es uns glücklich, was wir am Ende dafür kaufen können? Ist das ein Lebensmodell, das man überhaupt möchte?

Und die Antworten dafür hast du in Detroit gefunden?
Nein, aber Detroit steht sinnbildlich für die Erkenntnis, dass der westliche Nachkriegstraum, mit dem Amerika die ganze Welt indoktriniert hat, in sich zusammengefallen ist. Detroit ist eine Stadt, die mal für wirtschaftlichen Aufschwung stand mit seiner Autoindustrie und dem damit einhergehenden Wohlstand. Heute wurden aus einstigen Villen Trap Houses, vielerorts wurde fast jedes dritte Haus angezündet, damit die Besitzer die Versicherungssumme kassieren und mit dem Geld abhauen konnten. Detroit hatte mal 1,8 Millionen Einwohner, heute leben da gerade noch 700.000, weil die Politiker die Stadt durch Misswirtschaft in den Ruin getrieben haben. Daher ist Detroit für mich das Sinnbild des geplatzten amerikanischen Traums.

Dieses Sinnbild hast du im Video zum Titeltrack eingefangen.
Genau. Ich fand es schwierig, in Deutschland neue Bilder zu finden, die man nicht schon tausendmal gesehen hat und die visuell das auszudrücken imstande sind, was ich inhaltlich sagen möchte. Früher wäre das zum Beispiel im Wrangel-Kiez in Kreuzberg möglich gewesen, in dem ich mal gewohnt habe – wie viele andere Rapper damals auch: Savas, Fuat, sogar Eko hat da mal eine Zeit lang gewohnt. Und weil Royal Bunker ebenfalls dort war, haben auch viele andere Rapper ständig dort ­abgehangen. Anfang des neuen Jahrtausends war die Wrangelstraße die Straße mit der höchsten Kriminalitätsrate in ganz Deutschland.

Das ist sie heute nicht mehr.
Nein. Im Zuge der Gentrifizierung hängen dort heute viele Studenten und Touris rum – vor allem Spanier. Ich will das aber gar nicht ­bashen. Dinge verändern sich halt. Aber wenn ich heute dort filmen würde, könnte ich nicht mehr das ausdrücken, was ich damals erlebt und gefühlt habe, als das noch mein Zuhause war.

Kommen wir noch mal auf Detroit zurück: Warst du das erste Mal dort?
Ja, aber ich hatte eine ungefähre Vorstellung davon, wie es dort aussieht, weil ich im Vorfeld viele Dokus über die Stadt gesehen und dicke Coffee Table Books wie »The Ruins Of Detroit« und »Detroit Dissambled« über den Verfall der Häuser dort gewälzt habe. Ich finde das total spannend.

»Als Kind war dieser amerikanische way of life einfach eine schöne Fassade, hinter die ich noch nicht blicken und erkennen konnte, wie faul das alles ist.«

Du bist ja vermutlich auch sehr stark von Amerika geprägt worden. Schließlich bist du in Berlin-Zehlendorf aufgewachsen, wo es eine Ami-Base gab.
Absolut. Mein bester Freund im Kindergarten war beispielsweise der Sohn des Dirigenten vom dortigen Militärorchester, weshalb ich oft in der Base war. Und das hat mich natürlich geprägt. Dort habe ich den »american way of life« kennengelernt: Halloween, »Star Wars«, Jordan-Sneakers, Candy, große Autos und natürlich Rap-Musik.

Was hat dich an diesem »american way of life« am meisten geflasht?
Mein Jahreshighlight war immer das deutsch-amerikanische Volksfest. Da gab es Popcorn und Barbecue, und alles war viel größer: Die Autos, die Grills, die Steaks, die Süßigkeitenportionen – alles. Wir sind an Halloween immer mit einer ganzen Einkaufstüte voll Candy nach Hause gegangen – das war unfassbar! Gereicht hat es natürlich trotzdem nur für zwei Tage. (lacht) Als Kind war das einfach eine schöne Fassade, dieser amerikanische way of life, hinter die ich noch nicht blicken und erkennen konnte, wie faul das alles ist. Mich hat das maßlos ­begeistert, weil mir die Konsequenzen nicht bewusst waren.

