Odd Future JUICE #143 – 5

Odd-Future

We found Earl Sweatshirt! (April/Mai 2011)

Mitten im Hype um Odd Future veröffent­lichte das »Complex«-Magazin eine irritierende Geschichte. Seit Beginn der medialen Berichterstattung um das Phänomen war Earl Sweatshirt abwesend gewesen, er stand nicht für Interviews zur Verfügung, überhaupt gab es keinerlei Kontaktmöglichkeit. Beim ersten Konzert in L.A. war er auch nicht dabei, sein Name war vom Flyer gestrichen worden, darunter stand: »Will not be there, due to mom.« Wenn man Tyler oder seine Freunde nach ihm fragte, bekam man entweder ein höhnisches Lachen oder eine absurde Geschichte serviert. Dann rappten Hodgy Beats und Domo Genesis in einem Freestyle auf einem alten RZA-Beat: »Ask Syd where we at/She’ll tell you where we going/to free Earl from the fucking Samoans.« Spekulationen über Earls unfreiwilligen Aufenthalt in einem Bootcamp oder einem ausländischen Internat machten ohnehin schon die Runde.

»Complex« behauptete: »We found Earl Sweatshirt!« und veröffentlichte ein Klassenfoto von der »Coral Reef Academy« in Samoa, einer Bildungsanstalt, die auf ihrer Website mit dem Slogan wirbt: »For parents who want more than the typical therapeutic experience.« Ein ehemaliger Klassenkamerad berichtete auf Twitter davon, dass Earls Mutter ihn nach Samoa geschickt habe, weil sie nicht einverstanden mit seiner Musik, seiner Einstellung ihr gegenüber und seinem allgemeinen Lebenswandel gewesen sei. Der großkotzige Tyler zeigte sich plötzlich extrem dünnhäutig, wenn die Sprache auf Earl kam. Einmal soll er beim Abendessen mit Christian Clancy gesessen und sich an die schönen gemeinsamen Zeiten erinnert haben, bis er sich plötzlich selbst in einem melancholischen Moment erwischte und ihn abrupt beendete: »Die Scheiße nervt. Ich mag nicht mehr darüber reden.« Wenige Minuten nach Veröffentlichung der »Complex«-Geschichte ließ Tyler einen Twitter-Rant ab, nannte die Autoren »verfickte Pädophile« und bezeichnete die Informationen in der Story als falsch.

Wenige Wochen später nahmen Earl und seine Eltern im Magazin »New Yorker« zu den Vermutungen Stellung. Im Zuge dessen wurde offengelegt, dass Earl, bürgerlich Thebe, der Sohn von Keorapetse ­William Kgositsile ist, einem südafrikanischen Dichter, dessen Arbeiten u.a. die Last Poets inspirierten, ihre ersten Proto-Rap-Songs zu schreiben. Kgositsile lebte nach Earls Geburt zur Hälfte in Johannesburg und zur Hälfte bei Earls Mutter in Los Angeles, einer politischen Aktivistin und Erzieherin. Die Ehe zerbrach um die Jahrtausendwende, Earls Vater zog zurück nach Südafrika. Die Musik seines Sohnes habe er noch nicht gehört, berichtete er im »New Yorker«: »Wenn er denkt, dass er etwas mit mir teilen muss, dann wird er es tun. Bis dahin werde ich mich ihm nicht aufdrängen, nur weil die ganze Welt von ihm spricht.«

