Odd Future JUICE #143 – 4

»Yonkers« & »Nostalgia,
ULTRA.« (Februar 2011)

Das Jahr 2011 begann mit einem lauten Knall. Am 11. Februar ging das selbstgedrehte Video zu Tylers erster Album-Single »Yonkers« online und generierte in kürzester Zeit fünf Millionen Views (Stand heute: 42 Millionen). Der Plot des Schwarzweiß-Clips: Tyler rappt, bewegt sich psychopathisch, lässt eine riesige Kakerlake über seine Hände laufen, verschluckt diese, übergibt sich, rappt weiter, zieht sein Hemd aus, steigt auf einen Stuhl und hängt sich auf. Im Hintergrund donnerte der härteste Clipse-Banger, den die Neptunes nie produziert hatten, und Tyler disste seine weichgespülten Feindbilder von B.o.B bis Bruno Mars. In seiner Uniform aus Vans, Tube Socks, Hoodie und Supreme-Kappe bot Tyler eine enorme Identifikationsfläche für unverstandene, rebellische und überdurchschnittlich intelligente Jugendliche an den amerikanischen High Schools, aber auch im Rest der Welt.

Fünf Tage nach der Premiere des Videos erschien »nostalgia, ULTRA.« und läutete ein neues Kaptiel der Historie der Crew ein. Denn Frank Ocean ist eine Anomalie im OFWGKTA-Kosmos: Nicht nur, dass der 1987 geborene Sänger das älteste Mitglied im Kollektiv ist, auch stammt er nicht aus L.A., sondern ist ein Zugezogener aus New Orleans, der seine Heimatstadt nach Katrina verließ, weil er dort keine Perspektive mehr für seine Karriere sah. Ende 2009 stieß er über gemeinsame Freunde zu Odd Future, zu diesem Zeitpunkt war er der Einzige in der Gang, der bereits einen Major-Deal hatte und Songs für Künstler wie Justin Bieber, John Legend oder Brandy schrieb. Der talentierte R&B-Sänger und Songwriter war bei seinem Label Def Jam nach einem A&R-Wechsel unverschuldet aufs Abstellgleis geraten. Sein Demo-Album »nostalgia, ULTRA.« stellte er frustriert auf die eigene Tumblr-Website, nachdem die Plattenfirma keinerlei Interesse daran gezeigt hatte, es regulär zu veröffentlichen.

In dem durch die »EARL«- und »Yonkers«-Videos aufgeheizten Klima sorgte »nostalgia, ULTRA.« für mittlere Begeisterungsstürme. Zeitgleich mit The Weeknd, deren Debüt-Mixtape »House Of Balloons« ebenfalls im Februar 2011 erschien, bot Frank Ocean ein Versprechen, dass R&B auch für Indie-Snobs wieder cool werden könnte. Er nutzte zwar die Harmonien und Strukturen des Genres, war jedoch kein eingeölter Schönling mit akkurater Bartrasur und Personal-Trainer-Figur, sondern einfach eine coole Sau mit starken Texten und den eingängigsten Melodien des Planeten. ­Drake und Lupe Fiasco outeten sich als Fans, binnen kürzester Zeit saß Ocean im Studio mit Beyoncé. Genau wie die Studiofotos von Tyler mit seinen Helden Pharrell Williams und Chad Hugo, die einige Wochen zuvor aufgetaucht waren, sorgten die Twitpics mit Beyoncé für weitere Superlative in der Berichterstattung. Frank Ocean nahm gleich zwei Features für »Watch The Throne« auf, dieses Jahr soll er mit Coldplay auf Tour gehen. Im aktuellen »Oldie«-Video wirkt es zwar schon so, als würde Frank langsam aber sicher aus der herumalbernden Jungs­clique herauswachsen, gleichzeitig erfüllt auch er eine bestimmte Rolle innerhalb des Gruppengefüges, nämlich die des erwachsenen, aber mysteriös-distanzierten zweiten Anführers.

Im Februar und März folgten zwei denkwürdige TV-Live-Auftritte, einer davon in der »Late Night Show« von Jimmy Fallon, bei dem The Roots als Backing-Band agierten. Die absurd orchestrierte Bühnenshow aus weiblichen Bühnenzombies, Gartenzwergen, Beanie-Maskerade, Kleinwüchsigen, unvorhersehbaren Stunts und umgedrehten Kreuzen zeigte Wirkung. Tyler sprang Jimmy Fallon bei der Abmoderation auf den Rücken. Mos Def brüllte »Swag« in die Kamera. Dank »Yonkers« und »Sandwitches«, dank Frank Ocean und Jimmy Fallon waren Odd Future jetzt offiziell der heißeste Scheiß auf dem Planeten.

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Text: Stephan Szillus