Odd Future JUICE #143 – 3

Odd-Future

»Bastard«, »EARL« und der Aufstieg (2010)

Am 25. Dezember 2009 veröffentlichte der inzwischen 18-jährige Tyler, The Creator sein Debütalbum »Bastard« über den Odd-Future-Tumblr zum Free-Download. Das Intro begann mit einem Diss an die größten Blogs 2dopeboyz und Nahright, die sich zuvor geweigert hatten, Tylers Musik über ihre Kanäle zu verbreiten. In den anschließenden 55 Minuten therapierte sich Tyler mit einem fiktiven Psychiater namens Dr. TC selbst, berichtete auf selbstproduzierten LoFi-Beats, die ihre Ästhetik zu gleichen Teilen Madlib und den Neptunes schuldeten, mit asthmageplagter Stimme von seinem abwesenden Vater, fantasierte über Mord und Vergewaltigung und riss jede Menge homophobe Witze. Auch wenn das beeindruckende Album nicht sofort die größten Wellen schlug, entwickelte es sich über die nächsten Monate zu einem Kritikerliebling, der es in viele Jahresendlisten schaffte.

Anfang 2010 starteten Odd Future eine weitere Offensive: MellowHype brachten ihr erstes gemeinsames Tape »YelloWhite« an den Start, Earl Sweatshirt sein Soloalbum »EARL«, Mike G kam mit einem neuen Mixtape, The Jet Age Of Tomorrow mit dem Instrumentalwerk »Voyager« und schließlich erschien auch das zweite Crew-Mixtape nach dem »Odd Future Tape« von 2008: »Odd Future presents Radical« versammelte die komplette Gang auf ihren Lieblingsbeats der letzten Dekade von u.a. James Pants, The Neptunes, Minnesota, Chuck Inglish, DJ Khaled, Hi-Tek und 9th Wonder. Das Tape enthielt Underground-Hits wie »Swag Me Out« oder »Double Cheeseburger« und bereitete die Welt angemessen auf den Wahnsinn vor, der da kommen sollte. Wir hatten ja alle noch keine Ahnung.

„EARL“ | Earl Sweatshirt | OFWGKTA from AG Rojas on Vimeo.

Am 26. Mai 2010 wurde das Video zum Titeltrack von Earl Sweatshirts Soloalbum »EARL« auf die Plattform Vimeo hochgeladen. Den Clip hatte ein aufstrebender Filmemacher aus der kalifornischen Skater-Szene namens A.G. Rojas gedreht. Das Treatment lautete nach eigener Aussage: »Kids mischen alle möglichen Drogen und veranstalten Chaos und Verwirrung in der Stadt.« Faktisch sah das so aus, dass Earl und seine Freunde einen wilden Cocktail aus Bier, Schnaps, Promethazin, Weed und Ecstasy herstellten, diesen aus roten Plastikbechern tranken, anschließend skaten gingen und aus sämtlichen Körperöffnungen auf den Asphalt bluteten, bevor sie sich selbst die Daumennägel rausrissen und ihre Zähne verloren. Am Ende wurde einer von ihnen im Pool versenkt. Und wir saßen mit offenen Mündern vor unseren HD-Flachbildschirmen – so etwas ­Revolutionäres hatten wir seit den ersten Eminem-Videos tatsächlich nicht mehr gesehen.

Regisseur A.G. Rojas erklärte im JUICE-Interview: »Die Jungs haben einen sehr eigenen Humor. (…) Odd Future ist eine Gegenbewegung zu all dem weichgespülten, glatten Zeug aus dem Fernsehen. Sie wissen, dass sie eigentlich viele Möglichkeiten haben, gleichzeitig sind sie sich aber auch dessen bewusst, dass ihnen eine heile Welt vorgegaukelt wird, die für viele nicht zugänglich ist. Außerdem hat die Wolf Gang einen sehr eigenen Background. Kid Cudi und Lupe Fiasco flirten ja auch regelmäßig mit der Skate-Kultur, obwohl sie eigentlich nichts damit zu tun haben. Tyler und seine Gang sind aus South L.A., haben die schlimmsten Verbrechen mitbekommen und sind gleichzeitig tief in der Skate-Szene verwurzelt, einige von ihnen haben sogar das Zeug, richtige Pros zu werden. Das ist eine sehr interessante Mischung. Die Jungs sind eigentlich extrem politisch, auch wenn sie das nie zugeben würden. Aber mir gefällt das sehr, ­deswegen wollte ich auch unbedingt das ‘EARL’-Video drehen.«

Was uns an »EARL« jedoch mindestens so faszinierte wie das Video, war das aufblitzende Ausnahmetalent des MCs Earl Sweatshirt, eines damals 15-jährigen autistischen Skaters, der sich, bevor er 2009 zu Odd Future stieß, noch Sly Tendencies nannte, auf eine Privatschule in Santa Monica ging und sich in koreanischer Kampfkunst übte. Doch Tyler hatte seine Fähigkeiten erkannt und produzierte ihm fast das komplette Debütalbum, das für Tyler heute einen ähnlichen Stellenwert wie »Illmatic« hat, wie er einmal auf Twitter erklärte. »Tyler wusste, das Earl rappen konnte«, erzählte Syd der »L.A. Times«. »Aber er war zu aufgeregt, um es uns zu zeigen. Als Earl seine ersten Songs aufnahm, schloss Tyler die Studiotür und ließ uns draußen warten.«

Das »EARL«-Video rief die Blogger und Tastemaker auf den Plan. In der September-Ausgabe des Intellektuellen-Musikmagazins »The Wire« erschien ein begeisterter Artikel, im August bloggte »The Fader« über das Kollektiv, auch »Pitchfork« oder »Dazed & Confused« berichteten über die durchgeknallten Jugendlichen von der Westküste. Hinzu kam immer mehr öffentliches Lob von Flying Lotus, Mos Def oder Kanye West. Odd Future galt langsam aber sicher als das nächste große Ding, zumindest in den üblichen Eingeweihtenkreisen. Zu dieser Zeit übernahmen Christian Clancy und David Airaudi, zwei ehemalige Interscope-Produktmanager, das Management der Gruppe. Sie verfolgten eine neue Philosophie, anstatt die überholten Regeln der alten Industrie anzuwenden – eine Vorgehensweise, die sich als goldrichtig herausstellen sollte.

