Odd Future JUICE #143 – 2

Odd-Future

Die frühen Jahre (2007-2009)

Doch zurück zum Anfang, als Odd Future nicht mehr als ein unorganisierter Haufen junger Skateboarder, Rapper und Slacker war, der sich nachmittags im Skatepark von Hawthorne oder im Supreme-Laden auf der North Fairfax Avenue traf. Mit der übrigen HipHop-Szene von L.A., den Gangsta-Rappern und Jerk-Tänzern, wollten diese Kids nichts zu tun haben. Über Kontakte von der High School und über MySpace hatte Tyler eine Gruppe von 40 bis 45 Gleichgesinnten um sich geschart, unter denen viele talentierte Musiker, Fotografen, Regisseure und Designer waren. Die Marke Odd Future hatte Tyler ursprünglich als Magazin und T-Shirt-Linie konzipiert, doch mit der Zeit morphte die Marke in eine Art Künstlerkollektiv. Dabei war Tyler extrem wählerisch, wen er in seinen erlesenen Zirkel aufnahm. »Er sagte eigentlich ‘nein’ zu jedem«, erzählte der Rapper Hodgy Beats aus Pasadena einmal stolz. »Aber er sagte ‘yeah’ zu mir.« Heute ist Hodgy der selbsterklärte Vizepräsident von Odd Future und so etwas wie der HipHop-Traditionalist der Gruppe.

Eines der ersten Mitglieder wurde der Produzent Left Brain, der die Crenshaw High School besuchte, mit Tyler die Vorliebe für Rap und R&B teilte und mit Hodgy Beats das Duo MellowHype bildete. 2008 kamen Hodgy, Domo Genesis und Mike G dazu. Letzterer ist angeblich ein Cousin von G-Funk-Legende Warren G, ging zusammen mit Left Brain auf die Crenshaw High und nahm in seiner Freizeit Screwed-&-Chopped-Tapes auf. Dass er zu Odd Future gehörte, fand Mike erst heraus, als er zufällig ein Gespräch mithörte, in dem Hodgy Beats über ihn als neues offizielles Mitglied sprach. Mike G berichtet, dass Odd Future im Untergrund von L.A. schon damals einen kleinen Hype hatten, nur aufgrund von Tylers Blog und des ersten »Odd Future ­Tapes«, das dort umsonst feilgeboten wurde. Zudem hatte Tyler in dieser Zeit unter dem Namen Ace Creator zwei Internet-Alben und eine EP aufgenommen, im September 2008 wurde er von Hypetrak zu einem »artist that deserves to be heard on a larger scale« erklärt. Tyler reagierte darauf mit einem halbironischen Twitter-­Kommentar: »Oh shit, I made it!«

Als Zentrale der Gruppe fungierte ab 2008 ein idyllisches spanisches Gästehaus aus den Zwanzigern im Bezirk Washington-Crenshaw, südlich angrenzend an Hollywood und westlich an Leimert Park. Dort lebten zu diesem Zeitpunkt Sydney Bennett – auch bekannt als DJ Syd Tha Kyd – und ihr Bruder Travis, genannt Taco. Syd ging auf die Hamilton High Music Academy in Culver City und vermietete ihr kleines Heimstudio an Schulkameraden und Freunde. Das Gästehaus stand voller Trommeln und Gitarren, an der Wand hing ein John-Coltrane-Poster. Es war ein einziges Chaos aus Büchern, CDs und DVDs. Eines schönen Tages stand ein Haufen Skater-Kids vor ihrer Haustür. Syd war gerade auf ihrem Weg zu »In-N-Out-Burger« und sagte ihnen, sie könnten später ins Studio, wenn sie warten würden. Als Syd zurückkam, standen Tyler und seine Freunde immer noch da. Es wurde eine lange Nacht.

Im Laufe des Jahres 2009 fand die Odd Future Wolf Gang ihre aktuelle Inkarnation: Tyler, The Creator, Earl Sweatshirt, Hodgy Beats, Left Brain, Domo Genesis, Mike G, Frank Ocean, Syd Tha Kyd, Taco Bennett und Jasper Dolphin. Keiner von ihnen war zu diesem Zeitpunkt über 21 Jahre alt. Dazu gesellten sich noch Matt Martians und Hal Williams aus Atlanta, die unter den Pseudonymen »The Jet Age Of Tomorrow« und »The Super 3« absurden Space-Funk produzierten. Syd Tha Kyd fungierte als Live-DJ und Studio-Engineer der Gruppe. Taco und Jasper waren keine Rapper oder Musiker und leisteten auch sonst keinen kreativen Input zur Crew – ihre Nutzlosigkeit ist mittlerweile zu einer Art Running Gag in der Gruppe geworden. Im Jahr 2009 erschienen über den Odd-Future-Tumblr-Blog zwei Mixtapes von Mike G und Hodgy Beats. Sie schickten ihre Musik an einige der größeren HipHop-Blogs, bekamen jedoch wenig Gegenliebe zurück: Ihr Sound war ganz offensichtlich zu seltsam, zu sehr left-field und passte nicht in die gängigen Blogger-Kategorien für ­modernen Westcoast-Rap.

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Text: Stephan Szillus