Odd Future JUICE #143 – 6

The Internet (Januar 2012)

Cocaine – The Internet from dragonash on Vimeo.

Mitten im aufregenden Toursommer 2011 gründeten Syd Tha Kyd und Matt Martian von The Jet Age Of Tomorrow die ungooglebare Formation The Internet. Sie machen sphärischen Electro-Soul mit HipHop-Attitüde, mit Einflüssen von Erykah Badu über Beach House bis Santigold. Ihr Debütalbum »Purple Naked Ladies« erschien nun im Januar als erstes offizielles Künstleralbum auf Odd Future Records. Im Video zur dritten Single »Cocaine« geht Syd offen mit ihrer Homosexualität um, reißt ein Mädchen auf dem Rummelplatz auf und knutscht mir der Liebsten in der Öffentlichkeit herum. Gleichzeitig sprach sie in einer Cover-Story mit »L.A. Weekly« über die angebliche Scheinehe von Alicia Keys und Swizz Beatz sowie darüber, dass auch Missy Elliott und Queen Latifah ihre lesbischen Neigungen niemals offen ausgelebt hätten. In einer als homophob und intolerant verschrienen Subkultur ist Syd Tha Kyd tatsächlich so etwas wie eine Vorreiterin wider Willen – sie gehört zu einer Jungsclique, deren Lieblingsschimpfwort »Faggot« ist, im Intro des »Odd Future Tape Vol. 2« stellt L-Boy sie folgendermaßen vor: »Syd gay ass, putting her clit on other bitches’ nipples and whatnot.« Wenn Homosexualität jetzt also »swag« ist, um die gängige OF-Terminologie zu bemühen, dann ist das ein wichtiger Schritt zu deren Akzeptanz und Emanzi­pation in der HipHop-Szene.

Dabei taugt Syd längst nicht nur als Postergirl des Lesben-Rap, sondern mit ihrer spröden Schönheit, ihrem feinsinnigen Musikgeschmack und der zerbrechlichen Stimme hat sie tatsächlich das Zeug zum nächsten großen Star des Camps. Ihre ­eigenen DJ-Mixe – etwa bei der renommierten Future-Beats-Partyreihe »Low End Theory« in L.A. – wandern von David Banner und Three 6 Mafia über Santigold, Machine Drum und Sinden bis hin zu Waka-Flocka-und Missy-Elliott-Tunes. Auf dem The-Internet-Debütalbum »Purple Naked Ladies« dominieren sauber arrangierte Soul-Songs auf HipHop-Basis, die ein unbestimmtes zeitgenössisches Lebensgefühl zwischen Lebenshunger und Post-Party-Depression einfangen. The Internet sind vielleicht sogar der massenkompatibelste Act, den das Odd-Future-Kollektiv bisher hervorgebracht hat.

Und die Saga geht weiter: Im Frühjahr ist Earl aus Samoa zurückgekehrt, volljährig geworden und hat einen spröden neuen Song namens »Home« veröffentlicht, der den Silbenfetisch von Pharoahe Monch und Godfather Don mit krachenden Ride-Becken und sphärischen Synthies vermählt. Domo Genesis hat einen gemeinsamen Song mit dem Kifferbruder im Geiste Wiz Khalifa (»Ground Up«) aufgenommen. Odd Future hatten ein Shooting bei der Fotografenlegende Terry Richardson und nahmen währenddessen ein Video zu ihrem elfminütigen Freestyle-Joint »Oldie« auf. Sie haben ihre verdammte eigene Fernsehsendung im Adult Swim Network bekommen, ein »Jackass«-Spin-off mit dem Titel »Loiter Squad«. Tyler, The Creator wurde von Bam Margera in einer Neuauflage von »Punk’d« verarscht. Das über ihr eigenes Label veröffentlichte Mixtape »OF Tape Vol. 2« stieg auf Platz 5 in die Billboards ein und verkaufte in der ersten Woche 40.000 Exemplare. Die Welt gehört Odd Future.
TMRW

2005, zwei Jahre vor der Gründung von Odd Future, kam der Larry-Clark-Film »Wassup Rockers« ins Kino. Clark, der zehn Jahre zuvor mit »Kids« bereits eine hoffnungslose Generation zwischen Skateboarding, Hedonismus und Aids-Problematik porträtiert hatte, zeichnete darin das Sittenbild einer Latino-Clique aus South Central Los Angeles, die Punkmusik hört, enge Hosen trägt, Skateboard fährt und sich dem Gang-Diktat ihrer Umgebung verweigert. Erstaunlicherweise fängt Clark unabhängig von den musikalischen Vorlieben der Protagonisten in »Wassup Rockers« bereits die Essenz von allem ein, was Odd Future später ausmachen sollte: Außenseitertum im gesellschaftlichen Abseits, unbestimmte Rebellion, schickes Subkultur-Sampling.

Doch was genau ist es, das Tyler und seine Freunde für viele Millionen Kids auf der ganzen Welt zu Vorbildern macht? Tyler »hat keine politische Agenda, will niemanden bekehren, ja sich nicht mal mit irgendwem beschäftigen«, schrieb JUICE-Autor Julian Brimmers in seiner »Goblin«-Review im letzten Jahr. Er hat recht. Tyler verkörpert eine abstrakte Rebellen-Attitüde, die ihre Vorbilder in literarischen Figuren wie Holden Caulfield in »Der Fänger im Roggen« von J.D. Salinger findet und die in der ­Popkultur von Jim Morrison über Ian Curtis bis Kurt Cobain seit jeher eine Rolle spielt. Im Gegensatz zu den drei Genannten ist Tyler jedoch Anhänger der Straight-Edge-­Bewegung und lebt komplett ohne Alkohol und Drogen. Doch in einer »Generation Maybe« (»Die Welt«), die in ihrer ­nüchternen Zielgerichtetheit alle Gründe zum ­Rebellieren verloren hat, bietet Tyler einen letzten Anti-alles-Anker jenseits des gesellschaftlichen Anpassungsdiktats. Weil die Eltern in den friedensbewegten Siebzigern und Achtzigern sozialisiert wurden, flüchten sich heutige Jugendliche gerne in eine neoliberale Erfolgslogik. Odd Future ist die musikgewordene Absage an das konkrete Weltverbesserertum der Elterngeneration, aber auch das pragmatische Spießerweltbild der Mitschüler.

Abgrenzung ist alles. Tyler weiß das. Weil er schlauer ist, als er meistens tut. Er möchte seiner Generation eine Stimme verleihen, ohne dass er das wirklich zugeben mag. Er will Geld, Ruhm und Auszeichnungen, doch er ist nicht bereit, seine ­künstlerische Freiheit dafür zu kompromittieren. Auf seiner Formspring-Page antwortete er einmal auf die Frage nach seiner Motivation: »Ich will ein Anführer für die Kids sein, die ­geärgert und seltsam genannt wurden, und der Welt zeigen, dass der Schlüssel zum ­Glücklichsein ist, zu tun was man will, ohne sich darum zu kümmern, was andere Menschen denken.« Vielleicht ist es kein Zufall, dass auch der James-Dean-Film »Rebel Without A Cause« einst in Los Angeles spielte. ♦

Text: Stephan Szillus