In einem seiner raren Interviews ließ Clancy eine Brandrede gegen die Plattenindustrie ab, die in seinen Augen aus verschiedenen Gründen dem Untergang geweiht sei: Weil dort seit Jahren die immer gleichen 30 Top-Manager im Kreis befördert werden, die uns überhaupt erst in die aktuelle Misere gebracht hätten. Weil die A&R-Manager sich selbst für Künstler halten. Weil nicht die Authentizität der Marke des Künstlers, sondern Labelpolitik die Basis vieler Entscheidungen ist. Weil Hypes künstlich aufgebauscht und dann schnell gemolken werden sollen. All das hat Clancy gelernt in seinen Jahren als Mitarbeiter eines Major-Labels – er war Produktmanager von »The Marshall Mathers LP« und weiteren Interscope-Releases – und genau diese Fehler wollte er nicht mehr mittragen. Für Odd Future entwickelte er stattdessen eine umfassende Indie-Strategie, die auf viralem Marketing und individuellen Partnerschaften auf Augenhöhe basiert.

David Airaudi erklärte ihr Business-­Verständnis einmal so: »Ob XL, Interscope oder Supreme, oder sogar Apple, Sony oder Google, wir suchen jeweils nach dem besten Partner für unseren Content und unsere Kreationen.« Tatsächlich suchten Clancy und Airaudi immer nur kurzfristige Deals: ein Tyler-Album bei der britischen Indie-Institution XL Recordings, eine ­MellowHype-Reissue bei Fat Possum, eine Lizenz für eine TV-Show im Cartoon-Network Adult Swim. Für Odd Future Records, ihr eigenes Indie-Imprint, schlossen sie einen Vertriebsvertrag mit Sony RED Distribution bei hundert Prozent kreativer Kontrolle. Clancy und Airaudi haben verstanden, dass die Urheber- und Verlagsrechte das größte wirtschaftliche Kapital der Marke Odd Future sind. Sie sind nicht bereit, sich für lange Zeit an ein Riesenunternehmen zu binden, das ihnen im Gegenzug das immer gleiche Inventar an althergebrachten Maßnahmen zur Verfügung stellt. So ist Clancy erklärter Gegner der mittlerweile üblichen 360°-Deals: »Warum soll ich der Plattenfirma 20 Prozent an einem Geschäftsfeld überlassen, für das sie nichts tun und in dem sie nicht für mindestens 40 Prozent der Einnahmen sorgen? Ich verstehe das nicht.«

Im Juli 2010 spielten Odd Future ihr erstes großes Konzert im »Key Club« in West ­Hollywood. Für den Herbst waren die nächsten Releases vorgesehen: ein Weed-Rap-Mixtape namens »Rolling Papers« von Domo Genesis, die Single »Sandwitches« von Tyler und Hodgy Beats, plus das zweite MellowHype-Mixtape »BlackenedWhite«. Christian Clancy werkelte im Hintergrund derweil an der geschäftlichen Seite der Weltübernahme. Im Oktober wurden Odd Future von Richard Russell, der Oberspürnase der britischen Indie-Geschmacks­instanz XL Recordings, nach London eingeladen, um eine Show im Club »The Drop« zu spielen – die Tickets waren innerhalb von 48 Stunden nach Ankündigung ausverkauft. Drei Tage später spielte die Band ihren ersten Gig in New York, im historischen Nachtclub »Webster Hall«, der mit 300 Besuchern ebenfalls bis zum Bersten gefüllt war. Die energiegeladenen Shows wurden von den Besuchern mit frühen Punk- und Indierock-Konzerten verglichen. Der Hype um den durchgeknallten Skaterhaufen war auf einem frühen, vorläufigen Höhepunkt angelangt.

Natürlich klopfte die alte Industrie trotz Clancys und Airaudis Strategie an die Tür der jungen Wilden. Jay-Z signalisierte Interesse, Odd Future bei Roc Nation zu signen. Steve Rifkind, der A&R-Veteran, der 1993 den Wu-Tang Clan bei Loud Records unter Vertrag genommen hatte, schrieb eine flammende Twitter-Nachricht an Tyler. Doch der ließ den Industriemagnaten gehässig abblitzen: »Du klingst wie der eine Typ, der an die Schule geht und den kleinen Jungs erzählt, dass du Hundebabys zu Hause hast und so eine Scheiße. No offense.« Später trafen Tyler und Rifkind sich trotzdem noch, aber ein Deal wurde daraus nicht mehr. Stattdessen unterschrieb Tyler einen Vertrag über ein einziges Album bei den Briten von XL Recordings, die in den letzten 15 Jahren ein außerordentlich starkes Gespür für neue Indie-Acts bewiesen haben.

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Text: Stephan Szillus