Der intellektuelle, akademische familiäre Hintergrund tat sein Übriges zur ­Mythenbildung um den wahrscheinlich stärksten MC von Odd Future. Earl selbst jedoch sah die ganze »Free Earl«-Kampagne, die im Internet inzwischen ihre Kreise gezogen hatte, mit ambivalenten Gefühlen: Einerseits freute er sich über die Aufmerksamkeit, andererseits bemühte er sich klarzustellen, dass er nicht gegen seinen Willen in Samoa festgehalten werde. Die Wut der Fans, die sich nun gegen Earls Mutter richtete, war ihm unverständlich. Entgeistert rief er sie zur Räson: »Das Einzige, was ich jetzt brauche, ist Freiraum. Ich muss viel Arbeit erledigen und brauche auf keinen Fall den zusätzlichen Stress, dass ich mich um die körperliche Gesundheit meiner Familie sorgen muss. Das bedeutet: Kein ‘Free Earl’ mehr. Wenn du dir ernsthaft Gedanken über mich machst, dann schätze ich diese Geste, aber weil du jetzt die echten Fakten direkt von der Quelle kennst, brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen.« Bis heute ist nicht ganz klar, warum genau Earls Mutter ihn nach Samoa geschickt hatte. Nach seiner Rückkehr im Frühjahr sagte er in einem Interview mit Hot-97-Moderator Peter Rosenberg, dass er jedenfalls nicht wegen seiner Musik nach Samoa musste, sondern »because I was fucking up… like outside of music«.
»Goblin« (10. Mai 2011)

Nach all den aufregenden Wochen, in denen die Singles »Yonkers« und ­»Sandwitches« sowie die revolutionären TV-Auftritte der Wolf Gang verdaut werden mussten, erschien im Mai endlich Tylers zweites Album »Goblin« bei XL Recordings. Bis dahin hatten Odd Future alle ihre Tonträger umsonst angeboten, nun gab es ein erstes käuflich zu erwerbendes Produkt. Der Erfolg war trotz der medialen Dauerpräsenz überraschend: Das Album, wohlgemerkt bei einem britischen Indie veröffentlicht, ging in der ersten Woche mit 45.000 verkauften Einheiten auf Platz 5 in die Billboard-Charts. Am Ende des Jahres hatte es über 100.000 Einheiten verkauft. Sensationelle Zahlen für den geschäftlichen Rahmen, in dem sich Tyler und seine Berater hier bewegten – ohne eine einzige kommerziell vermarktbare Radio-Single, ohne ausufernde Marketing-Budgets und ohne eingekaufte Starpower von oben.

Im Sommer 2011 ging Odd Future auf Reisen. Europäische Festivals wurden auseinandergenommen, fremde Länder und deren Sitten erkundet und verachtet. Tyler und seine Jungs gaben sich redlich Mühe, sich in Übersee imageträchtig daneben zu benehmen, Journalisten zu beleidigen und generell die bösen Buben zu mimen. Die Reporter von »Spiegel«, »arte« und »Rolling Stone« fragte Tyler bei der Pressekonferenz in Berlin etwa, ob sie auf Schwänze stehen würden. Gegenüber unserem Reporter ­jammerte er herum, dass sein Mobiltelefon in Europa nicht funktioniere, es hier keine vernünftigen Bacon-Cheeseburger gebe und man im Hotel das amerikanische Cartoon Network nicht empfange. Das ganz normale Heimweh eines gerade eben Volljährigen, der zum ersten Mal seinen Heimatkontinent verlassen hat.

Zeitgleich landeten Tyler und Odd Future auf jedem denkbaren Magazin-Cover von »Billboard« bis »NME«. Die Journalisten versuchten, dem als nahezu uninterviewbar geltenden Phänomen Tyler auf ihre Weise habhaft zu werden: Für die »XXL« interviewte Tyler seinen großen Helden Nas, für das »Interview«-Magazin wurde Tyler von seinem großen Helden Waka Flocka Flame befragt. Der Herbst wurde von weiteren medialen Maßnahmen dominiert: Das grandiose Video zu »She« mit Frank Ocean erschien, MellowHype brachten »BlackenedWhite« als Re-Release bei Fat Possum heraus, Domo Genesis veröffentlichte ein zweites Weed-Rap-Mixtape namens »Under The Influence«. Von September bis November tourte die Golf Wang durch die USA und Kanada, im Oktober veröffentlichte sie die Kauf-Compilation »12 Odd Future Songs« über ihr eigenes Odd-Future-Label, die aus Katalogmaterial der Jahre 2008-2011 bestand, das zu einem früheren Zeitpunkt bereits zum Free-Download angeboten worden war. Die Strategie ging auf.

Weiter zu Teil 6
Zurück zu Teil 4

Text: Stephan Szillus