Wenn du dir heute der Konsequenzen bewusst bist, wie gehst du dann damit um?
Amerikanisches Candy und Reese’s Peanut Butter Cupcakes find ich nach wie vor geil.
Aber ich weiß mittlerweile eben, dass einen sogar dieser vermeintlich harmlose Teil kaputt machen kann. Und um wieder auf Detroit zurückzukommen: Du findest da kaum Läden, in denen du Obst bekommst, dafür aber zwanzig Läden mit meterlangen Candy-Theken. Das macht die Gesellschaft krank. Man sieht auch fast ­­nur übergewichtige Leute dort. Und wir reden hier gerade nur von Candy nicht von den vielen ­politischen Missständen oder rassistischer ­Gewalt oder anderen existenten Problemen. Man will gar nicht anfangen davon zu sprechen, das würde ja hier den Artikel sprengen.

 

Also war Detroit anders, als du es dir ­vorgestellt hast?
Ja, schlimmer. Wir haben aber auch in ganz miesen Gegenden gedreht und dort mit vielen Leuten gesprochen. Einen Tag habe ich zum Beispiel mit einem 25-jährigen Crack-Dealer abgehangen, der gerade seinen Job in einer Autofabrik aufgegeben hat, wo er Sitze montiert hat und dafür elf Dollar die Stunde bekam. Alle seine Freunde aber haben getickt und damit mehr Kohle verdient. Also hat er es ihnen gleich getan.

Drogen sind ein großes Problem in Detroit, oder?
Voll! In Deutschland sind Drogen ja eher ein ­Junge-Leute-Ding: Die Kids kommen zum Feiern nach Berlin und nehmen Chemos. Aber Crack Cocaine gibt es in Amerika ja schon seit den Achtzigern, und das verkaufen die dort ­genauso an die älteren Leute. Das zieht sich durch jede Altersschicht. Die sind alle total kaputt.

»Stell dir das mal vor: Da stehen fünf Zweimeter-Hoodboys, schauen auf dem iPhone ‚100x‘ und sagen: ‚That shit dope though!’«

Und die Drogen werden dann in den Trap Houses verkauft, die du eben erwähnt hast.
Genau. Der Dealer hat mir gesagt, die Häuser dort kosten heute gerade noch 5.000 Dollar mit allem drum und dran. Davor parken aber Autos für 100.000 Dollar – mit fünf Boys davor, die alle Guns tragen und noch so zwei, drei Maschinen­gewehre im Gebüsch versteckt haben. Die haben sie mir voller Stolz gezeigt.

Klingt, als seist du ziemlich down mit denen gewesen.
Naja, soweit das eben möglich war in der kurzen Zeit für ein weißen Europäer. Der Dealer hat mir sogar sein Trap House gezeigt. Das läuft da so: Nachdem diese Villen angezündet wurden und damit unbewohnbar sind, nisten sich die Gangs darin ein, markieren den Turf und machen ein Trap House draus. Und wenn du als Dealer in der Hierarchie schon ein bisschen upgesteppt bist, kriegst du dein eigenes. Das muss man sich wie ein Shisha-Café des Grauens vorstellen, in dem die Leute auch konsumieren dürfen.

Wie sieht das Gang Life in Detroit konkret aus?
Es gibt in Detroit eine Besonderheit. Dort agieren nicht nur die großen Gangs wie die Crips und die Bloods und lateinamerikanische Gangs wie MS-13, sondern auch rein lokale Gangs, die sich lediglich einen Block unter den Nagel gerissen haben. Und diese lokalen Gangs sind natürlich alle miteinander verfeindet. Unter diesen Umständen ist es unmöglich, eine Freundin aus einem anderen Block zu haben oder mal kurz in einen anderen Block zum Tanken zu fahren. Du kannst aus deinem Block nicht weg.